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Erster Beitrag:
vor 7 Jahren, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
Junko Yoshida

Japan: Land der ansteigenden Stille

Startbeitrag von Junko Yoshida am 12.06.2011 14:06

TOKIO: Ich landete letzte Woche in Tokio – das erste Mal in Japan seit dem großen Beben und Tsunami vor 75 Tagen.

Während der Grund meines Besuches darin lag meine alte Mutter zu besuchen, kam ich mit großer Beklemmung an, angetrieben durch das, was ich nicht wusste. Ich hatte kein wirkliches Gefühl für die Größenordnung der Auswirkungen der Katastrophe auf Land und Einwohner. Ich wusste lediglich, was am 11. März passiert war. Und was ich daraus ableiten konnte, schien fast theoretisch.

Das Passieren des Zolls am Flughafen Naritia beruhigte mich zunächst. Die Leute, Orte und Dinge waren genauso effizient, sauber und ordentlich wie immer. Nichts in Naritia war zerstört, die ganze Szenerie schrie nach dem japanischen Motto: „Business as usual“.

Das raue Erwachen kam allerdings, als ich am Flughafen ein Zugticket kaufen wollte. Die Narita Express Züge fuhren unregelmäßig, „aufgrund des großen Tohoku Kanto Erdbebens,“ so eine Frau am japanischen Bahnschalter. Der nächste verfügbare Narita Express kam nicht vor drei Stunden. Überrascht sagte ich zu mir „Oh gut, also nehme ich den Bus nach Yokohama."

Nach 90 Minuten am Bahnhof angekommen, entdeckte ich dass die Japanische Bahn alle Rolltreppen zu allen Ebenen und Stationen gestoppt hatte. Ich konnte entweder die Treppe nehmen, die aussah als ob sie zu den Sternen führte, oder mich an einen einsamen Fahrstuhl stellen, was ich auch tat, nicht weil ich nicht fit bin, sondern weil ich einen Koffer tragen musste. Ich schaute wehmütig auf eine nahegelegene Rolltreppe, verkettet und unbeweglich, mit dem Hinweis: „Bitte kooperieren Sie mit uns, Energie zu sparen.“

In der öffentlichen Toilette am Bahnhof, funktionierte – Gott sei Dank – die Toilettenspülung. Alles schien normal, bis ich meine Hände trocknen wollte. Jeder Trockner hatte den Hinweis „Bitte kooperieren Sie mit uns, Energie zu sparen.“

Während ich meine Hände ausschüttelte, ging ich raus und traf auf die Nachricht von Japan nach dem Tsunami. Vergessen Sie die kleinen Bequemlichkeiten, die wir alle für selbstverständlich halten. Es ist wieder wie nach dem Krieg, und Energie zu sparen sei die Aufgabe jedes Einzelnen, so wie es das 1946 war.

Endlich in einem Regionalzug angekommen, öffnete ich eine Zeitung. Während die Asahi Shimbum eine Menge Geschichten rund um das Beben und seine Nachwirkungen enthielt, war das Auffälligste eine große Karte von Tohoku und Kanto.

Jedes Dorf und jede Stadt, die von dem Desaster betroffen waren, wurden abgebildet, vollständig mit der Anzahl der Toten, den Vermissten und denen, die evakuiert und in Notunterkünften in jeder Gemeinde untergebracht wurden. Die Zeitung widmete außerdem einen beträchtlichen Teil für eine vollständige Namensliste „derjenigen, die dahinschieden“. Dies ist ein fester Bestandteil jeder Zeitung, tagein tagaus. Offensichtlich entdecken die japanischen Behörden nach wie vor Körper. Wenn diese Körper identifiziert und öffentlich anerkannt wurden, fügen die Zeitungen ein letztes Maß hinzu..

Aber das, was mich ausflippen ließ, war der tägliche Nuklear-Bericht (sieht aus wie eine Wettervorhersage-Karte) – in dem die Strahlenwerte in der Luft in verschiedenen Städten in Tohoku und Kanto aufgelistet sind. Noch mal, dies ist nun ein fester Bestandteil – sowohl auf NHK (Japans öffentlicher Rundfunk) Nachrichten, und in den Zeitungen.

