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Forum Hochbegabung bei Kindern
Beiträge im Thema:
23
Erster Beitrag:
vor 14 Jahren, 3 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 14 Jahren, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
grauseldis, katja, MarionPE, Tar_Miriel, Kerstin, minjong, FelixMum, Annette, Fröschin, lumajo, ... und 4 weitere

Warum sind die Erwartungen so hoch?

Startbeitrag von Kerstin am 17.05.2004 06:37

Hallo an alle, die sich darüber auch mal so den Kopf "zerbrochen" haben, wie ich dieses Wochenende (siehe auch Beiträge "Schulprobleme")

Durch all diese Beiträge zieht sich für mich ein roter Faden, wenn es um das Thema "Verständnis der Lehrer" - "Springen" oder ähnliches geht.

Mir ist aufgefallen, das meistens von den Lehrern die "Begabung" (ausser sie wird durch Zahlung belegt) in Frage gestellt wird, wenn das Kind nicht durch extreme Vorsprünge im Lehrstoff oder anderen Bereichen auffällt.
Das die Mütter (die häufigsten Vertreter der Kinder) fragend angeschaut werden, was sie denn eigentlich wollen?

"Es gibt doch in meiner Klasse noch zwei Kinder die viel schneller rechnen, als Ihrer"," ich habe da noch ein paar Kinder die schon viel schöner schreiben als Ihrer" und und, es wieder holt sich.

Am Freitag haben wir Muttis uns mal wieder ausgetauscht, nach dem wir die Kinder im Kurs abgegeben haben und stellten erneut fest, das es sich wiederholt, egal von wo man kommt, das ist doch ein kleines "Phänomäne", find ich.

Ich finde es wird erst einmal in Frage gestellt, was möchte diese Mutter eigentlich?
-Sonderbehandlung fürs Kind

Ich habe noch mehr Kinder in der Klasse, wo jedes eine Sonderbehandlung bräuchte, mal ganz krass dargestellt.

Ich finde es schwierig, als Mutter, Vertreter des Kindes, sich glaubwürdig und nicht über ehrgeizig oder versponnen, stark zu machen und auch etwas zu bewirken, ohne das es nach einem "Gewaltakt" ausschaut.
Ohne das einer dem anderen die Verantwortung für Entscheidungen hin und her schiebt und dabei dem Gegenüber einen Misstrauischen Blick mit auf dem Weg gibt.

Ich glaube langsam (der Mensch ist ja lernfähig) das den Lehrern nur richtig um "den Bart" gegangen werden muss, ihnen das Gefühl vermittelt werden muss, das sie hier alles im Griff und Überblick haben und vorallem, das alles richtig ist was sie tun!?
Beim schreiben habe ich schon ein ungutes Gefühl, ist das alles so richtig?
Warscheinlich verdrehe ich wieder einmal alles und vierliert doch den Faden und es ist ja eigentlich ganz anderst, als ich es sehe!?

Wollte mir nur mal von der Seele schreiben, weil mir immer wieder die Muttis so leid tun, wenn sie ihren Kindern helfen wollen, das "Elend" an ihrem Kind sehen und ihnen der Weg sooooo schwer gemacht wird, wo es doch so einfach wäre.


Kerstin
Entschuldigt bitte die warscheinlich endlos vielen Fehler, ich habs aufgegeben, da sie immer wieder da sind.

Antworten:

Hallo Kerstin!

Möchte deine Beobachtungen von A bis Z bestätigen und werde mehr schreiben, wenn ich Zeit habe.
Katja

von katja - am 17.05.2004 07:24
Hallo Kerstin,

das kannst Du auch auf Erzieher(innen) übertragen:

Ich sehe noch das blanke Entsetzen in den Blicken der Erzieherinnen meiner Mittleren (5/99), die letzte Woche erfahren haben, dass eine vorzeitige Einschulung in der Diskussion stand. Es war eine Heidenarbeit ihnen klarzumachen, dass es außer dem Kind, das sie zu kennen glauben (lieb, angepasst, im Kindergarten glücklich), noch zu Hause ein ganz Anderes gibt: das eigentlich gar nicht mehr in den Kindergarten möchte, das ständig Input braucht und gefordert werden möchte und wenn es heimkommt erst mal rummotzt und erst nach mindestens einer Stunde konzentrierter Beschäftigung mit verwerflichen Schulthemen (nicht weil Mama das will!!!) wieder zu gebrauchen ist. Klar ist sie erst 4 und braucht einfach für ihr Selbstbewusstsein noch ein Jahr, um dann den allgemeinen Anforderungen (nicht dem Unterrichtsstoff) gewachsen zu sein, und bekommt es auch noch.

