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Forum zu den Eisenbahnen in Polen
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Erster Beitrag:
vor 8 Jahren, 5 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 8 Jahren, 4 Monaten
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Niels K., HFR, Joachim Piephans, LVT771, brejlovec750

Der Bahnhof vor den Toren der Stadt

Startbeitrag von HFR am 14.07.2009 20:55



Ein Bahnhof, größer als Großstandstationen wie Bochum, Erfurt oder Kiel. Oder größer als Stuttgart 21: Zehn Bahnsteiggleise, dazwischen weitere Durchfahrtsgleise für Güterzüge, zwei große Güterbahnhöfe, ein Ringlokschuppen, zwei Wassertürme, lange Bahnsteige mit großzügigen Überdachungen und niveaufreien Zuwegungen durch eine üppig dimensionierte Bahnsteigunterführung. Dazu ein Empfangsgebäude mit Fahrkartenschalter, Diensträumen und Restauration: Das ist der Bahnhof von Zagan, dem ehemaligen Sagan.

Ein Bahnhof, der so viel zu groß für diese Kleinstadt zu sein scheint, doch zu Hochzeiten der Eisenbahn, die hier einst in nicht weniger als sieben verschiedene Richtungen ein- und ausfuhr, durchaus standesgemäße Ausmaße aufwies. Auf der kürzesten Strecke von Berlin nach Schlesien machten die Schnellzüge hier Station, fuhren hier die Güterzüge auf schnurgeraden, zweigleisigen Hauptbahnen von Schlesien nach Mitteldeutschland. Genauso wenig, wie sich nach dem Krieg der Name des Bahnhofes änderte – nur der erste Buchstabe wurde getauscht, und das "n" erhielt einen kleinen Hut – so unverändert liegt die gewaltige Anlage auch im Jahre 2009 nahezu vollständig und funktionsfähig vor den Toren der Stadt.

Schon vor ein paar Jahren, bei einer Durchfahrt mit dem „Wawel“, faszinierte mich dieser riesige Bahnhof, der in seiner augenscheinlichen Intaktheit, als stummes Relikt vergangener Eisenbahn-Herrlichkeit, so geisterhaft verlassen wirkte: Züge gab es weniger als der Bahnhof Gleise hatte, die abzweigenden Strecken waren allesamt eingestellt. Inzwischen ist das Angebot wieder ein wenig ausgebaut worden, und durch die zwei Zugpaare auf der reaktivierten Strecke nach Niegoslawice ist Zagan wenigstens nicht mehr nur ein profaner Durchgangsbahnhof. Dennoch würde für der Abwicklung des Reisezugverkehrs ein Bahnsteig mit zwei Gleisen reichen. So umfängt den Reisenden eine eigentümliche Stimmung, wenn er vollkommen alleine vor den immer noch besetzten Fahrkartenschalter tritt, hallenden Schrittes durch den Bahnsteigtunnel schreitet und dann mit drei, vier anderen Fahrgästen auf den endlos langen Bahnsteigen auf seinen Zug wartet.

Die folgenden Bilder entstanden am 27. Juni 2009. Ein grauer Tag, der den Eindruck der Vergessenheit und der Tristesse noch verstärkte.

Gut zwei Kilometer liegt der Bahnhof vom Zentrum entfernt, vorbei an der Kaserne und durch spärlicher werdende Bebauung führt der Weg dorthin. Nur selten bewegt sich ein Auto oder ein Passant über den Vorplatz, selbst der Stadtbus fährt oftmals ohne Halt vorüber. 5 vor 12 ist es für das vergleichsweise nüchtern gestaltete und – im Gegensatz zu den dahinter liegenden Bahnanlagen – für das einer Kleinstadt angemessene Empfangsgebäude aber hoffentlich nicht, denn das Zugangebot wurde nach Jahren der Stagnation und Kürzungen wieder ausgebaut.



Trotz mehrstündiger Zugpausen: Von morgens um 5 Uhr bis in den Abend hinein erhält man Fahrkarten im „personenbedieneten Verkauf“. Service, der rund 50 Kilometer weiter westlich längst nicht mehr selbstverständlich ist. Rechts über der Tür steht die Abfahrtstafel – durchaus vandalismussicher, aber nichts für Kurzsichtige.



Abseitige Lage, wenige Züge: keine Chance für die Restauration im Bahnhof. Die zugemauerte Tür wirbt heute für die Fahrradmitnahme im Zug oder Gruppenfahrten mit der PKP. Immerhin gibt es vor dem Bahnhof einen der typischen polnischen Kioske mit Imbiss und Bar. Dessen Besitzer, so erzählte er mir beim Zubereiten meines Hot-Dogs, habe bis vor ein paar Jahren Autos von Deutschland nach Polen überführt. Durch den schwachen Zloty sei damit aber kein Geld mehr zu verdienen.



Die Fahrkarte ist erworben, und durch die kleine Empfangshalle geht es in den Tunnel zu den Bahnsteigen. Immerhin 5 Bahnsteige wollen von hier aus erschlossen werden.