Ich hab erfahren, dass Chigasaki, wo meine Mutter wohnt, 0.052 Mikrosievert pro Stunde registrierte, einen Tag bevor ich ankam. Dies war zwar ein deutlicher Unterschied zu den 6.6 Mikrosievert in Namie-cho, einer Stadt 31 Kilometer nordwestlich des betroffenen Fukushima Daiichi Kraftwerks. Ich war nicht ganz sicher, was ich von beiden Zahlen halten sollte.

Ich sollte mich wegen der niedrigen Strahlung in der Stadt, auf die ich zusteuerte, beruhigt fühlen. Aber dann fiel mir ein, dass es zu diesem Zeitpunkt keine wissenschaftlichen Daten über die Auswirkungen niedriger Strahlenwerte über einen längeren Zeitraum auf den menschlichen Körper gibt. Es ist das Unbekannte, das jedermanns Angst nährt.

Der Tokyo Electric Power Co. (Tepco), sechs Reaktor Komplex an Japans nordöstlicher Küste, emittiert weiterhin Strahlung in Luft und Wasser. Tepco selbst hat gesagt, dass es nicht möglich sein wird, die drei stark beschädigten Reaktoren vor Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres unter Kontrolle zu bringen. Das ist die harte Realität.


Keine Lösungen zur Eindämmung in Sicht

Während die Anlage weiterhin Radioaktivität speit, wird Japans größtes Elektrizitätswerk für ein Jahr oder länger Wasser in die beschädigten Reaktoren pumpen und radioaktiven Dampf entlüften. Tepco hat ein Low-Level-Entsorgungslager auf dem Gelände errichtet. Es bestehen aber keine Pläne, den Müll woanders hin zu bringen.

Weitere schlechte Nachrichten kamen von Tepco am Donnerstag [27. Mai]. Ein neues Leck in einem Vorratsbehälter hatte zusätzliche 60 Tonnen radioaktives Wasser in die Umwelt ausgeschüttet.

Es ist klar, dass keine glaubhafte Lösung zur Eindämmung der sich verschlechternden Reaktoren in Sicht ist. Es wurden keine konkreten Pläne darüber angelegt, wie mit dem wachsenden nuklearen Abfall umgegangen werden soll.

Suchen Sie gar nicht weiter als bis zur aktuellen Kontroverse über die Strahlenbelastungsgrenze für Schulkinder in Japan. Die Regierung löste im April einen Aufruhr aus, als sie die Strahlenbelastungsgrenze auf 20 Millisievert pro Jahr festsetzte, die gleiche Dosierung, die die Internationale Kommission für Strahlenschutz für die Arbeiter eines Kernkraftwerkes empfiehlt.

Unter Druck gab die japanische Regierung letzte Woche bekannt, dass Schulen in der Nähe des Kernkraftwerks Fukushima bezahlt werden, um radioaktiven Mutterboden zu entfernen, und setzte die Strahlenbelastungsgrenze für Schüler auf ein Zwanzigstel der bisherigen Grenze herab.

NHK hatte berichtet, dass eine Schule in Fukushima einen Frühstart hingelegt hatte und die Oberfläche des radioaktiven Bodens von den Spielplätzen kratze, noch bevor diese neue Politik bekannt gegeben wurde. Das schnelle Handeln und unabhängige Denken der Schule schien lobenswert. Allerdings gab es einen Haken. Es gab keinen Platz, wo die kontaminierte Erde hingebracht werden konnte. Es gab keine Bauern, die es gebrauchen konnten und die Nachbarn wollten es nicht auf ihrem Hinterhof haben. Die Schule wurde angewiesen, den Haufen radioaktiver Erde zunächst in der Mitte des Schulhofs zu halten.

Die Japaner können auf Erdbeben besser vorbereitet sein, als jedes andere Land. Dies ist aber nur ein schwacher Trost bei den aktuellen Nachbeben und Tsunami Problemen – dem Fehlen eines Plans der gemeinsamen Führung aus Regierung und Industrie für die Zukunft, besonders wenn es um Umgang mit Kernenergie geht.

Es war nur eine Woche, aber ich hungere nach Informationen. Das ist die große Sorge.

