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Fotogalerie Baltikum und Osteuropa
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Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 2 Jahren, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
Staedtebahner, AAW, Strojmistr, Micha M, s-lin

[LV] Sightseeing am Ende der Welt - mit der Bahn durch Gulbenes novads

Startbeitrag von Staedtebahner am 21.05.2015 21:10

Hallo alle miteinander,

man könnte meinen, man befindet sich auf der Fahrt ans Ende der Welt, wenn man von Riga Fahrtrichtung Osten unterwegs ist. Wo die Straßen schmaler und die Siedlungen kleiner werden, beginnt die Einsamkeit. Und die trägt einen Namen: Gulbenes novads. Ein Landstrich fernab jeglicher Zivilisation, wo nur vereinzelt Häuser in den Wäldern auftauchen und scheinbar unberührte Natur regiert. Gerade einmal 13 Einwohner pro Quadratkilometer leben hier, wo die Straßen zumeist unbefestigt sind und man meinen könnte, dass jedes Haus seine eigene Bushaltestelle hat (was nicht bedeutet, dass Haltestellenschilder den Straßenrand säumen).
Anfang Februar bekommt dieses Gefühl der Einsamkeit und Stille eine ganz neue Dimension, denn es ist kalt, feucht und dunkel... kurz: ungemütlich. Nicht die beste Zeit für Urlauber, diese verlassene Gegend zu besuchen und die Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Für mich jedoch war genau diese Stille und Abgeschiedenheit Ziel der Reise. Sightseeing in der Einsamkeit.
Das Zentrum des Lebens in der Region ist Gulbene, eine rund 9000 Einwohner zählende Gemeinde, die anderen Städten in nichts nachsteht. Wir kennen Bilder der Fußgängerzonen dieser Welt, wo sich ein Geschäft ans nächste reiht. Kurfürstendamm in Berlin, Calle Arenal in Madrid, die Via Fiori Chiari in Mailand... auch Gulbene hat sie: die belebte Fußgängermeile im Stadtzentrum.



Außerdem Hotels, Parks, Museen und Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Alt-Schwanenburg oder das Rote Schloss... alles was das gemeine Touristenherz begehrt, ist an Ort und Stelle. Und wenn man doch dem Ruf der Ferne folgen will, hält man sogar einen Bahnhof vor.



Der davor befindliche Busbahnhof bildet das Tor zur weiten Welt, denn mit dem Zug geht es nur noch in eine Richtung - tiefer in die Einsamkeit. Der Verkehr mit Fensterzügen auf der Normalspur wurde eingestellt, alles was bleibt ist die 33km lange Schmalspurbahn nach Aluksne, auf der sich täglich noch zwei Zugpaare tummeln. Begegnungen der beiden Spurweiten kann man aber immernoch erleben, denn Güter erreichen Gulbene noch.



Touristenfreundlich nach dem Mittagessen kann man erstmals die Reise antreten, 13:00 Uhr beauskunftet der Fahrplan die erste Abfahrt des Tages nach Aluksne. Zeit genug, sich vorher ein wenig umzuschauen. Dabei wird schnell klar, dass die Eisenbahn in dieser Ecke einen ganz besonderen Charme hat. Den Charme des Morbiden.









Doch nun genug von Gulbene. Es ist 13:00 Uhr, Abfahrtszeit. Auf in die Welt, auf in den Wald.


Tu2-273 verlässt mit R-694 nach Aluksne den Bahnhof Gulbene.

Gemächlich schaukelt der Zug in den kommenden anderthalb Stunden über die 33km lange Holperpiste aus Stahl, während ich über die noch teilweise mit Eis bedeckte Sandstraße versuche, ihm zu folgen. Das pulsierende Leben der Stadt ist dabei schnell vergessen.


Eine Haltestelle für eine Farm. Einen Fahrplan braucht es nicht, man weiß, wann der Bus kommt.



Die nächste nennenswerte Ansammlung von Häusern, die der Zug passiert, ist Stameriena. Immerhin 1.200 Menschen leben hier im Ort und den Touristen wird ein Leuchten in die Augen gezaubert, denn ein ganzes Stück ab der Bahnstrecke stehen zwei nicht ganz unbedeutende Bauten. Zum einen...


...die russisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Alexander Newski und zu anderen...


...das Schloss Stomersee (Stamerienas muizas pils), welches von 1835 bis 1843 gebaut und 1908 im neoklassizistischen Stil renoviert wurde und später eine landwirtschaftliche Hochschule und das Büro der sowjetischen Wirtschaft beherbergte.
Von Touristenhorden, welche Einzelschicksale wie mich rücksichtlos in Grund und Boden walzen, war glücklicherweise nichts zu sehen. Wie war das mit der Einsamkeit? Na dann... Petri heil.



