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Eisenbahnforum Ulrich Walluhn
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vor 9 Monaten, 3 Wochen
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Ulrich Walluhn

Lok von Gernrode-Harzgerode in Russland

Startbeitrag von Ulrich Walluhn am 19.02.2017 12:53

Viele Jahrzehnte galten die 1946 nach Russland verbrachten Lokomotiven der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn als verschollen. Nicht im Traum hätte ich noch 1989, ja sogar noch 1999 daran gedacht, je etwas von diesen und vielen anderen um 1946/47 in die Sowjetunion verbrauchten Lokomotiven zu erfahren.

2014 besuchte mein langjähriger Freund Konstantin Smironow aus Lwow (Lemberg) das Archiv der Putilow-Werke Leningrad im heutigen Sankt Petersburg. Die Putilow-Werke waren ein uralter aus der Zarenzeit stammender Lokomotivbaubetrieb, der später Panzer für die Rote Armee fertigte. 1941 bis 1944 lag während der Blockade Leningrads durch die Deutsche Wehrmacht die Produktion weitgehend still. Durch Fernartilleribeschuß erhielt die große Fabrik auch erhebliche Beschädigungen. Erst 1945 konnte die Produktion wieder aufgenommen werden. In den Putilow-Werken (eigentlich Plural) sind zwischen 1945 und 1949 auch weit über tausend Dampflokomotiven der verschiedensten Bauarten einer Generalreparatur unterzogen worden.

Akten über diese Vorgänge haben sich im Werkarchiv erhalten. Und beim Studium solcher Akten stieß Konstantin Smironow auch auf die Lok der Gernode-Harzgeroder Eisenbahn aus Deutschland. Sie wurden 1946 allesamt nach Leningrad verbracht und hier generalreparariert und auch umgebaut. Als wir zum ersten Mal den Zielort der fertigen Lok lasen, staunten wir nicht schlecht: Nowo Sachalinsk auf der Insel Sachalin. Hier gab und gibt es ein mehr als 1000 Kilometer langes Netz in Spurweite 1067 mm, also in Kapspur, dessen Grundzüge noch zu japanischer Zeit angelegt wurden. Die Insel Sachalin ist militärisch völlig gesperrt, das heißt, selbst russische Zivilbürger kommen nicht nach dort. Auch heute geht dies nicht, etwa im Gegensatz zum Bezirk Königsberg. Und genau darum haben wir Außenstehende auch nie etwas über den Verbleib der Lok erfahren. Ja wie denn auch.

Konstantin Smironow gelang es 2016 nun nach endlosen Prozeduren endlich, die alten Akten der Dampflokomotiven aus Nowo Sachalinsk (dort lagen sie nämlich nach Jahrzehnten immer noch) in das Archiv des Verkehrsministeriums Moskau verbringen zu lassen. Am 15. November 2016 konnte er schließlich neben zahllosen anderen auch die russischen Betriebsbücher der Gernrode-Harzgeroder Lok einsehen.

Ich möchte aus diesem Fundus zwei Maschinen vorstellen: Lok 2 HARZGERODE aus der Erstaustattung der Bahn, die 1958 ausgemustert wurde und Lok 22 von Orenstein und Koppel. Letztere ein Fünfkuppler mit ursprünglich zahnradgekuppelten Luttermöller-Endachsen, ausgemustert 1964. Die Lok erhielten ihre Fabriknummer als Betriebsnummer mit einem T (Trofej = Beute) vorangestellt. Den Kesseln teilte man die typisch russische Inventar-Nummer zu. Beide Luttermöller-Lok Nummer 21 und 22 sind bei Putilow in normale stangengekuppelte E-Tenderlok abgeändert und erheblich umgebaut worden. Einzelheiten sind wie immer den Bauartänderungen zu entnehmen.