Es ist doch immer wieder erschreckend, wie viel Geduld es bedeutet, jemandem klarzumachen, dass man nicht aus maßlosem Ergeiz für sein Kind kämpft, sondern nur eine glückliche und zufriedene Zukunft erreichen will und auf die Mithilfe des Gegenübers hofft. Unsere Kinder passen halt einfach nicht wirklich in unser Schulsystem und brauchen Hilfe um damit klarzukommen. Das verstehen leider nur Wenige.

Dass es auch anders geht, erlebe ich merkwürdigerweise gerade in der Schule: Die Lehrerin meines Großen (7, 1. Klasse) gibt sich die allergrößte Mühe ihm, bringt enormes Verständnis auf, fragt bei Problemen nach, hat auch ein offenes Ohr bei Sorgen meinerseits und hilft dann auch weiter. Es kann also auch anders gehen, aber es ist wohl ein seltener Glücksfall.

Ich wünsche uns allen gute Nerven für die nächsten Kämpfe und Verständnis des Gegenübers für unsere Probleme.

Liebe Grüße
Andrea

von Tar_Miriel - am 17.05.2004 07:36
Ich glaube viele Probleme ergeben sich, da Hochbegabung in der Öffentlichkeit mit Hochleistung gleichgesetzt wird.
Viele grüße,
stressnudel

von stressnudel - am 17.05.2004 09:00
Liebe Kerstin,

wie schon erwähnt, decken sich deine Beobachtungen mit meinen Erfahrungen.
Der schlechte Nachgeschmack, den bisher jedes Lehreringespräch erzeugt hat zwingt mich,nur im Notfall die Schule zu betreten.
Ich glaube der von Stressnudel erwähnte Punkt ist ein ganz wichtiger: Das Wissen, worum es sich bei Hochbegabung eigentlich handelt und wie sie sich zeigt, ist nicht sehr breit gestreut.
Da wird der schnellste Rechner als der intelligenteste betrachtet und Kreativität zeigt sich vor allem im Handarbeitsunterricht (nichts gegen Handarbeit).

So lange dieses Halbwissen herumgeistert, bleibt uns Eltern die sehr unangenehme Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu übernehmen und meist bleibt an uns das Etikett "überehrgeizig und "anspruchsvoll" kleben.

Es ist zudem nicht immer ganz einfach, ruhig zu bleiben, wenn es um das Wohl des eigenen , leidenden Kindes geht und man das Basiswissen über HB zum x-ten mal (in dem Wissen, das sehr wahrscheinlich wieder nichts fruchten wird) an die Frau bringen muss, um vielleicht...

Das macht müde.
Stell dir vor, du hättest ein Kind mit Legasthenie un bei jedem Gespräch müsstest du mit Erklärungen von vorne beginnen ( nein, das Kind braucht keine Brille...)

Aufklärung tut Not und das ist meine einzige Hoffnung, denn ich habe keine Lust, ständig die narzisstischen Bedürfnisse von LehrerInnen zu befriedigen. Ich will Professionalität und die wird nur erreicht, wenn bereits in der Ausbildung Hb ein wichtiges Thema ist.

Forderungen sind ein heikles Terrain. Aber mein Gefühl sagt mir, dass das Wissen um das Thema "Begabung" alle berreichern würde und letzten Endes auch allen Kindern zugute käne, in Form eines spannenderen, individualisierteren Unterrichts.

Aber wie Andrea schon erzählte: Es gibt löbliche Ausnahmen und ich hoffe, die werden zu regel, denn mein Kampfanzug ist schon ziemlich abgewetzt...

lg Katja

von katja - am 17.05.2004 09:58
Hallo Kerstin

Mir steht das Gespräch mit einem Lehrer noch bevor, und ich habe ein komisches Gefühl im Magen....

