Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Fotogalerie Balkanländer
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 4 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
RR

[AL] Hummelflug in Albanien - Tag 8 ( m. 41 B. )

Startbeitrag von RR am 26.10.2013 23:56

In diesem Teil geht es in den Süden des Landes, nach Vlorë, dem südlichsten Punkt des albanischen Eisenbahnnetzes.

Samstag, 25. Mai 2013

Die Wetterprognose sollte zumindest eine 50-%-Wahrscheinlichkeit für Sonnenbilder in Aussicht stellen, was für eine Verbesserung ! Tatsächlich hatte ich aber wirklich Glück und konnte die Wolkenlöcher bis auf wenige Fehltritte optimal ausnutzen. Und das ist gar nicht so einfach an Strecken, auf denen nur ein Zugpaar täglich verkehrt.

Zunächst ging es nach Rrogozhine. Dieser liegt an der Strecke Durrës - Elbasan - Librazhd ( - Pogradec ) und von dort zweigt die Bahn in den Süden über Fier nach Vlorë ab :



Jeden Morgen gegen 8.30 Uhr ( und wohl auch nur dann ) herrscht rege Betriebsamkeit im Bahnhof, denn es kreuzen sich quasi 3 Züge, Zug Nr. 4 kommt um 8.22 Uhr aus Vlorë und fährt um 8.32 Uhr dorthin zurück, Zug Nr. 6 kommt um 8.24 aus Elbasan zur Weiterfahrt um 8.26 Uhr nach Tiranë über Durrës und Zug Nr. 9 kommt um 8.25 Uhr aus Tiranë über Durrës zur Weiterfahrt um 8.27 Uhr nach Librazhd. Am Bahnsteig werden mehrere Verkaufsstände aufgebaut in der Hoffnung, etwas an die Umsteigenden verkaufen zu können. Ob das gelingt kann ich nicht beurteilen, aber es ist wirklich was los. Wenn der letzte Zug weg ist, wird alles wieder abgebaut und es kehrt Ruhe ein.

T669 1054 ist gerade aus Richtung Durrës eingefahren, in der Mitte der Zug aus Vlorë, dessen Lok noch nicht umgesetzt hat, und rechts der Zug nach Tiranë :



Nachdem die beiden Züge von / nach Tiranë weg sind setzt T669 1047 für Ihren Zug Nr. 5 nach Vlorë um und steht dann ganz alleine da :



Ich fahre dem Zug hinterher und will ihn in Fier wieder treffen. Für die etwa 50 km habe ich ca. 100 Minuten Zeit, das reicht. Da schadet es auch nicht, wenn einem auf der Schnellstraße Pferdefuhrwerke als "Geisterfahrer" entgegen kommen, keine Seltenheit, auch Autofahrer kürzen gerne auf diese Art und Weise ab, man muß sich nur darauf einstellen :



Für einen Moment glaube ich sogar an eine heimische Bierlieferung, aber so der Fan dieses fränkischen Gebräu´s bin ich eh nicht :



Den Bahnhof der 85.000-Einwohner-Stadt Fier erreiche ich etwa 45 Minuten vor dem Zug :



Die Wartehalle mit dem früheren Fahrkartenschalter :



Heute werden die Fahrkarten hier verkauft, tatsächlich besetzt eine Dame kurz vor Ankunft des Zuges den "Schalter" :



Ich bin zunächst aber etwas irritiert und wähne mich kurzfristig am falschen Ort, denn ein Blick vom Bahnsteig in Richtung Vlorë zeigt alles andere als ein durchgängiges Gleis. Selbige sind zugeparkt und von einem Geflügelmarkt okkupiert :



Ich werde tatsächlich nervös, sollte es einen zweiten Bahnhof geben und ich bin vielleicht am alten gelandet ? Schließlich war auch das Gebäude zu diesem Zeitpunkt noch verriegelt. Zuerst will ich mir die Szenerie mal näher ansehen, irgendwie verstehe ich auch nicht was das für Hühner sind, sie sitzen ruhig am Boden, scheinen aber ob des Gegackeres quicklebendig, warum laufen die nicht weg ? Als ich da bin, sehe ich dass immer fünf an den Füßen zusammengebunden sind, ja da läuft´s sich schwer ... :



Man sieht, dass der BÜ mal blinklichtgesichert war, rechts der ehemalige Lokschuppen und links auch nicht zu verachten der Granada.