Oder genauer gesagt, beunruhigt mich die Tendenz zur „Selbstbeherrschung“ unter den japanischen Bürokraten, Regierungsbeamten, Politikern, Industrieführern und sogar einigen in der Wissenschaft hier, um die Offenlegung von Informationen bei einem Minimum zu halten. Zu Beginn der Krise hatte die japanische Regierung zum Beispiel detaillierte Informationen über die Strahlenbelastung in den Städten in der Nähe des Kernkraftwerkes Fukushima. Regierungsbeamte hatten die Daten lediglich über das Internet freigegeben. Die Namen der Städte blieben verborgen – angeblich um Massenflucht panischer Leute zu vermeiden, was „unnötiges“ Chaos oder Verwirrung in der Gesellschaft hervorrufen könnte.

Meiner bescheidenen Meinung nach, sind die japanischen Verbraucher genauso schuldig wie ihre sogenannten Führer.

"Fuhyo Higai" ist eine japanische Bezeichnung, die ich noch nie gehört hatte, bis ich dieses Mal hierher kam. Grob übersetzt bedeutet es "schädliche Gerüchte," es schreckt jeden ab, die Sicherheit von Produktion und Waren aus betroffenen Gebieten zu erörtern. Menschen, die im "Fuhyo Higai" Gürtel leben, werden von Tepco und der japanischen Regierung entschädigt. Aber es scheint fast, als ob die Regierung es vorziehen würde, dass die Menschen nicht wissen, dass sie Opfer sind, bis sie ihre Entschädigung bekommen haben. Ich verstehe die Notwendigkeit, "schädliche Gerüchte" nicht auswuchern zu lassen. Aber japanische Konsumenten und die japanische Presse wenden ihren gesunden Menschenverstand in ein Moratorium für schwierige Fragen. Es ist fast unheimlich.

Ich kann mit weniger Pachinko-Spielhallen und Automaten auf den japanischen Straßen leben, beide wurden durch den Gouverneur von Tokio als Stromfresser bezeichnet. Ich bin mit weniger Leuchtreklamen in der Ginza einverstanden, ich bin sicher dafür, dass japanische Unternehmen ihre Büros um 16:30 Uhr schließen, so dass sie ihre Lichter ausschalten, Mitarbeiter früh nach Hause schicken und es ihnen zu erlauben, von zu Hause zu arbeiten. Gleitzeit könnte sogar in Japan Anklang finden.

Die japanischen Auto- und Auto-Teile-Hersteller entschieden sich an Donnerstagen und Freitagen zu schließen, stattdessen an Samstagen und Sonntagen von Juli bis September zu arbeiten, um den starken Energieverbrauch während der Woche zu begrenzen.

Wegen der Schäden an den Kraftwerken in den östlichen Landesteilen hat die Regierung die Vorgabe gesetzt, den Elektrizitätsverbrauch durch Hersteller um 15% in diesem Sommer zu verringern, wenn die Nachfrage durch den Gebrauch von Klimaanlagen normalerweise zunimmt. Bestimmte Industrien standen kritisch zur japanischen Wirtschaft – solche wie Japans Halbleiter-Sektor - und sind von der Regelung ausgenommen. Aber die Nation steht vereint hinter dem 15 Prozent Schutz. Die meisten Experten, mit denen ich sprach, bleiben weiterhin zuversichtlich, dass Japan ohne ernsthafte Stromunterbrechungen durch den Sommer im Geschäft bleiben kann.

Die Japaner sind großartig im Aufbauen, Kommunizieren und Erreichen von Zielen wie dem 15-Prozent Einschnitt. Im Gegensatz dazu neigen wir dazu, nicht zu diskutieren und Pläne zu machen, oder auch Probleme anzuschauen - wie das nukleare Chaos in Fukushima – das Lösungen erfordert, die komplizierter sind als March of Dimes. So, wie wir uns stumm über Fuhyo-Higai sorgen, Spekulation beklagen, und (aber, aber!) Worst-Case-Szenarien durchdenken, wird wenig öffentlich gesagt.
Die Stille ist ohrenbetäubend.
Sie erstreckt sich auf die große Unsicherheit über das nächste große Beben. Was ist das Schlimmste, was passieren könnte?

Jeder kennt die Antwort: Tokio. Masaya Ishida, Herausgeber der EE Times Japan, lebt hier mit 13 Millionen anderen Menschen. Er sagte: "Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wann das nächste große Beben uns treffen wird. Es kann drei Jahre ab jetzt dauern, oder 300 Jahre. "

Ruhig, Ishida-san! Wenn wir nicht darüber reden, geht es vielleicht weg...

http://www.eetimes.com/electronics-blogs/other/4216441/Land-of-the-rising-silence?cid=NL_EETimesDaily




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