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vor 13 Jahren, 8 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 13 Jahren, 8 Monaten
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M., Magus

Des alten Bischof Martin irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits.

Startbeitrag von M. am 03.09.2004 07:14

1. Kapitel – Des alten Bischof Martin irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits.

[BM.01_001,01] Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebensoviel auf seine Satzungen, ward zum letzten Male krank.
[BM.01_001,02] Er, der selbst noch als ein untergebener Priester des Himmels Freuden mit den wunderlichsten Farben ausmalte – er, der sich gar oft völlig erschöpfte in der Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reiche der Engel, daneben aber freilich auch die Hölle und das leidige Fegefeuer nicht vergaß, hatte nun – als selbst schon beinahe achtzigjähriger Greis – noch immer keinen Wunsch, von seinem oft gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen; ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber gewesen als ein zukünftiger Himmel mit allen seinen Wonnen und Seligkeiten.
[BM.01_001,03] Daher denn unser erkrankter Bischof auch alles anwandte, um nur wieder irdisch gesund zu werden. Die besten Ärzte mußten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner Diözese mußten Kraftmessen gelesen werden; alle seine Schafe wurden aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten und für ihn fromme Gelübde gegen Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem Krankengemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem vormittags drei Messen zur Wiedergewinnung der Gesundheit mußten gelesen werden; nachmittags aber mußten bei stets ausgesetztem Sanktissimum die drei frömmsten Mönche in einem fort das Breviarium beten.
[BM.01_001,04] Er selbst rief zu öfteren Malen aus: „O Herr, erbarme Dich meiner! Heilige Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes! O verlasse deinen getreuesten Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeder Not, du einzige Stütze aller Leidenden!“
[BM.01_001,05] Aber es half alles nichts; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus dem er diesseits nicht mehr erwachte.
[BM.01_001,06] Was auf Erden mit dem Leichnam eines Bischofs alles für ‚hochwichtige‘ Zeremonien geschehen, das wisset ihr, und wir brauchen uns dabei nicht länger aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen, was unser Mann dort beginnen wird!
[BM.01_001,07] Seht, da sind wir schon – und seht, da liegt auch noch unser Mann auf seinem Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele nicht vom Leibe. Diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz aufgenommen werden muß, bis die volle Löse vorgenommen werden kann.
[BM.01_001,08] Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich aufgenommen, und der Engel löst sie soeben vom Leibe mit den Worten: „Epheta“, d.h. „Tue dich auf, du Seele; du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung zur Löse durch das Reich der Würmer und des Moders. Amen.“
[BM.01_001,09] Nun seht, schon erhebt sich unser Bischof, ganz wie er gelebt hatte, in seinem vollen Bischofsornate und öffnet die Augen. Er schaut erstaunt um sich und sieht außer sich niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die Gegend ist nur in sehr mattem Lichte gleich einer ziemlich späten Abenddämmerung, und der Boden gleicht dürrem Alpenmoose.
[BM.01_001,10] Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Bescherung und spricht nun zu sich: „Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch oder bin ich gestorben? Denn ich war wohl sehr krank und es kann leicht möglich sein, daß ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! – Ja, ja, um Gotteswillen, es wird schon so sein! – O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr meine drei mächtigsten Stützen: kommet und helft mir in das Reich der Himmel!“
[BM.01_001,11] Er harrt eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die drei kommen würden; aber sie kommen nicht.
[BM.01_001,12] Er wiederholt den Ruf kräftiger und harrt; aber es kommt immer noch niemand!
[BM.01_001,13] Noch kräftiger wird derselbe Ruf zum drittenmal wiederholt, – aber auch diesmal vergeblich!
[BM.01_001,14] Darob wird unserem Manne überaus bange. Er fängt an, etwas zu verzweifeln und spricht in seiner stets verzweifelter werdenden Lage: „Oh, um Gotteswillen, Herr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) – Was ist denn das? Dreimal habe ich gerufen, – und umsonst!
[BM.01_001,15] Bin ich denn verdammt? Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine Gottstehunsbei!
[BM.01_001,16] Hahahaaaaa (zitternd) – es ist wahrhaft schrecklich! – So allein! O Gott, wenn jetzt so ein Gottstehunsbei herkäme, und ich – keinen Weihbrunn, dreimal consekriert, kein Kruzifix, – was werde ich tun?!
[BM.01_001,17] Und auf einen Bischof soll der Gottstehunsbei eine ganz besondere Passion haben! – Oh, oh, oh (bebend vor Angst), das ist ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon Heulen und Zähneklappern ein?
[BM.01_001,18] Ich werde mein Bischofsgewand ablegen, da wird Gottstehunsbei mich nicht erkennen! Aber damit hätte Gottstehunsbei vielleicht noch mehr Gewalt über unsereinen?! – O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schreckliches Ding!
[BM.01_001,19] Ja, wenn ich nur ganz tot wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben dieses Lebendigsein nach dem Tode, das ist es! O Gott, steh mir bei!
[BM.01_001,20] Was etwa geschähe, so ich mich weiterbegäbe? Nein, nein, ich bleibe! Denn was hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung; welche Folgen aber nur ein rätselhafter Tritt weiter vor- oder rückwärts hätte, das wird allein Gott wissen! Daher will ich in Gottes Namen und im Namen der seligsten Jungfrau Maria lieber bis auf den Jüngsten Tag hier verharren, als mich nur um ein Haarbreit vor- oder rückwärts bewegen!“
Teil 1

Antworten:

. Kapitel – Bischof Martins Langeweile in seiner Vereinsamung und sein Sinnen auf Abwechslung.