Ein Blick auf die Gleise verrät, dass hier doch Verkehr sein muß. Auch noch mal die Karte zu Rate gezogen, es gibt nichts anderes, ich muß richtig sein. Mal sehen, was passiert. Zunächst zieht mal ein dichtes Wolkenfeld durch, mit ein bischen Glück erwische ich mit dem Zug die schon sichtbare Wolkenlücke. Also setze ich mich auf den Bahnsteig und beobachte wie immer mehr Autos auf der gegenüberliegenden Seite direkt auf den Gleisen parken und zu einem Haus gehen, alle in Schwarz und mit Blumen. Offenbar eine Trauergesellschaft, bei genauerem Hinsehen sehe ich einen Sargdeckel an die Hauswand angelehnt. Ich hatte bereits im Reiseführer gelesen, dass es Tradition ist, einen Verstorbenen vor der Beerdigung im Wohnzimmer aufzubahren, dass alle Abschied nehmen können. Warum nicht.

Der Zug aber läßt auf sich warten und mich in der zwischenzeitlich wieder hervorgekommenen Sonne sitzen. Das nächste Wolkenband naht bedrohlich, mit etwa 20 Min. Verspätung kommt er aber und für die Sonne reicht es gerade so :



Ausfahrt aus Fier :



Auch die Beschicker des Geflügelmarktes haben sich kurz für die Durchfahrt des Zuges zurückgezogen und sich danach wieder aufgebaut, Rätsel also gelöst :



Nächster Programmpunkt soll der Endbahnhof in Vlorë sein. Einer meiner Reiseführer hält Vlorë mit 130.000 Einwohner für die zweitgrößte Stadt des Landes, der andere mit 90.000 für die drittgrößte, nun ja, mein Gefühl war auch, dass Durrës größer ist. Der Zug soll laut Fahrplan für die noch verbleibenden 30 km glatt 1 h 40 min benötigen ! Ich glaube an einen Schreibfehler und fahre mal zügig los. Bei Levan nach vielleicht gut 5 km treffe ich ihn zufällig und wir fahren kurz parallel, ab hier beginnt die Autobahn bis Vlorë, da kann ja nichts schiefgehen. Schnell bin ich da, aber da beginnen die Probleme. Ich habe nur eine 1 : 200.000 - Karte, wo der Bahnhof ist kann ich nur sehr grob festmachen. Ich fahre mal in die Richtung, wo die Bahn sein sollte, aber ich finde keine Gleise, ich weiß nicht wie oft ich im Kreis fahre, am Schluß bin ich wieder aus der Stadt raus und ich frage in einem Lebensmittelmarkt. Man schickt mich wieder wieder zurück in die Stadt ohne nähere Erläuterung. Mittlerweile ist mir bange, dass ich den Zug verpasse, gerade bei der Einfahrt passt ja das Licht. Hoffentlich war es kein Tippfehler im Plan. Als ich wieder in etwa da bin, wo ich den Bahnhof vermute frage ich erneut in einem Geschäft, die junge Dame schickt mich in eine Richtung, wo ich nochmal jemand fragen soll. Das tue ich und ein Herr weist mir den Weg über eine Schotterpiste zwischen zwei Hochhäuser hindurch. Ich will es nicht glauben, fahre aber mal rein und im Schatten mehrerer großer Häuser ohne wirklichen Straßenanschluß liegt der Bahnhof, geschafft :



Mittlerweile ist es 11.50 Uhr, der Zug kommt in 5 Minuten an und ich habe selbst über 1 h 30 min bis hierher gebraucht ! Und es ist tatsächlich kein Tippfehler im Fahrplan, trotzdem würde ich gerne wissen was der Zug in dieser Zeit zwischen Fier und Vlorë macht.

Wieder schmückt ein kommunistisches Relief das Empfangsgebäude ...



... und der Fahrplanaushang weist noch Verbindungen aus, die es schon lange nicht mehr gibt :



Der gerade eingefahrene Zug Nr. 5 aus Rrogozhine in Vlorë :



Wie immer wird zügigst umgesetzt :









Da ich das letzte Motiv auch gerne im rechten Licht hätte, beschließe ich, mir die Stadt anzusehen, was zu essen und in etwa 2 Stunden zurück zu kommen, da dann die Sonne rum sein müßte. Ich parke am Hafen und werfe dort einen Blick auf´s Meer :





Auf dem Fußweg in´s Zentrum treffe ich auf eine häufig anzutreffende Trittfalle - Gully´s ohne Deckel :



Noch in Hafennähe lasse ich mir so etwas wie ein Rinderschmorgulasch munden, in Griechenland nennt man so was ähnliches Stifado :



Die Stadt selbst gibt nichts besonderes her. Als ich zur angedachten Zeit wieder am Bahnhof zurück bin, ist die Sonne sogar weiter rum als ich gedacht hätte, aber es paßt. Man hatte den Zug lediglich etwas zurück gedrückt, so dass kein Foto möglich ist, ohne dass die "Versorgungsleitungen" vor der Lok sind :





Außer ein paar Katzen ist auch keiner mehr am Bahnhof, das Empfangsgebäude zur Bahnsteigseite :



Sehr interessant auch diese Lampenkonstruktion :



Bei der Rückfahrt halte ich nochmal in Fier an und nehme die Bahnanlagen genauer unter die Lupe, der Blick in Richtung Bahnhof mit dem Lokschuppen :





Der Lokschuppen von innen :



Blick in Richtung Vlorë :



Es muß doch mal richtig was los gewesen sein hier. Wie fast auf allen größeren Bahnhöfen, sind jetzt nur noch Schrottwaggons abgestellt.

