Die Wissenschaft der Reinkarnation, Teil 3

Startbeitrag von Ronald Zürrer am 10.05.2011 20:00

Definition des Begriffs «Reinkarnation»


An dieser Stelle können wir aus allem bisher Erarbeiteten die Definition des Begriffs der „Reinkarnation“ (Seelenwanderung) ableiten:

Reinkarnation ist die fortgesetzte Wanderung der spirituellen Seele, gemeinsam mit ihrem feinstofflichen Körper, von einem grobstofflichen Körper zum nächsten, und zwar gemäß ihrem individuellen Karma.

Was ist Karma?


Bei der Definition des Reinkarnationsbegriffs habe ich stillschweigend einen weiteren Begriff eingeführt, den wir nun näher betrachten wollen: den zentralen Begriff des Karma, ohne den die gesamte Lehre der Reinkarnation keinen Sinn ergeben würde.

Das Sanskritwort Karma bedeutet wörtlich „Tat, Handlung, Wirken“ (aus der Wurzel kri = tun, handeln, wirken), aber da das Konzept des Karma über diese Grundbedeutung hinausgeht und es eigentlich kein exaktes Synonym und kein Ersatzwort dafür gibt (weder im Deutschen noch in irgendeiner anderen Sprache), wurde es seit seinem Bekanntwerden im Abendland als stehender Begriff in den westlichen Wortschatz aufgenommen.

Damit wir also verstehen können, was in der vedischen Philosophie mit „Karma“ gemeint ist, ist es erforderlich, daß wir das Konzept oder die Logik hinter dem Gesetz des Karma betrachten.

Das Gesetz von Aktion und Reaktion (Kausalgesetz)


Soweit mir bekannt ist, wurde der Sanskritbegriff „Karma“ erstmals durch die russische Begründerin der Theosophie, Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891), aus dem Indischen übernommen und später insbesondere von Rudolf Steiner (1861–1925), auf den ich in Kapitel 5 noch ausführlich zu sprechen kommen werde, in die deutsche Geistesgeschichte eingeführt. Madame Blavatsky definiert Karma mit den folgenden Worten:

Das Karma ist das grundlegende Gesetz des Weltalls, ... welches die Wirkung an die Ursache knüpft in der physischen, gedanklichen und geistigen Welt. ... Da keine Ursache ohne eine ihr entsprechende Wirkung bleiben kann, von der größten bis zur kleinsten, von einer kosmischen Umwälzung bis zu der Bewegung deiner Hand, und da Gleiches stets Gleiches hervorbringt, ist Karma das unsichtbare und unerkannte Gesetz, welches weise, gerecht und einsichtig jede Wirkung zu der entsprechenden Ursache hinzufügt, indem es die erstere mit ihrem Urheber verbindet.

Und in seinen „Offenbarungen des Karma“ (1910) definiert Rudolf Steiner Karma als:

... das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Natur, auf das Geistige übertragen, aber ohne daß der freie Wille des Menschen durch die Karmagesetze beschränkt ist. Dabei muß die Wirkung auf dasselbe Wesen zurückschlagen, von dem die Ursache ausgegangen ist.

Diese Definitionen bringen den Kerngedanken dessen, was der Begriff des Karma beinhaltet, verständlich zum Ausdruck. Einfach gesagt, ist das Karma-Gesetz also das Gesetz von Aktion und Reaktion (Kausalgesetz).

Dabei ist Steiners Vergleich des Karma-Gesetzes mit dem naturwissenschaftlichen Gesetz des Gleichgewichts von Ursache und Wirkung (actio = reactio; Drittes Newtonsches Axiom der klassischen Mechanik, 1687) sicherlich zutreffend, wenngleich dieses physikalische Gesetz nur einen kleinen Aspekt der viel höheren und subtileren Karma-Gesetze umfaßt. Wichtig ist ebenfalls die Feststellung, daß das Kausalgesetz des Karma darüber hinaus
1.) individuell wirkt, das heißt nach dem Verursacherprinzip, und
2.) auch Raum für den freien Willen des Handelnden läßt.

