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Abraham
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Erster Beitrag:
vor 7 Jahren, 8 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 7 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
hermann hutter, Holger Roloff

Wenn es kein Geld mehr gibt: Wir müssen kooperieren

Startbeitrag von Holger Roloff am 22.10.2010 15:14

Wird es schon in drei Jahren kein Geld mehr geben? Werden wir bereits in naher Zukunft in einer Welt der Gerechtigkeit und Kooperation leben? Die große österreichische Zeitung Der Standard hat ein bemerkenswertes Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien veröffentlicht. Der meint, wir haben gar keine andere Wahl mehr - tun wir es nicht, steht uns der ultimative Crash bevor.
Nicht nur redet Hörmann Klartext, er gibt auch einen Ausblick auf die Zukunft, den man in dieser Form selten hört und der viel Hoffnung gibt. Wenn solche Ansichten bereits an den Universitäten und in großen Medien Gehör finden, gibt es nicht nur Grund zur Hoffnung, sondern zur Freude. Hier die zentralen Aussagen des sehr lesenswerten Interviews.

Geld wird verschwinden

"Alle Währungen werden verschwinden, weil sie technisch nicht mehr funktionieren können. Ich schätze, dass es schon 2011 so weit sein wird. Um die Grundversorgung der Menschen abzudecken, wie Wohnraum, Energie, Lebensmittel usw., könnte man eine Inventur in den einzelnen Ländern aller verfügbarer Ressourcen und des Bedarfs machen. Dann wäre es notwendig, die vorhandenen Ressourcen pro Kopf so zu verteilen, dass für den Basislebensstandard alle versorgt sind. Hier müssen alle kooperieren, ohne dass sie in ein gewinnorientiertes Tauschkonzept verfallen."

Bedingungsloses Grundeinkommen?

"Genau. Aber nicht in Geld, sondern in Gütern und Dienstleistungen. Im Bereich des Luxus kann die Gesellschaft dann basisdemokratisch entscheiden, für welche individuellen oder Gruppenleistungen Preise ausgeschrieben werden. Für tolle Erfindungen zum Beispiel, oder besonders schwierige oder mühsame Arbeiten. [...] Da Geld sowieso eine gesellschaftliche Konstruktion ist, müssen wir uns nicht an der toten Materie orientieren, die in früheren Jahrtausenden die praktische Manifestation von Geld war. Geld selbst besitzt ja lediglich eine Informationsfunktion."

Globalisierung richtig verstanden

"Globalisierung richtig verstanden, bedeutet, dass es keine Standortpolitik mehr gibt. Es gibt nur einen Standort, und das ist der Planet Erde. Und es gibt auch nur eine Nation, das ist die Menschheit. Diese ist natürlich vielfältig, und muss liebevoll und empathisch miteinander kommunizieren. Wir müssen auch die Vertreter der sogenannten Elite, dort abholen, wo sie heute stehen. Wir dürfen keine Sündenböcke suchen. Denn wir müssen ihre Verlustängste berücksichtigen und sagen: Ihr werdet zwar etwas verlieren, aber das sind nur Zahlen auf Papier oder Displays. Und wenn ihr mitarbeitet, dann können wir jede Form von Lebensstandard schaffen und zwar für eine breite Bevölkerung. Das schafft dann auch Sicherheit, weil es keinen Neid mehr geben wird."

All dies sieht Hörmann in den nächsten drei Jahren verwirklicht. Was für eine Vision!


Leser Kommentar:

Applaus!!!!!!!! Endlich mal jemand, der zumindest die ideologische Brille gegen ein helleres Modell eingetauscht hat, so dass er zumindest sieht, was im Eiltempo auf uns zukommt!

Nur seine Begründung ist noch falsch. Was er als "Betrugsmodell der Banken" bezeichnet, entspringt in Wahrheit der bürgerlichen Rechtfertigungsideologie des Kapitalismus, mit der man versucht hat, alles am Laufen zu halten, sprich weiterhin Gewinn zu erzielen - allerdings nicht durch Verausgaben von Arbeit, sondern nur noch durch Simulation von Mehrwertproduktion über wertmäßige Tauschunterschiede bei der Kreditvergabe. Das ist langfristig illusionär, hat die "Realwirtschaft" aber zumindest notdürftig am Leben gehalten und bis ins Jahr 2010 geschleppt. Jetzt geht es auf das große Finale zu.

