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Das Weltknotenforum
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7
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 8 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 16 Jahren, 8 Monaten
Beteiligte Autoren:
Kay S, Janosch, Martin V

Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt

Startbeitrag von Kay S am 21.09.2000 06:43

Geschrieben von Kay S am 21. September 2000 08:43:10:
Guten Morgen,
da Searles Gedankenexperiment vom 'Chinesischen Zimmer' offenbar noch immer

Verwirrung stiftet und deren Ausflösung nicht absehbar ist - wir können ihm eine

lange Karriere vorhersagen, ist es doch vom Range der Zenonschen Paradoxien -

möchte ich ihm einen eigenen Thread widmen.
Searles Argumentation zerfällt in zwei Teile. Eine recht formale Argumentation

und sein eigentliches Gedankenexperiment:
Zunächst die Argumentation:
1. Syntax ( Form ) und Semantik ( Inhalt ) einer Sprache sind verschieden.

2. Ein Programm arbeitet syntaktisch.

3. Verstehen ist immer das Verstehen eines Inhaltes.
Conclusion: ein Programm kann Inhalte einer Sprache nicht verstehen.
Das kann man logisch noch sauberer formulieren:
1. A(= Sprachform) und B(= Sprachinhalt) sind nichtleere disjunkte Mengen.

2. Ein Programm bildet A in sich ab.

3. 'Verstehen von Sprache' ist eine Operation, die Vereinigung(A,B) nach B abbildet.
Conclusion: Folglich kann 'Verstehen von Sprache' nicht von einem Programm ausgeführt

werden.


Nun das Gedankenexperiment:
Searle arbeitet ein chinesisch übersetzendes Programm ab und zwar so, dass die Resultate

der Übersetzung ein Publikum davon überzeugen, er würde chinesisch verstehen

(er besteht den Turing-Test). Der hilflose Searle behauptet jedoch, dass er gar nichts

verstanden habe.
Was dieses Experiment so scharf macht ist die Unterbindung einer natürlichen Tendenz:

nämlich jene, den Analogieschluss des Publikums ( alles Chinesen! ) von sich selbst auf

Searle für gerechtfertigt zu halten. Einer muss sich getäuscht habe. Das Publikum oder

Searle. Dabei hat Searle die besseren Karten, denn wer sollte ihn widerlegen können?
Nirgendwo bei alledem wird fixiert, was unter 'Verstehen' denn nun eigentlich gemeint

sein könnte. Dies scheint mir der zentrale Punkt zu sein. Wer versteht denn nun chinesisch,

oder versteht es nicht? Searle, sein Programm, die Chinesen? Verstehen die Chinesen

chinesisch und wenn ja, wie ist das gemeint? Haben die Chinesen etwas, dass

Searle+Programm nicht haben und wenn ja, warum?
Zurück zur Searles Argumentation. Sie ist der Versuch, die Situation, in die

wir unglücklichen Chinesen geraten sind, etwas dadurch zu entwirren, dass wir

über Form und Inhalt nachdenken. Sie ist so etwas wie der Versuch das

Gedankenexperiment zu interpretieren und dessen Schlussfolgerung : "ich verstehe gar

nichts!" nachvollziehbar zu machen.

Wo soll man ansetzen?
Gruß

Kay














Antworten:

Geschrieben von Janosch am 21. September 2000 23:49:08:
Als Antwort auf: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Kay S am 21. September 2000 08:43:10:
Hallo,
>(...)

>1. Syntax ( Form ) und Semantik ( Inhalt ) einer Sprache sind verschieden.

>2. Ein Programm arbeitet syntaktisch.

>3. Verstehen ist immer das Verstehen eines Inhaltes.

>Conclusion: ein Programm kann Inhalte einer Sprache nicht verstehen.
Vielleicht würden die Prämissen einsichtiger werden, wenn man definieren würde, was man unter dem "Inhalt" eines Satzes im Gegensatz zu seiner Syntax verstehen will und warum der Inhalt dann einem geeigneten Computerprogramm nicht zugänglich sein soll, falls man dann noch zeigen könnte, dass Menschen in dem genannten Sinne den "Inhalt" einer Aussage verstehen können...

Speziell wäre dann wohl zu zeigen, daß das menschliche Gehirn irgendwo etwas tut, was man nicht als berechenbare Manipulation von Information beschreiben kann, und an dieser Aufgabe ist bereits Penrose eindrucksvoll gescheitert.
>(...)

