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vor 16 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 16 Jahren, 2 Monaten
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Kay S, Martin V

KI - Konstruktivismus und Virtualität

Startbeitrag von Martin V am 02.11.2000 16:06

Geschrieben von Martin V am 02. November 2000 17:06:22:
Hi,



Es gibt einen Reiz oder eine Störung. Das ist alles, was eine Nervenzelle

mitteilt. Aber die Ursache dieser Störung ist unklar, sie wird nicht

spezifisch codiert. Man könnte z.b. die Faser eines Sehnnervs mit Essigsäure

reizen - und würde womöglich einen farbigen Lichtfleck wahrnehmen. Oder man

reize eine Geschmackspapille mit ein paar Volt über eine Elektrode; dann

könnten wir den Geschmack von Essig empfinden. In diesen Kontext ist es

grotesk, von einer Abbildung der Aussenwelt in der Innenwelt zu sprechen:

Essig wird ein Farbklecks, Elektrizität zu Essig! Wir wissen nicht, ob es

"dort draussen" Farben oder Gerüche gibt. Es ist nicht der Reiz, der die

Zelle erregt (der Input, zu dem wir keinen Zugang haben können; Kants Welt

per se), der unseren Reichtum an Wahrnehmungen bildet, sondern jegliche

menschliche Wahrnehmung ist Ergebnis einer internen Weltsimulation;

Simulation und Welt per se (Wirklichkeit) haben sich im Laufe der

evolutionären Entwicklung des Gehirns einander ausgeglichen, wobei dieser

Ausgleich nur notwendigerweise auf das Überleben eines Organismus

ausgerichtet ist. Es gibt also sehr wohl noch Welten zwischen Simulation und

Wirklichkeit, zu der wir leider keinen Zugang haben können. Die Qualitäten

der Sinneseindrücke werden nicht im Empfangsapparat codiert, sondern im

Zentralnervensystem. Dort werden sie erst irgendwie er-rechnet.

In diesen Zusammenhang ist auch von undifferenzierten Reizen und

Codierungen die Rede.
Menschliches Erkennen ist somit ein biologisch/physikalisches Phänomen,

das nicht durch die Objekte der Aussenwelt, sondern durch die Struktur des Organismus determiniert ist.
Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem,

das nicht zwischen internen und externen Stimuli differenziert und daher

sind Wahrnehmung und Illusion, d. h. innerer und äusserer Reiz, im Prinzip

für den Menschen unterscheidbar.
Menschliche Erkenntnis resultiert aus individuellen Erfahrungen und ist

als Leistung des Organismus grundsätzlich subjektgebunden und damit

unübertragbar. Der Gehalt kommunizierter Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des Adressaten.
Dieser Ansatz hat drei wissenschaftstheoretische Konsequenzen: Erstens ist

Erkennen damit weder eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden

unabhängigen Realität, noch eine willkürliche Konstruktion, sondern dient

vielmehr der Lebenserhaltung und entspricht damit den strukturellen

Möglichkeiten und dem jeweiligen Zustand des Erkennenden. Zweitens

übersteigt damit die traditionelle Forderung nach Objektivität als

Entsprechung von Aussen und Innen (adaequatio rei et intellectus) die

Erkenntnismöglichkeiten des Menschen. Die genannte Gebundenheit des

Erkennens an Struktur und Zustand des Erkennenden beschränkt das Kriterium

der Objektivität auf kommunikative Aspekte. Drittens ist Kommunikation ein

fortlaufender und immer wieder erneuerungsbedürftiger Prozess, dessen

Effizienz und Informationsgehalt nur der Adressat bestimmt. Die Gleichheit

der strukturellen Zustände von Sender und Empfänger lässt sich weder

gezielt herbeiführen noch von einem Beobachter feststellen und entfällt daher als Kriterium der wissenschaftlich Erkenntnis.
Statt objektiver Realität erforscht die Wissenschaft daher die physkalische

