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Eisenbahnforum Ulrich Walluhn
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vor 2 Jahren, 10 Monaten
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Ulrich Walluhn

Lok TB-1366 als Beispiel für preußische G10 in der Sowjetunion

Startbeitrag von Ulrich Walluhn am 01.04.2015 16:55

Ein erheblicher Teil des Bestandes an Lok der Baureihe 57.10 (preußische G10) verblieb nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. Während ein großer Teil dieser Lokomotiven - soweit betriebsfähig und nicht dauerhaft abgestellt - im Zeitraum 1950 bis etwa 1958 aus dem Bestand der Staatsbahnen ausschied und nicht selten auf Werkbahnen oder als Heizkesselanlagen weiterverwendet wurde, gibt es einen kleineren Teil des Gesamtbestandes, der bis etwa 1961 bis 1965 aktiv im Zug- und Rangierdienst weiterlebte. Einzelne Exemplare brachten es als Dienstlok in Werkstätten bis ins Jahr 1974 und später, also eine Zeit, als es bei der DR und der DB längst keine solchen Lok mehr im Betriebe gab!

Sofort erheben sich Fragen - wie war das möglich?

Diese Frage ist inzwischen lösbar, aber eine zweite leider bis heute nicht. In Anlehnung an die bereits 1939 übernommenen polnischen Tw 1 (G10) bekamen die russischen Lok zunächst das Gattungszeichen TB (meist vor die deutsche Betriebsnummer geschrieben). Später entfiel die deutsche Baureihenbezeichnung 57, so dass zum Beispiel aus 57 1366 erst TB 57 1366 und dann TB-1366 wurde. Im Zeitraum zwischen 1952 und 1956 allerdings änderte man das Gattungszeichen TB auf TSchtsch, aber längst nicht bei allen Lok. Eine Systematik kann nicht einmal Konstantion Smironow aus Lemberg erkennen, der sich seit fast 50 Jahren mit russischen Lok befasst und seit gut 30 Jahren mit fast endlosen Mühen russische Archive und Dienstorte bereist. Wieder andere G10 hießen nicht TB sondern eigenartigerweise TJu.

Lok 57 1366 (TB-1366) könnte einen Lösungsansatz bieten. Das russische Betriebsbuch konnte am 15.11.2009 in der Lettischen Werkstatt Riga aufgefunden und ausgewertet werden. Hier war die Lok seit 28.03.1961 als Heizkesselanlage eingesetzt, wie lange allerdings, wissen wir nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Betriebsbüchern ist der gesamte Ausbesserungsteil des Kessels noch vollständig vorhanden. Und dieser offenbart gleich mehrere Überraschungen: Während bei der Deutschen Reichsbahn zwischen etwa 1955 und 1963 alle kupfernen Feuerbüchsen konsequent durch geschweißte Stahlfeuerbüchsen ersetzt wurden, blieb man in Russland beim Kupfer! Zumindest bei einem Teil des Lokbestandes. Wieder andere Maschinen erhielten etwa im gleichen Zeitraum geschweißte Stahlfeuerbüchsen wie bei der DR. Und ein nicht geringer Teil der G10 schied ab 1950 in Russland aus dem Bestand aus, weil Feuerbüchse und andere Kesselteile verschlissen waren. Man konnte offenbar gut auf die Lok verzichten. Das Überleben von G10 bis nach 1960 ist also der Tatsache geschuldet, dass neue Kesselgroßteile eingebaut wurden.