>Nun das Gedankenexperiment:

>Searle arbeitet ein chinesisch übersetzendes Programm ab und zwar so, dass die Resultate

>der Übersetzung ein Publikum davon überzeugen, er würde chinesisch verstehen

>(er besteht den Turing-Test). Der hilflose Searle behauptet jedoch, dass er gar nichts

>verstanden habe.
Das würde ich wie folgt formalisieren:

1. Annahme: in einem beliebigen physikalischen System können nur Menschen den Inhalt von Aussagen verstehen.

2. Feststellung: der Mensch, der im chinesischen Zimmer sitzt, versteht nach Voraussetzung kein Chinesisch.

3. Folgerung: das chinesische Zimmer versteht kein Chinesisch.

4. Damit bewiesen: nur Menschen und ähnliche Dinge sind in der Lage, die Bedeutung von Sätzen zu verstehen, q.e.d.
Ich finde, daß die Sätze (1) und (4) einander sehr ähnlich sehen und bin deshalb der Ansicht, daß ein Zirkelschluss vorliegt.
Grüße,

Janosch.
















von Janosch - am 21.09.2000 21:49
Geschrieben von Martin V am 22. September 2000 19:42:37:
Als Antwort auf: Re: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Janosch am 21. September 2000 23:49:08:
hi,



Da sich Searle auf den Turing-Test bezieht, hier nur eine kleine konstruktivistische Erläuterung. Nicht die TM wird getestet, sondern die Fragesteller. Denn diese sollen ja herausfinden, ob ihr Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist. Sie testen dabei ihre eigenen Fähigkeiten zwischen Mensch / Maschine zu unterscheiden.
Was, glaubt ihr, macht dann Searle in seinem Chinesischen Zimmer, wenn er von "fehlender Intentionalität der Maschine" spricht?



eiligst,

MV
















von Martin V - am 22.09.2000 17:42
Geschrieben von Janosch am 23. September 2000 01:51:21:
Als Antwort auf: Re: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Martin V am 22. September 2000 19:42:37:
Hallo,
>Was, glaubt ihr, macht dann Searle in seinem Chinesischen Zimmer, wenn er von "fehlender Intentionalität der Maschine" spricht?
Ich finde die Frage viel interessanter, was Searle machen würde, wenn das chinesische Zimmer über eine "fehlende Intentionalität Searles" zu reden anfinge ;).
Grüße,

Janosch.
















von Janosch - am 22.09.2000 23:51
Geschrieben von Kay S am 23. September 2000 10:51:32:
Als Antwort auf: Re: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Janosch am 23. September 2000 01:51:21:
Hallo,
>>Was, glaubt ihr, macht dann Searle in seinem Chinesischen Zimmer, wenn er >>von "fehlender Intentionalität der Maschine" spricht?
>Ich finde die Frage viel interessanter, was Searle machen würde, wenn das >chinesische Zimmer über eine "fehlende Intentionalität Searles" zu reden >anfinge ;).
Er würde es nicht verstehen, da es auf chinesisch ist ;).
Gruß Kay


















von Kay S - am 23.09.2000 08:51
Geschrieben von Kay S am 23. September 2000 11:06:53:
Als Antwort auf: Re: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Martin V am 22. September 2000 19:42:37:
Hallo Martin,
wann ist es denn endlich nicht mehr so eilig? Werde selbst schon ganz hektisch.
Da sich Searle auf den Turing-Test bezieht, hier nur eine kleine konstruktivistische Erläuterung. Nicht die TM wird getestet, sondern die Fragesteller. Denn diese sollen ja herausfinden, ob ihr Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist. Sie testen dabei ihre eigenen Fähigkeiten zwischen Mensch / Maschine zu unterscheiden.
Die Fragesteller schienen mir immer schon gute Turing-Maschinen zu sein. Interessante Art, sie auf diese Weise zu testen.
Was, glaubt ihr, macht dann Searle in seinem Chinesischen Zimmer, wenn er von "fehlender Intentionalität der Maschine" spricht?
Thread1 : Er führt das Programm aus.

Thread2 : Er versucht verzweifelt dahinter zu kommen, was das Programm tut.
Gruß Kay
















von Kay S - am 23.09.2000 09:06
Geschrieben von Janosch am 23. September 2000 11:14:59:
Als Antwort auf: Re: Das Chinesische Zimmer : wiederbesichtigt geschrieben von Kay S am 23. September 2000 10:51:32:
>Er würde es nicht verstehen, da es auf chinesisch ist ;).
Hoffen wir, daß er dann kein Zimmer trifft, das chinesische Sätze ins Deutsche übersetzen kann ;).
Grüße,

Janosch.
















von Janosch - am 23.09.2000 09:14
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