Unser Sohn war bereits im Kiga sehr auffällig. Als wir mit der Kindergärtnerin über unsere Vermutung einer HB sprachen, winkte diese bloss ab und meinte, dass sie ein HB-Mädchen in der Klasse hätte, und dieses zeige ganz andere Symptome und benehme sich nicht so extrem wie unser Sohn, es könne also ganz bestimmt keine HB vorliegen. Da wir damals anscheinend noch weniger über HB wussten, nahmen wir ihr diese Erklärung ab.

Jetzt ist unser Sohn in der zweiten Klasse, unserer Meinung nach unterfordert, und wir werden ihn nächste Woche beim Schulpädagogen abklären lassen. Da mein Kind dann in der Schule fehlen wird, muss ich mit dem Lehrer darüber reden....somit wäre mein komisches Gefühl im Magen wieder da ;-)

Du schreibst genau das, was wohl 99% in diesem Forum denken!

Liebe Grüsse, Karin

von Karin - am 17.05.2004 10:47
Hallo alle zusammen,

ich möchte mal was Positives beitragen. An unserer Schule ist vor 3 Jahren der erste "anerkannt" Hochbegabte gesprungen. Laut der Mutter dieses Jungen musste sie eine sehr große Aufklärungsarbeit leisten.

Mittlerweile ist das Thema HB dort allgemein bekannt, verschiedene Lehrerinnen nehmen an Fortbildungen teil und sensiblisieren andere für das Thema. Außerdem werden nach den Sommerferien höchstwahrscheinlich 2 Fördergruppen für hochbegabte Grundschüler (muss dann allerdings den Bedarf des gesamten Landkreises abdecken, ist also immer noch nicht ausreichend) durch das Ministerium eingerichtet.

Möglich ist das alles durch das Engagement der Rektorin, die sich gerne mit vielen Titeln schmückt. Ist ja auch kein Problem, so lange es den Kindern nützt. Außerdem gibt es bei uns im Saarland eine Beratungsstelle für Hochbegabung, die alles koordiniert. Wen's interessiert, der kann ja mal unter [www.iq-xxl.de] nachschauen.

In unserer Tageszeitung sind auch öfter Berichte über Hochbegabte, in denen zwar oft über die Hochleister berichtet wird. Allerdings stehen da auch andere Infos drin, so dass die HB's so langsam vom Image des Exoten wegkommen. Ich glaube, hinter denen Berichten steckt auch die Beratungsstelle.

Übrigens, bei unserem Ältesten sprach uns die Lehrerin auf eine evtl. Hochbegabung an. Er fiel ihr dadurch auf, dass er störte,in der Klasse rumlief etc, und trotzdem dem Unterricht folgen konnte, nicht durch Höchstleistung.

Ich bin auch der Meinung, nur durch Aufklärung kann sich etwas ändern. Nur müsste diese Aufklärung in allen Bundesländern durch das Kultusministerium erfolgen. Auf die Aufklärung durch Eltern scheinen fast alle Lehrer allergisch zu reagieren.

Viele Grüße

Grauseldis

von grauseldis - am 17.05.2004 13:53
Mich haben diese Beiträge hier doch recht nachdenklich gestimmt. Ja, ich muß zugeben, daß auch ich mich mit dem Berichteten nur allzugut identifizieren kann.
Andererseits muß ich zugeben, wenn ich so in die Klasse meines Sohnes hineinschaue, scheint mir da verdammt vieles im Argen und ich habe tatsächlich das Gefühl, daß ein hoher Anteil der Mitschüler meines Kindes spezielle Förderung bräuchten und das in ganz unterschiedlichsten Richtung. Wenn nun aber unsere Lehrer (zumindest wohl in hohem prozentualen Anteil) nicht in der Lage sind, all diesen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, dann muß man doch an dieser Stelle einfach mal die Frage aufbringen WORAN LIEGT DAS? Ist das wirklich nur Ignoranz oder Bequemlichkeit oder eben doch eher Unfähigkeit? Und müsste dann nicht ganz Grundlegendes an unserem Schulsystem verändert werden? Müßte nicht auch die Qualifikation unsere Pädagogen ganz anders aussehen?
Mal ehrlich: Wir sind jetzt diese eine Gruppe von Eltern mit ihren ganz speziellen Problemen, die unzufrieden ist. Aber in welche Gruppe man auch schaut - an dem Schulalltag ihres Kindes interessierte Eltern sind in fast allen Gruppierungen unzufrieden. Es ist doch sehr traurig, daß sich dann in diesem Bereich trotzdem so wenig bewegt.

von lumajo - am 17.05.2004 18:52
Hallo lumajo!

