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Geschichte und Gegenwart der Zeugen Jehovas
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Erster Beitrag:
vor 7 Jahren, 1 Monat
Letzter Beitrag:
vor 6 Jahren, 11 Monaten
Beteiligte Autoren:
Drahbeck

Im Goldenen Zeitalter gelesen - Eine Zeitreise

Startbeitrag von Drahbeck am 17.10.2010 22:33

Letzte vorangegangene Teile dieser Serie:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,71216,71216#msg-71216


Über sechs Druckseiten Umfang erstreckt sich der einleitende Artikel in der Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 1. 10. 1925. Schon dieser für GZ-Verhältnisse ungewöhnlich große Umfang verdeutlicht, dass da selbigem "etwas unter den Nägeln brannte". Sein Titel: "Was sagt die Bibel über Wunder-Heilungen, Gesundbeten, Pseudo-Apostel usw.?"

Da liest man einleitend:
Zitat

"Immer mehr breitet sich eine Bewegung auf Erden aus, die man als "Gesundbeter" bezeichnet, und von angeblichen Wundern wird berichtet, die von angeblichen Aposteln, die jetzt auf Erden lebten (Apostolische Gemeinden) verrichtet seien."

Weiter im Text:
Zitat

"Jedoch hat die Erfahrung von Jahrtausenden bewiesen, wenn die Menschen versuchen, die Gesundheit des Körpers durch wunderbare und übernatürliche Mittel zu erlangen, der Erfolg mit wenigen Ausnahmefällen entschieden zweifelhaft war. Sogar die eifrigsten Wunderwirker der Christenheit wollen nicht zugeben, daß die indischen Fakire, die Derwische der Mohammedaner und die Medizinmänner der amerikanischen Indianer ihre unzweifelhaft wunderbaren Heilungen mittels "göttlicher" Kraft ausüben. Im Gegenteil erklären die Heiler, sowohl im Christentum, wie im Heidentum, daß alle Heilungen, außer denen ihres eigenen Systems nicht des Herrn Werk sind.."

Selbiges "erklärt" das GZ dann mit den Worten:
Zitat

"Viele wissen nicht, daß es dem Widersacher gestattet ist Wunder zu verrichten."

Und zum Ausklang seiner Betrachtung äußert das GZ dann noch:
Zitat

"Manche mögen Anstoß nehmen an unserer Stellungnahme diesen Heilungen gegenüber und sagen: "Wenn die Wunder sich als wohltuend erweisen, warum denn danach fragen, was dahinter steckt?"

Und dieses Votum kommentiert das GZ mit dem Ausruf:
Zitat

"Das ist so ähnlich, als ob wir von überzuckertem Gift sagen wollten: "Wenn es äußerlich süß ist, warum denn nach dem Inwendigen fragen?"
Jede sorgfältige, vorurteilsfreie Prüfung angeblich "göttlicher Heiler" und ihre Besuche hat überraschend wenig Gutes ergeben. Der Fälle, wo das körperliche und geistige Befinden sich verschlechtert hat, sind nicht wenige.
Während der Heiler gewöhnlich große Summen für sein "wunderbares Wirken" forderte. ... Das Volk hört im allgemeinen nur die Berichte großer "Zeichen und Wunder", während die Ärzte in den Krankenhäusern und Irrenanstalten oft die einzigen sind, die außer dem engsten Kreis der Eingeweihten die Kehrseite der Geschichte kennen lernen."

Diese Ausführungen stellen dann sozusagen eine Fortsetzung der WTG-Ausführungen in Sachen "Christliche Wissenschaft" dar. Siehe dazu die Refererierung der GZ-Ausgabe vom 15. 7. 1924
Dort: 25. Juli 2009 08:04
Alternativ auch:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,31100,31865#msg-31865

Oder auch Und da fliegen die Fetzen
Schon bei diesen Anlässen drängte sich der Eindruck auf. Das wird von WTG-Seite als ernstzunehmende Konkurrenz empfunden, und entsprechend "gegengesteuert". Man muss wohl zu dem Resultat kommen. Der "Humus" auf welchem die Bibelforscher-Ideologie und die der "Christlichen Wissenschaft" gedeihen konnte und kann, ist ziemlich ähnlich. Es ist der "Humus" der Leichtgläubigen; noch besser formuliert: Der vom Wunschdenken dominierten!

Als eine relativ umfängliche Stellungnahme des "Goldenen Zeitalters" (das zu der Zeit bereits in "Trost" umbenannt war) in Sachen "Christliche Wissenschaft", muss auch die "Trost"-Ausgabe vom 1. 6. 1943 angesehen werden. Auf einer Druckseite sind da gleich fünf thematische Leserfragen zusammengefasst. Da wurde zum Beispiel angefragt:
Zitat

"Entsprechen die wichtigsten Lehren der "Christlichen Wissenschaft" (Gesundbeten) der Wahrheit? Sind sie mit der Bibel, der Naturwissenschaft oder dem gesunden Sinn in Übereinstimmung ?"

Und als Antwort darauf liest man dann:
Zitat

" ... Da es demnach in Wirklichkeit keine körperlichen Menschenleiber gibt, können sie nach dieser krausen Lehre auch nicht wirklich krank sein. Somit, meinen ihre Anhänger, genüge richtiges Denken, um völlig gesund zu werden und es ewig zu bleiben. Wahrscheinlich hat nur der Wunsch, gesund zu sein, jemals einen denkenden Menschen veranlaßt, eine solche Lehre ernst zu nehmen. Was tut man nicht alles um der Gesundheit willen!..."

In Beantwortung der nächsten Frage wird dann das "Wortgeklingel" der "Christlichen Wissenschaft" mit den Worten "zerlegt":
Zitat

" Solche angebliche Definitionen verdunkeln mehr als sie aufhellen. Gewiß schreibt Johannes: "Gott ist Liebe", aber das ist keine wissenschaftliche Definition. Liebe und Gott oder Wahrheit und Leben, Prinzip, Seele, Geist und Gemüt sind wirklich nicht synonym (gleichbedeutend)."

Weiter bekommt die Mary Baker Eddy-Religion dann noch von "Trost" ins "Stammbuch" geschrieben:
Zitat

"Die "Christliche Wissenschaft" widerspricht dem Apostel und dem gesunden Sinn."

Weiter darf selbige sich dann auch noch von "Trost" die Sätze zueignen:
Zitat

"Der Tod beweist die Wirklichkeit des Bösen sehr eindringlich. Nur eine ganz närrische Philosophie kann den Tod leugnen, ebenso die Wirklichkeit von Krankheit, Sünde oder Unrecht. Es verlohnt sich nicht, über Selbstverständliches zu streiten. ..."

Gleichwohl sind Fälle von "Weltanschaungsreisenden" bekannt, namentlich jener die da auf "Dauersuche" sind (und doch nirgends so recht finden, was sie suchen), die nebst den Zeugen Jehovas, auch schon mal bei der "Christlichen Wissenschaft" Station gemacht haben.
Ein solcher Fall ist sicherlich auch der des "Weltanschauungsreisenden" der sich da den Namen "All" gab.

Antworten:

"Heilige Einfalt" gespeist aus Wunschdenken. Gibt es die eigentlich nur bei den "Bibelforschern" (Zeugen Jehovas). Kurze aber klare Antwort: nein!
Die feiert auch andernorts zum teil allerkräftigsten "Urstand". Einzuräumen wäre lediglich. Das System "Klinkenputzen" ist wohl so, nur bei den Zeugen Jehovas extensiv ausgeprägt. Weiter wäre die Frage nach dem totalitären Innenklima solcher Organisationen zu stellen. Wer selbiges nicht als zunehmende Belastung hautnah empfindet, der ist in der Tat in der Lage (und die Praxis bestätigt es), diverse "Kröten" herunterzuschlucken, bei denen sich andere voller Widerwillen abwenden würden. Fühlt sich einer in einem solchem Klima relativ "geborgen", dann gleichen alle Versuche, auf rationaler Ebene deren Schwachstellen aufzuzeigen, wohl dem Kampf des Sisiphys, der da einen Stein bergauf befördern wollte, und nie sein Ziel erreichte.

Was die psychische Befindlichkeit der "heiligen Einfalt"-"Apostel" anbelangt, so hat sie schon Gerhart Hauptmann in seinem "Der Narr in Jesu Christo. Emanunel Quint näher beschrieben. Hauptmann kannte zwar die Zeugen Jehovas (damals) noch nicht. Gleichwohl könnten seine Charakterisierungen auch ihnen auf den Leib geschrieben sein. Indem ich also empfehle: Leute, setzt euch doch mal mit Hauptmann auseinander, muss ich allerdings zugleich auch konstatieren. Das ist wohl eine "Sisiphys"-Empfehlung.

Warum ist das so? Weil Wunschdenken das eigentliche Kriterium ist. Was man wünscht das sei! Und wehe dem, der es wagt, da etwas Salz in die vermeintliche "Honigsuppe" hineinzustreuen.

Zur eingangs genannten Konstatierung, "heilige Einfalt" gäbe es auch andernorts - reichlich - zurückkehrend. So ist meines Erachtens ein Veranschaulichungsbeispiel auch das Verhalten von Teilen der Religionsgemeinschaft "Siebenten Tags Adventisten", anlässlich des weltgeschichtlichen Crash des Ostblocks Ende der 1980er Jahre, in dessen Folge, bekanntlich auch die "DDR" zu bestehen aufhörte. Da wurde auch in diesen Kreisen die These lanciert. Jetzt ist der Zeitpunkt erreicht, wo sie sagen "Friede und Sicherheit ..."
Siehe:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,40222,40222#msg-40222
Auch: "Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte" S. 67f.

Zu den Beförderern und Bewunderern religiös-"heiliger" Einfalt, zähle ich auch den Konfessionskundler aus dem Bereich der evang. Kirche, Kurt Hutten. Hutten hatte Anfang der 1950er Jahre ein Buch veröffentlicht (danach selbiges noch diverse Auflagen erlebend) mit dem programmatischen Titel "Seher, Grübler Enthusiasten". Selbiges dominierte für Jahrzehnte den konfessionskundlichen Diskurs, die kleineren Religionsgemeinschaften betreffend. Darin teilt er auch in einer unscheinbaren Fußnote mit. Er habe mal eine Auflistung von fehlgegangenen Endzeitspekulationen erstellt, und sei dabei auf 175 an der Zahl gekommen.
Zitat

"Eine vom Verfasser aufgestellte Tabelle umfaßt 175 Fälle von Enderwartungen, die sich über alle Jahrhunderte erstrecken. Sie sind bei weitem nicht vollzählig. Unter ihnen befinden sich nur neun Prophezeiungen, welche die Endereignisse in eine Ferne von mehr als 100 Jahren rücken. Von den restlichen Prophezeiungen verzichten die meisten auf eine genaue Bezeichnung des Datums und begnügen sich mit der Aussage: Das Ende steht nahe bevor! Immerhin haben sich 36 Prophezeiungen auf Grund dieses oder jenes Berechnungssystems auf ein bestimmtes Jahr oder gar auf einen Tag festgelegt, an dem der große Weltumbruch eintreten soll. Unter den Urhebern solcher Berechnungen finden sich nicht nur sektiererische Winkelpropheten, sondern auch ernsthafte Theologen, so außer Joachim von Fiore und Bengel auch Männer wie Nikolaus von Kues (1401-64), Andreas Osiander (1498-1542), Johann Heinrich Alstedt (15888-1638).