Insgesamt ist Prof. Hörmann leider (noch) viel zu unkritisch, was die kapitalistische Verfasstheit unseres heutigen Gesamtsystems betrifft - aber immerhin! Bei ihm sind gewisse Schranken, die die Sicht sonst behindert, offenbar nicht mehr vorhanden. Damit ist er der überwiegenden Zahl seiner Kollegen deutlich voraus. Dennoch behauptet er wie diese, die „heutige Krise geht von den Banken aus“. Da würde ich entgegnen nein, eben gerade nicht. Das ist lediglich das Ende der Fahnenstange gewesen, die wertmäßige Oberflächenbewegung. Entscheidend ist vielmehr, was darunter seit Jahrzehnten zuvor passiert war.

Das ist genau das, was in einem speziellen Teil der kritischen Gesellschaftstheorie schon lange beschrieben und vorhergesagt wurde - und das deutlich umfangreicher und fundierter: der "modernen Wertetheorie", voran gebracht durch die Redakteure der Exit-Gruppe (siehe: www.exit-online.org).

Dort gibt es zahlreiche Fachartikel und Literaturhinweise in denen die Widersprüche, auf denen Kapitalismus basiert, sehr gut erklärt und dargestellt werden und was daraus für den weiteren Ablauf historischer Prozesse abgeleitet werden kann.

Warum das System irgendwann zwangsläufig scheitern muss, liegt der Wertetheorie zufolge nicht allein an Fehlern in der Geldzirkulation. Das ist nur der äußere Ausdruck von dem, was als Basis darunter liegt, nämlich die kapitalistische Produktionsweise, die darauf beruht, menschliche Lebensenergie in abstrakten Mehrwert zu verwandeln, also der kaufmännische Teil, wenn man so will.

Maschinen bilden keinen eigenen Mehrwert, sondern nur Mehrprodukte, ermöglichen also eine höhere Produktivität (stofflicher Output). Das ist nicht identisch mit dem monetären Teil dieses Outputs, denn der Tausch der Produkte erfolgt im Kapitalismus auf der Imagination eines abstrakten Wertes, den sich Ökonomen in alle Produkte quasi nur hineindenken. Dadurch werden Produkte erst zur Ware. In der Ware ist der Mehrwert gespeichert und muss sich in Geld zurückverwandeln, damit sich der Wert realisiert. Andernfalls werden Produkte sogar zum Teil auch wieder vernichtet, unter neuem Arbeitseinsatz und Energieaufwand. Völlig irrational also.

Die moderne Wertetheorie beschäftigt sich mit genau solchen Mechanismen und zeigt vor allem die innere Dynamik dieser Logik auf, z.B. dass wenn immer mehr Menschen (lebendige Arbeit) durch Technik, Maschinen und Computer (tote Arbeit) ersetzt werden, die Masse des gesamtgesellschaftlichen Mehrwertes, nicht etwa wie oft angenommen steigt, sondern sinkt. Ist eigentlich auch logisch, weil Maschinen erhalten kein Gehalt und kaufen nichts. Maschinen übertragen stets nur ihren Eigenwert (per Abschreibungen). Trotzdem liest man es in der VWL meist falsch herum. Oder man gibt sich der Illusion hin, man könne unendliches Wachstum erzeugen, damit das dennoch funktioniert. Wenn dem so wäre, gäbe es jedoch keine Arbeitslosigkeit, denn in Deutschland herrschte in den 60er Jahren bereits Vollbeschäftigung. Ab dann ging es jedoch nur noch bergab. Daraus folgt, die heutige Krise ist ihrem Charakter nach in Wirklichkeit keine Finanzkrise, sondern eine Wertschöpfungskrise. Die Krise kommt also ursprünglich nicht von den Banken und ihrem gescheiterten Versuch der Mehrwertkompensation, sondern sie entspringt dem Kapitalismus als Produktionsweise. Das ist ein deutlicher Unterschied.