Aber Warum???? :confused: :hot:

Kerstin

von Kerstin - am 17.05.2004 19:18
Ich denke auch, dass das Schulsystem grundlegend geändert werden müsste. Die Lehrer, die ich kenne, sind zum größten Teil sehr engagiert und tun ihr Bestes, aber trotzdem reicht es nicht. Welche grundlegenden Änderungen sollten aber geschehen? Was wäre notwendig und sinnvoll?
Meine Kinder haben am meisten in der Volksschule unter Langeweile gelitten. Das Überspringen einer Klasse brachte auch nur für kurze Zeit Entspannung, dann war der Rückstand aufgeholt und es war so langweilig wie vorher. Ich habe in der Schule und auch im Ministerium beantragt, ob man die Kinder nicht teilweise vom Schulbesuch befreien könnte (z.B. 2x pro Woche). Das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, weil die Kinder dadurch nicht mehr richtig in der Klasse dazugehören. Aber immerhin, es kostet gar nichts, ist organisatorisch möglich und bringt sofortige Erleichterung. Es wurde aber abgelehnt.
Ein Kurssystem von Anfang an hätte für hb Kinder einiges für sich. Da könnten sie wie an der Uni in ihrem Tempo studieren, ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Das ist aber vermutlich ganz unmöglich realisierbar.

Was habt ihr für Vorschläge? Hier sind bestimmt viele Eltern, deren Kinder die ersten Schuljahre schon hinter sich haben. Was hätte euren Kindern geholfen?

von minjong - am 18.05.2004 06:01
Hallo minjong,

wie meinst Du das mit dem Kurssystem?

Vielleicht wäre es gut, schon in der Grundschule E- und G-Kurse in den Hauptfächern einzuführen!?

Schöne Grüße,
Blue

von Blue - am 18.05.2004 07:00

Kurssystem

Ein Kurssystem stelle ich mir so vor: Da gibt es einen Katalog von Lernzielen und -inhalten (z.b. Lehrbuch soundso, oder Kapitel 10-20), und einen Stundenplan, wann welcher Lehrer welche Inhalte vorträgt und übt. Und Prüfungstermine. Die Kinder könnten sich für Lehrveranstaltungen und wahlweise Übungen anmelden und würden zu den Prüfungen antreten, sobald sie soweit sind. Wer alle vorgeschriebenen Prüfungen hat, ist fertig (für dieses Schuljahr oder überhaupt mit der Volksschule).
Da würde sich auch bald herumsprechen, ob man lieber den Kurs bei Lehrer A oder B belegt. Somit wäre auch für die Lehrer eine stärkere Motivation, ihre Kurse interessant zu gestalten.
Das setzt viel Selbständigkeit bei den Kindern voraus, und wird daher wahrscheinlich für die meisten Kinder nicht möglich sein. Aber für hb-Kinder fände ich es gut.

von minjong - am 18.05.2004 07:13

Re: Kurssystem

Hallo,

an den Kurssystemen der Oberstufe hat allerdings die Tatsache, dass alle zu Lehrer A wollten und keiner zu Lehrer B eher dazu geführt, dass die Kurse ohne Nennung des Lehrers angeboten werden.

Michaela

von michaela - am 18.05.2004 07:37

Re: Kurssystem

Das halte ich in der Grundschule nicht wirklich für durchführbar. Wir können nicht nur von unseren Kinder ausgehen, da in der Grundschule noch die komplette Bandbreite vertreten ist. Was für unsere Kinder vielleicht richtig und machbar wäre, wird die breite Masse vermutlich überfordern.

Außerdem: wer soll bestimmen oder auswählen in welchen Kurs ein Kind geht? Die Kinder in der Grundschule selbst sind in der Regel damit noch überfordert, viele Eltern kümmern sich in vielen Fällen nicht wirklich darum und wenn die Lehrer das übernehmen müssen, die normalerweise die Kinder einschätzen können, kommen vermutlich sofort Beschwerden und Rückfragen der Eltern.

