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Fotogalerie Baltikum und Osteuropa
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vor 6 Jahren, 2 Monaten
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vor 6 Jahren, 2 Monaten
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PKP-ST44, MichaelM, svoigt69, JisBjoern, Niels K., Fahrgast

An das östliche Ende der Ostbahn ...

Startbeitrag von Fahrgast am 29.05.2012 17:39

Die Ostbahn war einst eine der wichtigsten Verkehrsadern Europas. Sie verband Berlin mit den landwirtschaftlich geprägten östlichen Provinzen Preußens. Rund 750 Kilometer von Berlin entfernt endete sie in Eydtkuhnen an der damaligen (und gewissermaßen auch noch heutigen) russischen Grenze. Dorthin führte eine Exkursion in den Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Los ging es am Vorabend des Himmelfahrtstages. Ohne Halt sollte es durch Polen bis an die russische Grenze gehen. Nach Sonnenaufgang erreichten wir in Czersk und zugleich einen Blechkistenzug, der ersichtlich gerade auf Überholung wartete. ST44 - 1110 musste also schnell auf den Chip:





In der Gegenrichtung war ST44 717 ebenfalls mit einer Schlange Containern unterwegs, aber sie fuhr gegen das Licht und wir wollten weiter.

Gegen Mittag war Braniewo / Braunsberg erreicht, die letzte Station auf dem polnischen Teil der Ostbahn. Wir entschieden uns, auf der der russischen Grenze zugewandten Seite zu warten, denn mit dem Güterzug aus Russland war am Nachmittag zu rechnen. Irgendwie müssen wir dort in der Nähe der russischen Grenze aufgefallen sein, denn alsbald erschien zielgerichtet eine Streife der polnischen Grenzpolizei. Nachdem diese unsere Dokumente kontrolliert hatte und sich von der Harmlosigkeit unseres Tuns überzeugen konnte, erhielten wir sogar eine nähere Information über die Fahrplanlage. Fast exakt zur avisierten Zeit kam dann auch der Güterzug aus Russland:



Der Zug fährt auf Breitspur, während das hintere Gleis regelspurig bis Kaliningrad / Königsberg führt.

Nach einem Quartier im örtlichen Hotel ging es am nächsten Morgen an die russische Grenze. Etwas mehr als zwei Stunden dauerten das Warten und der Übertritt.

Während dessen typhonierte es an der in Hörweite gelegenen Ostbahn. Ein Regelspurzug? Also führte der erste Weg in Russland zum Bahnhof im Grenzort Mamonovo / Heiligenbeil, wo tatsächlich die polnische ST44 1232 abfahrtbereit in Richtung Polen stand und kurz danach abdieselte:



Von der polnisch - russischen Grenze bei Braniewo / Braunsberg bzw. Mamonovo / Heiligenbeil bis Kaliningrad / Königsberg liegen ein breitspuriges und ein regelspuriges Gleis nebeneinander.

Der Bahnhof Swetloje / Kobbelbude ist nur noch ein Haltepunkt:



Diese Aufnahme entstand an der südlichen Peripherie von Königsberg bei Golubewo / Seepothen. Der tägliche Güterzug nach Polen verlässt Kaliningrad um die Mittagszeit. Das breitspurige Gleis führt direkt nach Königsberg. Die Regelspur verläuft ab hier gemeinsam mit der Breitspur als Vierschienengleis in einem Bogen zunächst nach Osten um dann von dort in den Königsberger Hauptbahnhof zu münden:



Auf dem Vierschiengleis konnte dieser regelspurige Sonderzug eines deutschen Veranstalters am Pfingstsonnabend im letzten Abendlicht erlegt werden.



