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Antifaschistisches Komitee Duisburg
Beiträge im Thema:
6
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 5 Monaten
Beteiligte Autoren:
plech, Ronny [mod], Shlomo, IKM-Duisburg, Exot

Aufruf zu Tag der revolutionären Gefangenen am 19. Juni 2002

Startbeitrag von IKM-Duisburg am 15.05.2002 19:48



Aufruf zur Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand in der Türkei zum internationalen Tag der revolutionären Gefangenen am 19. Juni 2002

Neben dem 18. März als Aktionstag für die politischen Gefangenen in der BRD, der Stammheimer Todesnacht am 18. Oktober und dem UNO-Menschrechtstag am 10. Dezember beginnt sich der 19. Juni als internationalistisch verstandener und geprägter Kulminationspunkt der Solidarität mit den revolutionären Gefangenen weltweit zu etablieren.
Der 19. Juni bezieht sich auf das Jahr 1986, an dem in Peru etwa 300 revolutionäre Gefangene bei einer Revolte gegen die Zerstreuungspolitik und die Einführung von Hochsicherheitsknästen von militärischen Sondereinheiten des sozialdemokratischen APRA-Regimes ermordet wurden. Zeitgleich zu diesem Massaker tagte unter der Leitung von Willy Brandt die "Sozialistische Internationale" in Lima.
Dieser Tag wurde 1999 durch die Gründung der Gefangenenplattform 19. Juni von dem Gefangenenkollektiv der Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC) aus Belgien als ein Mobilisierungsdatum für eine kämpferische Solidarität mit den revolutionären Gefangenen eingeführt.
Wir wollen mit einem internationalen Aktionstag am 19. Juni 2002 den seit mehr als 1 ½ Jahren todesfastenden Gefangenen in der Türkei unsere Solidarität ausdrücken und einen Beitrag für die Festigung internationalistischer Strukturen der Gefangenensolidarität leisten.

Der Todesfastenwiderstand und die Reaktion des türkischen Staates

Der Widerstand gegen die Zerschlagung der Kollektive und die Einführung des Isolationszellensystems (sog. F-Typ-Zellen) in der Türkei begann am 20. Oktober 2000 mit einem Hungerstreik der revolutionären Gefangenen der Organisationen DHKP-C, TKP(ML) und TKIP. Dieser Hungerstreik wurde einen Monat später in ein sog. Todesfasten überführt, das solange fortgesetzt wird, bis die zentralen Forderungen der Gefangenen ( u.a. Schließung der F-Typ-Zellen, Aufhebung des "Anti-Terror-Gesetzes", Schließung der Staatssicherheitsgerichte, Ende der Unterdrückung der KurdInnen und den anderen Minderheiten) vom Staat anerkannt werden. Einen weiteren Monat später schlossen sich die
Gefangenenkollektive der anderen Organisationen der revolutionären Linken ( u.a. TKP/ML, MLKP, TIKB, PKK-DÇS u.a.) dem Todesfastenwiderstand an. Die letzte und siebente
Todesfastengruppe der Gefangenen begann am 1. Oktober 2001 mit ihrem Protest.
Der türkische Staat reagierte im Dezember 2000 mit einem zeitgleichen landesweiten Sturm auf die Gefängnisse und der Verschleppung der Gefangenen in die neu errichteten Isolationstrakte nach EU-Norm. Im November 2001 galt die staatliche Repression den Angehörigen und UnterstützerInnen außerhalb der Gefängnismauern: die Widerstandshäuser in den Istanbulern Stadtteilen Kücükarmutlu und Alibeyköy, in denen das Todesfasten von Angehörigen aufgenommen bzw. von bedingt entlassenen Gefangenen fortgesetzt wurde, wurden von Sondereinheiten und dem Militär angegriffen. Mit diesen Repressionsschlägen verfolgte der Staat das Ziel, die Infrastruktur für den Protest gegen die Isolationshaft
außerhalb der Gefängnistore weitgehend zu zerstören und die Öffentlichkeitsarbeit
lahm zu legen.
In diesem Kampfprozess sind bisher 90 Gefangene, Angehörige und solidarische AktivistInnen durch Militäroperationen und als Folge des durchgesetzten Todesfasten bzw. durch die staatliche Tortur der Zwangsernährung gefallen.
Hunderte von Gefangenen werden irreparable gesundheitliche Schäden davontragen.
In den vergangenen Monaten ist durch die Initiative "3 Türen - 3 Schlösser" von der Anwaltskammer wieder verstärkt Bewegung in die Debatte um das Todesfasten gekommen. Diese Initiative, die eine tendenzielle Aufhebung der Einer- und Dreier-Zellen-Isolation bedeuten würde, ist von den Gefangenen akzeptiert worden; sie zählt aber nicht zu den ursprünglichen Forderungen der Gefangenen. Der türkische Justizminister Sami Türk hat diese Initiative Grundweg abgelehnt und setzt auf eine "biologische" Lösung der noch 55
Todesfastenden Gefangenen.

