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Fibromyalgie und sozialmedizinische Themen
Beiträge im Thema:
7
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Beteiligte Autoren:
Monika Draga (Admin), Renate, Dorocarlotta, Isa, Karin-Nana

Ärztliche Beratung

Startbeitrag von Monika Draga (Admin) am 07.08.2001 09:30

Da ging dieser Tage eine Meldung durch die Medien, dass Ärzte ihre Patienten nicht unangemessen lange beraten dürfen. Zumindest dürfen sie dann nicht erwarten, dass sie dafür auch bezahlt werden. Überschreiten die Gespräche ein gewisses Maß, darf der Mediziner nicht mit einer entsprechenden Vergütung rechnen. So urteilte das Sozialgericht Dortmund (Az.: S 26 KA 182/99). Pech für eine Ärztin, die viele Russlanddeutsche betreut, die besonders lange Beratungen benötigen, so dass die Ärztin mitt ihren Beratungen bis zu 275 Prozent über dem Durchschnitt vergleichbarer Praxen lag.

"Es sei kein hinreichendes Argument, dass bei bestimmten Patienten regelmäßig ein zusätzlicher Bedarf an Gesprächen besteht."

Angesichts dieser Nachricht frage ich mich, wie sich das z.B. mit so einer Erkrankung wie Fibromyalgie vereinbaren läßt, bei der Aufklärung, "Edukation", kompetente Begleitung und Beratung die allerwichtigste vom Arzt zu erbringende Leistung ist. Ein solches Urteil läßt ja dem Kassenarzt wirklich nur noch die Chance, dem "chronischen" Patienten, der alle drei Monate mal sein Kärtchen vorzulegen hat, ein Rezept für ein möglichst billiges, möglichst ruhigstellendes Medikament in die Hand zu drücken - und tschüß - oder der Arzt nimmt es hin, dass er für eine effektive Behandlung keine Gegenleistung erhält und, wenn eine Praxis einen gewissen Anteil solcher beratungsaufwendiger Patienten hat, die wirtschaftliche Grundlage der Praxis dabei flöten geht.

Ein solches Urteil, das könnte man ja geradezu als Aufforderung zur "Patienten-Selektion" auffassen. Wie das geht, das haben Fibromyalgie-Betroffene meist schon in mehrfacher Weise selbst erlebt, ohne zu wissen, was da geschieht. Arzt und Praxispersonal brauchen unliebsame, "zeitraubende" Patienten, die bei Fibromyalgie zudem meist auch nur wenig Erfolgserlebnisse vermitteln, nur so "verständnisvoll" und "freundlich" zu behandeln, dass sie auf weitere Besuche dieser Praxis "freiwillig" verzichten. Jedesmal, wenn sich jemand beklagt, dass der aufgesuchte Arzt keine Ahnung von Fibromyalgie habe, dann denke ich mir im Stillen, dass es vielleicht genau umgekehrt ist, dass der betreffende Arzt sehr viel mehr Ahnung von Fibromyalgie hat, als er zu erkennen gibt. Dass er nicht nur "Ahnung" von Fibromyalgie hat, sondern auch ganz genau weiß, was es für ihn und seine Praxis bedeuten kann, wenn es sich rumspricht, dass Fibromyalgie-Patienten dort gut behandelt werden. Wie sagte mal ein Arzt in einem Gespräch über ein nicht ganz billiges Medikament, das er für sich selbst brauchte, so treffend: "Das ist gut. Aber wenn ich das einem Patienten verschreiben würde, dann bräuchte ich ja dafür 10 andere Patienten, die nur zum Blutdruckmessen kommen".

Wird an den entscheidenden Posititonen unseres Sozialsystems jemals jemand begreifen, welcher Schaden nicht nur den chronisch Kranken und den Krankenkassen, sondern der Volkswirtschaft insgesamt durch solche Bedingungen entsteht?