Struktur dessen, der eine Welt erschafft. Der Wissenschaftler wendet sich

also dem Beobachter zu, nämlich sich selbst, der sich im Akt des Beobachtens

konstitutiert. Erkenntnis dringt nicht in verschlossenes Neuleund ein,

sondern vielmehr beschreibt und kartographiert sie dieses.
Alles was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt (2. Grundsatz der Kybernetik 2. Ordnung)
Es ist nichts wirklich "objektiv" beobachtbar. Das Beobachtete ist das Ergebnis der Verarbeitung durch den aufnehmenden Apparat des Beobachters und gibt damit nicht primär das Beobachtete wieder, sondern spiegelt die Arbeitseise des Apparats wieder.
Beobachten ist damit schon Interaktion und damit stark subjektiv. Die

menschliche Sicht der Welt gibt nicht die Welt per se wieder, sondern

diese eine Welt, so wie sie vom Menschen im Sinne eines Bildes, einer

Landkarte von ihr, in deren Konstruktion er sich selbst verewigt, gerade

gesehen wird.
Müssten wir einmal nicht über die Begriffe der Virtualität, Realität und der Täuschung reden, sondern einmal von der menschlichen Wahrnehmung, die dazu führt, dass wir mittels dieser "Hyper-Maschinen" namens Computer Dinge schaffen bzw. produzieren können, von denen wir nicht mehr wissen, was sie eigentlich sind: Täuschung, Realität oder etwas Drittes.
Wenn ich meine Maus auf der Oberfläche meines Tische geschickt genug hin

und her bewege und dann im rechten Moment geschickt genug eine Taste auf

meiner Maus drücke, dann sehe ich auf meinem Bildschirm (meine Konstruktion der Welt), wie das Bild eines Fingers auf eine dieser Tasten der Maschine "Computer" drückt und sich etwas an meiner Maschine verändert. Eigentlich sind die Knöpfe der Maschine nur am Bildschirm und mein Finger drückt sie nie "wirklich". Das Wichtigste ist, dass es funktioniert, wenn ich davon ausgehe, dass der Finger auf dem Bildschrim, meiner ist.
Mit dem virtuellen Finger drücke ich auf der virtuellen Maschine herum - und

es funktioniert.
Eigentlich benutze ich die Maschine täglich, aber ich greife sie nie an - selbst den Strom schalte ich anders an. Und dennoch arbeite ich bestens (wenn es kein M$-Produkt sei) mit ihr.
Hans Moravec, ein Robotiker - Papst der harten Sorte stellt sich ähnliche Fragen und geht somit weiter als sein besessener Minsky. Virutalität in Virtualitäten verschachtelt. KI als menschliche Intelligenz, KI die nichts anderes und auch nicht weniger ist, als die eigene Landkarte des Programmierers.



MV















Antworten:

Geschrieben von Kay S am 05. November 2000 11:13:24:
Als Antwort auf: KI - Konstruktivismus und Virtualität geschrieben von Martin V am 02. November 2000 17:06:22:
Hallo Martin,

Geschrieben von Martin V am 02. November 2000 17:06:22:

Hi,
Es gibt einen Reiz oder eine Störung. Das ist alles, was eine

Nervenzelle mitteilt. Aber die Ursache dieser Störung ist unklar, sie wird

nicht spezifisch codiert. Man könnte z.b. die Faser eines Sehnnervs

mit Essigsäure reizen - und würde womöglich einen farbigen Lichtfleck wahrnehmen.

Oder man reize eine Geschmackspapille mit ein paar Volt über eine Elektrode;

dann könnten wir den Geschmack von Essig empfinden. In diesen Kontext

ist es grotesk, von einer Abbildung der Aussenwelt in der Innenwelt zu sprechen:

Essig wird ein Farbklecks, Elektrizität zu Essig! Wir wissen nicht,

ob es "dort draussen" Farben oder Gerüche gibt. Es ist nicht der Reiz,

der die Zelle erregt (der Input, zu dem wir keinen Zugang haben können;

Kants Welt per se), der unseren Reichtum an Wahrnehmungen bildet, sondern jegliche menschliche Wahrnehmung ist Ergebnis einer internen Weltsimulation;

Simulation und Welt per se (Wirklichkeit) haben sich im Laufe der

evolutionären Entwicklung des Gehirns einander angeglichen, wobei dieser

Angleich nur notwendigerweise auf das Überleben eines Organismus

ausgerichtet ist. Es gibt also sehr wohl noch Welten zwischen Simulation

und Wirklichkeit, zu der wir leider keinen Zugang haben können. Die

Qualitäten der Sinneseindrücke werden nicht im Empfangsapparat codiert, sondern

im Zentralnervensystem. Dort werden sie erst irgendwie er-rechnet. In diesen Zusammenhang ist auch von undifferenzierten Reizen und Codierungen die Rede.


Einfach ausgedrückt: die Wahrnehmung hängt vom Wahrnehmenden

ab.Das bleibt ja auch richtig, wenn wir uns eine sehr einfache Abbildung

vorstellen, etwa eine Spiegelung. Wenn wir nur die Bildmenge haben, dann können

wir - das per se - nichts über die Urbildmenge aussagen, es sei denn wir verfügen über die Abbildungsvorschrift und diese muss überdies injektiv sein.