Weiter ging es nach Kaliningrad / Königsberg. Nachdem das Hotel bezogen war, gab es zunächst ein kleines touristisches Rahmenprogramm und einen Spaziergang um den in den letzten Jahren wieder aufgebauten Dom. Wie fast die gesamte Stadt wurde das Bauwerk 1944/45 stark zerstört und brannte aus. Vielleicht wurde die Ruine von den Sowjets nur deshalb nicht gesprengt, weil sich unter ihr auch das Grab Imanuel Kants befindet:



O-Bus und Straßenbahn gehören zum Stadtbild:







Die Halle des Königsberger Hauptbahnhofs ist eines der wenigen Bauwerke der Stadt, die den Krieg überdauert haben. Für die heutigen Verkehrsbedrürfnisse ist sie jedoch etwas überdimensioniert.



Die beiden linken Gleise unter der Halle sind regel-, die anderen breitspurig. Der gesamte Bahnhof befindet sich in einem sehr sauberen gepflegten Zustand.

Auf dem Regelspurteil des Bahnhofs rangierte eine M62:



Bei der Lok handelt es sich um die A-Sektion einer Doppellok, die zu einer Einzellok umgebaut wurde.

Ein Blick auf den Bahnhofsvorplatz:



Von Kaliningrad aus führt die alte Ostbahn weiter Richtung Litauen. Hier tobt der Transitverkehr ins russische Mutterland.

In Oserki / Groß Lindenau begegnete uns die B-Sektion der 2M62U 0367, die wie die oben schon gezeigte Lok durch Nachrüstung eines Führerstandes zu einer einzelnen Lok umgebaut ist, mit einem Autozug:



Sonst haben wir von den auf Regelspur eingesetzten Loks abgesehen nur Doppelloks im Einsatz gesehen.

Ein Mitglied unserer Expedition hatte vorbildlich die Reisezugfahrzeiten recherchiert. Vielen Dank dafür an dieser Stelle! So konnte der Schnellzug Kaliningrad - Moskau erwischt werden:



Als Problem erwies sich dabei nur, dass die Fahrzeiten der Fernzüge nach Moskauer Zeit ausgewiesen werden. Da wir vor Ort zumeist zwei Gruppen gebildet hatten, erreichte uns via Handy noch die Warnung, dass der Zug überraschend schon eine Stunde eher auf uns zurollte.

Übrigens fiel mir danach auf, dass die Fahrplanaushänge auf den Bahnhöfen bei den Regionalzügen immer den Hinweis enthielten, dass die Zeitangabe die des Ortes ist. Zu dumm nur, dass der Russisch-Unterreicht in der Schule schon über 25 Jahre vergangen ist ...

Der Bahnhof Oserki bildete noch die Kulisse für weitere Ablichtungen:

2M62 0665 mit Kesselzug nach Osten:



Moderner Triebwagen neben altem preußischen Beamtenwohnhaus:



TEP 70 391 mit Schnellzug vor stillgelegter Industrieanlage



Das lang gestreckte Dorf Komsomolsk / Löwenhagen fällt durch ein saniertes, aber seinem Zweck nicht mehr dienendes Empfangsgebäude preußischen Baustils auf. Im alten Güterschuppen hat eine Familie eine Wohnung eingerichtet. Gegenüber anderen Gebäuden sieht das Haus gepflegt aus, aber kann sich einer von Euch vorstellen, ohne Wasseranschluss zu leben?

Das Gelände des Bahnhofs lässt dessen einstige Ausdehnung und Bedeutung erahnen. Aus Ostpreußen wurden einst Lebensmittel nach ganz Deutschland geliefert. Heute klettern nur wenige Reisende aus dem Triebwagen:



Östlich des Bahnhofs findet sich dieses preußische Beamtenwohnhaus:



Noch einige Meter weiter steht dieses alte preußische und noch heute Wohnzwecken dienende Postenhäuschen, dass sich ebenfalls gut als Motiv macht:





An derselben Stelle in der Gegenrichtung entstand am Tag zuvor dieses Bild mit TEP 70 0518 und dem Schnellzug nach Sankt Petersburg:




In Znamensk / Wehlau wurde eine TEP70 mit dem Schnellzug Kaliningrad - Moskau ...