Übrigens ist dieses Gesetz des Karma auch im Abendland gar nichts Neues, obschon es hier nicht in derselben umfassenden Ausführlichkeit formuliert, analysiert und begriffen wurde wie in der vedischen Tradition. Doch schon vor Steiner und selbst vor Newtons Entdeckung kannte der Volksmund Redensarten, die auf ein vages Verständnis der Gesetzmäßigkeiten von Aktion und Reaktion hinweisen.

Um nur drei Beispiele anzuführen: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es wieder heraus“, „Jeder ist seines Glückes eigener Schmied“ oder „Wie man sich bettet, so schläft man“. Oder wie es der romantische Dichter Novalis (1772–1801) in einem seiner Fragmente ausdrückte: „Wähl ich nicht alle meine Schicksale seit Ewigkeiten selbst?“

Sogar in der Bibel finden wir vielerlei Hinweise auf das Karma-Gesetz, so zum Beispiel in dem folgenden Ausspruch des Apostels Paulus: „Täuscht euch nicht: Gott läßt keinen Spott mit sich treiben; was der Mensch sät, wird er ernten.“ (Gal 6,7). Tatsächlich war dieses Verständnis in den ersten Jahrhunderten des Christentums auch in Europa ein grundlegender Glaubenssatz.

Erst beim Konzil zu Konstantinopel (im Jahre 553) beschlossen die Kirchenautoritäten, daß der Glaube an die Reinkarnation von nun an unter Kirchenbann stehen solle. Mit diesem Bannfluch verschwand auch das Gesetz des Karma, das Gesetz, das der Reinkarnation zugrunde liegt. (Ich werde in Kapitel 6, Reinkarnation im Christentum, noch detailliert auf diese Thematik eingehen.)

Seitdem besteht in den westlichen Ländern die Tendenz, den Karma-Begriff fälschlicherweise als vernunftloses, mechanisches Schicksal zu mißdeuten und zu verurteilen. Was in Wirklichkeit eine ausgleichende Harmonisierung der Gerechtigkeit ist, wird als blinde, willkürliche Herrschaft eines übermächtigen Schicksals dargestellt. Der englische Theosoph Christmas Humphreys (1901–1983) schreibt in diesem Zusammenhang in seinem Buch „Karma und Wiedergeburt“:

Die Ursache dieser Degradierung ist wahrscheinlich zwiefältig: Sie besteht erstens in der allgemeinen Tendenz des westlichen Denkens, alle geistigen Prinzipien, die in seinen Gesichtskreis treten, zu materialisieren, und zweitens in der wachsenden Abwendung von den zugänglichen Quellen unseres Wissens um die Karma-Lehre. ...

Diese Lehre ist zu alt und zu weit verbreitet, um als Eigentum einer einzigen Religion betrachtet werden zu können, aber die Schriften der Hindus und Buddhisten stellen die ältesten erhältlichen Quellen dar.

Humphreys ist zudem der Ansicht, daß jede Erneuerung der westlichen Zivilisation mißlingen muß, wenn sie sich nicht bewußt auf dieses allumfassende Gesetz stützt: „Ein Mensch wird zu dem, was er tut. Kann diese Lehre widerlegt werden? Wenn sie wahr ist, so ist sie die wichtigste und am meisten vernachlässigte Wahrheit in der Welt.“

Freier Wille und Prädestination


Wie bereits angesprochen, wird gemäß der Karma-Philosophie jedem Lebewesen, das in der materiellen Welt von einem Körper zum anderen wandert, ein freier Wille mit auf den Weg gegeben, der es ihm erlaubt, gemäß seinen eigenen Wünschen, Vorstellungen und Gedanken zu handeln.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das folgende Zitat aus dem Talmud:

Achte auf deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten,
Achte auf deine Gewohnheiten,
denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
denn er wird dein Schicksal.


