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Andreas Mihm - F.A.Z.

"Fangprämien" für die Einweisung ins Krankenhaus

Startbeitrag von Andreas Mihm - F.A.Z. am 31.08.2009 19:57

Immer mehr Ärzte „verkaufen“ ihre Patienten

31. August 2009
Immer mehr Ärzte bekommen von Krankenhäusern Prämien für die Einweisung von Patienten. Standesorganisationen äußern juristische und ethische Bedenken, sehen aber keine Möglichkeit, wirksam dagegen vorzugehen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, sieht den Grund für solche Zahlungen in der fortschreitenden Kommerzialisierung der Medizin. "Da halten die Ehrenkodexe nicht mehr", sagte er dieser Zeitung.


Warten auf Patienten: Leere Klinikbetten


Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Rudolf Kösters, bestätigt die Praxis. "Das sind nicht mehr nur Einzelfälle wie vor zwei oder drei Jahren", sagte er. Immer öfter setzten Ärzte - teils in Vereinen organisiert - Krankenhausleitungen unter Druck nach dem Motto: "Geld oder Patient." Da bedürfe es schon eines sehr starken Rückgrats, um abzulehnen. Faktisch werde die Geldforderung oft mit Leistungen kaschiert. "Übertragt uns die Vordiagnostik zu üppigen Sätzen, oder ihr bekommt von uns keine Patienten mehr", weiß Kösters zu berichten. Unter den Beteiligten wird von "Kopfgeld", "Zuweisungsprovisionen" oder "Fangprämien" gesprochen. Angesprochen auf solche Praktiken, weisen öffentliche wie private Klinikbetreiber diese weit von sich.

Gängige Praxis in ganzen Regionen

Im konkreten Fall könne es um Hunderte Euro je Patient gehen, sagt Manfred Wirth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie und Klinikdirektor in Dresden. Er kennt Fälle, in denen einweisende Ärzte vom Krankenhaus "das Zehn- bis Zwanzigfache angeboten bekommen, was ihnen die Kassenärztliche Vereinigung für den Patienten für das ganze Quartal überweist". Das sei inzwischen in ganzen Regionen gängige Praxis. Dafür müssten sie dann Leistungen nachweisen, die sie möglicherweise ohnehin als Kassenleistungen erbrächten oder deren Bezahlung in keinem angemessenen Verhältnis zur Leistung stünde.

Aus der Krankenversicherung wird berichtet, die Einweisung eines Patienten, der eine neue Hüfte bekommt, ließen sich Krankenhäuser bis zu 1000 Euro kosten. Einen Teil davon holten sie sich anschließend bei "ausgewählten" Reha-Einrichtungen zurück. Praxis und Zahlungen in solcher Höhe werden in der Klinikszene indes bezweifelt.

Die umstrittene Prämienpraxis betrifft nicht nur Urologen oder Orthopäden, sie geht offenbar quer durch alle Fächer. Die HNO-Ärzte hätten sich schon zu Wort gemeldet. Schon vor Jahren hatten mehrere Gerichte unterbunden, dass Universitätskliniken Augenärzten "Betreuungspauschalen" von 51 Euro für die postoperative Nachsorge eingewiesener Patienten zahlten.

Chefärzte begründeten zurückgehende Fallzahlen zuweilen mit den wettbewerbswidrigen Praktiken der Konkurrenz, heißt es. Auf Internetseiten heben Kliniken Abrechnungsziffern hervor, die die einweisenden Ärzte für die postoperative Nachsorge der Patienten in Rechnung stellen können. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Krankenhausgesellschaft bereiten derzeit ein gemeinsames Rundschreiben vor, das den Abrechnungswildwuchs beschneiden soll.

Hoppe: „total verboten“

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sagt, Geld für eine Einweisung zu nehmen, sei "total verboten". Die Musterberufsordnung für Ärzte untersagt, "für die Zuweisung von Patienten oder Untersuchungsmaterial ein Entgelt oder andere Vorteile sich versprechen oder gewähren zu lassen oder selbst zu versprechen oder zu gewähren". Angesichts der vom Gesetzgeber verlangten und geförderten Verzahnung von ambulantem und stationärem Sektor scheint die Regel nicht so klar zu sein, wie sie klingt. Es gebe "zahlreiche juristisch abgeklopfte Konstrukte, Kooperationen zwischen Zuweisern und Kliniken so zu gestalten, dass eine pauschale Zahlung gerechtfertigt und legal erscheint", sagt Oliver Hakenberg, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik Rostock.

"Fangprämien" verstießen nicht nur gegen die ärztliche Berufsordnung, mahnt der Vorsitzende der Kassenärzte, Andreas Köhler. Sie seien auch aus berufsethischer Sicht nicht zu tolerieren. Deshalb sei es gut, dass die Deutsche Gesellschaft für Urologie eine Diskussion zu diesem Thema angestoßen habe. Deren Präsident Wirth sieht die "Gefahr, dass Patienten nicht mehr in das für sie optimale Krankenhaus eingewiesen werden". Das könnte nicht nur zu Lasten der Behandlungsqualität, sondern des Vertrauens gehen, das Patienten ihren Ärzten entgegenbringen: "Wenn wir aufhören, Anwalt des Patienten zu sein, hört der Spaß auf."

Neben der juristischen und ethischen hat das Thema auch eine ökonomische Dimension. Seit einigen Jahren werden die Krankenhäuser nicht mehr nach "Liegetagen" bezahlt, sondern bekommen je Fall einen zuvor ausgehandelten, landesweit identischen Betrag. Entsprechend sei es für die Krankenhäuser ökonomisch interessant, die Zahl der Fälle zu erhöhen, sagt der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Kösters: "Diese Anreize sind so massiv, dass die Krankenhäuser die Verführungen, die aus dem vertragsärztlichen Sektor kommen, gerne aufgreifen." Urologenchef Wirth macht auf das dahinter liegende ökonomische Problem aufmerksam, ohne das der Wettbewerb der Krankenhäuser um Patienten nicht funktionieren könnte: "Letztendlich haben wir Überkapazitäten im Krankenhausbereich - das ist das Problem."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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