Dieser Gefangenenkampf hat bereits vor seinem nicht absehbaren Ende Maßstäbe gesetzt:
· Dieser seit mehr als 500 Tagen dauernde Todesfastenwiderstand in dem NATO-Land Türkei ist der bisher längste in der Geschichte der Gefangenenkämpfe der revolutionären Linken.
· Es ist gelungen, den Kampf der revolutionären Gefangenen verschiedener Organisationen über diesen Zeitraum auszubauen und zu koordinieren.
· Der Todesfastenwiderstand wurde von einigen Organisationen nicht nur als Kampfform für die Gefangenen, sondern auch für Angehörige und UnterstützerInnen definiert, da die gesamte Türkei für Oppositionelle aufgrund des hohen Repressionsgrades einen Knast gleicht.
· Die revolutionären Gefangenen haben ein weiteres Mal nach den
Todesfastenwiderständen von 1984 und 1996 unter Beweis gestellt, dass erst
die Erfüllung der zentralen Forderungen zu einem Ende ihrer Proteste führt.
· Dieser Kampf lässt sich nicht allein auf einen Konflikt zwischen
Gefangene vs. Staat reduzieren. Die Gefangenen haben ihren Kampf gegen die als
IWF-Zellen bezeichneten Isolationstrakte immer im Kontext eines Revolutionsprozesses
gegen die einheimische Oligarchie und den Einfluss des Imperialismus gesehen.

Die Solidarität mit dem Todesfasten und die Perspektiven des revolutionären Kampfes

Die revolutionären Gefangenen waren sich nach dem Abschluss ihrer internen Diskussionen bewusst, das sie mit der Aufnahme des Hungerstreiks/Todesfastens gegen die Isolationshaft nach Stammheimer Vorbild eine lange Kampfperiode eingehen werden. Denn die Türkei stellt faktisch eines der letzten Länder dar, indem die Zerschlagung der kollektiven Strukturen unter den Gefangenen und ihre Isolierung auf der imperialistischen Tagesordnung steht. Der Ausgang dieses Kampfprozesses wird eine Signalwirkung für künftige Gefangenenkämpfe und die Solidaritätsarbeit haben. Schon jetzt ist festzuhalten, dass die Gefangenen
in der Türkei die Kette von diversen Hungerstreikabbrüchen und -aufgaben durchtrennt und damit die Tür für eine Perspektive von erfolgreich verlaufenen (Knast-)Kämpfen weit aufgestoßen haben.

Die Gefangenenkollektive, Angehörigen und unmittelbaren UnterstützerInnen vermitteln uns, auf welchem Konfrontationsniveau wir agieren müssen, um Counterinsurgency-Projekte blockieren bzw. komplett durchkreuzen zu können.
Allerdings haben sich die engen Grenzen unserer Unterstützung in den letzten Monaten
regelmäßig gezeigt. Unsere derzeitige organisatorische Basis hat eine kontinuierliche Solidaritätsarbeit in der BRD für und mit den Gefangenen nur in Ansätzen zugelassen. Lediglich in den Anfangsmonaten nach Beginn des Todesfastens hatten die Bündnisse bestand und konnten durch einige zentrale Demonstrationen die Situation der revolutionären Gefangenen in der Türkei in den BRD-Medien platzieren. In anderen Ländern (wie z.B. Irland) konnten die Solidaritätsstrukturen größere und längerfristig angelegte Mobilisierungen
für die Todesfastenden verzeichnen. Auf der Gefangenenseite konnte die Plattform
19. Juni zumindest einen Solidaritätshungerstreik für ihre GenossInnen in der
Türkei durchführen.
Im Bewusstsein dessen, wollen wir einen weiteren Anstoß einer organisierten Solidarisierung mit den todesfastenden Gefangenen unternehmen. Die kämpfenden Gefangenen waren für uns immer ein Orientierungspunkt und Mobilisierungsfaktor; wir haben sie in erster Linie nicht als Opfer der staatlichen Repression gesehen, sondern als revolutionäre Subjekte, die aus einem konkreten ideologischen und organisatorischen Hintergrund heraus politisch gehandelt
haben. Wir wollen dabei unsere Kräfte auf den Tag der revolutionären Gefangenen am
19. Juni 2002 konzentrieren und dieses Projekt als einen Ausgangspunkt für einen Strukturaufbau einer internationalistischen Antirepressions- und antiimperialistischen Solidaritätsarbeit nehmen.
Die Relevanz des Todesfastenwiderstandes in der Türkei lässt sich aktuell noch nicht materiell fassen. Wir sind aber davon überzeugt, dass die Konsequenz und Hingabe, mit der die Gefangenen den Kampf gegen die F-Typ-Zellen begonnen und ununterbrochen fortgesetzt haben, einen bleibenden Eindruck bei den revolutionären Kräften in aller Welt hinterlassen hat. Die physische Zerschlagung der revolutionären Organisationen Anfang der 70er Jahre in der Türkei hat ein ideologisch-mentales Fundament gelegt, auf dem nur einige Jahre später
neue Anläufe für die Vision einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und
Unterdrückung unternommen wurden. Auch heute stehen die GenossInnen in der Türkei und
wir in den imperialistischen Zentren an einem ähnlichen Scheidepunkt, an dem sich
entscheidet, ob wir aus dem Schatten der politischen Depression heraustreten
und selbstbewusst Schritte vorwärts gehen.