Hutten konnte also auch nicht der Versuchung widerstehen: "Die Guten ins Töpfchen - die Schlechten ins Kröpfchen". Nun muss man wohl einem Theologen zugestehen, dass er von der Kultivierung des Wunschdenkens "lebt". Ohne Wunschdenken ist auch er ein "Fisch ohne Wasser". Oder um es mit Ludwig Feuerbach zu zitieren.
Zitat

"Der Glaube an die Vorsehung ist der Glaube an den eigenen Wert - daher die wohltätigen Folgen dieses Glaubens, aber auch die falsche Demut, der religiöse Hochmut, der sich zwar nicht auf sich verlässt, aber dafür dem lieben Gott die Sorge für sich überlässt -, der Glaube des Menschen an sich selbst, Gott bekümmert sich um mich; er beabsichtigt mein Glück, mein Heil; er will, dass ich selig werde; aber dasselbe will ich auch; mein eigenes Interesse ist also das Interesse Gottes, mein eigener Wille Gottes Wille, mein eigener Endzweck
Gottes Zweck - die Liebe Gottes zu mir nichts als meine vergötterte Selbstliebe. Woran glaube ich also in der Vorsehung als an die göttliche Realität und Bedeutung meines eignen Wesens?

Aber wo die Vorsehung geglaubt wird, da wird der Glaube an Gott von dem Glauben an die Vorsehung abhängig gemacht. Wer leugnet, dass eine Vorsehung ist, leugnet, dass Gott ist oder - was dasselbe - Gott G o t t ist; denn ein Gott, der nicht die Vorsehung des Menschen, ist ein lächerlicher Gott, ein Gott, dem die göttlichste, anbetungswürdigste Wesenseigenschaft fehlt. Folglich ist der Glaube an Gott nichts anderes als der Glaube an die menschliche Würde, der Glaube des Menschen an die absolute Realität und Bedeutung seines Wesens."

Dem Jahre 1925 hatten die Bibelforscher bekanntermaßen zugefiebert. Der Herbst jenes Jahres sollte "es sein". Nun waren namentlich im vom Krieg und Inflation geschüttelten Deutschland, die allermeisten erst in den 1920er Jahren zu den Bibelforschern hinzugekommen. Diejenigen unter ihnen, die schon die Spekulationen für 1914, 1918 usw. persönlich miterlebt hatten, waren schon zur Minderheit geworden. Teils waren sie inzwischen - wie Rutherford zu formulieren beliebte - "hinausgeschüttelt" worden. Teils tat ihr biologisches Alter den Rest. Um 1925 waren die "neu Hinzugekommenen" in der Tat dominierend.
Siehe dazu eine entsprechende Aussage im Rutherford-Buch "Licht" Band 1

Ihr Erwartungs-Fieberwahn war allerdings, durchaus dem früherer Generationen ebenbürtig.

Nun also - die "Goldene Zeitalter"-Ausgabe (Ausgabe Bern) vom 15. Oktober 1925, darf man jawohl dem anvisiertem Herbst zuordnen. Nun war es für selbiges wieder mal an der Zeit, etwas zum Thema zu sagen.

Eine "unscheinbare" Veränderung in dieser Ausgabe des Schweizer "Goldenen Zeitalters" ist auch zu registrieren. In dessen Impressum las man bis (einschließlich) die Ausgabe vom 1. 10. 1925 die Angabe: Direktion und Redaktion: E. Zaugg. Nun die Ausgabe vom 15. Oktober. Da wurde diese Angabe erstmals gesplittet. Jetzt taucht für die Redaktion erstmals der Name F(ranz) Zürcher auf, während Zaugg weiter für den Begriff "Direktion" genannt wurde.

Darf man den relevanten Inhalt dieser GZ-Ausgabe also Zürcher zuordnen? Ich würde eher vermuten, das war die "alte Zaugg-Linie". Zaugg wurde zwar von der WTG einige Zeit später auch noch geschasst. Zu dem Zeitpunkt indes, war es wohl noch nicht soweit. Ohne Zweifel war der erste Redakteur der Schweizer Ausgabe des GZ, Ernst Zaugg, eine schillernde Persönlichkeit ohne Frage. Früher mal zum Kreis der inzwischen zur Bibelforscher-Opposition gehörenden Zeitschrift "Die Aussicht" gehörend, verstand es offenbar "rechtzeitig die Kurve" zu bekommen. Die "Aussicht" befand sich ja auf dem "absteigendem Ast". Das bekam auch Zaugg mit. Mehr noch. Er trat damals den Canossagang zurück zur WTG an. Einige andere taten es ihm wohl gleich, etwa auch Karl J. Lüthi.

Aber soviel waren es doch wohl nicht, welche von der "Aussicht" zur WTG zurückkehrten. Unter denen war dann wohl Zaugg der bedeutendste. Als dann im Herbst 1922 der Posten eines Chefredakteurs der Schweizer-deutschen Ausgabe des neu auf den Markt gebrachten "Goldenen Zeitalters" zu vergeben war, fiel offenbar die Wahl auf Zaugg. Selbigen würde ich in gewisser Beziehung mit einem Konrad Franke vergleichen. Beide hängten sich bezüglich der jeweils aktuellen Endzeitdaten (Franke bezüglich 1975, Zaugg eben bezüglich 1925) mehr als andere, "aus dem Fenster". Beiden ist es letztendlich nicht sonderlich gut bekommen, dieweil sie offenbar (in WTG-Sicht) nicht ausreichend taktierten.

Noch ein weiterer neuer Name taucht im Impressum dieser Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" erstmals auf. Bezeichnet als Redaktions-Mitarbeiter "Dr. Phil. W(erner) Hodler".
Auch selbigen darf man wohl dem Bereich der "schillernden Persönlichkeiten" zuordnen, denn ein dauerhaftes Verbleiben von Hodler in den WTG-Gefilden ist nicht gegeben. Man begegnet selbigem später noch als Verfasser WTG-unabhängiger Schriften etwa "Israel das Schicksal der Welt", oder auch sein 1936 erschienenes "Elias wird zuvor kommen". Hodler vermochte offenbar bis in die USA hinein auszustrahlen, wofür der Umstand spricht, dass die dortige Gruppe "Tagesanbruch" 1932 unter seinem Verfassernamen eine Schrift publizierte mit dem Titel: "A Voice from Switzerland".

Als dann im Jahre 1940 von der WTG unabhängige Kreise in der Schweiz ihr Zeitschriftenprojekt "Die brennende Lampe" starteten, nachdem offenbar etwa das Vorgängerorgan "Der Herold des Königreiches Gottes" nicht mehr erschien, begegnet man in der "Brennenden Lampe" erneut dem Namen Hodler.

Beginnend mit der Ausgabe vom 1. 9. 1926, enthielt das Schweizer GZ im Impressum nur noch den Namen des Presserechtlich Verantwortlichen. Aber keine Namen mehr von einzelnen Redaktions-Mitarbeitern. Und damit verschwand auch der Name Hodler, sang- und klanglos in der Versenkung, so wie er einst gekommen war.
Zu Hodler kann man auch vergleichen "Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte" S. 128f, und S. 169f.
Parsimony.2373

Im Herbst 1925 schwebte auch Zaugg "auf Wolke sieben", was die Endzeit-Euphorie anbelangt. In der Schweizer GZ-Ausgabe vom 15. 10. 1925, kann man solch einem Zaugg'schen Erguß bewundern.

Besonders die Tagespolitisch aktuelle Locarno-Konferenz hatte es ihm da angetan. Folgerichtig titelt der einleitende Aufsatz in dieser GZ-Ausgabe "Die Konferenz von Locarno. Von einem erhabenen Standpunkt aus betrachtet". Und dieser "erhabene Standpunkt" kommt dann schon gleich im Untertitel zum Ausdruck: "Wenn sie sagen Friede und Sicherheit - dann ...!"

Mit schon erheblich zu nennenden Verzögerung, druckt, geringfügig modifiziert, diesen Locarno-Artikel dann auch das Magdeburger Goldene Zeitalter" in seiner Ausgabe vom 1. 2. 1926 ab. Die Überschrift lautet jetzt nur noch "Der 'Geist' von Locarno". Die vorgeblich "erhabene Betrachtungsstandpunkt" ist in der Überschrift jetzt entfallen. Aber der Hauptinhalt ist unverändert.

Nun spielt besagte Locarno-Konferenz in der Tat eine weltpolitische Rolle. Jene Kreise etwa in Deutschland, die maßgeblichen Anteil an der Mit-Inszenierung des ersten Weltkrieges hatten. Und welche die Parole ausgaben: Es könne für Deutschland nur einen "Siegfrieden" geben. Alles andere sei "unwürdig". Und soweit solche auch in kirchlichen Kreisen anzutreffen waren (sie waren es. Stichwort Küppers und Co), manifestierte sich bei denen zunehmend die Dolchstoßlegende. Die tatsächliche Entwicklung hatte ja ihrem "Siegfrieden" ins Wolkenkuckucksheim befördert. Ergo - so ihre Lesart - könne nur ein "Dolchstoß" in den Rücken des "im Felde unbesiegten deutschen Heeres" dafür verantwortlich sein.

Eine besondere "Schmerzgrenze" war für jene Kreise nun offenbar mit der Locorno-Konferenz erreicht. Bestand doch eines ihrer substanziellen Ergebnisse auch in einer Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Letztere war doch für weite Kreise nach wie vor "das Schmuddelkind". Die USA beispielsweise lehnten es noch bis in die dreißiger Jahre strikt ab, diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufzunehmen. Indem nun die beiden relativen Kriegsverlierer, Deutschland und Sowjetunion, sich vorsichtig annäherten, schlugen eben nebst den USA, auch bei den dem "verpassten" "Siegfrieden" nachtrauernden, die Alarmglocken an. Und das Reizwort für selbiges, war ganz offensichtlich die Locarno-Konferenz.