Was ich jedoch eher für praktikabel halte, ist das Angebot von Förderstunden. Die gibt es bisher beispielsweise bei uns nur für schwache Schüler und für meinen Sohn war es im letzten Jahr ein Drama, dort nicht mehr hingehen "zu dürfen". Es spricht eigentlich nichts dagegen auch für gute Schüler Zusatzangebote zu machen. Zeit für Projektarbeiten zu interessanten Themen oder Mathe-, Deutsch- oder Sachkunde-AGs. Ich kenne im Grundschulbereich eigentlich nur Sport-, Bastel- oder Musik-AGs, zur Nor auch mal eine Computer-AG.

Liebe Grüße
Andrea

von Tar_Miriel - am 18.05.2004 08:59

Re: Kurssystem

Hallo,
ich glaube, für die Grundschüler sind solche hochschwelligen Interventionen nicht immer
zwingend .
Es reicht vielfach (nicht immer), im Unterricht nicht alle gleich zu behandeln, sprich der alte Irrglaube, alle Kinder müssten zur selben Zeit das genau Gleiche tun, sollte allmählich der Erkenntnis weichen, dass das Recht auf individuelle Förderung ein Recht ist, das allen dient.
Natürlich ist das eine Umstellung, die anfangs grossen Einsatz fordert und der Aufschrei nach Gleichbehandlung kann ich jetzt schon hören.
Ich binnendifferenzierende Möglichkeiten gäbe es zuhauf: Projektarbeiten, die je nach Niveau des Kindes gestaltet werden können, Wochenpläne, die angepasst werden , Lernwerkstätten....
Das Kind sollte ab und zu an seine Leistungsgrenze kommen, die es sich selber setzt und nicht nur an die, die die Schule vorgibt.


Ich sehe die Ursachen der Schwierigkeiten, die ich als Mutter in der Kommunikation mit Lehrpersonen erlebe, nicht in deren Faulheit , viel eher lassen sich viele LehrerInnen, vielleicht ähnlich wie einige Aerzte ,äusserst ungern auf Kompetenzfragen ein, reagieren sehr empfindlich auf Vorschläge und sind in Sachen Informations-und Ressourcenaustausch häufig nicht sehr freigiebig.
Diese Mimosenhaftigkeit führt dazu, dass die Effizienz darunter leidet.
Vielleicht wäre die Idee, das Schulwesen nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen
zu organisieren, gar keine schlechte ( aber nicht so, dass es zu einem Zweiklassensystem kommt, sondern dass die Schulen untereinander verstärkt in Konkurrenz treten, was meint Ihr?)

Ja, ja , ich hab gut reden.
Vielleicht lesen LehrerInnen mit , die an der Front stehen und helfen , Ideen zu entwickeln?

Katja

von katja - am 18.05.2004 09:23
Ich denke mal, dass ein Riesenproblem der Versuch ist, alle Kinder auf dem gleichen Level zu halten. Das schafft auch der beste und engagierteste Lehrer nicht, außerdem tut man damit den stärkeren Kindern keinen Gefallen.

Außerdem bin ich der Meinung (meine absolut subjektive Einschätzung), dass die Unterschiede zwischen den Kindern heutzutage extrem groß sind. Auf der einen Seite die von zu Hause unterstützten, von Baby an geförderten, auf der anderen Seite die eher vernachlässigten. In der 1. Klasse meines ältesten Sohnes saßen 3 Kinder, die die erste Klasse wiederholten. Und wir sind sehr ländlich, kein sozialer Brennpunkt, kein extrem hoher Ausländeranteil. Auf der anderen Seite gab es Kinder, deren Mütter aus welchen Gründen auch immer mit ihnen vorarbeiteten.

Die Lehrerin engagierte sich sehr für die Schwachen, damit sie es diesmal in die zweite Klasse schaffen. Zusätzlich saßen noch 3 oder 4 Schüler in der Klasse, die extreme Aufmerksamkeit brauchten, damit auch sie die Versetzung schaffen. Dann gab es natürlich auf der anderen Seite die Leistungsstarken, die sich vernachlässigt fühlten, da ihnen alles zu langsam ging.