In Büchern wie „Kollaps der Modernisierung“, „Schwarzbuch Kapitalismus“ oder "Das Weltkapital", vom unter den Wertekritikern diesbezüglich führenden deutschen Autor Robert Kurz, werden all diese Entwicklungsschritte bis hin zu den Kompensationsmechanismen beschrieben, die durch kreative Kreditvergabe das System der Globalisierung noch künstlich am Laufen gehalten haben - durch Bildung von "fiktivem Kapital". Die dazu notwenigen Geldbewegungen sind das, was Hörmann zumindest in den wichtigen Teilaspekten auch hat erkennen können. Sogar die Windrichtung der tatsächlichen Ursachen sieht er ansatzweise - zumindest auf der Ebene der Tauschvorgänge in der Ware-Geld-Beziehung. Und er sagt auch, dass das was mit der Produktion zu tun hat, auch wenn er das nicht weiter konkretisieren kann wie ein Robert Kurz. Etwas holprig und unreflektiert erscheint auch, wie Hörmann den Begriff "Nation" benutzt. Ist aber insofern (erstmal) alles zweitrangig, weil er daraus zumindest schon die richtigen Schlussfolgerung zieht - nämlich dass die Zirkulationsbewegungen den Kapitalismus nicht dauerhaft retten werden. Deshalb bejaht Hörmann völlig berechtigt den „Ultimativen Crash!“.

Damit bewahrheitet sich übrigens tatsächlich, was Karl Marx vor 150 Jahren schon erkannt hatte: "Die Grenze des Kapitalismus ist das Kapital selbst." Auch Albert Einstein soll dazu bereits überschlägige Berechnungen angestellt und vorausgesagt haben, dass das kapitalistische System nur etwa bis zum Jahr 2010 funktionieren kann. Danach bräuchte man zwangsläufig etwas völlig Neues. Irgendwas muss also auch er richtig gedacht und erkannt haben. Wie immer bei spirituellen Erkenntnissen - es liegt an unserer begrenzten Wahrnehmung, unserem Denken. Vom Bauchgefühl her ist Kapitalismus nicht nur in seinen Grundlagen falsch, sondern eh längst am Ende. Jetzt kommt hoffentlich auch das Rationale hinzu. Marktwirtschaft ade... Endlich!

Es wird auch weiterhin viele Produkte geben, aber sie verlieren ihren Charakter als Ware. Deshalb kritisiert die moderne Wertetheorie auch die Warenform und nicht nur Geld als eine Warenart davon. Sehr spannendes Thema. Man findet in diesem Theoriezweig übrigens auch schon die theoretischen Ansätze und formulierte Grundprinzipien für die Zeit nach dem Kapitalismus. Und die stimmen mit den spirituellen Ansätzen, den Mensch als Bestandteil der Natur zu begreifen, überein.

Wenn gesellschaftliche Reproduktion nicht mehr über Geld als Ausdruck von Lebensenergie (lebendige Arbeit) funktioniert, muss sie anders organisiert werden. Auch da hat Hörmann völlig Recht. Es gäbe jede Menge neuer, alternativer Möglichkeiten, das zu tun. Indem er doch wieder mit Preisen für bestimmte Produkte anfängt, lässt sich erkennen, dass er noch Restillusionen hegt. Die wird er aber bestimmt zukünftig auch noch ablegen und sich komplett frei machen, um endgültig Neues zu denken. Am besten mal Robert Kurz lesen. Das Hilft ungemein.

Fazit: Bravo!!! Der Anfang ist gemacht. Uns bleiben zwar nur 3 Jahre, die Menschen um uns herum wach zu rütteln und über völlig neue Perspektiven nachzudenken. Aber mit viel mehr hab ich selbst auch nicht wirklich gerechnet. Liegt irgendwie in der Luft. Die Zeit ist reif!

Am Landesverband der VIOLETTEN in Hamburg arbeiten wir übrigens schon daran.

Holger Roloff
AK Wirtschaft DIE VIOLETTEN
Landesverband Hamburg


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Antworten:

ja weiter in diese richtung

von hermann hutter - am 04.11.2010 22:27
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