Der Zug fährt unterdessen weiter und bringt eine Handvoll Fahrgäste an ihr Ziel. Wo das wohl sein wird? Kalniena ist die nachfolgende Station, welche eine kleine Anzahl weit verstreuter Farmen erschließt. Auch ein Gutshaus und eine 1948 gegründete Bücherei (mit Internet-Anschluss!!) gibt es hier. Auf der Homepage der Gemeinde Kalniena verkündet man voller Stolz: 194 registrierte Nutzer in 2011, was 55% der Gesamtbevölkerung entspricht.
Die Bahnstation wurde liebevoll restauriert und wirkt einladend. Das soll honoriert werden. Wir notieren einen Aussteiger bei R 694 an diesem Tag.



Das zweite Gleis nutzt man zum Umsetzen der, einige wenige Tage im Jahr eingesetzten, Dampflok.
Den weiteren Verlauf der Bahn würde man hierzulande (regional begrenzt) als "Kiefernmeer, Sandmeer, nichts mehr" betiteln. Die Stationen, allesamt in mittelmäßigem bis gutem Zustand, befinden sich recht weit abseits von den dazugehörigen Siedlungen und generieren dementsprechend nicht (mehr) wirklich Fahrgastaufkommen. Der Bus ist da deutlich effektiver...


Nächstes Schild, nächstes Haus. Muss schön sein, so eine personengebundene Bushaltestelle vor der Haustür. Bis zur nächsten Bahnstation in Paparde sind es dagegen etwa 3 Kilometer Weg.

Mehr als die Hälfte des Weges nach Aluksne ist bereits geschafft und es machen sich erste Anzeichen breit, dass wieder Leben naht. Die Straße ist asphaltiert und zweispurig, hier und da kreuzt ein Lkw meinen Weg. Und ab und an auch mal die Bahnstrecke...



Anderthalb Stunden sind vergangen, der Zug erreicht Aluksne und immerhin ein Fahrgast verlässt den Zug um flotten Schrittes im Ort zu verschwinden. Eine Stunde Zeit für Einkäufe, Arztbesuch, die Beichte oder einfach nur eine Sighseeing-Tour. All das sollte bequem zu schaffen sein, denn die Wege sind nicht allzu weit. Denn wir erinnern uns, die Zivilisation ist woanders. Nicht hier. Auf dem Bahnhof, auf dem früher definitiv auch einmal Güterverkehr eine Rolle gespielt hat, ist derweil geschäftiges Treiben. Die Maschine wird für die Rückfahrt umgesetzt.




Wenigstens am Güterschuppen lässt sich die Sonne blicken, am Himmel war an beiden Tagen Fehlanzeige.
Von der Wendezeit blieb nun noch ein ganzes Stück übrig. Was tun? Kaffee? Leider nicht verfügbar. Ein bisschen sonnen? Bei -4 Grad und Schnee nicht die beste Option. Also schaue ich mal, was in der Stadt zu finden ist und stelle fest, dass ich deutlich zu wenig Zeit im Gepäck habe. Für den geneigten Besucher hat das Städtchen einiges zu bieten, von einem Tempelberg über das Bibelmuseum und einen Gedenkstein an Glücks Eichen (zum Gedenken an den deutschen Pfarrer Ernst Glück, welcher 1683 in Aluksne eine Schule für Bauernkinder gründete und nach erfolgter Übersetzung des Alten und Neuen Testaments ins Lettische je eine Eiche pflanzte) bis hin zum Neuen Schloss mitsamt dem Schlosspark und dem Mausoleum.



Die Zeit ist schnell vergangen, die Rückfahrt der Tu2 als R 693 steht an und ich besinne mich auf den Zweck meiner kleinen Reise. Also zurück an die Strecke. Viel Wald kann man hier als Motivhintergrund wählen. Wenn man so ohne weiteres heran käme, denn befahrbare Wege sind Mangelware. Ich beschränke mich also mehr oder weniger auf Stationsaufnahmen in Umiernieki, Paparde und Birze.






Ein Stationsschild, eine Bank, ein Fahrplan - fertig ist der Haltepunkt. Auf den Zug gewartet hat hier vermutlich aber schon länger niemand mehr. Leben gibt es im Umkreis von 1,5 Kilometern jedenfalls nur tierischer und pflanzlicher Natur.