[BM.01_002,01] Nachdem unser Mann die Zeit von einigen Stunden da mauerfest gestanden war und sich dabei nichts ereignet und in seiner Nähe verändert hatte, ihm aber entsprechend die Zeit (denn auch in der naturmäßigen Sphäre der Geisterwelt gibt es eine Erscheinlichkeit gleich der irdischen Zeit) ganz verzweifelt lang geworden war, fing er wieder an, mit sich zu phantasieren:
[BM.01_002,02] „Sonderbar, nun stehe ich da wenigstens eine halbe Ewigkeit auf ein- und demselben Fleck, und es bleibt alles völlig beim alten! Nichts rührt sich! kein Moos, kein Haar auf meinem Haupte, auch mein Gewand nicht! Was wird da am Ende herauskommen?
[BM.01_002,03] Bin ich vielleicht gar dazu verdammt, ewig hier zu bleiben? – Ewig? Nein, nein, das kann nicht sein, denn da wäre das schon eine Hölle! Und wäre das hier der Fall, müßte ja auch schon die schreckliche Höllenuhr mit ihrem allerschrecklichsten Pendel zu erschauen sein, der da bei jeder Schwingung den Ruf tut: ,Immer!‘ – oh, erschrecklich! –, dann wieder: ,Nimmer!‘ – ooh, noch erschrecklicher!
[BM.01_002,04] Gott sei Dank, daß ich nur dies Schreckenszeichen der Ewigkeit nicht sehe! Oder wird das erst nach dem Jüngsten Tage ersichtlich! Wird etwa schon bald das Zeichen des Menschensohnes am Firmamente zum Vorscheine kommen? Wie viele Millionen Jahre stehe ich denn schon hier? Wie lange werde ich etwa noch stehen müssen, bis der erschrecklichste Jüngste Tag kommen wird?!
[BM.01_002,05] Wahrlich kurios: Auf der Welt läßt sich nichts sehen, was da in Bälde auf den Jüngsten Tag irgendeinen Bezug hätte; aber hier in der Geisterwelt sieht es noch endlos stummer aus! Denn da werden tausend Jahre gleich einem völlig stummen Augenblicke, und eine Million tut einen ebenso geringen Bescheid! Wenn ich nicht so festen Glaubens wäre, möchte ich beinahe an dem einstigen Eintreffen des Jüngsten Tages zu zweifeln anfangen, wie überhaupt an der Echtheit des ganzen Evangeliums!
[BM.01_002,06] Denn es ist doch kurios, alle die Propheten, die darin vorkommen, haben eine frappante Einstimmigkeit mit den delphischen Orakelsprüchen! Man kann aus ihnen machen, was man will: sie lassen sich mit einigen exegetischen Drehungen auf alles anwenden und niemand kann dabei klar sagen: ,Auf dies alleinige Faktum beziehen sie sich!‘ Kurz, sie passen im Grunde alle für den Steiß so gut wie fürs Gesicht! – Und der Heilige Geist, der im Evangelium soll verborgen stecken, muß gar ein seltenster Vogel sein, weil er sich seit den alten Apostelzeiten nimmer irgendwo hat blicken lassen, außer im albernen Gehirn einiger protestantisch-ketzerischer Schwärmer à la Tausendundeine Nacht!
[BM.01_002,07] Ich habe zwar noch immer einen sehr festen Glauben, aber ob er unter diesen Umständen noch länger fest bleiben wird, dafür könnte ich wahrlich nicht gutstehen!
[BM.01_002,08] Auch mit der in meiner Kirche überaus vielgepriesenen Maria, wie mit der ganzen Heiligen Litanei scheint es seine sonderbaren Wege zu haben! Wäre irgend etwas an der Maria, so hätte sie mich doch schon lange erhören müssen; denn von meinem Absterben bis zum gegenwärtigen Augenblicke sind nach meinem peinlichen Gefühl etwa ein paar Millionen Erdjahre verstrichen; von der Mutter Gottes, wie von ihrem Sohne, noch von irgendeinem andern Heiligen ist aber auch nicht die leiseste Spur zu entdecken. Das sind wahrlich Helfer in der Not, wie man sich keine besseren wünschen könnte! – Sage zwei Millionen Jahre komplett – und von allen keine Spur!
[BM.01_002,09] Wenn ich nur keinen so festen Glauben hätte, da stünde ich schon lange nicht mehr auf diesem überaus langweiligen Fleck; nur mein dümmster Glaube hält mich! Aber lange wird er mich nicht mehr halten! Sollte ich etwa noch einige Millionen Jahre länger hier hocken wie ein Buschklepper und nach Ablauf solch einer schauderhaft langen Zeit ebensowenig erreichen wie bisher? Da wäre ich ein Narr! Ist's denn nicht genug, daß ich auf der Erde einen Narren gespielt habe für nichts und wieder nichts? Daher werde ich mit dieser fruchtlosen Komödie hier bald ein Ende machen!