Eigentlich ist es egal, zu welchem Bahnsteig wir aufsteigen. Menschen sieht man ohnehin nirgendwo, und der nächste Zug fährt erst in über einer Stunde.



Gut verteilt finden auf allen Bahnsteigen Abfahrten statt, obwohl für den Zugverkehr ein Bahnsteig mit zwei Gleisen bequem ausreichen würden. Auf Gleis 1 und 2 herrscht nur kurz vor Sonnenaufgang ein wenig Betrieb.



Relikte aus der Dampflokzeit...



...und der Zeit der Deutschen Reichsbahn


Zagan von hinten.



Gleich zwei Güterbahnhöfe, einer an der Strecke nach Cottbus und einer an der alten Magistrale nach Guben und Berlin, schließen sich westlich an den Personenbahnhof an. Den Respekt hat die Eisenbahn wie auch ihre Bedeutung in Zagan längst verloren, präsentiert sie sich trotz ihrer ausladenden Dimension doch zumeist nur statisch. Und wo keine Züge fahren, kann wenigstens der Hund ausgeführt werden, denn bis der hinten erkennbare Schnellzug den Bahnsteig erreicht, werden noch über drei Minuten vergehen.



Vollklimatisierte Wagen, zugelassen für 200 km/h... Wie eine Zeitmaschine wirkt der Eurocity „Wawel“, der die Aura ferner Zielen wie Krakau, Hamburg oder Berlin für wenige Minuten in die Tristesse trägt. Quälend langsam schlägt der Zug über die Schienenstöße und ausgefahrene Weichen in den Bahnhof...



...um seine Fahrgäste kurze Zeit später, ebenso langsam, wieder in Richtung Breslau, Krakau, Berlin oder Hamburg, zurück in die Eisenbahnwelt des Jahres 2009 zu befördern.


Immerhin vier Reisende, unterwegs zwischen Deutschland und Polen, honorierten den Halt in Zagan mit einem Ausstieg. Und auch die Aufsicht hat wieder für eine dreiviertel Stunde Pause.


Viele Grüße

Heiko


Antworten:

Klasse, Heiko!! Super gemacht (hast Du auf s/w-Negativfilm belichtet? oder digital fotografiert?)!!
Na, wir werden was zu erzählen haben demnächst :cheers: Wollen mal Brod nad lesie und Zagan vergleichen - hat ersteres doch nur zweieinhalb Bahnsteigkanten. Aber immerhin (noch) diverse Lokwechsel ;)

Gruß,
Joachim


von Joachim Piephans - am 15.07.2009 07:57
Hallo Heiko,

geschultes Auge für die dortige absurde Situation! Da werde ich zum :cheers: einige lebendige Fotos aus den etwas besseren Zeiten des Bahnhofs Zagan mitbringen.

Viele Grüße (bis nächsten Dienstag?)
Daniel

von brejlovec750 - am 15.07.2009 09:47
Auch von mir ein Dankeschön für diesen sehens-/lesenswerten Bericht. Ich habe den Bahnhof neulich links liegen gelassen, da es mich zu von den Dir hochverehrten Fahrzeugen nach Wegliniec zog. Ein ähnlich großer Bahnhof, der aber bei weitem lebendiger wirkt und ebenso mit interessanten Details glänzt.





:cheers: (Wann & Wo ;)?)



von Niels K. - am 16.07.2009 09:03

Wann, wo? Wegliniec, Busbahnhof...

Hallo Niels,

wann und wo? Joachim, Daniel und ich wollen uns am nächsten Mittwoch mal in Augsburg treffen. Einfach mal so zum Quatschen. Das haben wir letztes Jahr schon einmal gemacht. Es hat dann abends ein wenig länger gedauert - ich bin dann jedenfalls mit dem Pariser Nachtzug nach Stuttgart zurück gefahren...

Ja, Wegliniec mit seiner Bahnhofs-Burg... Da hast du ja auch einmal das Bild mit dem Desiro und dem "inversen" Bahnhofsnamen-Schriftzug gemacht. Der Knotenbahnhof wäre auch zweifellos einmal einen intensiveren Besuch wert. Zwar -zig Mal durchgefahren oder umgestiegen, ja, und einmal habe ich aus Neugier sogar einmal den Bahnhof über den Fußgängersteg verlassen um nach dem zugehörigen Ort zu schauen. Ich war mit der Ortsbegehung allerdings ziemlich schnell fertig und hatte auch das Gefühl, bislang nicht wirklich etwas versäumt zu haben.