Da ich sowieso wieder über Durrës heimfahren muß, will ich noch das Betriebswerk besuchen. Dieses liegt in Shkozet, einem Stadtteil von Durrës. Ausnahmsweise finde ich einigermaßen gut hin, weil ich bei der Vorbeifahrt mit dem Zug vor zwei Tagen aufgepaßt habe. Am offiziellen Eingang ist aber alles verriegelt, so dass ich über die Bahnstrecke vor zur zugänglichen westlichen Seite des Geländes laufe, das von diesen beiden Herren bewacht wird :



Ich frage sie, ob ich denn reingehen und fotografieren könne, was sie mir allerfreundlichst erlauben. Zunächst aber kommt zufällig noch T669 1041 mit Zug Nr. 16 von Tiranë vorbeigefahren :



Ich muß zwar immer mal wieder vor die Sonne ziehende Quellwolken abwarten, arbeite mich aber kontinuierlich durch das Werk vor.

T669 1061, 1046 und 1051 :





T669 1061 und 1044 :



So allerlei steht herum :



Dann treffe ich auf eine große Anzahl abgestellter T669, will das Fotografieren aber verschieben, bis die Sonne wieder rauskommt. In einer Halle sehe ich von außen auch eine T669 stehen, an der gearbeitet wird. Dann bin ich auch schon am offiziellen - aber verriegelten - Eingang angekommen. Ehe ich mich versehe stehen völlig unvermittelt zwei andere uniformierte Aufseher vor mir, von denen einer richtig unangenehm wird. Irgendwie schaffe ich es nicht Ihnen klarzumachen, dass mir ihre beiden Kollegen erlaubt haben, hier rein zu gehen. Einer wird richtig fuchtig und deutet immer wieder zum Ausgang. Mir ja auch egal, ich biete ihnen an zu gehen, der andere hält mich aber auf. Viele ???, wir versuchen zu kommunizieren, es klappt aber nicht. Mittlerweile bin ich es, der jetzt lieber gehen würde, aber der eine läßt mich nicht, während der andere immer noch schimpft. Zunächst dachte ich, er will vielleicht Geld, das war es aber nicht. Ich soll ihm jetzt folgen, wir gehen in ein kleines Büro, in dem einsam ein Radio vor sich hindudelt. Mir wird schon ganz anders, aber er holt nur Geld aus seiner Jacke und faselt was von Café, er sperrt das große Tor auf und deutet in Richtung Hauptstaße. Und tatsächlich, er nimmt mich mit in ein Café und lädt mich ein. Zahlen durfte ich nicht, da war er fast beleidigt. Der Sohn des Chefs im Café sprach etwas Englisch, so dass er dolmetschen konnte und der Aufseher konnte so erfahren wo ich herkomme und was ich in seinem BW wollte. Es hat ihm sichtlich gefallen - reingekommen bin ich aber danach nicht mehr, der Rest blieb so unfotografiert, aber dieses Erlebnis wiegt das mehr als auf. Richtig skurril.

So fahre ich zurück nach Tiranë und stoppe noch an der Baustelle auf der Verbindungsstrasse der SH4 zur SH2, wo der BÜ auf Strassenniveau durch eine Über- / Unterführung ersetzt wurde. Die Strecke wurde dabei um ein paar Meter nach Osten verlegt :



Diese Arbeiten sollten mittlerweile erledigt sein. Man soll das übrigens nicht als eine Investition in die Infrastruktur der Bahn ansehen, es ist ausschließlich eine Maßnahme im Zusammenhang mit dem Strassenausbau - albanische ( Un- ) Logik.

Ach, und dann war ja heute noch was :



Für´s Rogner Hotel mit "German beer and dishes" hat´s zwar nicht gereicht, aber für das Lokal mit dem wenigstens deutschen Namen "Bistro Wintergarten" mit wohlschmeckendem Bier aus Nikšić. Dort traf ich mich mit meinem Bekannten und einigen seiner Kollegen aus der Botschaft. Irgendwie waren zwar die Dortmund-Anhänger in der Überzahl, aber am Ende hat´s dann doch gepaßt - 2 : 1. Ein guter Tag mit nicht nur viel Sonnenglück.

Im nächsten Teil geht es nach Pogradec an den Ohrid-See.

Bis dahin eine gute Zeit

Robert

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.