... und 2M62 1172 vor der Kulisse des Wasserturms auf den Chip gebannt:



Ebenfalls in Znamensk entstand dieses Bild einer zusätzlichen Sicherung der Bahnübergänge gegen einfahrende Autos. Diese Technik wird an recht vielen beschrankten Bahnübergängen angewendet.



Östlich von Znamensk liegt Puschkarewo / Puschdorf. Ein schönes Empfangsgebäude mit meheren wohl nachträglichen Anbauten hat auch hier die Zeit überdauert und dient heute als Wohnhaus. Der Bahnhof ist zum Haltepunkt degradierd:







Wieder ein paar Kilometer weiter östlich liegt Meschdureze / Norkitten. Wir finden dieses schöne Empfangsgebäude ...



... und ein zum Bauerngehöft umfunktioniertes Eisenbahnerwohnhaus:



Ein paar Meter weiter noch ein altes Gemäuer, welches ich für ein altes Stellwerk halten würde:



Wir erreichen Insterburg. Den dortigen Rundlokschuppen hatte ich im Bild schon gezeigt. Hier das Empfangsgebäude:



Die Uhr rechts neben dem Portal zeigt die Moskauer Zeit.



Die Kacheln im Bahnsteigtunnel scheinen teilweise noch original preußisch zu sein:



Auch die Stahlkonstruktion der Bahnsteigüberdachung ist noch die alte.

Auf dem Bahnhofsgelände stehen als Denkmal eine russische Dampflok und eine TE:



Die Identität der Lok war vor Ort nicht zu ermitteln. Es steht nichts angeschrieben, der Rahmen war dick mit roter Farbe versehen, so dass die eingeschlagene Fabriknummer nicht zu lesen war.

Auch der alte Rundschuppen steht noch und wird ersichtlich durch Automobile benutzt. Ähnliche Lokschuppen gab es zum Beispiel in Schneidemühl und Berlin-Pankow.



An der östlichen Einfahrt nach Insterburg trafen wir 2M62U 0145 mit einem kurzen Güterzug.



Südlich von Insterburg lag einst Gerdauen, ebenfalls ein bedeutender Eisenbahnknoten. Heute an der Grenze Russland / Polen gelegen heißt die Stadt in Anlehnung an ihre Bedeutung Schelesnodaroschnie. Ein Teil des Güterverkehrs wird auf Regelspur abgewickelt. Leider erschien bei unserem Besuch exakt zu der am Morgen vom Lokpersonal prophezeiten Uhrzeit kein ganzer Zug, sondern nur eine Lehrfahrt. Das vordere Gleis ist breitspurig:



Östlich von Insterburg liegt Weselowka / Judtschen. Der Bahnhof ist zum Haltepunkt mutiert. Just zu unserer Besichtigung der Örtlichkeit rollten Güterzüge aus beiden Richtungen:





Etwas weiter nach Osten erleben wir TEP70 389, die mit dem Schnellzug Kaliningrad - Sankt Petersburg gerade den Bahnhof Gusev / Gumbinnen erreicht ...



... bzw verlässt:



Wir sehen zwei schöne wenngleich nicht mehr ganz unbeschädigte Wassertürme und im Hintergrund links ein unschwer dem typischen preußischen Baustil zuordenbares Gebäude der alten Güterabfertigung.

Weiter nach Osten Richtung Nesterov / Stallupönen treffen wir eine blaue 2M62 der Russischen Staatsbahn mit einem Transitgüterzug in Richtung litauischer Grenze.



Das das Motiv bildende Wärterhäuschen ist durch die landestypische Farbgebung nicht mehr auf den ersten Blick als preußisch zu erkennen.

Von hier aus sind es noch gut 15 Kilometer bis Eydtkuhnen, dem östlichen Endpunkt der Ostbahn. Da der Bahnhof als solcher ohnehin nicht mehr existiert und die Züge zwischen dem litauischen Kybartei / Wirballen und dem russischen Nesterov / Stallupönen durchrollen, wurde die Weiterfahrt nach Osten zugunsten anderer Programmpunkte an dieser Stelle aufgegeben.