Monika Draga

Antworten:

Das ist doch genau das, was ein Orthopäde in Weiterstadt in einem Leserbrief anprangerte. Er sagte klipp und klar, dass jeder "stinknormale" Arzt Fibromyalgie mit Leichtigkeit diagnostizieren könnte. Die Ärzte wollen aber gar keine Diagnose stellen, weil wir Fibros in der Behandlung so teuer sind, sprich ein Arzt verdient an uns nichts bzw. legt noch drauf. Da die Diagnostizierung bei Fibromyalgie leider so "wischiwaschi" ist, kann man auch keinen Arzt darauf festnageln, dass er die Krankheit hätte erkennen können bzw. müssen. Da ja Laboruntersuchungen, Röntgenbilder etc. keine Diagnose zulassen, kann er sich leicht herausreden. Da leider viele Ärzte der Geldbeutel näher liegt als das Wohl des Patienten, ist es Glücksache, einen Arzt zu finden, der sich wirklich noch Zeit für das Gespräch nimmt. Übrigens bin ich inzwischen gedanklich auch so weit gekommen, dass es gar nicht gut ist, wenn man einen guten Arzt, der sich mit Fibromyalgie auskennt, weiter empfiehlt. Irgendwann ist der Arzt mit "nicht rentablen" Fibromyalgie-Patienten überlaufen und muss seine Zeit für die einzelnen Patienten einschränken, wenn er nicht irgendwann zum Sozialamt rennen möchte.
Ich bin Gott sei Dank inzwischen in der glücklichen Lage, gleich zwei Ärzte, denen das Finanzielle nicht am Herzen liegt, "mein eigen zu nennen". Sowohl mein Hausarzt als auch mein Internist haben genug Zeit für mich.
In der Hoffnung, dass irgendwann alle Fibros ihren Ideal-Arzt finden werden!
Karin

von Karin-Nana - am 07.08.2001 12:49
Hallo an alle,
wollte vor ein paar Stunden schon eine Antwort schreiben - mir fehlten aber einfach die Worte, nachdem ich den Bericht von Monika gelesen hatte.
Was ich einfach nicht verstehen kann ist, dass es mittlerweile für fast jede Erkrankung Fachärzte gibt - warum dann nicht einen Fachbereich für chronisch Kranke oder noch besser Ärzte, die sich auf Patienten spezialisieren, bei denen gerade die Beratung und "Aufklärung" als ärztliche Leistung im Vordergrund steht und diese Leistung dann auch abgerechnet werden kann. Im "psychologischen" Bereich ist schliesslich auch das "Gespräch" mit dem Patienten die grundlegende Leistung des Arztes. Müssen wir uns erst auf die "Psychoschiene" stellen oder stellen lassen um in den Genuss dieser so wichtigen Beratung und Begleitung zu kommen? Oder wird dieses Problem einfach wieder mal auf die Patienten selbst, ihre Angehörigen und nicht zuletzt auch Selbsthilfegruppen oder auch Interessengemeinschaften und Personen abgeschoben, die auch ohne Entgelt bereit sind, Betroffene in irgendeiner Form zu "beraten" oder durch eigene Erfahrungen einen Ratschlag zu geben.
Betrachtet man das ganze aus dieser Sicht, müsste Monika und jeder, der hier oder in anderen Foren postet und damit evtl. dazu beiträgt, dass dem einen oder anderen Betroffenen geholfen ist, seine "Leistung" gerechterweise von diversen Leistungsträgern vergütet bekommen.
Vielleicht ist meine Sichtweise wie auch meine Antwort etwas verworren oder gar "ungewöhnlich", aber das sind solche Gerichtsentscheidungen für mich auch.
Ich hoffe, dass auch weiterhin viele von Euch Ihre Meinungen, Erfahrungen und Ratschläge "zur Verfügung stellen" - auch ohne geldliche Gegenleistung...
Auf ein Neues!
Isa