Nun wähnte, wie ausgeführt, das GZ, selbiges nicht aus den "Niederungen" der Tagespolitik, sondern eben von einer "höheren Warte" aus zu beurteilen. Diese "höhere Warte", manifestiert sich dann in dem fraglichen Artikel auch in solchen Sätzen wie:
Zitat

"Und wieso gerade 1925 ?
Weil, wie sie versichern, der große vorbildliche Jubeljahrzyklus von 3500 Jahren, der in der Heiligen Schrift so deutlich bezeichnet wird, in diesem Jahre 1925 zu Ende läuft und folglich hier das große gegenbildliche Jubeljahr, die Wiederherstellung aller Dinge ... den Anfang nehmen muß.
Und nun? 1925 geht der Neige entgegen, und schon lassen sich Spötter vernehmen, die da sagen, das ist alles nichts (2, Petrus 3 ; 3-4), es bleibt ja doch alles im Alten, und das merkwürdige goldene Zeitalter kommt noch lange nicht" -

Aber - die Spötter werden beschämt werden, alle, die diese Sprache führen! Sollte Gott die Reiche dieser Welt, die er bis aufs Mark erschütterte (Haggai 2: 6, 7) wieder befestigen? Nimmermehr!"

Dieses vollmundige "Nimmermehr" verdeutlicht zugleich, was die Substanz allen religiösen Denkens ist - Wunschdenken!

Weiter reflektiert das GZ:
Zitat

"Gibt es greifbare Beweise dafür, wird das zweifelnde Herz fragen? Woran kann ich es erkennen, welche Anzeichen sind vorhanden?
Jawohl, lieber Leser, es gibt greifbare Beweise dafür"

Und die wären dann, man ahnt es schon, die sattsam bekannten "Anzeichenbeweise" und in denen passte offenbar auch die Locarno-Konferenz mit hinein.

Weiter in den GZ-Ausführungen:
Zitat

"Das "Suchen nach einem wahren Völkerfrieden, nach Frieden und Sicherheit, nach einem Universalheilmittel nach einem Erretter, die weltweite Ratlosigkeit der Staatsmänner und Regierungen, ferner die Unruhe bei den unteren Volksschichten (Lukas 21 : 25), sind weitere gewaltige handgreifliche und unleugbare Beweise von der unmittelbaren Aufrichtung seines Reiches. Die Wiederherstellung Palästinas ist ein weiterer gewaltiger und überwältigender Beweis, denn der große Meister erklärte feierlich, daß die Zertretung Palästinas aufhören werde, wenn die Zeiten der Nationen abgelaufen seien (Lukas 21:24), daß also parallel mit dem Abbruch der Reiche dieser Welt die neue, bessere, auf Gerechtigkeit gegründete Weltordnung sich anbalmen werde. Zuerst ganz unscheinbar, dann deutlicher

Die Bibel bezeugt ferner, daß dieser Anfang im gelobten Lande zu erwarten sei, daß nicht selbstsüchtige Geldjuden oder Wucherer daran teilhaben werden, sondern jene treuen Helden der Vergangenheit, die uns als Glaubenshelden in Hebräer 11 gepriesen werden. Und. nun, werter Leser, wende doch bitte dein Auge hin nach diesem gelobten Lande. Siehst du da nichts? Siehst du nicht, wie diese Stätte neu erblüht und sichtlich zubereitet wird für die ihrer wartende, erhabene Aufgabe! Siehst du nicht, wie gerade in diesem Jahre 1925 sichtbar die Gunst Gottes sich wieder diesem Lande zuwendet? Siehst du es nicht? weist du es nicht? So laß dir doch genaue Berichte geben über den mit Riesenschritten fortschreitenden Wiederaufbau Palästinas."

Es wurde schon ausgeführt. Gegen Wunschdenken anzukämpfen, ist offenbar eine hoffnungslose "Sisyphusarbeit". Heute will dieselbe Organisation von ihrer damaligen Zionismus-Begünstigung nichts mehr wissen. Landete selbiger bei ihnen zwar auf den Müllhaufen, so jedoch nicht die hinter ihm stehende Geisteshaltung des Wunschdenkens. Die Austauschung der jeweiligen Anzeichenbeweise, erweist sich als ziemlich beliebig!

Und weiter jubelt das GZ:
Zitat

"Ach, dieser Kleinglaube, wie wird er bald, bald beschämt dastehen!
"Wenn sie sagen ; Friede und Sicherheit ! ..." -
Locarno in diesem Lichte betrachtet muß jeden vernunftbegabten Menschen zum Nachdenken bringen. Zum ersten Mal seit dem Weltkriege, zum ersten Mal überhaupt in diesem Rahmen in der Menschheitsgeschichte, versammeln sich die mächtigsten Nationen der alten Welt, Wozu? Zu dem ausgesprochenen Zweck, - Frieden, - einen Völker- und Welt-Frieden herzustellen und "Sicherheit"! zu schaffen den bedrängten, von drohenden Giftgaskriegen neuerdings bedrohten europäischen Völkern durch einen ewigen Pakt - Sicherheit - zu verschaffen.
"Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit! dann kommt, ein plötzliches Verderben über sie, gleichwie die Geburtswehen über die Schwangere, und sie - werden nicht entrinnen."

Ob der Frieden- und Sicherheits-Gesang, der den Blätterwald der Weltpresse in diesen Tagen durchrauscht, schon die Erfüllung dieses so bedeutungsvollen Hinweises darstellt, oder ob der "Sicherheits-Pakt" - wirklich zustande kommen und alle Welt dann aufatmen und sagen wird -; Nun haben wir den längstersehnten Weltfrieden, nun ist die Menschheit in Sicherheit; denn keine Nation der Erde wird den Wahnsinn begehen, diesen Sicherheitspakt der Nationen zu brechen, - das werden wir bald sehen.

Einige Auszüge zusammengefasst aus jenem Artikel, der dann für die zeitgenössischen Bibelforscher die "Erfüllung" ihres 1925-Wahnes war.


Gemessen an der 1925-Euphorie, welche die Schweizer Ausgabe des GZ vom 15. 10. 1925 verbreitete, erweist sich selbige in der parallelen Magdeburger Ausgabe, als "mager" ausfallend. Zwar bringt man in dieser Ausgabe nun auch - mit monatelanger Verspätung - jenes Bild, den 1925-Erwartungshorizont thematisierend, welches schon die erste Januar-Ausgabe 1925 des Magdeburger GZ "schmückte". Aber das war es dann wohl mehr oder weniger. Nicht, dass man nun sich in "Sack und Asche" hüllen würde. Davon ist auch das Magdeburger GZ weit entfernt. Aber gewisse Nuancen fallen beim näheren Hinsehen schon auf.

Thematisierte das Berner GZ, schon im Leitartikel, via der Locorna-Ausführungen das 1925-Thema, so bietet der Leitartikel der Magdeburger Ausgabe ein Sammelsurium unterschiedlichster, der Presse entnommener Kurznotizen. Kaum aber eine eindeutige 1925-Thematisierung. Die kann man bestenfallls, weit abgeschlagen, im hinteren Teil des Heftes als beiläufige Notiz vorfinden. Auch hierbei ist die Akzentverschiebung beachtlich. Das Magdeburger GZ, legt offenbar großen Wert auf den Akzent "Selbsterfüllung". Das liest sich dann so:
Zitat

"1918 - 1925. "Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben". Wie der Ruf eines Narren schien vielen diese Kunde, weil sie nicht verstanden, daß der Mensch nicht zum Sterben, sondern zu ewigem Leben auf Erden erschaffen war. ... Wachet auf, ihr Nationen! Das Goldene Zeitalter ist angebrochen! Der König des neuen Weltreiches heißt Jesus. Die ganze Erde wird sein Königreich. In allen Teilen der Erde laufen Druckerpressen Tag und Nacht; unermüdlich legen eifrige Hände Buch für Buch beiseite. Unaufhörlich rollt Wagen um Wagen auf eisernen Wegen durch die Lande mit Schriften und Traktaten beladen, alle dieselbe Botschaft enthaltend ... Auf der ganzen Erde ziehen Männer und Frauen umher, Scharen von 5 - 50 Personen, manchmal noch mehr und auch weniger; sie ziehen singend durch Städte und Dörfer, mit braunen und schwarzen Ledertaschen gerüstet verteilen sie sich in Dörfer und Orte, gehen von Haus zu Haus, von Tür zu Tür. Was wollen sie denn? Sie melden den neuen König an und sein Königreich der Gerechtigkeit. Sie verkünden den Anbruch des Goldenen Zeitalters, der langersehnten Zeit der Wiederherstellung aller Dinge ...

Doch siehe, statt ihnen zuzujubeln, und das hehre Werk dieser Friedensboten mit allen Mitteln zu fördern, führt man einen erbitterten Kampf gegen sie."

Einen "Nachschlag" zur Locarno-These gab es dann noch in der Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 2. 1926. Dort entblödete man sich, in der Form eines Leserbriefes die nachfolgenden Ausführungen abzudrucken. Der Briefschreiber bejubelt darin das WTG 1925-Datum, um es wie folgt zu ergänzen:
Zitat

"Der Versöhnungstag des Jahres 1925, welcher bei Berechnung alttestamentlicher Prophezeiung als Meßpunkt zu beachten ist, begann bekanntlich mit dem 28. September abends 6 Uhr. Lag nun irgendein geschichtliches Ereignis der Nationen in der Nacht vom 28. zum 29. September vor? Ich selbst bin sehr erstaunt, daß dem so ist, denn am 28. September stand die geplante Sicherheitspakt-Konferenz wegen der Kriegsschuldfrage in Gefahr. Aus diesem Grunde tagte in der Nacht vom 28. zum 29. September, bis nachts gegen 2 Uhr in Berlin ein großer Ministerrat, wie ja alle Zeitungen berichteten. Bei Gelegenheit dieser Ministerzusammenkunft wurde die Konferenz des Sicherheitspaktes endgültig für den 5. Oktober festgesetzt und Locarno wurde als Konferenzort bestimmt."

Dann zitiert der Leserbriefschreiber einen anderen Pressebericht mit der Aussage:
Zitat

"Auf dem Parteitag der westfälischen Zentrumspartei ergriff Reichskanzler a. D. Marx das Wort zu einem Referat über die politische Lage. Er beschäftigte sich zunächst mit dem Vertrage von Locarno, der "einen Wendepunkt in der ganzen Weltgeschichte" darstellen könnte."

Und als Höhepunkt lässt jener Leserbriefschreiber dann verkünden:
Zitat

"Als ich diese Notiz las, dachte ich: "Manche Zeitungsredakteure wissen garnicht, wie oft sie, wenn auch unbewußt, die besten Ausleger biblischer Propheizeiung sind."

Am Rande vermerkt, und damit schließt sich der Kreis, dass keineswegs "nur" Bibelforscher Wunschdenkens-Vorstellungen huldigen.