Nun zu 57 1366 (TB-1366): Die Lok erhielt 1947 bei der Werkstatt Stanislawow (Stanislau, später Iwano-Frankowsk) eine Hauptuntersuchung und wurde auf 1524 mm Spurweite umgebaut. Schon 1950 folgte in Iwano-Frankowsk eine weitere Hauptuntersuchung, wobei man eine neue kupferne Feuerbüchsrohrwand und einen vollständig neuen Rohrsatz einbaute. 1953 folgten in Kaunas 2 Seitenwandflicken aus Kupfer, die man elektrisch (!) einschweißte. Wer sich mit Materie auskennt weiß, wie problematisch Kupferschweißungen an Feuerbüchsen sind. Jetzt, 1953, erfolgte auch die Umzeichnung aus TB-1366 in Tschtsch-1366. Es ist nicht ausgeschlossen jedoch unbeweisbar, dass dies mit der Bauart der Feuerbüchse zusammenhängt. 1956 schließlich erhält die Lok eine neue geschweißte (!) kupferne Feuerbüchse und neue Stehbolzen aus Kupfer und Mangankupfer, die allesamt eingeschweißt und nicht eingeschraubt sind. Eine solche Vorgehensweise wäre in Deutschland Mitte der 1950-er Jahre undenkbar gewesen. Hier verwendete man nur noch Stahlbauteile im Falle einer Erneuerung. Die Lok blieb in diesem Zustand bis 1960/61 im Güterzugdienst des Depots Kaunas der Litauischen Eisenbahn.



Betriebsbuchauszug der Dampflokomotive TB-1366/TSchtsch-1366:
=============================================================
Rahmen: Chenschel Germanii 1914 god Nomer 11970
Kessel: Nomer 34288

Anlieferung: ..........
Abnahme: ..........

Lok ist Ursprungslok 57 1366.
Auf Buchdeckel: Lwower Eisenbahn, Litauische Eisenbahn und unleserliche Radierungen.

12.08.47 – 23.09.47 W.Stanislawow H.U.
25.09.47 - ........ Depot Lwow Zentral
13.02.48 – 23.02.48 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
23.07.48 – 08.08.48 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
02.11.48 – 24.11.48 Depot Lwow Zentral Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
12.02.49 – 20.02.49 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
05.05.49 – 31.05.49 Depot Lwow Zentral Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
08.09.49 – 16.09.49 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
24.12.49 – 02.01.50 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
13.04.50 – 06.06.50 Werkstatt Iwano-Frankowsk H.U.! (TB-1366)
07.06.50 - ........ Depot Lwow Zentral
18.09.50 – 24.09.50 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
22.11.50 – 01.12.50 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
26.02.51 – 03.03.51 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
31.05.51 – 22.06.51 Depot Lwow Zentral Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
04.09.51 – 11.09.51 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
22.12.51 – 03.01.52 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
04.04.52 – 01.05.52 Depot Lwow Zentral Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
30.07.52 – 10.08.52 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
05.10.52 – 10.10.52 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
15.12.52 – 21.12.52 Depot Lwow Zentral Ausbesserung
........ - ........ Depot Lwow Zentral
24.04.53 – 12.06.53 Werkstatt Kaunas Z.U. (TSchtsch-1366)
12.06.53 - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
12.08.53 – 20.08.53 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
14.11.53 – 19.11.53 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
13.01.54 – 22.01.54 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
03.04.54 – 13.04.54 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
30.05.54 – 24.06.54 Depot Kaunas Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
03.09.54 – 11.09.54 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
28.11.54 – 04.12.54 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
18.02.55 – 24.02.55 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
13.04.55 – 12.05.55 Depot Kaunas Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
01.08.55 – 08.08.55 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
23.10.55 – 01.11.55 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
02.02.56 – 18.03.56 Werkstatt Kaunas H.U. (TSchtsch-1366)
18.03.56 - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
05.05.56 – 11.05.56 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
08.08.56 – 14.08.56 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
31.10.56 – 07.11.56 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
13.01.57 – 22.01.57 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
04.04.57 – 12.04.57 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
28.05.57 – 22.06.57 Depot Kaunas Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
03.09.57 – 11.09.57 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
22.12.57 – 03.01.58 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
22.04.58 – 01.05.58 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
02.08.58 – 11.08.58 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
30.10.58 – 05.11.58 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
04.02.59 – 14.03.59 Werkstatt Kaunas Z.U. (TSchtsch-1366)
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
06.06.59 – 12.06.59 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
22.09.59 – 03.10.59 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
05.01.60 – 15.01.60 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
02.05.60 – 22.05.60 Depot Kaunas Z.Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst
08.09.60 – 14.09.60 Depot Kaunas Ausbesserung
........ - ........ Depot Kaunas für Güterdienst