von Isa - am 07.08.2001 16:38
Hallo Karin,

die Sache mit dem Leserbrief von dem Orthopäden habe ich damals auch irgendwie mitbekommen und es ging mir damit, wie es gestern Isa erging. Mir fehlten erst mal die Worte. Mir ist die Problematik ja schon lange bewußt. Deswegen gibt es bei mir auch keine Adressenlisten mit "fibromyalgiekundigen" Ärzten und ich bekomme auch immer etwas "Bauchweh", wenn jemand anders im Forum eine Adresse nennt. Ich hoffe dann immer nur, dass der jeweilige Arzt damit einverstanden ist. Das ist allerdings vorwiegend dann der Fall, wenn sich ein Arzt auf eine Vielzahl von IGEL (Individuelle GEsundheitsListungen, die privat zu bezahlen sind) spezialisiert hat. Da werden dann nicht selten auch Behandlungen angeboten, die zwar bei verschiedenen Schmerzen durchaus hilfreich sein können, bei Fibromyalgie aber nicht unbedingt das Wahre sein müssen.

Ich denke, dass es eine Arzt-Patienten-Beziehung arg belasten kann, wenn ein Patient nicht mehr einschätzen kann, aus welchen Motiven ein Arzt eine kostspielige Behandlung vorschlägt, ob er dabei ausschließlich seinem medizinischen Sachverstand folgt oder den Verkaufsargumenten des Gerätelieferanten, der vielleicht u.a. auch Fibromyalgie erwähnt. Natürlich ist es gerade bei der wischwaschi-Diagnose Fibromyalgie für die Ärzte immens schwierig abzuschätzen, wo z.B. allein über einen Plazebo-Effekt schon eine Linderung, d.h. Hilfe für den Patienten erfolgt und wo sich echte, pharmakologische oder biophysikalische Wirkungen bemerkbar machen, die dann aber, speziell bei ausgeprägter Fibromyalgie aufgrund der allgemein erniedrigten Reizschwelle, durchaus auch zu unerwünschten Entwicklungen führen könnten. Dies wäre aber nur durch einen drastisch erhöhten Beratungsaufwand abzufangen, der wiederum die Rentabilität der teuren Einrichtung schmälert. Wieviel einfacher ist es da doch, sich von einem "therapieresistenten" Patienten zu verabschieden, ihn an einen Kollegen weiter zu reichen, dessen IGEL genauso viel oder so wenig ausrichten. Welche psychischen Veränderungen beim Patienten solche Erfahrungen auslösen, das will ich hier gar nicht diskutieren.

Jeder niedergelassene Arzt ist ein mittelständischer Unternehmer. Er muß durch seine Leistung nicht nur sein eigenes Einkommen erwirtschaften, sondern auch Gehälter für die Angestellten, Abzahlung für die Praxiseinrichtung, Miete für die Praxisräume, Fortbildungskosten usw. Was da an Verpflichtungen zusammen kommt, das kann, je nach Größe und Ausstattung der Praxis, ganz schöne Beträge erreichen, die aber nur zu erwirtschaften sind, wenn die technischen Einrichtungen (Labor, Röntgen, Sono, EKG usw.) möglichst weitgehend ausgelastet sind. Da ist aber, wenn die Diagnose Fibromyalgie steht, die Falle zugeschnappt und nur noch selten etwas zu machen! Deswegen ist wirklich ein Zuviel an Patienten mit "gesicherter" Diagnose Fibromyalgie, die vernünftig behandelt werden, unter den gegenwärtigen Honorarregelungen eine Gefahr für die wirtschaftliche Existenzfähigkeit einer Kassenarztpraxis.

Wie man ohne gesundheitspolitischen Rundumschlag aus dieser Zwickmühle rauskommen soll? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es sinnvoll, nach Ärzten zu suchen, die eine kleine Praxis haben, die es sich wirklich leisten können, ihre Patienten überwiegend mit ihren fünf Sinnen wahrzunehmen, anstatt in Laborberichten oder Röntgenbildern nach den Beschwerden des Patienten zu suchen.