Mit anderen Worten: Hinter jedem „Schicksal“, das uns ereilt – sei es positiv oder negativ empfunden –, steht ursprünglich eine Handlung, die wir in der Vergangenheit mit den handelnden Sinnen unseres grobstofflichen Körpers selbst ausgeführt haben. Und hinter jeder unserer Handlungen steht ursprünglich ein Gedanke, den wir einst in unserem feinstofflichen Körper gedacht haben.

Was aber steht am Anfang dieser „karmischen Kettenreaktion“, was steht hinter dem Gedanken? – „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens“, heißt es. Hinter jedem Gedanken, hinter jedem Wort und hinter jeder Tat steht ursprünglich also ein Wunsch, und dieser Wunsch entspringt letztlich der spirituellen Seele, die sich unter Verwendung ihres freien Willens gewünscht hat, in der materiellen Welt zu leben und zu genießen und hier bestimmte Erfahrungen zu sammeln.

Und während unseres Aufenthaltes in dieser Welt wünschen wir uns beständig neue Objekte und Erfahrungen, fällen wir ständig neue Entscheidungen zu Handlungen, die dann eine karmische Konsequenz nach sich ziehen.

Je nachdem also, wie unsere Wünsche, Gedanken und Entscheidungen sowie unsere daraus resultierenden Handlungen (Aktionen) beschaffen sind, werden wir durch das Wirken des Karma-Gesetzes entsprechende Reaktionen ernten oder, mit anderen Worten, werden uns diese Wünsche erfüllt.

Dies gilt selbstverständlich nur, wenn unsere Wünsche im Bereich des jeweils Möglichen liegen, das heißt, innerhalb des Rahmens der für den Menschen in einer bestimmten Inkarnation bestehenden grob- und feinstofflichen Naturgesetze. Sind unsere Wünsche jedoch solcherart, daß unser gegenwärtiger Körper ihre Erfüllung nicht zuläßt (beispielsweise wieder jung zu werden, ohne mechanische Mittel fliegen zu können oder großen Ruhm, Reichtum usw. zu besitzen), so bewirken diese, daß wir zu ihrer Erfüllung in einen anderen Körper, eventuell sogar in eine andere Lebensform, eingehen müssen, sofern wir auf ihnen beharren.

Daraus können wir schließen: Der freie Wille läßt dem Lebewesen zwar einen gewissen Handlungsspielraum, ist jedoch nicht uneingeschränkt. Die Karma-Philosophie lehrt folglich, daß freier Wille und Prädestination (Vorherbestimmung oder „Schicksal“ ) parallel verlaufen.

Mit anderen Worten: Durch unsere jetzigen Aktionen, denen wir aus eigener Entscheidung und aus freiem Willen nachge­hen, schaffen wir uns unsere zukünftigen karmischen Wirkungen. Gleichzeitig aber sind wir aufgrund der uns jetzt zufallenden Reaktionen auf unsere früheren Aktionen gezwungen, ein bestimmtes Maß an Freude und Leid zu ernten.

Das Gesetz des Karma muß folglich sehr intelligent und präzise sein, hat es doch die schwierige und unvorstellbar komplizierte Aufgabe, die Erfüllung der Wünsche sämtlicher Lebewesen innerhalb der materiellen Welt in einer solchen Weise zu ordnen und zu regeln, daß sie sich erstens nicht karmisch gegenseitig in die Quere kommen und daß zweitens innerhalb des gesamten Universums keine Ungerechtigkeiten (und auch keine Gerechtigkeiten) unvergolten, unausgeglichen bleiben. Der amerikanische Transzendentalist Ralph Waldo Emerson (1803–1882) beschreibt dies mit folgenden Worten:

Wenn du die Menschen liebst und ihnen dienst, kannst du durch kein Verstecken und keine List der Belohnung entgehen. Geheime Vergeltungen stellen immer das gestörte Gleichgewicht der göttlichen Gerechtigkeit wieder her.