Die Spannungen gab es in der Klasse und ganz besonders auch unter den Müttern. Die einen beschwerten sich, dass ihr Kind nicht gefördert würde. Die andere beschwerte sich, wenn im Diktat mal ein Wort vorkam, dass nicht geübt war. Die nächste meckerte, weil eine Klassenarbeit über ein Thema geschrieben wurde, das schon eine Woche vorher und nicht unmittelbar vor der Arbeit durchgenommen wurde usw.

Ständig standen die Mütter bei der Lehrerin auf der Matte und hatten was zu meckern. Immer ging es um "mein" Kind, das nicht richtig behandelt wurde. Und ich denke mal, das ist das Dilemma, in dem die Lehrer stecken.

Mein Mann sagte schon von Beginn der Schulzeit unseres Sohnes an, dass er es besser fände, wenn die Kinder nach ihrer Leistungsstärke und nicht nach ihren Wohnorten zusammen in eine Klasse kämen Fand ich am Anfang etwas übertrieben, mittlerweile muss ich ihm Recht geben.

Viele Grüße

Grauseldis

von grauseldis - am 18.05.2004 12:13

Re: Kurssystem

Hallo Katja!

Heute morgen um viertel nach 7 bekam ich mal wieder einen Anruf. Wir brauchen Sie heute und morgen in einer ersten Klasse. (Gestern war ich da auch schon eingesprungen, daher kannte ich wenigstens schon den Stand der Klasse). Um 8.20 Uhr fing für mich der Unterricht an. Kurz vor 8 musste ich los, meinen Zwerg zur Schule bringen (dafür bleibt er mittags dann kurz allein, so ist unser Abkommen) und weiter. In der Zwischenzeit musste ich mich vorbereiten und frühstücken. Meine Vorbereitung sah so aus:
Los ins Kinderzimmer und 15 Fibeln (wir sammeln die) und 5 Erstlesebücher eingepackt, Tasche gepackt und los. In der Klasse habe ich eine Lesestunde gemacht. Einige, die es sich zutrauten haben die Bücher gelesen, andere blieben bei den Fibeln. Die Schwächeren fingen ganz von selber vorne an (jede Fibel beginnt ja mit anderen Buchstaben), Stärkere lasen weiter hinten. Es war eine friedliche Stunde. Ich ging herum und sprach mit den Kindern über das, was sie gerade lasen. Am Ende der Stunde hat jedes Kind sein Buch kurz vorgestellt. Die Bücher blieben unter dem Tisch und wer in den weiteren Stunden mit einer Aufgabe fertig war, durfte lesen.
Aber: Um das immer realisieren zu können müssten in jeder Klasse mindestens 50 Bücher sein (vorausgesetzt, es findet ein Austausch zwischen Parallelklassen statt), in höheren Klassen mehr. Die Lehrperson muss alle Bücher kennen um Fragen stellen zu können. Aber man würde die Fibeln weniger abnutzen, denn ich denke die Hälfte aller Kinder benötigt sie nicht mehr. (Übrigens: Die Schwachen lernen die Fibeltexte auswendig).

Den Rest des Vormittags haben wir mit Rechnen, schreiben und Geschichten verbracht. Mal sehen, was mir noch für Morgen einfällt. Ich spiele übrigens auch mit Erstklässlern Galgenraten und ähnliche Spiele.

Aber ob ich das in der Form jeden Tag bringen könnte weiß ich nicht. Wenn ich eine Woche durcharbeiten muss bin ich ganz schön fertig. Ich bin übrigens keine Lehrerin, sondern bin im Moment offiziell Vertretungskraft in einer Niedersächsischen Verlässlichen Grundschule. Ab den Sommerferien werde ich herabgestuft zur Betreuungsperson (weniger Geld, ich darf dann auch nur beaufsichtigen, aber das finde ich todlangweilig, also werde ich mir doch meine Gedanken machen).

Durch den Job lerne ich die verschiedensten Lehrmodelle kennen. Gut dass mein Sohn nicht an dieser Schule ist, man sieht zuviel. Aber die Methode ist im Endeffekt unwichtig. Die Kinder lieben fast immer ihre Klassenlehrerin (wenn nicht, ist Vorsicht geboten) und die meisten lernen Lesen, Rechnen und Schreiben.

Jede Lehrkraft hat ihren Stil und es gibt keinen Weg, der für alle Lehrkräfte ideal ist. Genausowenig für alle Kinder. Wenn ich in eine Klasse komme höre ich oft: "Aber bei Frau XY machen wir das anders". Wir können aber damit leben und manche leben in der Zeit auf, andere haben ihre Probleme damit, aber wir sind alle nur Menschen.