Russische Straßen sind anspruchsvoll – nicht nur was die Sitten und Gebräuche der russischen Wagenlenker und den teilweise horrormäßigen Straßenzustand angeht. Hin und wieder kommt auf dem Land auch einmal eine freilaufende Kuh unvermittelt quer über die Straße:



Versöhnend wirken die Kraftstoffpreise:



Der Kurs Euro zu Rubel liegt etwa bei 1 zu 40 ...

Die Restaurantpreise in Königsberg sind teilweise weniger versöhnlich und für viele Einheimische nicht bezahlbar.

Wir verlassen die Oblast Kaliningrad zunächst via Sovjetsk / Tilsit.

Auf dem Weg dorthin finden wir in Bolschakowo / Skaisgirren in einer Pflasterstraße 750 mm-spurige Gleise:



Ein Blick in die Literatur (EK-Special Nr. 25 “Ostpreußen” und Bufe, Eisenbahnen in West- und Ostpreußen) verrät, dass hier einst die Insterburger Kleinbahn verkehrte und hier ein Schmalspurnetz existierte, das in seiner Ausdehnung das Netz von Mügeln in den Schatten stellte. Nichts gefunden habe ich dazu, ob diese Bahnen auch nach 1945 zunächst noch betrieben wurden.

In Tilsit stehen uns an der Grenze in der prallen Sonne bei 29 Grad 3 Stunden Wartezeit bevor. Zeit für ein Bild von der Luisenbrücke, benannt nach Königin Luise, der Gattin des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. 1809 wurde hier der Tilsiter Frieden geschlossen. Der Vertrag war für Preußen nicht gerade vortheilhaft. Luise soll am Tag vor der Unterzeichnung nochmals persönlich Napoleon angefleht haben, die Bedingungen zu überdenken, konnte diesen jedoch nicht zum Einlenken bewegen.



Die Brücke wurde vor dem Krieg auch von der elektrisch betriebenen 1000 mm-spurigen Kleinbahn Tilsit – Mikieten, die ins Memelgebiet führte, mit benutzt. Das Brückenportal blieb erhalten, die Brücke selbst wurde 1945 gesprengt.

Ich hoffe, der Querschnitt durch die Reise hat etwas Spaß und dem einen oder anderen auch Appetit gemacht!

Eine Fortsetzung folgt.

Viele Grüße

Der Fahrgast

Antworten:

Zitat
Fahrgast
Ich hoffe, der Querschnitt durch die Reise hat etwas Spaß und dem einen oder anderen auch Appetit gemacht!


Ehrlich gesagt viel zu viel! ;)

Danke für diesen tollen Bilderbogen aus einer doch recht selten besuchten Gegend.

von Niels K. - am 29.05.2012 18:14
Hallo Fahrgast,

ich würde sagen der Bericht hat keinen Appetit gemacht! Heißhunger würde es wohl eher beschreiben. :-)

Schöne Fotos und interessante Informationen aus einer Ecke, in die sich doch eher wenige verirren.

Und schon steigt das Fernweh wieder! ;) Ich hoffe Du wartest mit der Fortsetzung nicht allzulange. Bin schon gespannt!

Grüße
Chris

von JisBjoern - am 29.05.2012 19:01
Pan Steffek,

hab vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht; einfach nur Klasse!

Herzliche Grüße,
Sven

von svoigt69 - am 29.05.2012 19:53
Hallo Steffen,

vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht.
Er ist sehr Informativ und zeigt sehr schöne Fotostellen.
Das Fernweh steigert sich durch den Bericht für eine lange Zeit schwer erreichbare Region in Europa.

Viele Grüße
Ronny

von PKP-ST44 - am 30.05.2012 07:18

Der Bericht

macht wirklich Lust darauf, mal wieder in Königsberg vorbeizuschauen.

Fehlt eigenlich nur noch eine Tonspur von der Begrüssung/Verabschiedung
der Züge aus dem russischen Mutterland ...


MM

von MichaelM - am 30.05.2012 09:09
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