Es ist unmöglich, die Dinge zu ändern. Alle Tyrannen und Besitzer und Monopolisten der Welt bemühen sich vergeblich, das Gleichgewicht der Waage umzustoßen. Immerfort hält sich der Äquator an seiner Stelle, und Menschen und Motten, Sterne und Sonnen müssen sich danach richten oder durch den Rückschlag vernichtet werden. (in: „Lectures and Biographical Sketches“, 1868)

Im Kosmos gibt es also feste Richtlinien für das menschliche Handeln – gleichsam wie „Spielregeln“ für das große Spiel des Lebens –, die die Wünsche und die wechselseitigen Beziehungen und Handlungen zwischen den einzelnen verkörperten Seelen koordinieren.

Doch stellen wir uns nur einmal vor, wie viele Wünsche es zu erfüllen gibt! In der Bhagavad-gita heißt es, daß die unaufhörliche Flut von Wünschen, die dem feinstofflichen Körper jedes einzelnen Lebewesens entspringen, unzählbar vielen Flüssen gleicht, die alle in einen riesigen Ozean münden, der auf diese Weise ständig neu gefüllt wird.

Und das gilt nicht nur für ein Lebewesen, sondern für Millionen und Milliarden von Lebewesen! Hieraus ergibt sich ein unendlich komplexes, multidimensionales Netzwerk aus Aktions-Reaktions-Paaren, das für einen einzelnen Menschen unmöglich zu überschauen wäre.

Und dennoch gehen, auf scheinbar mysteriöse Weise, am Ende doch immer sämtliche Gleichungen auf, bekommt mit anderen Worten jede Seele immer genau das, was sie sich wünscht, was sie braucht und was ihr zusteht – nicht mehr und nicht weniger.

Die theistische Karma-Philosophie erklärt, daß an diesem Phänomen das Wirken der unsichtbaren Hand Gottes sichtbar wird, der in Seinem Aspekt als die alldurchdringende Überseele (im Sanskrit: Paramatma) sämtliche individuelle Seelen auf ihrer Wanderung durch die verschiedenen Körperformen begleitet. Die Bhagavad-gita beschreibt diesen speziellen Aspekt Gottes unter anderem in dem folgenden Vers:

Neben der individuellen Seele gibt es im Körper noch eine andere, transzendentale Wesenheit, und dies ist der Herr, der als Beobachter und Erlaubnisgeber gegenwärtig ist und der als Überseele (Paramatma) bezeichnet wird.

Die Funktion des Paramatma und Seiner Helfer, der Begleit- und Schutzengel des Menschen, besteht also darin, die zahllosen Wünsche und Entscheidungen jedes einzelnen Lebewesens zu registrieren und zum geeigneten Zeitpunkt deren Erfüllung zu veranlassen sowie auch die Tätigkeiten der Lebewesen zu beobachten und ihnen die entsprechenden Wirkungen zukommen zu lassen. Diese ordnende Hand Gottes wird innerhalb Seiner Schöpfung als das Gesetz des Karma bezeichnet.

Entweder ist die Karma-Lehre wahr, oder sie ist falsch. Das Universum ist entweder Kosmos oder Chaos, denn es kann nicht zum Teil durch ein Gesetz und zum Teil durch blinden, unvernünftigen Zufall regiert sein.

Das Karma ist nicht ein Gesetz, von dem gesagt werden kann: Es könnte etwas daran sein. Entweder existiert das Gesetz, oder es besteht nicht. Falls es vorhanden ist, ist derjenige ein Tor, der es nicht gebraucht, und allein der ist weise, der darüber nachsinnt, es weit und breit verkündet und es in der kleinsten Einzelheit seines täglichen Lebens anwendet.

Wenn es nicht wahr ist, so ist es ein seltsam ehrwürdiger Irrtum, und bedenkt man dazu, daß es als Grundlage der gesammelten Weisheit der ganzen Welt gelehrt wurde, seitdem das Suchen nach der Wahrheit begann, ist es seltsam, daß kein anderes Gesetz vorgeschlagen wurde, um die Phänomene dieses Lebens zu erklären. (Christmas Humphreys, S. 15f.)


Fortsetzung

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.