28.03.61 umgesetzt als Heizkesselanlage an Energiebezirk Riga

Bauartänderungen:

23.09.47 W.Stanislawow Umbau auf 1524 mm Spurweite, Matrossow-Bremse an-
gebaut, automatische Mittelpufferkupplung angebaut
06.06.50 W.Iwano-Frank. Rauchkammer geändert, Blasrohranlage geändert,
Armaturen und Wasserstände am Kessel geändert,
Schmierung der Schieber und Kolben geändert,
Matrossow-Bremse angebaut, neue Feuerbüchsrohrwand
aus Kupfer eingebaut, alle Heizrohre und alle
Rauchrohre neu eingebaut
12.06.53 W.Kaunas 2 vertikale Dampfstrahlpumpen Bauart RS 11 ange-
baut, 2 Seitenwandflicken aus Kupfer in Feuerbüch-
se elektrisch eingeschweißt
18.03.56 W.Kaunas 2 vertikale Dampfstrahlpumpen Bauart RS 11 ange-
baut (so!), neue geschweißte Feuerbüchse aus
Kupfer eingebaut, alle Stehbolzen aus Kupfer und
Mangankupfer neu eingebaut und verschweißt, neue
Feuerbüchsrohrwand aus Kupfer eingebaut
14.03.59 W.Kaunas Rußblaseanlage am Stehkessel angebaut



Anmerkungen:
Das Depot Lwow Zentral (übersetzt etwa Lemberg Hauptbahnhof) gibt es erst seit 1945. Zuvor bestanden - wie zu deutscher Besatzungszeit - nur die Depots Lwow Sapadno und Lwow Wostock (Bw Lemberg-West und Bw Lemberg-Ost). Das 1944 durch die Wehrmacht bei Räumungs Lembergs weitgehend zerstörte OAW Lemberg wurde rasch provisorisch wieder aufgebaut und konnte schon 1945 als Lokausbesserungswerk wieder in Betrieb gehen. Allerdings nutzte man nur einen Teil des Geländes und trennte einen Bereich als Depot Lwow Zentral ab, da die beiden anderen Lemberger Bw ebenfalls teilzerstört und nicht vollwertig nutzbar waren. Nach 1956 gab man die Dampflokunterhaltung in der Werkstatt Lwow auf. Diese lag und liegt gegenüber dem Hauptbahnhof unter beengten Platzverhältnissen und konnte darum schon ab 1941 nicht erweitert werden. In Lwow besserte man sogar Lok der Reihe TE (52) aus, aber größere wie die Reihen L und FD passten nicht in die Richthalle mit den zu kurzen Ständen und zu kleinen Krananlagen.
Russische Betriebsbücher sind ein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt unzählige verschiedene Ausführungen je nach Bahnverwaltung und Alter des Buches. Inwieweit ein Buch vollständig ist, lässt sich fast nie überprüfen, da im Gegensatz zu den Reichsbahnbüchern ein eigentlicher Stammteil mit Beheimatungs- und Raw-Verzeichnis nicht existiert. Jede Ausbesserung und Untersuchung wird auf einem gesondertem Blatt geführt, meist unter Angabe der heimatlichen Bahn und des heimatlichen Depots, und nur bei Untersuchungen wird der Tag der Abholung aus der Werkstätte genannt. Kilometerleistungen fehlen fast immer. Betriebsbögen nach deutschem Muster gibt es nicht. Tenderbücher sind meist unbrauchbar, da sie fast nie die gekuppelten Lok nennen und wenn doch, dann nicht vollständig. Einie russische Bücher der Reihe 52 (TE) haben zwar Übersichtsblätter über die angekuppelten Lok, aber auch diese sind meist nicht vollzählig. Russische Tender behielten stets ihre Betriebsnummer, was zu großer Verwirrung führt.

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