Karl Zehrer, ein methodistischer Pfarrer, kommt in seiner Dissertation auch auf einen aus seiner Freikirchen-Gilde namens Paul Neef zu sprechen. Letzterer zwar nicht Methodist, aber eben Baptist. Beide Kirchen verstehen sich ja unter dem Begriff "Freikirchen". Seine Dissertation gab es auch in einer Buchausgabe. Letztere hat aber den gravierenden Mangel, den Fall Neef nicht mehr mit zu erwähnen. Die Kürzungen der Buchausgabe kommen in meiner Sicht einer gravierenden inhaltlichen Verstümmelung gleich. Immerhin, im Bestand einiger Universitätsbibliotheken befindet sich auch (Maschinenschriftlich) das Original der Dissertation von Zehrer.

Besagter Paul Neef lies es sich übrigens auch angelegen sein, auf dem Thema Locarno mit "herumzureiten" wie nachstehender Ausriss verdeutlichen kann

Dazu kann man auch vergleichen
"Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte" S. 260f

von Drahbeck - am 26.10.2010 03:13
Die Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 1. 11. 1925, weis im Rahmen eines Berichtes über die "Welthilfssprache Esperanto" auch zu vermelden:
Zitat

"Seit kurzer Zeit erscheint auch das "Goldene Zeitalter" in Esperanto, wenn auch in kleinerem Umfange als einige Ausgaben in nationalen Sprachen."

Und eine zu dieser Angabe hinzugefügte Fußnote notiert:
Zitat

"Adresse: P. F, 15988, Baden, Schweiz. Bezugspreis jährlich Mk. 5,-, Postscheckkonto Karlsruhe 70236"

Verspätet in der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 4. 1926, taucht dort dergleiche Artikel auf. Auch die genannte Bezugsanschrift ist identisch. Lediglich, dass ein Schweizer Postscheckkonto in Aarau genannt wird, anstelle des in Karlsruhe.

Indes im regulären Impressum des GZ, tauchte diese Angabe meines Wissens nie auf. Auch wäre noch die Preisfrage zu beachten. Nehmen wir dieselbe Ausgabe des Magdeburger GZ zum Vergleich. Dessen Impressum notiert, die verschiedenen Bezugsmöglichkeiten und Preise. Die teuerste Variante dabei (für den gebundenen Jahrgang 1924) wird mit Mark 3,- angeben.
Die zitierte Esperanto-Ausgabe erweist sich also auch als teurer. Auffällig ist weiter, dass dessen kryptische Adressenangabe, offenbar auch nicht mit einem der bekannten WTG-Büros identisch ist.
Es spricht wohl einiges dafür, dass es sich hierbei um eine nicht sonderlich langlebige Sache handelte. Gleichwohl ist zu registrieren, dass die WTG sich schon früher positiv über Esperanto geäußert hatte.
Dazu kann man vergleichen Esperanto

Zu beachten ist allerdings auch, dass auch zu späteren Zeitpunkten WTG-Jubelgesänge in Sachen Esperanto zu registrieren sind. Einen solchen kann man der "Trost"-Ausgabe vom 1. 11. 1943 entnehmen, in der unter anderem zu lesen war:
Zitat

"So ist beispielsweise die ganze Heilige Schrift in Esperanto übersetzt, eine vortreffliche Wiedergabe, die gelegentlich sogar die Elberfelderbibel an Klarheit oder Genauigkeit übertrifft. Der Übersetzer war ja ein sehr gründlicher Kenner des Hebräischen. Auch die (WTG) Broschüren "Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben" und "Wo sind die Toten?" sind in Esperanto erschienen."

Ein offenbar der Presse entnommenes Foto in dieser Ausgabe des Magdeburger GZ, erwies sich als "Wasser auf dessen Mühlen". Da kann es wohl keine Frage geben. Auch wenn die Bildreproduktion aus technischen Gründen alles andere als "optimal" ist, so kann man doch sicherlich den dabei im Talar amtierenden Pfarrer im Hintergrund erkennen.

Ein weiterer Pressebericht, welchen dieselbe GZ-Ausgabe auch übernahm, sei auch hier noch nachfolgend dokumentiert.
Zitat

Legende von 1925.
(Aus "Nach der Arbeit") C. Kirsten
Fast zweitausend Jahre waren seit seinem Tode vergangen, da geschah es, daß er wieder zu den Menschen kam, um zu sehen, was sie aus seiner Lehre gemacht hatten. Aber da waren viele, die ihn gar nicht kannten, so sehr war ihnen sein Bild durch das Dogma verzerrt und entstellt worden, und wieder andere, die ihm scheu auswichen, wenn er sie aus seinen großen, dunklen Augen ernst und fragend ansah; nur einige wenige kamen zögernd zu ihm und gestanden ihm: "Es ist schwer, in dieser Welt nach deiner Lehre zu handeln." Die Kinder aber liefen ihm zutraulich nach, denn er war gut und freundlich zu ihnen, und die, welche auf der Schattenseite des Lebens saßen, blickten aus ihren vergrämten Augen hilfesuchend zu ihm auf und begannen zu hoffen. Die meisten aber traten ihm ablehnend und feindselig gegenüber - und da er ihnen immer unbequem wurde, ließen sie ihn schließlich gefangen nehmen.

Und alle, die etwas wieder ihn vorzubringen hatten, traten zusammen, um Gericht über ihn zu halten.

"Er hat gesagt, ein Kamel käme leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Himmelreich, und wir Reichen sollten unseren Überfluß verkaufen und den Armen geben!" schrie ein dicker Herr mit krebsrotem Gesicht und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. "Habe ich etwa darum jahrelang geschoben und unruhige Nächte gehabt und mit meinen Arbeitern die erbittersten Lohnkämpfe ausgefochten, bloß um jetzt meinen mühsam erworbenen Gewinn mit ihnen zu teilen?! Der Mensch ist ein Schädling, ein Volksverführer - weg mit ihm!" -

Ein verknöcherter Pedant erhob sich steifbeinig, hüstelte und blinzelte über seine Brillengläser hinweg: "Der Mensch vergiftet mir mit seinen Lehren von Liebe und Friedfertigkeit die heranwachsende Jugend. Unsere altbewährten, reaktionären Erziehungsmethoden werden damit gänzlich über den Haufen geworfen und in den Augen der unreifen, urteilslosen Knaben herabgesetzt. Dagegen muß auf das energischste Protest eingelegt werden, sonst werden all die hoffnungsvollen zarten Ansätze zerstört oder in der Entwicklung gehemmt, die sich dank unserer rastlosen Bemühungen hier und da schon bemerkbar machen. Ich beantrage, daß man mit allen Mitteln gegen diesen Menschen vorgeht!"-

"Er ist ein Jude!" krähte eine scharfe Kommandostimme, "allein schon Grund genug, ihn auf irgendeine Weise zu beseitigen. Außerdem unkorrigierbarer Pazifist; beantrage schärfste Maßnahmen!"

"Man hat ihn häufig in mehr als zweifelhafter Gesellschaft gesehen", gähnte gelangweilt ein Lebejüngling und jonglierte mit seinem Monokel. "Was soll man von einem Menschen halten, der sich mit gemeinem Volk an einen Tisch setzt und die Dirnen in Schutz nimmt! Ich bin dafür, daß man derartige Elemente einfach aus der menschlichen Gesellschaft ausmerzt!" -

"So sehr es meinem Empfinden widerstrebt, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen", schloß der Herr Hofprediger die Reihe der Anklagemomente, "aber unangebrachte Milde ist falsche Sentimentalität und Schwäche. Auch ich kann den Herren Vorrednern nur beipflichten. Dieser Mensch ist nicht nur äußerst unbequem, sondern auch höchst gefährlich. Wir müssen uns unbedingt seiner zu entledigen suchen!

Bedenken Sie, meine Herren, dieser Mann verkündet allerorten Nächsten- und Bruderliebe, Frieden, Versöhnung, Duldung - also, wenn Sie es recht betrachten, das gerade Gegenteil von dem, was ich jeden Sonntag meiner lieben Gemeinde von der Kanzel herab in die Gemüter hämmere. Sollen wir uns das länger bieten lassen? Schließlich gehen den Leuten die Augen einmal auf, und was dann?!

Einer meiner Amtsbrüder fand neulich den schönen Bekennermut, den Kampf bis aufs Messer zu predigen, dreimal heiligen, frisch-fröhlichen Krieg. Wiederherstellung der alten Herrlichkeit, forsches Säbelrasseln - ja, meine Herren, ist denn das nicht auch wirklich das einzige, was uns heute wieder auf die Beine bringen kann! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Was heißt da Völkerversöhnung, Bruderliebe, Duldung! Kann man mir zumuten, Anhänger anderer Konfessionen zu lieben oder zu dulden? Nein, und dreimal nein, liebe Brüder! Wir müssen uns kräftig unserer Haut wehren mit allen Mitteln, sonst sind wir verloren! Auspeitschen, jawohl, auspeitschen muß man diese Nichtswürdigen, die es wagen, uns daran zu hindern!" -

Und der Herr Hofprediger faltete die Hände auf dem Rednerpult und sah befriedigt über die Köpfe seiner begeisterten Zuhörer hinweg: "Liebe Brüder, auch ich gebe, betreu meiner Gesinnung, meine Stimme ab - dieser Mensch muß für immer verschwinden!"

Und wieder wie vor zweitausend Jahren wurde jener verurteilt und ans Kreuz geschlagen.


von Drahbeck - am 25.11.2010 00:07
Bereits in Kommentierung der GZ-Ausgabe vom 15. 4. 1924, wurde auf die Stellungnahme letzteren zur sogenannten "Theosophie" eingegangen.
Siehe:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,25711,25772#msg-25772
Eintrag vom 19. April 2009 05:54
Eng verwandt mit dieser, und höchstwahrscheinlich auch bedeutungsvoller, ist die sogenannte "Anthroposophie". Ihr für breitere Kreise der Öffentlichkeit sichtbarer Aktionsradius, wird auch in der sogenannten "Waldorf-Pädagogik" deutlich.

So mancher, auf der Suche nach alternativen Schulformen, außerhalb des staatlichen Schulwesens, landet dort. Manche haben im Rückblick diese Landung als gravierende persönliche Fehlentscheidung rekapituliert (zwar nicht alle, aber doch durchaus einige).

Die wenigsten haben sich auch im Vorfeld darüber Rechenschaft abgelegt, dass eben der Spiritus rector, auch der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie ist. Den Namen Anthroposophie haben sie zwar als Wortgeklingel zur Kenntnis genommen. Indes von seiner Substanz haben sie im Vorfeld wahrscheinlich nicht viel mehr verstanden, als der sprichwörtliche Affe, der da ins Uhrwerk schaut.

Blenden ließen sie sich dann durch solche Elemente wie. Es gäbe in der Waldorf-Pädagogik keine Schulnoten und ähnliches mehr.