Wir rufen Euch dazu auf, um den 19. Juni 2002 Aktivitäten für die Solidarität mit den todesfastenden und kämpfenden GenossInnen in der Türkei zu organisieren. Wir schlagen deshalb vor, am Samstag vor dem 19. Juni eine zentrale Demonstration in einer noch festzulegenden Stadt anzusetzen und am 19. Juni selbst lokale Aktivitäten durchzuführen. Bereits im Vorfeld sollen politische Anlässe genutzt werden, um für den internationalen Aktionstag der revolutionären Gefangenen intensiv zu mobilisieren.

Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand in der Türkei!
Für eine internationalistische Gefangenenfront!
Solidarität mit den weltweiten Klassen- und Befreiungskämpfen!

AufruferInnen und UnterstützerInnen (Stand: 19. April 2002):
Antiimperialistische Türkei-Solidarität/bundesweit (ATS), Gruppe Mücadele,
AK Internationalismus FU Berlin

Antworten:

Keine Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand

Keine Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand. Gegen die Dummheit des Zwangs! Gegen den Wahn des Mitmachens. Todesfasten bekämpfen!

von Exot - am 17.05.2002 15:05

Re: Keine Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand

was? in welchen zynismus bist du abgetaucht, dass du den politischen gefangenen die isohaft an den hals wünscht.

von plech - am 19.05.2002 18:42

Re: Keine Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand

Es ist nicht zynisch, sondern vernünftig einzusehen, daß das Todesfasten nichts bringt (der türkische Staat wird nicht kapitulieren).
Hey, würden sich die ganzen Genossen nicht zu Tode hungern, könnten sie vielleicht auf andere Weise ihren Willen artikulieren (oho, ich sehe Augenbrauen in die Höhe schnellen!)...außerdem steht am Ende des Todesfastens der TOD (wie der Name schon sagt) und ich dachte immer, Menschenleben sind wertvoll.
Man wird nicht zum Märtyrer, wenn man sinnlos verhungert, sondern zum Idioten.

Ich weiß, alle werden mich hassen, aber das ist nunmahl mein Schicksal.
Prost.

von Shlomo - am 21.05.2002 08:48

Re: Keine Solidarität mit dem Todesfastenwiderstand

na ja, das hört sich schon ein wenig anders an. sicher ist es gerade in dieser situation berechtigt über den weiteren sinn des todesfastens nachzudenken und zu diskutieren. ich verweise mal auf den auf dieser homepage vorhandenen artikel zur geschichte des gefangenenwiderstandes.
aber selbst wenn man zum schluss kommt, dass das todesfasten nicht zur abschaffung der isohaft führt, was auch ich selbst nicht mehr glaube, ist es zynisch den gefangenen deshalb die solidarität zu verweigern. immerhin ist es ihre entscheidung aus welche art und weise sie sich widersetzen. das ganze wird besonders zynisch, wenn mensch sich ansieht mit welcher ablehnung und welchem desinteresse die Linken in der BRD den genossInnen in der türkei gegenüberstehen.
wir wissen aus unserer eigenen geschichte welche funktion und welche folgen die isohaft für die gefangenen hat. gerade heute können wir sehen, welche konsequenzen sich ergeben, wenn wir die genossInnen in den knästen vergessen. isohaft ist nicht nur folter, sondern in letzter konsequenz bewußte abtötung aller menschlichen sinne, und somit mord.
welche möglichkeit haben die genossInnen in der türkei denn? sogenannter breiterer demokratischer widerstand auf den straßen ist unter der militärherrschaft in der türkei nicht möglich. mittlerweile werden selbst diejenigen medien für eine berichterstattung über das todesfasten mit sendeverboten und haftstrafen kriminalisiert.
in der BRD leben unzählige genossInnen, die auf grund ihrer türkischer/kurdischer/armenischer herkunft aufs engste mit dem kampf in der türkei verbunden sind. mit ihnen sollten wir uns solidarisch, was nicht heißt unkritisch, auseinandersetzen.
über die genossInnen hier, über die gefangenen hinweg dazu aufzufordern: keine solidarität mit dem todesfasten ist nicht nur zynisch und menschenverachtend, es zeugt von einem bewußtsein, dass den horizont der kampfbedingungen hier in der BRD im vergleich mit der türkei nicht reflektiert, bzw, die verhältnisse in der türkei nicht kennt oder ignoriert.

nochmals: solidarität mit den türkischen/kurdischen genossInnen im widerstand!
unterstützt die genossInnen hier vor ort und informiert euch und andere!

von plech - am 24.05.2002 14:38

gegen kadergehorsam [mod]

dieser beitrag wurde gelöscht. inhaltsleere diffamierungen haben in diesem forum nichts zu suchen.

mag

admin

von Ronny [mod] - am 03.06.2002 20:33
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