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Zwischenwelt
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Erster Beitrag:
vor 8 Jahren, 1 Monat
Letzter Beitrag:
vor 8 Jahren, 1 Monat
Beteiligte Autoren:
soulkitchen, Sheltie, dr.yoghurt, Panic

Der moderne Journalismus

Startbeitrag von Panic am 19.08.2009 19:31

über dpa gibt es heute folgende meldung:

"Eine Giftschlange hat in einem Supermarkt im bayerischen Oberammergau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) eine Urlauberin aus England gebissen. Keine Sorge: Das kleine Drama ging gut aus.

Die 44 Jahre alte Frau schlenderte durch das Geschäft, als die 40 Zentimeter lange Kreuzotter angriff, wie der „Münchner Merkur" berichtet.

Das Tier habe sich offenbar aus den Feuchtgebieten der nahe gelegenen Ammer in den Laden verirrt und sich bedroht gefühlt. Die Frau verbrachte vorsorglich eine Nacht im Krankenhaus, konnte aber am Folgetag aber entlassen werden.

Die Kreuzotter ist die einzige Giftschlangenart, die in Deutschland heimisch ist. Sie ist aber selten und ihr Biss ist für gesunde Menschen nicht tödlich."

Was daran besonders ist?

Es gibt zwei "heimische" Giftschlangen in Deutschland: nämlich die Kreuzotter UND die Aspisviper.

Es gibt sogar noch eine dritte Art, die in den letzten Jahren zugezogen ist. Den Namen habe ich aber vergessen.

Ist zwar eigentlich nicht so wichtig. Aber diese Meldung zeigt den Zustand des Journalismus im kleinen auf. Dpa gibt eine Meldung raus und fast alle Zeitungen übernehmen den Inhalt ungeprüft eins zu eins. Auch die "Seriösen". Passiert täglich auch bei wichtigen Themen. Und das ist dann leider doch schlimm.

Antworten:

lt. Wikipedia

kommt die Aspisviper (noch nie gehört bis dato) nur im südlichen Schwarzwald vor.
Insofern find ich es nicht so schlimm, dass sie nicht erwähnt wurde.
In Österreich wird übrigens auch immer nur die Kreuzotter als einzige heimische giftige Schlangenart genannt. Und noch nicht mal eine solche ist mir bislang je über den Weg gelaufen, obwohl ich nicht so seltebn im Wald bin, allerdings meistens nur in Stadtnähe.

Dass Presseagenturmeldungen unreflektiert wiedergegeben werden, wird zb auf derstandard.at in den Foren auch immer wieder kritisiert. Ich kenn mich da zuwenig aus, vielleicht dürfen die Zeitungen ja diese Presseagenturmeldungen auch nur uneditiert wiedergeben. Oder müssen sie andernfalls komplett umschreiben. Müsste man einen Journalisten oder Publizistiker fragen.

von dr.yoghurt - am 19.08.2009 20:39

Re: lt. Wikipedia

Dass die Aspisviper nicht erwähnt wird, ist gar nicht schlimm. Aber es gibt nun mal mindestens eine zweite heimische Giftschlange in Deutschland. Und das dann eine große Zahl von Tageszeitungen ihre Leser falsche Allgemeinbildung vermitteln, ist eigentlich schon schlimm. Aber mir ging es ja eher vom kleinen zum großen. Auf die selbe weise werden nämlich täglich wesentlich wichtigere Falschaussagen zahlreich und unreflektiert vervielfacht.

Presseagenturmeldungen darf man tatsächlich nicht einfach bearbeiten. Aber es iast überhaupt kein Problem, unter der Meldung eine Anmerkung der Redaktion zu platzieren. Z. B. "Die Kreuzotter ist in Oberbayern die einzige Giftschlange. Im südlichem Schwarzwald gibt es jedoch noch eine weitere Giftschlange: die Aspisviper." Dafür müsste man aber zwei Journalismusregeln befolgen: Nur eine Quelle ist keine Quelle und hinterfrage Allgemeinplätze.
Aber dafür bleibt aus Kostengründen ja keine Zeit.



von Sheltie - am 20.08.2009 19:25

nayo

rein inhaltlich würde ich mich fragen, warum in einem artikel über einen kreuzotternbiss die aspisviper überhaupt erwähnt werden muss. um die kleine inkorrektheit auszumerzen würde es doch genügen, den hinweis auf die "einzige" giftschlangenart aus der bissgeschichte rauszulassen. irgendwelche hinweise auf schlangen, um die es im gegebenen fall gar nicht geht, würde für mich in so einem artikel eher wie unnötige klugscheißerei wirken. was anderes wärs, wenn das thema des artikels "giftschlangen in deutschland" wäre und nicht die biss-geschichte....

von soulkitchen - am 20.08.2009 20:22

Richtig

den hinweis auf die "einzige" giftschlangenart aus der bissgeschichte rauslassen wäre gut gewesen. aber der dpa-journalist fand es halt nötig, einen allgemein bekannten allgemeinplatz, der aber falsch ist, mit reinzunehmen. und da wirds lustig. und traurig, weil ihn viele übernehmen.

von Sheltie - am 20.08.2009 20:28

yo

dennoch ist das nicht so ein journalistischer schnitzer, der mich persönlich besonders aufregt. viel schlimmer find ich diesen hysterischen angst- yournalismus, wo anhand eines doch recht harmosen schlangenbiss dann gleich so ein thema in der art "frau nach schlangenattake schwer traumatisiert" oder "giftige monster lauern überall!" aufgemacht wird.

von soulkitchen - am 20.08.2009 20:45

Nur eine Quelle ist keine Quelle

und Wikipedia ist genau genommen noch nicht mal eine Quelle.

Dass der "Qualitätsjournalismus" im Arsch ist, hängt vielleicht gerade mit dem Medium zusammen, dem wir es verdanken, dass Informationen heute global überall in Echtzeit verfügbar sind - dem Netz. Denn die Online-ausgaben sind eher ein Kosten- als ein Gewinnfaktor. Bezahlmodelle springen nicht an, die Werbefinanzierung verläuft eher mau. Verzichten drauf kann man aus Konkurrenzgründen nicht.

Und in letzter Konsequenz sind wir eigentlich mit"schuld", weil wir nicht bereit sind, für seriöse Berichterstattung extra zu zahlen.

von dr.yoghurt - am 21.08.2009 21:09
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