Nun ist der Kommentar der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 11. 1925, welche selbigen in Beantwortung einer Leserfrage abdruckte, mit Sicherheit nicht der Kommentar, welchen ich persönlich der Anthroposophie angedeihen lassen würde. Man muss dabei keineswegs auf den Nazi-Autor Schwartz-Bostunitisch abstellen, welcher Steiner "als einen Schwindler wie keiner" titulierte.
http://books.google.de/books?id=tcZZfSgpOJcC&pg=PA391&dq=Schwartz-Bostunitsch+Schwindler&hl=de&ei=Zk7sTNO7IY6VswaT3LiSDw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=6&ved=0CEMQ6AEwBQ#v=onepage&q=Schwartz-Bostunitsch%20Schwindler&f=false
Es ist doch wohl eher so, dass jene, welche da auf der Suche nach (vermeintlicher) Spiritualität sind, besondere Gefahr laufen, im Gewässer der Anthroposopie zu versanden. In gewisser Hinsicht kommt der Aspekt "Spiritualität" auch in der Fragestellung im GZ und ihrer Beantwortung zum Ausdruck.
Dort wurde in der genannten Ausgabe angefragt
Zitat

"Was halten Sie vom Spiritualismus, der nach meiner Information mit Spiritismus nichts gemein hat? Der Unterschied zwischen Spiritismus und Spiritualismus besteht hauptsächlich darin, daß dasselbe Mittel zu verschiedenen Zwecken gebraucht wird. Der Mediumismus, überhaupt die okkulten Kräfte, dienen auf der einen Seite vorwiegend materiellen Zwecken. ...

Der Spiritualismus sucht die spiritualen (geistigen) Kräfte deutlicher auf das Jenseits hinzuweisen, und durch Verbindung mit hohen geistigen Wesen seelisch-geistigen Vorteil zu erlangen. ...

Das Verbot liegt meines Erachtens also nicht auf den Fähigkeiten selbst, sondern auf dem falschen Gebrauch derselben. Der Spiritualismus ist vorwiegend Verkehr mit guten Geistwesen (wie es ja logischeiweise, wenn es schlechte Geistwesen gibt, auch gute geben muß). Der Verkehr mit niederen Wesen, wenn sich solche einstellen (ein zitieren von Geistern findet überhaupt nicht statt), beschränkt sich darauf, dieselben anhand der Lehre Christi seelisch höher zu führen.

Können sich diese guten Geister nicht auch durch Menschen offenbaren, durch solche Menschen, die auf Grund ihres Gott wohlgefälligen Lebenswandels zu solcher Stufe gelangt sind, daß sie ... Geistesgaben würdig sind, zukünftige Dinge zu sehen, hell zu hören und auch, das Stoffliche durchdringend, Geistwesen zu sehen?

Ein guter Bekannter von mir, welcher ebenfalls mit Ihren Lehren seit längerer Zeit vertraut ist, hatte Gelegenheit, an mehreren Zusammenkünften von Spiritualisten teilzunehmen, wo durch Medien u. a. auch Bibelerklärungen gegeben wurden, welche zu seinem Erstaunen mit denen der Ernsten Bibelforscher absolut übereinstimmen.

Auch die Andacht vor und während solcher Zusammenkünfte ließe auf alles andere als auf böse Einflüsse schließen. Wie denn auch überzeugte Anhänger schon in ihrem Lebenswandel so eingestellt sind, daß nach menschlichem Ermessen von schlechten Einflüssen keine Rede sein kann. ...

Dies alles hat mir und einem Freund seit geraumer Zeit viel zu denken gegeben. Wollen Sie mir anhand von Schriftbeweisen eine ausführliche und überzeugend Antwort zukommen lassen, welche unsere Zweifel hebt und uns gegen diesseitige Anfechtungen zu wappnen vermag."

Soweit die sicherlich nicht "kurz" abgefasste Fragestellung, die zugleich einige geschickte Steilvorlagen für das GZ mit enthielt, etwa die, die Bibelerklärungen würden,
Zitat

"zu seinem Erstaunen mit denen der Ernsten Bibelforscher absolut übereinstimmen."

In der Antwort darauf schreibt dann das GZ:
Zitat

"Der Spiritualismus, wie ihn der Fragesteller darstellt, ist eine Abart oder nur eine moderne Bezeichnung der sog. Theosophie (d. i. "Wissenschaft von Gott" oder vom Göttlichen), die heute, besonders in der von Dr. Rudolf Steiner begründeten Form der Anthroposophie, viele zum Teil aufrichtige und edle Geister gefangen nimmt.

Wir beschränken uns hier darauf, unsere grundsätzliche Einstellung zu derartigen Lehren darzulegen.

Und dazu meint das GZ dann:
Zitat

1. Alle theosophischen Lehren (wovon auch der Spiritismus eine Abzweigung ist) wollen Wege oder Methoden sein, die uns zur Erkenntnis höherer, geistiger Welten und Wirklichkeiten, geistiger Wesen, selbst Gottes bringen sollen. Diese Erkenntnis soll weiter zu einer Steigerung der menschlichen Natur, zur Gottähnlichkeit, zur Vergeistigung, ja schließlich zur Vergottung des Menschen führen.

Es ist mithin ein Weg zur Selbsterlösung des Menschen durch das Mittel eines systematischen geistig-sittlichen Trainings. Damit stoßen wir aber schon auf den entecheidenden Punkt: Diese Lehren leugnen samt und sonders den Wert des Lösegeldes Jesu Christi. Daß im übrigen bemerkenswerte sittliche Gesichtspunkte eingenommen werden, daß Befreiung von niederen Leidenschaften, Furcht, Selbstsucht zu den Erfordernissen dieses Erkenntnisweges gehören, ja daß sogar der christlichen Ethik und der Bibel eine Ehrenstelle eingeräumt werden unter den Hilfsmitteln der geistig-seelischen Entwicklung, kann neben diesem Fundamentalirrtum nicht mehr sehr ins Gewicht fallen und nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Lehren vom Widersacher inspiriert sind. ...

2. Theosophen und Spiritualisten erklären, daß heute auch in religiösen Dingen die Zeit des Glaubens vorüber und die einer mehr wissensmäßigen Erkenntnis (mit Hilfe "höherer Erkenntnismethoden", die die Fähigkeit des Hellsehens und -hörens entwickeln sollen) angebrochen wäre. Dieses ist nicht der Standpunkt der Heiligen Schrift, welche vielmehr erklärt, "daß es ohne Glauben unmöglich sei, Gott wohlzugefallen" ... und "daß, wer Gott naht, glauben muß, daß er ist". Demgegenüber wird die Erkenntnis gering eingeschätzt. ...

Der gefallene Mensch ist unfähig, den Weg des Heils selbst zu erkennen. Darum eben hat Gott ihm sein Wort gegeben, damit er nicht durch menschliche Erkenntnismethoden weise werden müsse, sondern durch Glauben zur Erkenntnis gelangen könnte; damit auch Gelehrte und Gebildete und Kluge nichts vor den Ungelehrten und Einfältigen voraus hätten. ...

Nirgends weist der, welcher gesagt hat;
"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich" darauf hin, daß ein Christ der Fähigkeit des Hellsehens und -hörens bedürfte.

3. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß die "Gnadengaben des Geistes", von denen l. Korinther 12 ; 8-10 die Rede ist, den ersten Christen als Lohn für ein besonderes Verdienst verliehen worden seien. Sie wurden ihnen zum Zeugnis ihrer Sohnschaft und zu einem Zeugnis für die unbekehrte Welt verliehen (l. Korinther 14:22), weil in jener Zeit zur Ausbreitung der Lehre noch etwas handgreiflichere Beweise für die Macht des Geistes der Wahrheit nötig sein mochten.

Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, daß die ersten Nachfolger des Herrn eine "höhere Entwicklungsstufe" erreicht gehabt hätten als spätere. Diese hatten, wenn ihnen gewisse Gaben des Geistes nicht mehr verliehen wurden, jenen gegenüber den großen Vorzug, den vollständigen Kanon des göttlichen Wortes zu besitzen.

Der Apostel legt gar kein sehr großes Gewicht auf diese mehr äußerlichen Gaben des Zungenredens, Wunderwirkens, Heilens. (Mit prophezeien, l. Korinther 14:5, ist übrigens das "öffentliche Auslegen der Schrift", nicht "weissagen" gemeint.) Er verkündet vielmehr voraus, daß sie alle verschwinden würden, und allein die Liebe bleibe (l. Korinther 13 ; 8). Wichtiger ist die Pflege der Charakterfrüchte des Geistes (Galater 5; 22 und l. Korinther 13 : l).

4. Das Wort Gottes weiß nichts davon, daß Menschen willkürlich in Verkehr mit lauten Geistwesen treten können, oder daß solche selbständig mit Menschen in Verbindung treten. Die Engel sind Gottes treue und ergebene Diener, die nicht das Geringste aus sich selbst, noch weniger auf Befehl oder auf Wunsch des Menschen tun. Und den Menschen ihrerseits ist geboten: "Ihr sollt nicht ändern Göttern nachgehen ... denn ein eifernder Gott ist Jehova" ...

Die Heilige Schrift kennt oder gebietet keine Engelverehrung. Der Christ hat mit keinem Geistwesen Verbindung zu suchen und zu wünschen außer mit Gott, dem Herrn, und unserem göttlichen Mittler Jesus Christus ...
Würde sich doch auch ein irdischer Fürst bedanken, wenn seine Untertanen, indem sie eine Vergünstigung von ihrem Herrn erlangen wollen, seine Diener statt ihn selbst darum ansprechen wollten.

Wenn daher irgendwelche Geistwesen selbständig mit dem Menschen in Beziehung treten - und in der Tat kann der Mensch nichts außerordentliches leisten, die Grenzen seiner Natur und Erkenntnis nicht überschreiten ohne entweder die Hilfe Gottes oder der Dämonen - dann sind diese Geister immer abgefallene dämonische Wesen, mögen sie sich noch so sehr als Engel des Lichtes gebärden. Selbst wenn sie die Wahrheit redeten, verdienten sie kein Vertrauen, sondern müßten abgelehnt werden, wie Paulus es in Philippi mit der wahrsagenden Magd machte (Apostelgeschichte 16 : 16-18) und unser Herr mit dem Besessenen (Markus l ;24).

Noch weniger kann es Sache des Menschen (der außerstande ist, sich selbst zu erlösen) sein, "niedere Geistwesen", die mit ihm Verbindung suchen, "anhand der Lehre Christi seelisch höher zu führen". Es ist, wie die vielen Volksmärchen vom übertölpelten Teufel beweisen, ein alter Trick Satans, sich unbedeutender und dümmer darzustellen, als er ist. Tatsächlich ist Satan ein dem Menschen weit überlegenes, kein "niederes" Wesen ... und wer sich mit ihm oder seinen Abgesandten einläßt, sehe zu, daß er nicht der Betrogene sei.

