Sardinien rettet sich mit Ersatzwährung aus der Euro- und Bankenkrise

Startbeitrag von Gerry am 18.11.2013 14:30

Auf der italienischen Insel haben kreative Unternehmer mit der Ersatzwährung Sardex ein Rezept gegen die Folgen der Euro- und Bankenkrise gefunden

Wenn Pietro Lilliu Fässer für seinen Weinkeller im hügeligen Süden Sardiniens kauft, gibt er dafür keinen einzigen Euro aus. Auch nicht für die Korken, Flaschen oder für die Klimaanlage, die der Weinproduzent im vergangenen Sommer installieren ließ. Lilliu zahlt in Sardex, einem alternativen Zahlungsmittel, das der von der Rezession gebeutelten sardischen Wirtschaft wieder auf die Sprünge helfen soll.

Dabei haben sich Unternehmen auf der Insel zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und zahlen für Dienstleistungen sowie Güter in Sardex statt in Euro. Im Prinzip gewähren sich die mittlerweile fast 1600 Betriebe hiermit untereinander zinsfreien Kredit. Münzen oder Banknoten gibt es nicht, der Saldo jedes Mitglieds wird auf einem Onlinekonto verbucht.

Die angehäufte Sardex-Schuld löst Lilliu wieder ein, indem er seinen Wein an Mitglieder des Sardex-Kreises gegen Bezahlung in der Alternativwährung verkauft.

Der Erfolg ist beträchtlich: Dieses Jahr werden nach Schätzung bis zu 15 Millionen Sardex, sprich 15 Millionen Euro, auf Sardinien zirkulieren. Hinter der Idee stehen vier Freunde, die vor drei Jahren einen Weg suchten, um der Liquiditätskrise zu trotzen.

Banken verleihen den sardischen Klein- und Mittelbetrieben kaum noch Kredite, was dazu führt, dass viele Unternehmen wichtige Investitionen nicht mehr durchführen können und der Geldfluss auf der italienischen Insel stockt. Täglich schließen hier mehr als fünf Betriebe, die Arbeitslosenquote liegt bei fast 19 Prozent - deutlich höher als der italienische Durchschnitt von zwölf Prozent.

Weil man mit dem Sardex keine Zinsen anhäufen kann, lohnt sich das Sparen nicht, und die Mitglieder sind motiviert, die verdienten Sardex schnell wieder ausgeben. Die Umlaufgeschwindigkeit der Parallelwährung ist daher wesentlich höher als jene des Euro. Laut Berechnungen der Sardex GmbH wechselt ein Sardex im Laufe eines Jahres sechs bis siebenmal den Besitzer. Zum Vergleich: Ein Euro kursiert derzeit nur rund 1,4-mal jährlich innerhalb der Eurozone.

Mit Tauschhandel habe Sardex aber wenig zu tun, meint Sardex-Mitgründer Carlo Mancosu: "Es findet ja kein direkter Austausch zwischen zwei Teilnehmern statt, die Transaktion ist zeitverzögert. Ich kann heute etwas bei einem Sardex-Mitglied kaufen und später den negativen Saldo ausgleichen, indem ich meine Dienstleistungen oder Produkte an ein anderes Mitglied des Netzwerkes verkaufe."

Weil dem Kreis nur sardische Firmen beitreten dürfen, bleibt das Kapital auf der Insel, was wiederum die regionale Wirtschaft ankurbelt. Vor kurzem wurde das Netzwerk auch auf Angestellte der teilnehmenden Unternehmen ausgeweitet. Die Betriebe können einen Teil der Gehälter in Sardex überweisen, sofern die Mitarbeiter das möchten. "Eine Firma unseres Netzwerkes konnte verhindern, ihre Angestellten in Kurzarbeit zu schicken, indem sie 25 Prozent des Gehalts in Sardex ausbezahlt. So bleibt die Beschäftigung erhalten, ohne dass die Kaufkraft der Angestellten darunter leidet. Gleichzeitig konnte das Unternehmen einen Teil seiner Produkte innerhalb des Netzwerks absetzen", erzählt Sanna.

Keine Steuerhinterziehung

Sardex-Geschäfte müssen nach wie vor in Euro versteuert werden. Da alle Transaktionen in einem zentralen Computersystem registriert werden, gibt es keine Möglichkeit zur Steuerhinterziehung. "Wenn ich die Steuern auch noch in Sardex zahlen könnte, dann wären alle meine Probleme gelöst", lacht Weinproduzent Lilliu.

Die sardische Regionalregierung will in kürze Sardex unter jugendlichen Arbeitslosen in Umlauf bringen. Die Empfänger der alternativen Sozialhilfe sollen die ausgegebenen Sardex dann durch gemeinnützige Arbeiten wieder zurückverdienen können.

Sardex-Gründer Sanna ist optimistisch, dass seine Komplementärwährung Sardinien aus der Krise helfen kann. Er betont: "Wir haben in Sardinien eine Finanzkrise, keine Produktionskrise. Auch wenn kein Geld kursiert, haben die Unternehmen ja immer noch ihre Kompetenzen und ihr Fachwissen. Man muss nur einen Weg finden, die Betriebe miteinander in Kontakt zu bringen, damit die Güter und die Dienstleistungen ausgetauscht werden können. Und genau das haben wir gemacht."


Den vollständigen Artikel von Christine Pawlata aus Cagliari mit interessanten Details lesen Sie hier im DER STANDARD

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