Menschliches Erkennen ist somit ein biologisch/physikalisches Phänomen,

das nicht durch die Objekte der Aussenwelt, sondern durch die Struktur

des Organismus determiniert ist.


Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem,

das nicht zwischen internen und externen Stimuli differenziert und

daher sind Wahrnehmung und Illusion, d. h. innerer und äusserer Reiz,

im Prinzip für den Menschen unterscheidbar.


Das scheint mir unlogisch. Wenn es nicht zwischen internen und externen

Stimuli differenziert, warum soll gerade daraus folgen, dass innerer und äußerer

Reiz (was dasselbe ist wie in- und ex-Stimuli) unterscheidbar sein sollen?


Menschliche Erkenntnis resultiert aus individuellen Erfahrungen und

ist als Leistung des Organismus grundsätzlich subjektgebunden und

damit unübertragbar. Der Gehalt kommunizierter Erkenntnisse richtet

sich nach der biologischen Struktur des Adressaten.


Warum sollen Erkenntnisse unübertragbar sein? Das erscheint

mir irgendwie unsinnig.


Dieser Ansatz hat drei wissenschaftstheoretische Konsequenzen: Erstens

ist Erkennen damit weder eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden

unabhängigen Realität, noch eine willkürliche Konstruktion,

sondern dient vielmehr der Lebenserhaltung und entspricht damit den strukturellen Möglichkeiten und dem jeweiligen Zustand des Erkennenden. Zweitens

übersteigt damit die traditionelle Forderung nach Objektivität

als Entsprechung von Aussen und Innen (adaequatio rei et intellectus) die

Erkenntnismöglichkeiten des Menschen. Die genannte Gebundenheit

des Erkennens an Struktur und Zustand des Erkennenden beschränkt das

Kriterium der Objektivität auf kommunikative Aspekte. Drittens ist Kommunikation

ein fortlaufender und immer wieder erneuerungsbedürftiger Prozess,

dessen Effizienz und Informationsgehalt nur der Adressat bestimmt. Die Gleichheit der strukturellen Zustände von Sender und Empfänger lässt

sich weder gezielt herbeiführen noch von einem Beobachter feststellen und

entfällt daher als Kriterium der wissenschaftlich Erkenntnis.


i) Erkennen kann sehr wohl eine getreue Abbildung einer vom Erkennenden

unabhängigen Wirklichkeit sein. Wenn der Erkennende aber die Abbildung nicht

kennt, kann er das nicht wissen.

ii) Die Evolution konstruiert verkörperte Abbildungen der Außenwelt

(Gehirne), die der Lebenserhaltung dienen. Der Mensch ist aber in der Lage externe Speichermedien aufzubauen, um dort Informationen abzulegen, d.h. er unterliegt gar nicht den Beschränkungen, die die evolutionäre Erkenntnistheorie

für ihn eingeführt hat, da er Teile seiner Abbildung einfach aus sich auslagern kann. Wenn wir

von einer "adaequatio rei et intellectus" sprechen, müssen

wir das auch berücksichtigen.

iii) Was verstehst Du unter Gleichheit der "strukturalen Zustände".

Wenn Du damit Quantenzustände meinst, stimme ich mit Dir überein. Auch

die Netzwerktopologie muss nicht äquivalent sein. Wenn nun Kommunikation dazu dient, Sender und Empfänger in "Übereinstimmung" (was sonst?) zu bringen, was

genau wird dann eigentlich zur Übereinstimmung gebracht?


Statt objektiver Realität erforscht die Wissenschaft daher die

physkalische Struktur dessen, der eine Welt erschafft. Der Wissenschaftler wendet sich also dem Beobachter zu, nämlich sich selbst, der sich im Akt des

Beobachtens konstitutiert. Erkenntnis dringt nicht in verschlossenes Neuleund ein, sondern vielmehr beschreibt und kartographiert sie dieses.


Das stimmt nicht. Noch einmal, ganz langsam : eine Abbildung besteht

aus einer Urbildmenge, einer Abbildungsvorschrift und einem Bild. Die Wissenschaft wendet sich, sofern sie nicht Neurowissenschaft, Psychologie oder Soziologie ist, nicht der Abbildungsvorschrift, sondern dem Bild zu, wobei dieses Bild nur zu einem geringen Teil in den Köpfen der Wissenschaftler existiert, zu einem größeren Teil ausserhalb von ihm,in Büchern, Zeitschriften, Festplatten etc. Dass das Bild von der Abbildungsvorschrift abhängt, d.h. von den eingesetzten Apparaten

ist unstreitig.


