Filstal

Startbeitrag von Drahbeck am 28.01.2015 17:09

Siehe auch:
www.swp.de/goeppingen/lokales/goeppingen/Gottes-Geist-im-Filstal;art5583,2998806
www.swp.de/goeppingen/lokales/goeppingen/Taufe-fuer-neues-Buch;art5583,3010085

Unter dem Namen „Filstal" vermögen diejenigen, die nicht gerade in Baden-Württemberg beheimatet sind, sich wohl nur in Ausnahmefällen etwas vorzustellen.
Namensgeber ist da insbesondere ein Fluss namens „Fils", der wiederum ein Nebenfluss des Neckars ist. Und so bekam die Anrainergegend bei jenem Fluss ihren Namen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fils_(Fluss)

„Gottes Geist im Filstal" so der Titel eines neueren Buches, mit der Zielstellung, 70 Lebensbilder (quer durch die Jahrhunderte) aus der Württembergischen Landes- und Kirchengeschichte in eher knapper Form, vorzustellen.
Das nun in dem Sinne, das die Vorgestellten über einem kürzeren oder längeren Zeitabschnitt eine Beziehung zum Filstal hätten. Als weiteres Kriterium definiert der Verfasser;
Zitat

„Menschen, die ihre Bestimmung suchten und fanden. Personen stehen stellvertretend für Zivilcourage (so sagen wir heute) oder „Widerständigkeit" - aber nicht aus Prinzip, sondern um der „Sache" und der Menschen willen."

Und in diesem Kontext werden auch zwei Zeugen Jehovas genannt, welches das Naziregime nicht überlebten, dieweil dieses ihnen ein gewaltsames Lebensende bereitete.

Von Adolf Zanker (1910-1944) und Georg Halder (1882-1940) ist da die Rede.
Indes beide Todesopfer standen schon mal in der Hierarchie der Zeugen Jehovas an nicht unbedeutender Stelle, und was auch erwähnt werden mus, auch in verwandschaftlicher Beziehung zu einander.
Zanker war der Neffe von Halder.
Von Marie Halder heißt es,
Zitat

sie sei die Mutter von Adolf Zanker

Wenn also die Mutter des Adolf Zanker, zugleich den Status bekommt, sein Onkel sei Halder, so erweckt das irgendwie den Eindruck einer etwas verworrenen Familiengeschichte. Indes Details dazu erfährt man nicht.
Von Halder heisst es weiter, er sei eine Art treibender Motor der Zeugen Jehovas in der Region Augsburg gewesen.
Zitat

Er kam schon früh in Konflikt mit dem Naziregime, namentlich durch den Umstand, bei Einschmuggeln von WTG-Schrifttum aktiv involviert gewesen zu sein.


Über Georg Halder vernimmt man:
Zitat

Schon 1933 ist er im Gefängnis in Günzburg: Er gilt als „Oberhaupt der Augsburger Bibelforscher". Dann 1935 zunächst wieder in Haft und anschließender Untersuchungshaft in Neudeck. Danach folgen nochmals 10 Monate Gefängnis. Halder wird 1937 mitten in der Heuernte wieder verhaftet.
Folge Einlieferung in das KZ Dachau, auch das KZ Mauthausen musste er noch kennenlernen. Schlussendlich endete sein Leben durch Enthauptung in Dachau.

Eigentlich hat Dachau nicht den Ruf ein spezielles Vernichtungslager gewesen zu sein. Diesen Rang nahmen mit Sicherheit andere Nazi-KZs ein.
Wenn er trotzdem in Dachau hingerichtet wurde, so darf man das wohl so einschätzen, hochgradig WTG-indoktriniert, dann dort den Nazi-Schergen besonders unangenehm aufgefallen. Indes scheint der Wehrdienstverweigerungsaspekt im Falle Halder dennoch nicht vordergründig wirksam gewesen zu sein. Dafür spricht auch der Umstand, dass er zum Zeitpunkt seiner Ermordung, bereits etwa sein 58 Lebensjahr erreicht hatte. Jüngere Zeugen Jehovas, waren da beim Wehrdienstaspekt weitaus gefährdeter. So etwa auch sein Neffe Adolf Zanker. Über ihn heißt es weiter:
Zitat

„Zanker stammt aus einer Familie, die schon länger treues Mitglied der ZJ ist."

Und weiter:
Zitat

„Im Wohnhaus finden auch die Versammlungen der ZJ statt. „Das Haus von Adolf Zanker bildete eine geistige Festung"
.
1943 wird er zum Wehrdienst nach Mühlhausen/Elsass einberufen.
Er kommt dieser Einberufung auch im vormalen Sinne nach. Allerdings gab er dann am zweiten Einberufungstag, dann eine schriftliche Erklärung in Sachen Wehrdienstverweigerung ab, die er bereits als er noch in Freiheit war, verfasst hatte.
Mit solch „Widerspenstigen" verstand das Naziregime keinen Spass, so auch in diesem Falle.

Nach 1945 muss die Witwe Anna Zanker erfahren, auch die Bundesrepublik Deutschland erkennt solcherart Widerständigkeit zu Nazizeiten, nur als „Privatvergnügen" an, nicht jedoch als Entschädigungspflichtigen Tatbestand.
Dazu der Autor:
Zitat

„In der Öffentlichkeit des Dorfes Gruibingen selbst sind die beiden tapferen Männer Zanker und Halder, die um ihrer religiösen Überzeugung willen ihr Leben gelassen haben, nahezu vergessen!"

Und weiter:
Zitat

„1960 erhält Anna Zanker endlich den Bescheid des Landesamts für Wiedergutmachung in Stuttgart - mit negativem Ergebnis: „... Eine Entschädigung würde voraussetzen, dass der Erblasser Verfolgter im Sinne des §1 BEG war. Nach dieser Vorschrift ist Verfolgter, wer aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus oder aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verfolgt worden ist und hierdurch Schaden erlitten hat. Diese Voraussetzungen sind jedoch nicht gegeben

Der Autor beklagt weiter. Nicht einmal eine (vor einigen Jahren) beabsichtigte Stolpersteinverlegung kam zustande.
Summa Sumarum: Namentlich der 1940 ermordete Georg Halder entspricht vom Typus eher jenen dem Ernst Wiechert in seinem „Der Totenwald" das Zeugnis ausstellte:
Zitat

"Dumpfe, holzgeschnittene Gesichter hinter Brillengläsern, mit asketischen Lippen und der leisen, beschwörenden Stimme von Eiferern. Gesichter, die aus derselben Enge, derselben Not und derselben Verheißung geprägt schienen und von denen Johannes sich gut denken konnte, daß sie mit unbewegtem Antlitz zusehen würden, wie alle Ketzer auf einem langsamen Feuer in die ewige Verdammnis hinüberbrieten"

Und: "Was nun allerdings bei näherem zusehen auf dem Grunde dieser Weltanschauung lag, war so beschaffen, daß es sich jeder ernsthaften Diskussion völlig entzog. ... Man konnte sie alle achten, aber man mußte sie auch alle bedauern. Der Märtyrer, der für den Glauben stirbt, daß man nur Gras essen dürfe (im übertragenen Sinne), begibt sich des Heiligenscheins um seine Stirn."

Diesen Vorhalt kann man dann in Sachen Adolf Zanker sicherlich nicht so übertragen. Aber auch in seinem Falle gilt dann dass Votum eines Dr. Garbe:


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