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Fibromyalgie - medizinische Fragen
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Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 11 Monaten
Beteiligte Autoren:
Monika Draga (Admin), Benjamin B., Wolfgang, Moni

Katadolon bei fms

Startbeitrag von Benjamin B. am 14.08.2001 10:41

Hallo zusammen!

....kürzlich hat bei mir ein Internist fms diagnostiziert (chr. spannungskopfschmerz ging voraus) und mir Saroten und mydocalm empfohlen. da ich lange zeit antideprissiva genommen habe, wollte ich darauf erst einmal verzichten. eine Anästhesistin hat mir dennoch katadolon als mittel der wahl verordnet, mit dem ich z.Z. auch ganz gut zurechtkomme. Obwohl ich mich schon reichlich über fms informiert habe, bin ich noch nicht sicher, ob die Diagnose stimmt. Was ist für eine eindeutige Diagnose erforderlich (ausser tender points) ? Was sind die Kriterien für das statisch myalgische Syndrom ? als nächsten schritt ziehe ich botox-injektionen in erwägung. gibt es damit schon erfahrungen auch bei fms?

vielen dank

benjamin

Antworten:

Hallo Benjamin,

ich denke, dass die bisherige Behandlung eigentlich geradezu optimal verläuft, zumindest werden da Medikamente genannt, von denen man in jüngerer Zeit weiß, dass es genau diejenigen sind, die sich günstig auf einen Rückbau des Schmerzgedächtnisses auswirken.

Tolperison (Mydocalm®) und Flupirtin (Katadolon®) wirken auf zwei verschiedenen Wegen im schmerzleitenden System. Tolperison ist ein Natriumkanalblocker, verbaut sozusagen den Weg für den Schmerzreiz, während Flupirtin ein Kaliumkanalöffner ist, also das Tor aufmacht, über das Kalium aus der Zelle ausströmen kann, wodurch die Membran stabilisiert wird, was wiederum der Chronifizierung entgegen wirkt *). Trizyklische Antidepressiva wie das Amitriptylin (Saroten®) sollen u.a. dafür sorgen, dass der Tausendsassa unter den Botenstoffen, das Serotonin, das bei der Schmerzhemmung, Stimmung, Schlaf usw. eine wichtige Rolle spielt, in ausreichender Menge im Umlauf ist. Das ist jetzt hier alles sehr vereinfacht dargestellt ist, so wie ich als Nichtmediziner es eben verstehe.

Muskuläre Dysbalancen aufgrund von angeborenen oder erworbenen Fehlstellungen und Fehlhaltungen können eine Kettenreaktion auslösen. Es kann das entstehen das, was ein statisch myalgische Syndrom genannt wird und das kann wiederum der Boden sein, auf dem eine Fibromyalgie entsteht. Ausgangspunkt können da z.B. Beinlängendifferenzen oder Verformungen der Wirbelsäule sein. Die Übergänge zwischen einem statisch myalgischen Syndrom und Fibromyalgie kann man möglicherweise nur an den zusätzlichen Symptomen der Fibromyalgie, die sich nicht auf die betroffenen Muskeln beschränken, abgrenzen. Wichtig ist sicherlich, dass beim statisch myalgischen Syndrom der gezielten krankengymnastischen Behandlung zum Ausgleich der schmerzverursachenden Bedingungen große Bedeutung zukommt. Soweit mein Laien-Kommentar dazu. Vielleicht meldet sich ja "Müller" noch mit vertiefenden Hinweisen.

Über Botulinum-Toxin im Zusammenhang mit Fibromyalgie ist mir noch nichts untergekommen, das mir jetzt einfallen würde. Eine Anlaufstelle, um sich über die Wirkungen und Einsatzmöglichkeiten dieses Bakteriengifts zu informieren, ist Professor Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel. Ehrlich gesagt, würde ich wahrscheinlich davon laufen, wenn man es mir anbieten würde, zumal man ja immer noch nicht so richtig weiß, was Fibromyalgie überhaupt alles ist.

Monika
Injiziertes Bakteriengift lindert Kopfschmerzen



*) "...Flupirtin ist ein zentral wirkendes Analgetikum mit zusätzlich Muskeltonus normalisierenden Eigenschaften und einzigartigen Wirkmechanismen. Spinal und supraspinal öffnet es spannungsunabhängige Kaliumkanäle (SNEPCO=Selective Neuronal Potassium Channel Opener). Durch den Ausstrom von Kalium aus der Nervenzelle tritt eine Hyperpolarisation des Membranpotenzials ein. Die glutamaterge synaptische Übertragung wird gehemmt. Überschießender N Methyl D Aspartat (NMDA) Rezeptor vermittelter CA++ Einstrom wird reduziert, was der Chronifizierung entgegenwirken kann. "
Quelle: MMW Fortschr Med 5: 27-33, 2000, Flupirtin als neuronaler Kaliumkanalöffner bei der medikamentösen Therapie von Rückenschmerzen - Rückenschmerzen: Leitlinien der medikamentösen Therapie, R. Wörz, G. Müller Schwefe, I. Stroehmann et al.



von Monika Draga (Admin) - am 14.08.2001 12:57
danke monika !