[BM.01_002,10] Auf der Welt wurde ich für die Dummheit doch ehrlich bezahlt und es lohnte sich dort, einen Narren zu machen; aber da an der Sache, wie nun meine millionenjährige Erfahrung es zeigt, nichts ist, werde ich mich sehr bald von all der Narrheit ganz gehorsamst empfehlen!“ –
[BM.01_002,11] Seht, jetzt wird er bald diese Stelle verlassen, nachdem ihm der Engel die etlichen Stunden seines Hierseins in ein Millionen Jahre dauerndes Gefühl umgewandelt hatte. – Noch steht unser Mann mauerfest auf dem Punkte und schaut etwas schüchtern umher, um sich gleichsam einen Weg auszusuchen, den er fortwandeln möchte. Nun fixiert er gegen Abend einen Punkt, wo es ihm vorkommt, als bewege sich dort etwas. Er wird darum auch sichtlich verlegen und spricht wieder bei sich:
[BM.01_002,12] „Was sehe ich denn dort in einiger Ferne nun zum erstenmal seit einigen Millionen Jahren meines entsetzlich langweiligen Hierseins? Die Geschichte verursacht mir eine große Bangigkeit, denn es kommt mir vor, als wäre das etwa doch irgendeine leise Vorbereitung zu einem Gerichte!
[BM.01_002,13] Soll ich's wagen, mich dahin zu begeben? Am Ende ist das mein Untergang für ewig? Vielleicht aber doch auch eine endliche Erlösung?!
[BM.01_002,14] Nun ist schon alles ein Gottstehunsbei; denn wer wie ich Millionen von Erdenjahren auf einen Punkt gebannt zugebracht hat, dem ist es schon völlig einerlei, was da noch weiter mit ihm geschehen dürfte! Was Ärgeres wohl kann einem ehrlichen Menschen noch obendarauf geschehen, als über alle Bildsäulen hinaus dauernd Millionen Jahre – im echten Sinne des Wortes auf einen Punkt gebannt – so ganz eigentlich verdammt zu sein?!
[BM.01_002,15] Daher, wie die Bergleute auf der Erde sagen, wenn sie in einen Stollen fahren, sage ich nun auch: Glück auf! Hol's der Kuckuck; ich probier' es einmal! Mehr als ewig tot werden kann ich nicht! Und wahrlich, das könnte mir nur höchst erwünscht sein; denn so ein Leben fortleben, wie nun dies meinige – Millionen Jahre auf einem Flecke! – kein Fixstern würde es aushalten! Da ist ein ewiges Nichtsein ja ein endloser Gewinn dagegen!
[BM.01_002,16] Daher keinen Augenblick mehr gezaudert! Geht's wohin's will! Es ist nun ein – nein, das sag' ich doch noch nicht gerade heraus; denn hier ist noch eine starke Terra incognita für mich! Daher nur bescheiden, solange man nicht weiß, worauf so ganz eigentlich die Füße stehen!
[BM.01_002,17] Die Geschichte dort rührt sich immer mehr; es ist wie ein Bäumchen, das vom Winde beunruhigt wird! – Nur Mut, meine des Gehens freilich schon überlange entwöhnten Füße! Wir wollen einmal sehen, ob es sich mit dem Gehen noch tun wird!
[BM.01_002,18] Zwar hab' ich auf der Welt einmal gehört – soviel ich mich entsinnen kann –, ein Geist dürfte eigentlich nur denken, so wäre er auch schon dort, wo er sein wollte. Aber eben mit der Geisterschaft meiner Person scheint es seine krummen Wege zu haben! Denn ich besitze Füße, Hände, Kopf, Augen, Nase, Mund – kurz alles, was ich auf der Erde gehabt habe, – Magen auch; aber der hat schon lange einen wahren Kardinalfasttag! Denn gäbe es um mich her nicht ein reichliches Moos mit viel Tau darauf, wäre ich wohl schon lange zu einem Atom eingeschrumpft! Vielleicht gibt es dort auch für den Magen irgend etwas Besseres?!
[BM.01_002,19] Noch einmal: Glück auf! Eine Veränderung, wenn sonst nichts; diese kann auf keinen Fall schlechter sein als mein jetziger Zustand. Denn wer Millionen Jahre auf einem Flecke steht, der wird sich doch etwa mit einem wahren Millionzustande rühmen können?! – Also, in Gott's Namen!“
Teil 2

von M. - am 03.09.2004 07:17
lesenswert :-)

von Magus - am 11.09.2004 13:57
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