Ein Kurssystem halte ich persönlich nicht für gut. Kinder brauchen ihre Kontaktpersonen. Das schreibe ich absichtlich im Plural, in jeder Klasse sollten mehrere Lehrer unterrichten, stellt euch mal vor ihr müsstet ständig mit jemandem zusammenarbeiten, den ihr nicht mögt und das ist bei Lehrer- und Schülerseite dasselbe. Aber ich denke, mit Kleinigkeiten kann man den Unterricht schon enorm auflockern. Und wenn man dann nicht von allen Kindern drei Seiten abschreiben verlangt, sondern nur erwartet, dass sie sich anstrengen und einige schaffen eben drei Seiten....

Es gäbe viele Möglichkeiten, ich versuche sie auch durchzuziehen, aber als Mutter stehe ich trotzdem oftmals da und weiß nicht weiter.

Über tolle Ideen für den Unterricht würde ich mich auch freuen, aber ich habe hier schon öfters Aufrufe gestartet, es kam nur wenig.

Viele Grüße

Marion

von MarionPE - am 18.05.2004 12:36
Hallo Grauseldis!

Schon vor längeren habe ich überlegt, dass gleich bei der Einschulung gefragt werden sollte, ob die Kinder die Grundschule in 3, 4 oder 5 Jahren abschließen sollen. Ich denke, die meisten Eltern würden schon die richtige Möglichkeit wählen und es würde einiges vereinfachen. Es gäbe übrigens auch genug Eltern, die möchten, dass ihr Kind Zeit hat, die dann eine längere Zeit einplanen würden.

Wäre das eine Möglichkeit?

Marion

von MarionPE - am 18.05.2004 12:40
Jaaaaaaa!!!!! Unbedingt!!!!!!!

Aber ich glaube, das wäre von vielen Bürokraten zu viel verlangt. Wie könnten Sie denn dann verlässlich ihre Jahrespläne abliefern? Ich finde es auch immer wieder spannend, wie die Ministerien vom Lehrermangel überrascht werden.

Genug gelästert. So toll wie ich die Idee finde, so wenig Hoffnung habe ich, dass sie irgendwann mal umgesetzt wird. Leider.

Grauseldis

von grauseldis - am 18.05.2004 18:12

Re: Übereifrige Eltern

Hallo grauseldis,

ich musste gerade schmunzeln, als ich dein Posting las. Gebe dir völlig Recht in Bezug auf das Dilemma von Lehrern, auch wenn ich das natürlich wieder von meiner Eltern-Seite her ganz anders betrachte.

Ähnliche Beobachtungen die große Heterogenität bei Erstklässlern betreffend machen wir auch, in einer ländlichen Gegend, wenn auch mit rechnerisch fast gleich hohem Ausländeranteil wie in Städten. Nun ja, hier sind es auch schon rund ein Drittel der Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Deshalb ist ja meine Meinung, das Beste, das (der Problematik bewusste) Eltern tun können, ist sich selbst darum zu kümmern, was ihr eigenes Kind betrifft. Die Anforderungen, denen Lehrer/innen da ausgesetzt sind, sind einfach zuviel für sie. Den Erwartungen, denen sie sich von Eltern gegenüber ausgesetzt sehen, können sie gar nicht entsprechen, das ist auch in vielen Fällen einfach zuviel verlangt.

Es bestreitet ja auch niemand, dass für jede Mutter, jeden Vater, genau sein Kind etwas Besonderes ist. Das ist auch richtig so und soll auch so bleiben. Aber dass es eine wachsende Zahl von Eltern gibt, die in der heutigen 'Begabten-Diskussion' die Entwicklung ihres Kindes doch über-interpretieren und die Lehrer sich auch damit und mit den Sonderwünschen der Eltern konfrontiert sehen, ist auch offensichtlich. NICHT ALLE Kinder, die mehr vom Kindergarten verlangen als Kleben-Schneiden-Malen sind auch AUTOMATISCH hochbegabt. Das muss man auch in diesem Zusammenhang sehen, wenn Lehrer hier ablehnend reagieren oder gar selbst aggressiv werden.