...ich möchte noch ein paar ergänzende Angaben zu meiner Person machen, die vielleicht erfahrenen Leuten einen Eindruck von meiner Krankheit machen können.
Ich (m,22J.) leide seit 3 Jahren unter chr. Kopfschmerz vom Spannungstyp, der letztendlich in der Schmerzklinik Kiel (h.göbel) behandelt worden ist. Ergebnis: kurzfrisitige Besserung. Weitere Diagnostik ergab Störung der NON-rem-Schlafphasen (welches meine Müdigkeit erklären mag), oro-mandibuläres Syndrom - welches sich nach logopädischer Behandlung beruhigt hat.
vor 3 monaten bekam schmerzen in den unterarmen und händen, die auf gängige therapien nicht ansprachen. serologie ergab EBV-Infektion diesen Frühjahr - die ja eigentlich nicht als trigger für fms in frage kommt. als nächstes kamen Schmerzen im BWS-Bereich und in den Beinen (Knie und Adduktoren) Ein Internist testete die Tender-Points- die fast alle aktiv waren. Pestwurz brachte keinen Erfolg. Laborwerte unauffällig. Katadolon ist relativ wirksam (300mg/Tag).
Saroten (bis 75mg) , dann anafranil (25mg) habe ich n. ca. 2 J. abgesetzt - der kopfschmerz hat sich nicht verschlimmert - nur die muskelschmerzen.

Auffällig sind die seit min. 3 Jahren bestehenden Verhärtungen, Myogelosen im Schulter-Nacken Bereich, die sich nicht lösen wollen. Daher denke ich an die Botox-Injektionen, um den muskulären Stress zumindest vorübergehend auszuschalten. Noch bin ich nicht so sicher, ob ich fms habe oder nicht (vielleicht ist es auch nicht so wichtig zu wissen) Nach vielen gescheiterten Therapieversuchen habe ich momentan auch kein interesse, die ärzte-odyssee fortzusetzen.
Für Anmerkungen und Tipps bin ich immer dankbar !

benjamin

von Benjamin B. - am 14.08.2001 17:37
Hallo Benjamin,

nun will ich mal versuchen, das, was Du geschrieben hast, nach dem, was ich so aus der Literatur im Kopf behalten habe, zu sortieren:

Störung der Non-REM-Schlafphase, eine Alpha-Delta-Anomalie, das war so ziemlich das erste, was man als medizinisch nachweisbares Symptom bei Fibromyalgie gefunden hat. Moldwsky war das so etwa um 1980. Im EEG ist zu erkennen, dass die langsamen Hirnwellen (Delta-Wellen) der Tiefschlafphase, die sich an die REM-Phase (Traumphase) anschließt, durch schnelle Alpha-Wellen gestört wird. Es kommt also nie wirklich zu einer ausreichenden Tiefschlafphase, in der die Regeneration und Reparatur der Muskeln stattfindet. Deshalb dauert bei Menschen mit dieser Störung die Erholung nach einer Belastung ganz wesentlich länger. Auch Trainingserfolge beim Sport, die ja auf einem Wechselspiel zwischen Belastung und Erholung beruhen, sind deshalb nur ganz langsam zu erzielen.

Somit ist die Störung der Non-REM-Schlafphase ein Punkt auf der Fibromyalgie-Seite.

Myogelosen hingegen gehören eigentlich nicht zur Fibromyalgie. Du hast sie ja auch schon viel länger, als die Schmerzen in den Armen und Beinen. Die EBV-Infektion bietet zwar normalerweise kaum einen Anhaltspunkt, der in Sachen Fibromyalgie verwertbar wäre, aber so wie Du schreibst, sieht es für mich so aus, dass man es eingrenzen kann, dass du sie im Frühjahr diesen Jahres durchgemacht hast und sozusagen im Anschluß daran die Schmerzen in Armen und Beinen usw. auftraten - oder bringe ich da etwas durcheinander? Ich würde in diesem Fall doch noch nicht so schnell aufgeben, an einen möglichen Zusammenhang zwischen Infektion und Muskelschmerzen zu denken. Von schmerztherapeutischer Seite bist Du bei Prof. Göbel wahrscheinlich in allerbesten Händen, aber wenn sich unter seiner Therapie an den Verhärtungen in der Muskulatur nichts ändert, wäre es sinnvoll, dies noch mal anzusprechen und evtl. dazu noch fachärztliche Abklärung zu suchen.

Dass bei Dir die Behandlung des oro-mandibulären Syndroms und der Kopfschmerzen Erfolge gezeigt haben, die Myogelosen aber blieben und Muskelschmerzen hinzugekommen sind, hilft vielleicht dabei, den durch psychische Effekte beeinflußten Anteil besser abzugrenzen.

Pestwurz ist bei Migräne (Kopfschmerzen) ein Mittel aus dem Bereich traditionell bekannter und bewährter Heilpflanzen. Für einen Einsatz bei Muskelschmerzen ist mir eigentlich nichts bekannt - aber ich muß schließlich nicht alles wissen ;-).