Noch bevor ich wieder auf die Hauptstraße zurückgefunden habe, ist der Zug bereits in Gulbene und das Personal macht Kaffeepause bis zur nächsten, zweiten und somit letzten Abfahrt des Tages. Da im Februar die Tage bekanntermaßen recht kurz sind, war das Fotoprogramm an dieser Stelle beendet und ich setzte mich als gemeiner Fahrgast in den Zug und bekam für 6,05 Euro drei Stunden Romantik bestehend aus gedämpftem Licht, leichtem Schaukeln und dem Blick in die Dunkelheit... mit nur ganz wenigen Lichtern am Horizont.

Am nächsten Tag stand die Rückreise in Richtung Zivilisation an, doch nicht bevor noch einmal auf dem Bahnhof nach dem Rechten geschaut wurde. Und damit sich niemand beschwert, dass auf den Bildern immer nur eine grüne Lok zu sehen ist, gibt es zum Schluss noch einen Farbtupfer.



Viele Grüße aus Erfurt,
Peter

Antworten:

Einsamkeit ist Luxus!

Servus Peter,

vielen Dank für den schönen Reisebericht. Die Motiv- und Stilmischung bei den Bildern ist künstlerisch gut gelungen und transportiert die besondere Stimmung der Einsamkeit in diesem (mir unbekannten) Landstrich.

Einsamkeit ist eben Luxus, walzende Touristenhorden kann ich auch nicht ausstehen.

Schöne Grüße
ste

von s-lin - am 21.05.2015 22:06
Herrliche Tristesse da im Februar und schön, dass die eingesetzten Loks wieder ansehnlich geworden sind und diese unsäglichen Verzierungen verloren haben (Sterne und so Gedöns). Das kann natürlich auch schon ein paar Jahre so sein, wenn man bedenkt, dass ich 2007 zuletzt dort oben war (ich sollte echt mal weniger ehemalige CSD bei den Himmelfahrtstouren machen und mal wieder ins Baltikum fahren, zumal es von Dortmund aus günstige Direktflüge gibt).

Was den Kaffee in Aluksne angeht - gibt es die Tanke nicht mehr? ich meine mich zu erinnern, das der Kaffee dort ganz brauchbar war.

Grüße
Michael

von Micha M - am 22.05.2015 11:10

Re: [LV] ... am Ende der Welt

Hallo Peter,

vielen Dank für diesen Klasse Bericht aus einer - leicht untertrieben - nicht so oft bereisten Gegend Europas. Und für mich persönlich ein Grund zum schmunzeln, denn vor ein paar Jahrzenten hat mir der Anblick von Bildmaterial dieser Maschinen im einschlägigen Magazin mit Eisenbahnbezug eher einen Gruselschauer über den Rücken gejagt, heute ist es eher Freude über diesen skurilen Loktyp. Die Zeiten ändern sich. Zum Glück.

Mich würde interessieren, wie man an solche Ziele anreist? Flugzeug und dann Mietwagen?

von Strojmistr - am 23.05.2015 17:28

Re: [LV] ... am Ende der Welt

Hallo Michael, hallo Michael

der zweite Ausflug nach Lettland stand auf dem Programm, daher kann ich erst jetzt antworten.

Eine Tankstelle gibt es in Aluksne noch, gleich linkerhand am Ortseingang, bevor man den Bahnhof erreicht. Ob das diese jene welche ist, weiß ich natürlich nicht. Auf den Geschmackstest beim Kaffee wollte ich aber dann doch verzichten. Vorherige Erfahrungen mit dem Kaffee dieser Tankstellen-Kette in Polen ließen keine besonderen Geschmackserlebnisse erwarten. :D

Angereist bin ich, wie schon vermutet, mit Flugzeug und Mietwagen. Es hätte aber auch Alternativen gegeben. Statt dem Mietwagen kann man auch den Bus von Riga nach Gulbene nehmen. Der Fahrplan weist fast stündlich Verbindungen auf, allerdings braucht man für die 180 Kilometer 3,5 Stunden. Wer dann doch lieber den Zug nimmt, hat noch am 23.6., 5., 19.9. und 19.12. die exklusive Möglichkeit um 7:40 Uhr ab Riga Pasazieru. Und sollte ich irgendwann mal ganz viel Zeit und Sitzfleisch haben, gibt es auch noch einen Fernbus, der mich umsteigefrei in 18 Stunden von Erfurt nach Riga bringen könnte. :eek:

Viele Grüße aus dem Landeshauptdorf,
Peter

von Staedtebahner - am 01.06.2015 19:57

Re: Schade, daß die Krallen des Datennirvanas schon Besitz von den Bildern genommen hat ... (owT)

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von AAW - am 05.09.2015 13:00
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