Alles was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt (2. Grundsatz der

Kybernetik 2. Ordnung)


Es ist nichts wirklich "objektiv" beobachtbar. Das Beobachtete ist das

Ergebnis der Verarbeitung durch den aufnehmenden Apparat des Beobachters

und gibt damit nicht primär das Beobachtete wieder, sondern spiegelt

die Arbeitseise des Apparats wieder.


Das stimmt zwar, aber was ist damit ausgesagt? Vielleicht sollte

man an dieser Stelle ein wenig Begriffsgeschichte betreiben. Was eigentlich bedeutet "objektiv"?

Wie hat sich das Wort entwickelt, was wollte man mit Wissenschaft, bevor das Wort Karriere gemacht hat?

(Was war "Wissenschaft", bevor sie als solche theoretisch und ideologisch

begründet wurde?)

Ich habe den Eindruck, ohne die aufzubringende Sorgfalt einer "Geschichte

der Objektivität" ist man schnell an einem toten Punkt, an dem man auf ein zum Nullwort heruntergekommendes Ideologem eindrischt, so als wäre man in einer

politischen Debatte.


Beobachten ist damit schon Interaktion und damit stark subjektiv. Die

menschliche Sicht der Welt gibt nicht die Welt per se wieder, sondern

diese eine Welt, so wie sie vom Menschen im Sinne eines Bildes, einer

Landkarte von ihr, in deren Konstruktion er sich selbst verewigt, gerade

gesehen wird.


Das nette am Relativismus ist, dass er alle in Frieden lässt.

Das prekäre an ihm ist, dass er nicht weiß, warum Bilder aufgegeben werden. Er kann sich nicht einfach hinstellen und sagen,

sie wären falsch oder nicht mehr viabel, was der moralischen

und kognitiven Arroganz des "Objektivismus" ganz und gar einleuchtet.


Müssten wir einmal nicht über die Begriffe der Virtualität,

Realität und der Täuschung reden,


müssen wir nicht ;)


sondern einmal von der menschlichen Wahrnehmung, die dazu führt,

dass wir mittels dieser "Hyper-Maschinen" namens Computer Dinge schaffen

bzw. produzieren können, von denen wir nicht mehr wissen, was sie

eigentlich sind: Täuschung, Realität oder etwas Drittes.


Was verlangen wir von "Täuschung" und "Realität" ?


Wenn ich meine Maus auf der Oberfläche meines Tisches geschickt

genug hin und her bewege und dann im rechten Moment geschickt genug eine Taste

auf meiner Maus drücke, dann sehe ich auf meinem Bildschirm (meine

Konstruktion der Welt), wie das Bild eines Fingers auf eine dieser Tasten

der Maschine "Computer" drückt und sich etwas an meiner Maschine verändert.

Eigentlich sind die Knöpfe der Maschine nur am Bildschirm und mein

Finger drückt sie nie "wirklich". Das Wichtigste ist, dass es funktioniert,

wenn ich davon ausgehe, dass der Finger auf dem Bildschrim, meiner ist.


Verstehe ich nicht? Bekomme eine weiche Birne vom lesen :(


Mit dem virtuellen Finger drücke ich auf der virtuellen Maschine

herum - und es funktioniert.


Super!


Eigentlich benutze ich die Maschine täglich, aber ich greife sie

nie an - selbst den Strom schalte ich anders an. Und dennoch arbeite ich

bestens (wenn es kein M$-Produkt sei) mit ihr.


Arbeitest Du sonst mit einem Mac?


Hans Moravec, ein Robotiker - Papst der harten Sorte stellt sich ähnliche

Fragen und geht somit weiter als sein besessener Minsky. Virtutalität

in Virtualitäten verschachtelt. KI als menschliche Intelligenz, KI

die nichts anderes und auch nicht weniger ist, als die eigene Landkarte

des Programmierers.


Päpste, der weichen Sorte sind mir auch nicht angenehmer. Warum

soll Moravec weniger besessen sein als Minsky? Was genau ist es eigentlich, dass Dich an Minsky so aufregt? Hat er mal wieder einen seiner Sprüche abgelassen, mit dem er empfindsame Seelen quält? Man muss Minsky nicht mögen;

er mag ja auch keine Christen, Humanisten und dergleichen Volk.

Wieso ist der Verschachtelungsaspekt von Virtualitäten wichtig?
Gruß Kay






















von Kay S - am 05.11.2000 10:13
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