Noch ein Nachtrag zu Zagan, nur der Fairness halber gegenüber der Eisenbahn: Der Busbahnhof liegt zwar zentraler und hat auch mehr Fahrgäste, aber vom Zustand und Fluidum her wird er vom Bahnhof um Längen geschlagen. Hier ein Foto der desolaten, schlagloch-übersäten Anlage, mit Wellblech-Empfangsgebäude zwischen Industriebrachen und einem Supermarkt (nicht im Bild) gelegen. Der neuere Teil des Pflasters im Bildvordergrund gehört auch schon zu diesem Supermarkt, dahinter beginnt die Kraterlandschaft des Busbahnhofes. Links der klapperige PKS-Bus, der mich aus Zgorzelec hierher brachte, rechts die ultramoderne ÖPNV-Flotte von PKS Zary, Betriebsstelle Zagan:


Viele Grüße

Heiko


von HFR - am 16.07.2009 11:53

Re: Der Bahnhof vor den Toren des Dorfs

Zitat
HFR
Hallo Niels,

wann und wo? Joachim, Daniel und ich wollen uns am nächsten Mittwoch mal in Augsburg treffen. Einfach mal so zum Quatschen....

Na dann wünsche ich Euch viel Spaß. Ich dachte, daß Ähnliches im "Zielgebiet" geplant wäre. Ein Plausch im "Zachen Biergarten" beispielsweise. Das ergäbe dann die optimale Verbindung des Angenehmen (Fototour) mit dem ebenso Angenehmen (Bierchen und lecker Essen + Schwatz). Allerdings gibts von dort wohl keinen Nachtzug, weder in Richtung Sachsen noch nach Bayern/BaWü ;)
Wobei ich gerade feststelle, daß es für eine späte Rückfahrt von Augsburg wohl den "Zwergenzug" gäbe, den ich eigentlich auch mal testen wollte. Würde als dritte "Nachtschicht" perfekt ins Programm passen ...


Zitat
HFR
Ja, Wegliniec mit seiner Bahnhofs-Burg... Da hast du ja auch einmal das Bild mit dem Desiro und dem "inversen" Bahnhofsnamen-Schriftzug gemacht. Der Knotenbahnhof wäre auch zweifellos einmal einen intensiveren Besuch wert. Zwar -zig Mal durchgefahren oder umgestiegen, ja, und einmal habe ich aus Neugier sogar einmal den Bahnhof über den Fußgängersteg verlassen um nach dem zugehörigen Ort zu schauen. Ich war mit der Ortsbegehung allerdings ziemlich schnell fertig und hatte auch das Gefühl, bislang nicht wirklich etwas versäumt zu haben.

Ich wollte deshalb den Betreff schon fast ändern, jetzt habe ich es getan. Wobei das "Eingangstor" zum Bahnhof ja schon fast großstädtische Qualitäten hat, ganz im Gegensatz zu meiner nicht ganz so gelungenen fotografischen Umsetzung dieses Motivs.




Zitat
HFR
Noch ein Nachtrag zu Zagan, nur der Fairness halber gegenüber der Eisenbahn: Der Busbahnhof liegt zwar zentraler und hat auch mehr Fahrgäste, aber vom Zustand und Fluidum her wird er vom Bahnhof um Längen geschlagen.

Ich muß gestehen, daß sich meine Erinnerung auf die Stadt Zagan hauptsächlich auf einen (vermutlich leicht überhopften) Erdenbürger beschränkt, der mir vors Auto (ja ich bekenne mich als Autoausflügler) sprang. Nur ein beherzter Tritt aufs Bremspedal verhinderte Ärgeres. :eek:

von Niels K. - am 16.07.2009 19:52

Re: ???

Zitat
Niels K.
daß es für eine späte Rückfahrt von Augsburg wohl den "Zwergenzug" gäbe


ZWERGENZUG ?? Bitte um Aufklärung!


von Joachim Piephans - am 16.07.2009 20:45

OT: Zwergenzug

Zitat
Joachim Piephans
ZWERGENZUG ?? Bitte um Aufklärung!


Unter der Zugnummer 1200 dürftest Du hier Aufklärung finden:
http://www.grahnert.homepage.t-online.de/r92-1200.pdf

Wer weiß wie lange es den (in Deutschland) noch gibt :confused:

von Niels K. - am 16.07.2009 20:53

Re: OT: Zwergenzug

Den kenne ich natürlich (nur nicht diesen seinen Spitznamen). Bin mal vor ein paar Jahren ganz angenehm im Kajütliegewagen gen Hauptstadt gereist. In ca. 80 Minuten kommt er unweit von hier vorbei. Aber so lang bleib ich nicht mehr auf ;-)

Ende des OT-Fadens und Gruß,
Joachim

von Joachim Piephans - am 16.07.2009 21:12
Hallo Danke für den Bericht, ich war bestimmt 15 Jahre nicht mehr in Zagan.

Gibt es eigentlich noch das BW mit den Abgestellten Dampfern ohne Anschluß an das Gleisnetz oder ist alles tot ??

Gruß Volker

von LVT771 - am 21.07.2009 09:02

tote Dampfer

Hallo Volker,

ich bin leider mit dem Bus bzw. zu Fuß an- und Richtung Legnica mit dem Triebwagen abgereist. Am Bw bin ich daher aktuell gar nicht vorbei gekommen.

Viele Grüße

Heiko

von HFR - am 24.07.2009 12:37
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