5. Leider bietet selbst große Intelligenz und ein "guter" Charakter keine Gewähr dafür, daß ein gefallener Mensch nicht vom Widersacher geblendet, dem Irrtum anheimfallen könnte. Daher sollte man die Anhängerschaft selbst rechtschaffener, liebenswürdiger und intelligenter Leute niemals für den Beweis der Wahrheit einer Lehre halten. Wir haben übrigens auch keinen Grund uns von irgendwem sagen zu lassen, was die Wahrheit sei. Gottes Wort ist die Wahrheit ... Und "jeder, der weiter geht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, hat Gott nicht"

Schon am Umfang dieser Antwort kann man ablesen, dass die zeitgenössische WTG insbesondere die "Anthroposophie" nebst der sogenannten "Christlichen Wissenschaft", als die für ihr eigenes System relevantesten Bedrohungen ansah.

von Drahbeck - am 25.11.2010 23:16
Wie "tickten" sie denn, die zeitgenössischen Bibelforscher, namentlich in bezug auf ihre Technik-Euphorie, welche von ihnen "biblisch" verklärt wurde. Diese "biblische Verklärung" erwies sich im Rückblick so überflüssig wie ein Kropf.

Ein Beispiel ihre zeitgenössische These das "Hin- und Herrennen", das man meint aus der Bibel herauslesen zu können, und das von ihnen (etwa in der "Harfe Gottes") auf moderne Reisemittel bezogen wurde, musste schon einige Jahrzehnte von ihnen selbst wieder auf den Müllhaufen befördert werden.

Einen Beleg dafür kann man auch im "Wachtturm" Jahrgang 1939 (S. 350f.) vorfinden, wo diesen Aspekt betreffend, nun als "neues Licht" verkündet wurde:
Zitat

"Zu seiner eigenen bestimmten Zeit offenbart Jehova seinem Volke sowohl sich selbst als auch sein Vorhaben. Seine Prophezeiung kann daher nicht verstanden werden, bis Gottes bestimmte Zeit zu ihrem Verständnis gekommen ist. Dies wurde dem Propheten Daniel deutlich gesagt. Er schreibt: "Und ich hörte es (die Prophezeiung durch den Engel) aber ich verstand es nicht, und ich sprach: "Mein Herr, was wird der Ausgang von diesem sein? Und er sprach: Gehe hin Daniel, denn die Worte sollen verschlossen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes." Und das Daniel verschließe die Worte und versiegle das Buch bis zur Zeit des Endes. Viele werden es durchforschen (viele werden hin und her rennen (engl. B.) und Erkenntnis wird sich mehren. (Dan. 12:8,9 4)

Nun kommt der bemerkenswerte Satz:
Zitat

Eine gute Weile haben Erforscher der Prophezeiung gedacht, in der Erfüllung bezögen sich die letzterwähnten Worte auf das Hin- und Herrennen der Menschen auf der Erde mittels schneller Verkehrsmittel, wie Lokomotiven Schiffe Autos Flugzeuge und ähnliche Mittel, ferner auf die große Zunahme der Erkenntnis bezüglich der Dinge auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Erforschung, wie Radio usw., was zeitlich mit der Entwicklung des Schnellverkehrs auf der Erde zusammenfällt."

Hier schon "vergisst" der "Wachtturm" zu spezifizieren, wer denn diese vermeintlichen "Erforscher der Prophezeiung" waren, nämlich niemand anders als die Spitze der eigenen Organisation!

Weiter geht es im WT-Text:
Zitat

"Man beachte aber, dass mit der wissenschaftlichen Entwicklung oder der Erfindung von Maschinen Gottes Volk nicht in besonderer Weise verbunden gewesen ist. In der englischen Übersetzung werden alle Worte "hin und her rennen" gebraucht. Offenbar weisen sie jedoch nicht auf irgendwelche schnelle Reisen von einem Ort zum andern hin, ja nicht einmal auf eiliges Forschen. Die Worte weisen deutlich auf Fleiß hin, (nicht auf Eile). Im Suchen nach etwas was befriedigt, und wer etwas anderes sucht als das Wort des Herrn, findet es nicht. In der Elberfelder Übersetzung lautet die Stelle von Daniel 12:5 richtiger Weise
"Viele werden es durchforschen und die Erkenntnis wird sich mehren."
So lautet dieser Text sozusagen in allen anderen deutschen Bibel ebenso in der skandinavischen Übersetzung."

Um 1925 war diese Ernüchterung noch nicht akut. Da schwebte man noch auf "Wolke sieben" der eigenen Technik-Euphorie. Ein Beispiel dafür auch jener im "Goldenen Zeitalter" (Schweizer Ausgabe vom 1. 12. 1925; Ausgabe Magdeburg 1. 1. 1926) veröffentlichte Artikel unter der Überschrift:
"Stimmenverbindung im Weltall". Aus ihm nachstehend einige charakteristische Auszüge:
Zitat

"Der Gedanke der Stimmenverbindung im Weltall ist überraschend. Aber überraschende Dinge sind heute an der Tagesordnung. Die letzten Jahre brachten so viele Überraschungen, und die Menschen haben so oft staunend vor neuen Dingen gestanden, daß sie heute schon fast daran gewöhnt sind und etwas Außergewöhnliches geschehen muß, ehe sie in Staunen versetzt werden.

Das ,,Unwiderstehliche" der physischen Tatsachen von heute hat so viele der "feststehenden" Theorien und Glaubensbekenntnisse von gestern zertrümmert, daß die Welt buchstäblich mit den Trümmern der Zeit übersät ist. Diese Trümmer können nicht wieder zusammengesetzt und wieder hergestellt werden. Das einzige, was getan werden kann, ist, den Schutt wegzuräumen, um Raum für etwas anderes zu schaffen. Was dieses "andere" sein wird, wird man bald sehen. Aber, was es auch sein mag, es wird einen weit größeren Maßstab haben und auf viel breiterer Grundlage der Erkenntnis ruhen, als alles, was man bisher gekannt und wovon man geträumt hat. Seine Erbauer werden viel Weisheit brauchen, um sich die ungeheure Menge des Wissenmaterials, das bisher gesammelt wurde, zu Nutze zu ziehen.

Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf. Doch ist er nicht der Schöpfer irgend eines ursprünglichen Stoffes. Aber bei dem Arbeiten mit den bereits vorhandenen Stoffen hat er innerhalb der letzten fünfzig Jahre so viele Erfindungen gemacht, daß er beinahe die Welt auf den Kopf gestellt hat, so weit Lebensweise und Arbeitsmethoden in Betracht kommen. Während dieser Zeit sind auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet mehr Erfindungen und Entdeckungen gemacht worden, als während der ganzen vorherigen Zeit seit das Menschengeschlecht besteht.

Als nächstes wähnt das GZ rekapitulieren zu sollen:
Zitat

Jeder Fünfzigjährige kann sich der Zeit erinnern, wo es noch keine Schreibmaschinen, Additionsmaschinen, Grammophons oder elektrische Waschmaschinen gab, wo man noch keine Autos, elektrische Bahnen, Unterseeboote und Flugzeuge kannte, keine Zentrifugen, keine Registrierkassen, keine Kinomatographen, keine Röntgenstrahlen, keine Vakuumreiniger, kein Telephon, kein Bogenlicht, nicht zu reden von tausend anderen Dingen, die wir jetzt täglich im Gebrauch haben.

Wir lächeln, wenn wir ein Kind, das beim Spiel mit seinen Bauklötzen eine neue Zusammenstellung gefunden hat, rufen hören; "Komm und sieh, was ich gemacht habe!"
Der Mensch ist nur etwas größer als so ein spielendes Kind und spielt mit etwas größeren Dingen, die ihm ein Anderer gegeben hat.

Und ein "Spielzeug" das es ihm besonders angetan hat, wähnt das GZ auch noch entdeckt zu haben:
Zitat

Wir haben jetzt wieder ein neues Spielzeug, das Radio. Welch eine Welt von Freude hat es Millionen Menschenkindern gebracht! Tausende, die wohl in der Stadt wohnen, die aber infolge von Krankheit, Alter oder Pflichten an das Haus gefesselt oder nach des Tages Last und Mühe erschöpft sind, können ihre Freude und ihre Erholung darin finden, daß sie das Radio hören. Und Tausende, die auf dem Lande wohnen und die Stadt nur selten besuchen können, können jetzt die besten Opern, Konzerte, Vorträge und Predigten, die in den entferntesten Städten gehalten werden, in ihrem eigenen Heim hören.

Mag man diese Euphorie aus zeitgenössischer Sicht, auch noch nachvollziehen können, so ist die nachfolgende Interpretation, doch wohl etwas weit hergeholt, wenn das GZ postuliert:
Zitat

Dieser neue Diener des Menschen ist der aufmerksamste, flinkste und gehorsamste, den die Menschheit je gekannt hat. Niemand weiß, wie lange er schon dagewesen ist und gewartet hat, daß ihn jemand zur Arbeit anstellte. Der Mensch hat ihn nicht geschaffen oder gemacht, sondern einfach "gefunden" und ihm verschiedene Kleider angefertigt, in denen er die verschiedenen Arbeiten verrichtet. Und seine Leistungsfähigkeit scheint unbegrenzt zu sein. Es macht keinen Unterschied, ob wir deutsch, französisch, englisch, russisch oder chinesisch sprechen, das Radio spricht alle Sprachen und steht uns zu Diensten, in welcher Sprache wir wünschen. Es bringt uns nicht nur die neuesten Nachrichten, Börsenberichte, Musik und Fröhlichkeit, sondern es berührt mit seinem Gesang auch die religiösen Gefühle in der Tiefe unseres Herzens und dient uns bei der Abendandacht mit dem Wort und stärkt und tröstet unsere Herzen. Und alles das können wir haben, ohne uns ankleiden oder bei schlechtem Wetter ausgehen zu müssen.

Als wir noch Kinder waren, lasen wir "Aladin und die Wunderlampe" und machten große Augen vor Erstaunen. Aber neben dem Radio sieht diese wunderbare Lampe wie ein Kinderluftballon neben einem Zeppelin aus. Alles, was die Phantasie je erträumte, wird von den wirklichen Tatsachen auf dem Gebiete des Radio übertroffen. Und bei alledem hat der Mensch nichts Neues geschaffen, auch hat er keine neuen Naturgesetze entdeckt.