Schmunzeln musste ich, als ich fast zeitgleich eine Schrift aus dem VGB-Klartext-Verlag zu lesen bekam. "Harzer Schmalspur-Spezialitäten" von Otto Kurbjuweit. Der Autor schreibt auf Seite 23, ich zitiere: "Alles andere wurde nach Osten abtransportiert und landete vermutlich im Hochofen, denn kein Fahrzeug ist je wieder irgendwo gesichtet worden." Nun ja, man kann es dem Autor nicht übel nehmen. Er konnte es nicht besser wissen. Es sind auch tausende andere Lok nie wieder von deutschen Zivilisten gesichtet worden, sei es auf den Staatsbahnen tief in der Sowjetunion, sei es in den großen Hüttenkombinaten oder auf den Waldbahnen. Nein, die Lok landeten nicht im Hochofen, sondern zuerst in Leningrad und dann ganz im Osten auf der Insel Sachalin.



Betriebsbuchauszug der Dampflokomotive T-2228:
==============================================
Rahmen: Chenschel Germanii 1887 god Nomer 2228
Kessel: Nomer 34211

Anlieferung: ..........
Abnahme: ..........

Lok ist Ursprungslok Gernrode-Harzgerode Nummer 2 HARZGERODE.
Auf Buchdeckel: Ministerstow Wnutrennych Djel Sachalin Eisenbahn
Depot Nowo Sachalinsk und unleserliche Radierungen.

04.06.47 – 13.09.47 Werkstatt Putilow Leningrad Generalreparatur

16.02.50 – 05.04.50 Werkstatt Nowo Sachalinsk Z.U.

12.10.52 – 08.12.52 Werkstatt Nowo Sachalinsk H.U.

19.06.55 – 08.08.55 Werkstatt Nowo Sachalinsk Z.U.

24.07.58 ausgemustert

Bauartänderungen:

13.09.47 W.Putilow automatische Mittelpufferkupplung angebaut, neue
Feuerbüchse geschweißt aus IZett-Stahl eingebaut,
neuen Stehkessel geschweißt angebaut, neue Rauch-
kammer angebaut, Sandstreuanlage geändert, Feuer-
tür geändert, Blasrohranlage geändert, Schorn-
steinanlage geändert, Wasserstände geändert, Kes-
seldruck von 10 auf 12 atü erhöht, Kesselsicher-
heitsventile geändert, Dampfdomring verstärkt,
Anstrich erneuert, Umbau auf 1067 mm Spurweite
durch Änderung der Radsätze und der Bremsanlage






Betriebsbuchauszug der Dampflokomotive T-11747:
===============================================
Rahmen: Berlin Germanii 1928 god Nomer 11747
Kessel: Nomer 34022

Anlieferung: ..........
Abnahme: ..........

Lok ist Ursprungslok Gernrode-Harzgerode Nummer 22.
Auf Buchdeckel: Ministerstow Wnutrennych Djel Sachalin Eisenbahn
Depot Nowo Sachalinsk und unleserliche Radierungen.

28.11.46 – 10.05.47 Werkstatt Putilow Leningrad Generalreparatur

15.09.49 – 04.11.49 Werkstatt Nowo Sachalinsk Z.U.

13.02.52 – 01.04.52 Werkstatt Nowo Sachalinsk H.U.

25.07.54 – 08.09.54 Werkstatt Nowo Sachalinsk Z.U.

17.05.57 – 03.07.57 Werkstatt Nowo Sachalinsk H.U.

28.10.59 – 15.12.59 Werkstatt Nowo Sachalinsk Z.U.

08.01.62 – 17.02.62 Werkstatt Nowo Sachalinsk H.U.

28.11.64 ausgemustert

Bauartänderungen:

10.05.47 W.Putilow automatische Mittelpufferkupplung angebaut, neue
Feuerbüchse geschweißt aus IZett-Stahl eingebaut,
neuen Stehkessel geschweißt angebaut, neue Rauch-
kammer angebaut, Sandstreuanlage geändert, Feuer-
tür geändert, Blasrohranlage geändert, Schorn-
steinanlage geändert, Wasserstände geändert, Kes-
seldruck von 12 auf 14 atü erhöht, Kesselsicher-
heitsventile geändert, Dampfdomring verstärkt,
Anstrich erneuert, Umbau auf 1067 mm Spurweite
durch Änderung der Bremsanlage, neue Radsätze an-
gebaut, Umbau der Stangen auf 5 Achsen, neue
Zylinder angebaut, Rahmenverstärkung angebaut,
beide Pufferbohlen verstärkt

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