Monika

von Monika Draga (Admin) - am 15.08.2001 08:55
Hallo Benjamin,

in der Zeitschrift "Gesundheit" Aug.01 las ich von Botulinum-Toxin.

Unter : www.dmkg.de/patient/studies.htm

findest du Zentren, die Studien über Spannungskopfschmerzen, Migräne und
Cluster-Kopfschmerzen führen.
U.a. auch Professor H.Göbel in Kiel.
Vor einer Woche habe ich mit Professor Dr. Walter Paulus, Abt.Klin. Neurophysiologie, Göttingen telefoniert.
Da ich Fibromyalgie habe, hat mich diese Studie sehr interessiert.
Bei chron.Kopfschmerzen kann Botulinum-Toxin gezielt gespritzt werden.
Da bei Fibromyalgie sehr viele Schmerzpunkte behandelt werden müßten, ist dieses Mittel nicht einsetzbar,Vergiftung!

Gruß Moni

von Moni - am 15.08.2001 15:47
Hallo liebe Betroffenen,
hier nur kurz ein Hinweis von mir - nachdem ich es selbst durchgemacht habe:
Katadolon führt innerhalb kürzester Zeit zu einem Anstieg der Leberwerte (Transaminasen).
Mir wurde einmal bei einem Aufenthalt in der Schmerzambulanz des Klinikum Großhadern vor ca.3 Jahren
Katadolon verordnet.
Ich war begeistert über die gute Wirkung - meine Muskelschmerzen waren fast gänzlich weg.
Nachdem ich aber seit mehr als 20 Jahren eine Chron.(inaktive)B-Hepatitis habe, die Werte sind stets über dem normalen erhöht, hatte ich seinerzeit nach einer Einnahme von ca. 6 Wochen aufgrund des Hinweises im Beipackzettel, das mit einem Anstieg der Transaminasen zu rechnen sei, eine Blutkontrolle vornehmen lassen.
Der Wert hatte sich innerhalb dieser 6 Wochen fast verdoppelt - sodaß die einzige Konsequenz das sofortige Absetzen war!!!
Heute bedauere ich es, daß ich leider kein Katadolon mehr nehmen kann und laboriere mit tgl. 25 mg Saroten und bei mehr Schmerzen mit Ibuprofen 400mg retard herum - leider mit dem Ergebnis, daß ich nach mehreren Tagen der Einnahme von Ibu starke Probleme mit dem Magen bekomme.
Ich wollte nur einfach mal daraufhin weisen, damit andere Fibros mit evtl.zusätzlichen Leberproblemen hier aufzupassen haben!
Wolfgang

von Wolfgang - am 20.08.2001 12:08
Hallo Wolfgang,

der Hinweis auf die Kontrolle der Leberwerte ist im Prinzip richtig, aber ich habe wieder mal ein paar Ergänzungen dazu.

Katadolon ist zunächst mal nur für eine Anwendung von maximal 4 Wochen vorgesehen. So wird es seit vielen Jahren eingesetzt - also hauptsächlich bei akuten Schmerzen.

In jüngerer Zeit ist man jedoch drauf gekommen, dass Katadolon nicht nur akute Schmerzen ausschalten, sondern auch auf die durch chronische Schmerzen veränderten Strukturen im Nervensystem positive Auswirkungen haben kann. Aber das geht natürlich nicht so schnell, also versucht man, Katadolon über einen längeren Zeitraum zu verordnen. Wenn dies vorgesehen ist, dann ist zu beachten:
"Solange keine umfangreichere Erfahrung vorliegt, sind bei längerer Anwendung, beginnend am Anfang der 2. Behandlungswoche, regelmäßige Kontrollen der Leberenzymwerte (Transaminasen) durchzuführen."

Wichtig ist noch zu wissen, dass es zwischen Katadolon und einigen anderen Arzneimitteln Wechselwirkungen geben kann. Das gilt z.B. für alle paracetamolhaltigen Mittel. Auf Alkohol sollte man konsequent verzichten. Bei vorbestehenden Leberschädigungen ist natürlich ganz besondere Aufmerksamkeit ratsam.

Trotzdem scheint das mit den Leberwerten noch nicht so ganz durchsichtig zu sein. Auch bei mir gab es nach mehreren Wochen plötzlich einen deutlichen Anstieg der Leberenzyme, der jedoch bald wieder zurück gegangen ist. Natürlich wurde da das Katadolon zunächst mal abgesetzt. Inzwischen nehme ich es wieder (200 mg abends) und die bisherigen Kontrollen (14tägig) ergaben keinen Hinweis auf ein erneutes Ansteigen der Transaminasen. Ich hoffe natürlich dass es so bleibt, denn es wirkt bei mir nicht nur auf Schmerzen, sondern sehr beeindruckend auch auf die Schlafqualität.

Wenn Ibuprofen Dir Magenprobleme bereitet (und vielleicht auch gar nicht so recht gegen die Muskelschmerzen hilft), dann wird Deinem Arzt doch hoffentlich noch etwas anderes einfallen. Hinweise gibt es ja auf der Website hier genügend.

Monika
Archiv-Beitrag zu Flupirtin (Katadolon)


von Monika Draga (Admin) - am 20.08.2001 13:23
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