Er hat einfach einen Weg gefunden, auf dem er sich etwas zu Nutze machen kann, das eine höhere Macht schon längst vorgesehen hat. Diese Welt ist ein angenehmer Ort, darin zu wohnen. Wenn alle Bösewichte an der Ausführung ihrer Absichten verhindert wären, wenn sich jedermann guter Gesundheit erfreuen könnte und es keinen Kummer, keine Sorge, keine Trauer, keine Unglücks- und Sterbefälle mehr geben würde, so würde es auf diesem Planeten fast so schön wie im Himmel sein. Er ist auch tatsächlich ein Teil des Himmels, einer der Himmelskörper, die unter der Herrschaft und Leitung des Einen, Höchsten stehen.

Mit einer Geschwindigkeit von 1600 km in der Minute, 108 000 km in der Stunde läuft diese Erde ruhig ohne viel Stoßen und Rütteln dahin. Sie läuft nicht auf Schienen, aber sie hält ihre genaue Bahn ein und kehrt auf die Minute pünktlich von ihrem Jahreslauf zu demselben Punkte zurück, von dem sie vor Jahresfrist ausging. Und dabei legt sie die weite Strecke von 931000000 km zurück.
Kein Schnellzug hat je pünktlicher seinen Kurs eingehalten, Sie muß offenbar einen ausgezeichneten Abfertiger und Führer haben.

Doch die Erde ist nur einer von einer großen Planetenfamilie, von denen alle in rasender Eile dahinsausen, majestätisch ruhig, stets pünktlich, ohne sich um einander zu kümmern oder einander zu stören, obwohl wir gelegentlich einen anziehenden Einfluß eines anderen Planeten fühlen, als ob dieser wünschte, näher mit uns bekannt zu werden.

Welche Überraschung würde es sein, wenn wir eines Abends mit dem Mars verbunden wären! Wenn wir die Ankündigung hören würden: ,,Station Hoffnung, Kanalzone, Planet Mars"! - Unsinn, wird man sagen, "das ist unmöglich!" Dasselbe sagten die Leute früher von vielen Dingen, die uns jetzt im täglichen Gebrauch dienen. Jemand möchte fragen: "Wie können wir wissen, ob der Mars bewohnt ist?" Wir wissen es nicht, aber es gab auch eine Zeit, in der unsere Erde noch nicht bewohnt war. Das war kein Beweis dafür, daß sie niemals bewohnt sein würde. Wenn uns jemand vor fünfzig Jahren gesagt hätte, ein Arzt in London wird den Herzschlag eines Patienten in Moskau, 2400 km weit entfernt, hören, ja sogar ohne Draht, würden wir zweifellos gedacht haben, bei dem Betreffenden sei im Oberstübchen etwas nicht ganz richtig. Und doch ist dies geschehen.

Was ist Unmöglichkeit? Das Wort ist bedeutungslos geworden. Wir können außer Stande sein, heute etwas zu tun; aber das ist kein Beweis dafür, daß wir morgen nicht im Stande sein werden, es zu tun. Wer kann wissen, ob wir morgen nicht imstande sein werden, mit dem Planeten unseres Sonnensystems eine Verbindung herzustellen? Ein großer Meister mit unbeschränkter Macht erschuf sie und erhält sie in ihrer Bahn, genau wie unsere Erde. Andernfalls würden wir sofort in Stücke zerfliegen. Diese Planeten erschufen sich nicht selbst, noch gaben sie sich selbst ihren Lauf, ebenso, wie unsere Taschenuhr sich nicht selbst machte und in Gang brachte. Jeder gesunde Verstand muß zugeben, daß die Offenbarung solcher Weisheit und Macht, wie sie sich in der Ordnung und Leitung unseres Sonnensystems dartut, ein Beweis dafür ist, daß ein intelligenter Schöpfer in den Himmeln ist. Die Bibel sagt, daß er Himmel und Erde gemacht hat, und es gibt gewißlich keinen Grund, an dieser Aussage zu zweifeln.

Wenn Gott den Menschen erschuf und ihn, mit Intelligenz und Fähigkeiten ausgerüstet, auf die Erde setzte, könnte er nicht, wenn er es wollte, mit Mars, Jupiter, Saturn und allen anderen Planeten also tun? Gibt es einen Grund, daß er nicht ein universelles Gesetz errichten und die Bewohner der Erde mit den anderen Planeten in Verbindung bringen könnte? Die Bibel erklärt, daß Engel von irgendwoher auf die Erde kamen und wichtige Botschaften und Unterweisungen beachten. Was könnte sie daran hindern, auch andere Planeten zu besuchen? Könnten sie nicht ebensogut zwischen den verschiedenen Planeten verkehren und ihre Bewohner miteinander in Verbindung bringen?

Auch als Prophet meint das GZ sich betätigen zu können, wenn es weiter verkündet:
Zitat

Es liegt nichts Unvernünftiges in dem Gedanken, daß alle Planeten einmal mit intelligenten Wesen bevölkert sein werden, die in Verbindung miteinander stehen. Zweifellos wird der Menschheit noch manche "Überraschung" vorbehalten sein. Wenn Gott intelligente Wesen erschaffen und auf diese Erde setzte und ihnen so wunderbare, herzerfreuende Dinge, wie das Radio geben konnte, ist kein Grund vorhanden, daß er dasselbe nicht auch anderswo tun und seinen Geschöpfen ein himmlisches Radio geben könnte, daß sie miteinander verkehren könnten.

Die Astronomen sagen uns, daß unser Sonnensystem nur wie ein kleines Kind in der großen Familie des Universums ist. Professor Curtis behauptet, mit Hilfe des mächtigen Teleskopes des Licht-Observatoriums in Californien 900 000 Spiral-Nebelflecke gezählt zu haben. Das Licht läuft mit einer Geschwindigkeit von 9 ½ Billionen Kilometer im Jahr. Jedoch sind einige Sterne des Universums so weit von uns entfernt, daß ihr Licht Tausende von Jahren braucht, um unsere Erde zu erreichen. Für die Menschen auf dieser Erde arbeitet das Licht schnell genug. Für alle ihre Bedürfnisse ist es augenblicklich zur Hand, Aber für eine interplanetarische Verbindung würde es viel zu langsam sein. Wenn etwas nicht in Ordnung wäre und sich eine sofortige Verbindung mit dem Hauptquartier nötig machte, und das ausgesandte Wort nur 300 000 km in der Sekunde durchlaufen würde, würde es Jahrhunderte lang dauern, bis eine Botschaft erhalten und ebensolange, bis Antwort zurückgesandt werden könnte. Und die Elektrizität würde für den himmlischen Verkehr wie ein Ochsenfuhrwerk sein, Gott muß etwas haben, was ihm viel schneller dient als das Licht und die Elektrizität, um mit den äußersten Teilen seiner unendlichen Herrschaft in Verbindung stehen zu können, und dieses Etwas wird vielleicht eines Tages auch seinen Geschöpfen zugängig gemacht werden.

Würde es nicht interessant sein, wenn wir von unserem kleinen Sonnensystem aus, das durch den Weltenraum dahinsaust, einmal eines der größeren Systeme anrufen und seine Bewohner kennen lernen könnten? Freilich rufen die Menschen heute noch wie aus einem Munde: ,,Unmöglich, unmöglich!" Aber wie können wir wissen, daß es unmöglich ist? Wenn Gott diese Millionen Sonnensysteme erschaffen und während all der vergangenen Millionen Jahre in wundervoller Harmonie erhalten hat, was könnte ihn daran hindern, sie weiter zu erhalten und sie schließlich zu bevölkern und in Verbindung miteinander treten zu lassen?

Wo so viele Unmöglichkeiten um uns her aufgehört haben, unmöglich zu sein, warum sollte da nicht noch mehr Unmögliches möglich werden?
"Aber, wir werden es nicht erleben" - werden hier manche sagen. Wie können Sie das wissen? Die Durchschnittsdauer des menschlichen Lebens nimmt von Jahr zu Jahr zu. Täglich mehrt sich die Erkenntnis und viele Menschen werden über hundert Jahre alt. In New York gibt es einen Klub der Hundertjährigen, dem niemand beitreten darf, ehe er nicht 100 Jahre alt ist. ...

Eine Stimmenverbindung des Weltalls in der Zukunft ist nicht unmöglich. Nichts ist dem Schöpfer unmöglich für seine Geschöpfe zu tun. Und warum sollten die Menschen nicht für immer am Leben bleiben können? Warum sollten menschliche Wesen nicht so lange leben können, wie die Engel? Warum sollten die Menschen nicht hier bleiben können, wo sie eingewöhnt sind, wo ihre Freunde sind, anstatt in den Himmel zu kommen, wohin die Wenigsten wirklich zu gehen wünschen?

Diese Erde ist wahrlich ein schöner Ort, und von Jahr zu Jahr wird sie schöner, besonders seit das Radio die Menschen mehr und mehr unter einander verbindet. Für die meisten Menschen ist die Erde sehr anziehend. Wenn jemand krank ist, tut er, was ihm nur möglich ist, um auf dieser Erde bleiben zu können. Er würde lieber von anderen Weltenkörpern eine Botschaft hören, als sich selbst hinzuwünschen. Und warum sollte Gott seinen Geschöpfen nicht zu seiner Zeit die Freude der Stimmenverbindung im Weltall schenken?"

Da mag man als abschließenden Kommentar zu diesen GZ-Ausführungen wohl nur noch anmerken. Da lies wohl Jules Verne grüßen. Nur, benötigte letzterer keine biblischen Verbrämungen!

von Drahbeck - am 13.12.2010 00:10
Im Impressum der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 12. 1925, findet man - erstmals - bei Angabe der verschiedenen Postscheckkonten für den Bezug des GZ, auch die beiläufige Angabe eines solchen Kontos beim Postscheckamt Karlsruhe. Die Besonderheit besteht darin, dass jenes Konto bezeichnet wird für GZ-Bezieher "die dem Bibelhause Bern zugeteilten Gebiete in Süddeutschland".

Als Hintergrund jener Entscheidung ist wohl auch zu sehen, dass laut den Jahrbuchstatistiken, die Zahl der WTG-Hörigen Bibelforscher in der Schweiz, für das Jahr 1928 auf magere 763 beziffert werden. Zehn Jahre später dümpelte man immer noch auf einer "Größenordnung" von 813 vor sich hin. Erst nach 1945 änderte sich das. In den zwanziger Jahren war schon das Saargebiet, Elsaß-Lothringen, Österreich, sowie sonstige deutschsprachige Bevölkerungsteile im europäischen Ausland (außerhalb Deutschlands) für den GZ-Bezug dem Berner WTG-Büro zugeteilt. Jetzt eben aber auch Süddeutschland.