Wie gesagt, ich bin selbst als Mutter (bisher) nicht von der Güte öffentlicher Regelschulen überzeugt, ich kann aber inzwischen auch wiederum die Reaktionen der Lehrer auf 'überkandidelte Eltern' nachvollziehen. Den Kindern jedenfalls tut man damit keinen Gefallen, das ist am Ende so wie mit Loriot's Hunde-Sketch O-ooo-ooo-ooo... "ich glaube, der Hund KANN gar nicht sprechen." - Auch an diese Kinder sind die Erwartungen dann viel zu hoch: DAS sind dann ECHTE Eislauf-Mütter, die ihre Kinder unbedingt auf IQ 130 trainieren müssen, weil es auch welche gibt, die sich gern mit einem 'kleinen Exoten' schmücken wollen - aus welchem Grund auch immer.

Was unseren Sohn angeht, so genügt es mir inzwischen völlig, ihn in der Schule so gut integriert und fröhlich zu sehen - und so lange das so bleibt und er trotz meiner Bedenken den Inhalten und dem gebotenen Niveau gegenüber so gerne hingeht, besteht aus meiner Sicht kein Anlass, darüber mehr zu meckern als nötig. ;-)

In diesem Sinne, einen schönen VATER-Tag noch! Viele Grüße,
FelixMum

von FelixMum - am 20.05.2004 13:01
Viele setzen den Begriff "Hochbegabung" mit "Hochleistend" oder "Hochmotiviert" gleich. Darum finde ich den Ausdruck "anders denkend" , der ja auch hier öfter im Forum verwendet wird, besser, weil er nicht so negativ besetzt ist.

Dass das derzeitige Schulsystem reformbedürftig ist, ist mittlerweile vielen Leuten klar. Allen Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden ist unmöglich, aber man sollte versuchen, weg von der Gleichmacherei, zu kommen. Das Kurssystem oder eine größere Durchlässigkeit der Klassen, können ein Weg sein. Auch sollten Eltern und Kids entscheiden können, wann sie die´(zentrale) mittlere Reife oder das ( in allen Bundesländern einheitliche) Abi machen wollen/sollen. Auch das könnte Hb-Kids motivieren.

V. G. Annette

von Annette - am 20.05.2004 16:21
Das scheint auf den ersten Blick ganz praktikabel zu klingen, was ist aber mit den Kindern, die während Ihrer Kindergartenzeit in keinster Weise auffallen und auch die Eltern - aus welchen Gründen auch immer - nicht im Mindesten an eine eventuelle HB denken.
Wir z.B. wären im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass unser Sohn die Grundschulzeit in drei Jahren hinter sich bringen würde...
Jetzt hat er uns eines besseren belehrt!
Was ist ausserdem mit den Kindern, die zusätzlich zu der HB auch noch eine Teileistungsschwäche wie z.B. Legasthenie haben oder noch ADS dazu kommt?
Solche Kinder müssten dann im Laufe Ihrer Grundschulzeit auf eine "andere Laufzeit" umgestuft werden...und dann hätten wir wieder das selbe Problem wie mit dem Springen!

von Fröschin - am 20.05.2004 19:17
Hallo Fröschin!

Für mich persönlich ist Springen genauso wie Sitzenbleiben eine Krücke. Schulisch bringt das eigentlich gar nicht viel, der einzige Vorteil liegt im Kind das sich für eine gewisse Welte wohler fühlt; der Springer weil er lernen muss, der Wiederholer, weil er endlich Erfolgserlebnisse hat. Aber nach spätestens zwei Jahren ist in beiden Fällen alles wieder beim alten, weil es wieder dem einen zu schnell und dem anderen zu langsam geht.

Trotzdem haben meine Töchter beide eine Klasse übersprungen. Beim Sohn warten wir noch ab, er fühlt sich in der Klasse wohl und die Lehrerin ist toll. er hat aber das Glück in einer extrem starken Klasse zu sein. Was die Zukunft brigt wissen wir noch nicht. Unser Problem mit ihm: er tut nichts, ist nur faul. Wenn er jemals springt, dann einfach aus dem Grund, dass er dann arbeiten muss.

Eine Ideallösung für alle Kinder wird es sowieso nicht geben.

Viele Grüße

Marion

von MarionPE - am 21.05.2004 13:27
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