Monika

von Monika Draga (Admin) - am 08.08.2001 09:13

Unbedingt lesen: Wie der Arzt sein Honorar bekommt

"Wissenswertes für Arzt und Patient
B. Bratzke
Der Augenarzt 6-2000

Arzneimittelbudget, Richtgrößen, Leistungsbeschränkung, Sachleistungsprinzip, Gesamtbudget - wer nicht in diese Fachausdrücke aus der gesetzlichen Krankenversicherung eingeweiht ist, dem kann der Kopf nur schwirren. Interessant ist dabei, wie der Arzt sein Honorar bekommt; ob das wie bei einem Handwerker ist, der die erbrachten Leistungen und Untersuchungen auf eine Rechnung (den Krankenschein des Patienten) schreibt, bei der Krankenkasse einreicht und die Leistungen dann bezahlt bekommt. Wäre es so, wäre es schön und niemand würde über die unzureichende ärztliche Honorierung klagen...."

Ein wirklich sehr empfehlenswerter Artikel, der das konfuse System so verständlich wie möglich darstellt.
"... Diese Regelungen im gesetzlichen Krankenversicherungswesen sind für einen normal denkenden Menschen kaum noch nachvollziehbar und verständlich. Leider sind sie sichtlich weder unseren Gesundheitspolitikern noch der Presse oder den einzelnen Sachbearbeitern bei den Krankenkassen bekannt...."
Gerade deshalb sollte man auch als Patient diesen Artikel aufmerksam lesen.
Wie der Arzt sein Honorar bekommt


von Monika Draga (Admin) - am 08.08.2001 12:37
Hallo, in letzter Zeit werde ich zunehmend wütender darüber, dass die Ärzte sich so wenig Zeit für mich genommen haben in den letzten Jahren. Ich habe ja seit 13 Jahren Morbus Bechterew, und anfangs vertrug ich die Rheumatabletten nicht und habe deswegen nur wenn ich mich gar nicht mehr bewegen konnte vor Schmerzen welche genommen. Obwohl ich immer dann zu Orthopäden gegangen bin, wenn es ganz schlimm war, hat sich nicht einer um eine angemessene Schmerzbehandlung gekümmert, ich sollte das immer selbst herausfinden für mich. Wenn ich jetzt lese, dass z.B. bei Polyarthritis-Patienten Fibromyalgie in 30% der Fälle auftritt frage ich mich wie das bei Bechterew ist. Ich werde deswegen auch an die Bechterew-Vereinigung schreiben, weil ich in den quartalsmäßig erscheinenden Bechterew-Briefen in den letzten Jahren inbezug auf Schmerzen und deren Chronifizierung nichts gelesen habe. Vor allem ärgert es mich aber jetzt wenn ich zum Rheumatologen gehe, dass sich die Kommunikation da auch nicht verbessert hat, ich bekomme jetzt gesagt, dass man da nicht viel machen könne, jetzt, wo die Schmerzen chronisch geworden sind, ich gehe eigentlich nur dorthin, um die Blutwerte kontrollieren zu lassen und wegen der BU-Rente, ich weiss eigentlich gar nicht, wie ein gutes Arzt-PatientInnen-Verhältnis aussehen könnte. Fast alles was ich über meine Erkrankungen weiss, habe ich mir selbst angelesen etc. Es freut mich zu lesen, dass es anscheinend doch auch noch andere Ärzte gibt. Ich wünsche Allen weniger Frust beim Arztbesuch! Doro

von Dorocarlotta - am 09.08.2001 13:12
Hallo Dorocarlotta,

Ich kann die Irrwege bei Ärzten sehr gut nachvollziehen. Auch ich habe bisher keinen vertrauensvollen Arzt gefunden, der sich mit der Fibro auskennt. Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass wir uns gegenseitig helfen können, wenn wir uns positive Erfahrungen mit Ärzten mitteilen und Adressen austauschen!

Allen einen freundlichen :-) !
Renate

von Renate - am 12.08.2001 17:00
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