Der Hintergrund wird noch deutlicher beachtet man, dass die Magdeburger Ausgabe des GZ zur gleichen Zeit ihre Auflagenhöhe auf 250.000 beziffert. Von solchen Umsatzzahlen konnte man in der Schweiz nicht im entferntesten träumen. Deshalb wohl vorgenannte Entscheidung. Das Karlsruher Konto lässt sich erstmals in der Schweizer GZ-Ausgabe vom 1. 12. 1925 nachweisen. Dort aber noch ohne die Spezifikation, für Süddeutschland zuständig zu sein. Auch hierbei zeigt sich. Der Schweiz blieb der erste Weltkrieg und Folgewirkung (Inflation) weitgehend erspart. Im bürgerlichen Milieu der Schweiz hatte es die "Proletenreligion" Bibelforscher mehr als schwer. Allerdings, beginnend mit der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 1. 3. 1926, verschwand diese Süddeutschland betreffende Notiz wieder sang- und klanglos. In der Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" war sie indes nie enthalten gewesen.

Noch eine weitere Besonderheit ist in der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 12. 1925 zu registrieren. Und zwar der kommentarlose Abdruck eines Leserbriefes. Sein Inhalt verwundert ja gar nicht so sehr. Aber indem er kommentarlos und ohne den geringsten Widerspruch abgedruckt wurde, identifizierte jene GZ-Redaktion sich ja weitgehend mit ihm. Sein Inhalt pure Kaffeesatz-Spekulation. Was meinte der Leserbriefschreiber zu wissen? Nun unter anderem dieses:
Zitat

"Der Prophet Jeremia bezeichnet im Kapitel 52 ; 12 seines Buches den zehnten Tag des fünften Monats als das genaue Datum der Zerstörung Jerusalems unter Zedekia im Jahre 607 vor Chr. (oder, wie man auch sagen kann, 606 Jahre vor Chr.)
An diesem Tage begannen die 7 "Zeiten der Nationen", d. h. die 2520 Jahre der Lehensherrschaft der Nationen, Sie endigen auf den Tag genau 2520 Jahre später, am 1. August 1914."

Und dazu wird folgende Spekulation angestellt:
Zitat

"Die biblischen Monate begannen bekanntlich jeweils mit dem Neumond; der l. Monat des sog. heiligen Jahres mit dem l. Neumond nach der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche; der fünfte Monat mit dem fünften Neumond etc.
Der 5. Neumond nach der Frühlings-Tag-und Nachtgleiche des Jahres 1914 fiel auf den 22. Juli, abends 9 Uhr 38 Minuten.
Nach biblischer Zählung beginnt ein neuer Tag nicht, wie wir heute zu rechnen pflegen, um Mitternacht, sondern am Abend mit Einbruch der Dämmerung. Demnach fiel der fünfte Neumond des Jahres 1914 oder der erste Tag des fünften Monats nach biblischer Zahlung eigentlich auf den 23. Juli.
An diesem Tage stellte Österreich-Ungarn sein verhängnisvolles Ultimatum an Serbien. Der 10. Tag des 5. Monats fiel demnach im Jahre 1914 auf den l. August, dem Tage des Ausbruches des Weltkrieges, wo der große und unaufhaltsame Zermalmungs- und Vernichtungsprozeß der Nationenherrschaft einsetzte ...

Im 2; Buch der Könige; Kapitel 25 ; 8, berichtet der Chronist, daß Nebusaradan, der Oberste der Leibwache Nebukadnezars schon am 7. Tag des 5. Monats, von Ribla in Syrien herkommend, mit dem Auftrage Nebukadnezars eintraf, Jerusalem, zu zerstören."

Es sehr "sehr einleuchtend", so weiter dieser Leserbriefschreiber,
Zitat

"daß die Stadt nicht sofort nach dem Eintreffen Nebukadnezars angezündet wurde. Zwischen der Zeitangabe in 2. Könige 25 ; 8 und Jeremia 52 ; 12 besteht darum einleuchtenderweise kein Widerspruch. Zwischen dem 7. und 10. Tage wurden anscheinend die Kostbarkeiten: die Gefangenen u. a. m., aus der Stadt herausgeschafft, bevor man sie in Flammen aufgehen ließ. Es ist nun sehr bemerkenswert; daß im Jahre 1914, am Abend des 28. Juli, nach biblischer Zeitrechnung zu Beginn des 29. Juli oder des 7. Tages des 5. Monats (dem Jahrestage des Eintreffens Nebusaradans mit dem Zerstörungsbefehl in Jerusalem) die ganze zivilisierte Welt durch den Telegraph und Extrablätter Kenntnis von der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien erhielt. - So sehen wir in der Heiligen Schrift mit bewundernswerter Präzision das Ende der Zeiten der Nationen in drei bedeutsamen Phasen auf den Tag genau markiert; l) das Ultimatum Österreichs an Serbien,
2) die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und
3) den Ausbruch des Weltkrieges."

Da klopft man sich also wieder mal gegenseitig kräftigst auf die Schenkel, was für "wundersame" "Erkenntnis" man doch aus einem verschimmelten Kaffegrund nach dreimaligem Aufkochen, noch heraus zu destillieren weis!

von Drahbeck - am 18.12.2010 02:19
Die "religiösen Sozialisten", eine Minderheit innerhalb des Protestantismus. Nie über den Rahmen einer Minderheit hinaus gekommen. Im Gegensatz dazu die "Deutschnationalen". Die dominierten den Protestantismus und waren letztendlich Mit-Wegbereiter des Nationalsozialismus. Und von einer "Minderheit" kann man im letzteren Falle nun überhaupt nicht reden. Selbst die (durch Erfahrung) in zunehmende Opposition zum Naziregime gelangende "Bekennende Kirche", weist in ihren Reihen auch "stramme Deutschnationale" auf. Stellvertretend sei dabei nur auf das Buch von Niemöller "Vom U-Boot zur Kanzel" verwiesen.

Das es innerhalb des Protestantismus die relativ schwache Strömung der "religiösen Sozialisten" überhaupt gab, ist maßgeblich auch der atheistischen Konkurrenz namens Freidenker zuzuschreiben. Letztere tangierten das "religiös Eingemachte" im besonderen Maße. Und als "Puffer" zwischen beiden etablierten sich die "religiösen Sozialisten", welche zwar einige politische Forderungen des Freidenkertums verständnisvoller gegenüberstanden, als etwa die Deutschnationale Majorität. Jedoch im Gegensatz zum Freidenkertum auf eine religiöse Sozialisation, als ihrer Meinung nach, notwendig bestanden. Am massivsten wurden denn die "religiösen Sozialisten" auch von den Freidenkern angegriffen. Während die deutschnationale Majorität des Protestantismus, sich dabei "dezent" im Hintergrund hielt. Wohl wissend. In den eigenen Reihen spielen die ohnehin keine Rolle.

In gewisser Hinsicht kann man ja auch die Bibelforscher als eine Art analogen Puffer zu den dominierenden Deutschnationalen ansprechen. Allerspätestens wird dies bei ihrer Polemik etwa gegen "Stahlhelmpastoren", oder auch bei ihrer Aufnahme von Elementen des Pazifismus deutlich.

Hierbei ist es wiederum beachtlich, dass die Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 12. 1925, in der Form einer Fragebeantwortung, auch auf die "religiösen Sozialisten" zu sprechen kam (Die Berner Ausgabe des GZ übernahm dieselbe Thematik, ziemlich verspätet. Erst in ihrer Ausgabe vom 15. 8. 1926). Das Ergebnis dieser Ausführungen ist analog dem Verhältnis Freidenker zu religiöse Sozialisten einzuschätzen. Beide sehen gewisse Elemente die sie auch schätzen, bei der Konkurrenz. Für beide ist jedoch das Konkurrenzmotiv alles andere überschattend!

Der Fragesteller im GZ teilt einleitend mit, er persönlich gehöre als Mitglied zur religiös-sozialistischen Bewegung. Er habe desweiteren im GZ auch Ausführungen vorgefunden, welche auch ihn interessiert hätten. Und nun erheischt er Auskunft darüber, wie es denn das GZ insgesamt mit den religiösen Sozialisten halte.

In der Beantwortung dessen schreibt das GZ dann:
Zitat

"Es ist unzweifelhaft richtig, daß die Menschheit aus den Händen des Kapitalismus befreit werden muß, denn unter gar keinen Umständen sind die Finanz- und Wirtschaftsverhältnisse der Gegenwart zufriedenstellend, sondern müssen den Widerspruch jedes gerecht denkenden Wesens hervorrufen. Der ideale Zustand des Königreiches Gottes auf Erden ist unzweifelhaft der, daß eines jeden Menschen körperliche und wirtschaftliche Wohlfahrt vollauf gesichert ist, während unter den gegenwärtigen Verhältnissen gesagt werden muß, daß nur die wirtschaftliche Wohlfahrt einiger weniger - weit über das Maß ihrer Bedürfnisse hinaus - gedeckt ist, währenddes die große Masse mit leeren Händen und magerem Leide sich einem Ungeheuer gegenüber gestellt findet, das in wahnsinniger Gier die Schätze der Erde auf große Haufen rafft und sie sorgfältig bewachen läßt; nie in der Lage, sie zu verbrauchen und dennoch unbarmherzig nicht bereit, vom Überfluß auch nur ein Geringes denjenigen mitzuteilen, die nicht einmal das Notwendigste zum Leben haben. Die Frage ist nun die, sind die ohne Zweifel ungesunden Verhältnisse zu beseitigen auf Wegen, wie sie der Sozialismus unserer Tage anbahnt? Wir verstehen völlig zu unterscheiden zwischen allgemeinen Sozialismus und dem hier zur Besprechung gelegten religiösen Sozialismus; wenngleich uns das Programm des letzteren nicht in allen Einzelheiten bekannt ist, so zeigt doch ein Ausdruck in der vorliegenden Frage, daß ohne Zweifel diese Bewegung mit ihrem hauptsächlichen Ziele, Bekämpfung des Ungeheuers Kapitalismus, das eigentliche Übel nicht kennt und infolgedessen auch nicht in der Lage ist, ihm erfolgreich zu Leibe zu gehen. Das Übel heißt nicht Kapitalismus; denn der Kapitalismus ist nur eine Begleiterscheinung des eigentlichen Übels und selbst wenn es gelingen würde, einen Zweig des riesengroßen Baumes "Selbstsucht", genannt Kapitalismus abzuschlagen, so würden tausend andere Zweige in einem Augenblick wachsend, die Erde und Menschheit mit neuen Übeln überschwemmen. Das Übel heißt Selbstsucht, und die Selbstsucht entspringt der Sünde."

Spätestens an dieser Stelle, würde (sofern das möglich) ein Karl Marx kommentieren. Wieder einmal ein Beispiel unterschiedlicher Welterklärungen von Seiten der Religionen und Philosophen. Die es dabei jedoch bewenden lässt, in irgendwelchen "Erklärungen" zu versanden. Nichts reales tut außer der Kultivierung des Wolkenkuckuchsheim.

von Drahbeck - am 19.12.2010 01:52
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