Wenn Türken in Dortmund kicken ...

Startbeitrag von Betty Bossi am 03.12.2003 15:50

Istanbuls Trainer von Dortmunder Stimmung begeistert

Dortmund (dpa) - Für Chefcoach Fatih Terim von Galatasaray Istanbul könnten Spiele des türkischen Fußball-Spitzenclubs häufiger in Dortmund stattfinden. «Wenn ich ehrlich sein soll, war die Atmosphäre hier besser als bei einigen unserer Spiele in Istanbul», meinte der Coach nach dem 2:0-Erfolg im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin.



Die vorwiegend türkischen Fans verwandelten das Westfalenstadion in ein orientalisches Tollhaus, als Galatasaray durch zwei Tore von Kapitän Hakan Sükür das Tor zum Achtelfinale wieder aufstieß. Allerdings richteten die offiziell 44 000 und nicht wie von den Türken angegeben 60 000 Besucher während und nach der Begegnung erheblichen Sachschaden an.


Auf der Südtribüne wurden Hunderte von Sitzschalen herausgerissen. Außerdem wurde der Rasen im Westfalenstadion durch Fans, die nach der wegen des großes Andrangs mit Verspätung angepfiffenen Partie aufs Spielfeld stürmten, erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Nach Angaben von Borussia Dortmund ist der gastgebende Club für die Regulierung der Schäden zuständig.


Der Bundesligaclub profitierte dennoch von der Invasion der Anhänger. Auf rund eine halbe Million Euro werden die Einnahmen des Stadioneigners BVB aus Vermietung und Ticketverkauf-Beteiligung geschätzt. Mit einer zusätzlichen Geldquelle und einem ähnlichen großen Fan-Aufkommen kann auch der FC Schalke rechnen, wenn Besiktas Istanbul seine Partie gegen den FC Chelsea in Gelsenkirchen austrägt.


Doch trotz der mit riesigen Transparenten sichtbar gemachten Umbenennung des westfälischen Fußball-Tempels in «Ali-Sami-Yen-Stadion» und des enthusiastischen Empfangs der aus ganz Deutschland und den Niederlanden angereisten Türken war der Groll über die Spielverlegung spürbar. «Hier ist eure Bombe: 2:0», lautete die Schlagzeile der türkischen Tageszeitung «Milliyet».


Auch «Fotomac» machte aus dem Ärger um die von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) nach den Terror-Anschlägen von Istanbul ins Ruhrgebiet verlegte Partie unter Anspielung auf den Spitznamen von Galatasaray keinen Hehl: «Geschichte wird nicht von Feiglingen, sondern von Löwen geschrieben.» Die Anhänger im Stadion schwenkten nicht nur rote Fahnen mit dem Halbmond oder die gelb-rote Vereinsflagge. «UEFA, IRA, El Kaida» oder «UEFA-Juventus-Mafia» stand auf mitgebrachten Stoffbannern.


Diplomatisch äußerte sich Juve-Coach Marcello Lippi zu dem brisanten Thema. «Wir hätten auch in Istanbul gespielt», betonte er. Sportlich wäre hier wie dort für den zuvor bereits für das Achtelfinale qualifizierten dreimaligen UEFA-Cup-Sieger, der ohne sieben Stammkräfte antrat, wohl nicht mehr drin gewesen. Lippi nahm die zweite Saisonniederlage nach dem 1:3 gegen Inter Mailand in der italienischen Meisterschaft locker hin: «Es ist besser, sich mit einem Schlag gleich zwei Zähne rauszuhauen. Jetzt können wir wieder durchstarten.» Galatasaray hat im letzten Gruppenspiel am 10. Dezember bei Real San Sebastián wieder alles selbst in der Hand. «Jetzt haben wir ein Finale», sagte Terim.


Quelle: dpa

Antworten:

Herz und Hingabe sowie Spielvermoegen verpassen dem neutralen Dortmunder einen Kulturschock

Beim 2:0 Galatasarays ueber Juve im Westfalenstadion erlebt Richard Leipold (TspZ 4.12.) Leidenschaft und Aesthetik: ‘ Der Orient hat Westfalen erreicht. ‘Tuerkiye, Tuerkiye!’ rufen Zehntausende im Dortmunder Westfalenstadion. Sie haben das Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin zur nationalen Angelegenheit erklaert. Wie Fatih Terim, der Trainer von Galatasaray Istanbul. ‘Weil zwei Bomben gefallen sind, werden wir vom Europaeischen Fussball-Verband ins Exil geschickt. Auf diese Unverschaemtheit muessen wir die richtige Antwort geben.’ (...)An diesem Abend ist Westfalen ganz nah am Bosporus. Die wenigen einheimischen Fussballanhaenger unter den 44 000 Besuchern muessen sich fremd gefuehlt haben, als neutrale Zuschauer im Westfalenstadion – nicht allein wegen der orientalischen Stimmgewalt auf den Raengen. Das tuerkisch-italienische Fussballfest fuehrt ihnen an diesem Abend vor Augen, dass ihre Dortmunder Borussia – wie die meisten anderen Bundesligaklubs – sportlich zur europaeischen Provinz verkommen ist. Die laengst fuer das Achtelfinale qualifizierten Turiner zeigen, wenn auch nur eine Halbzeit lang, spielerische Klasse, wie sie im Westfalenstadion seit Jahr und Tag nicht mehr zu sehen war. Dazu Herz und Hingabe der Tuerken. Das sind die Ingredienzien eines Fussballs, den deutsche Fans nur noch ausnahmsweise aus der Naehe erleben. Den Rivalen aus Gelsenkirchen steht ein aehnlicher Kulturschock bevor. In ein paar Tagen wird Besiktas Istanbul auf Schalke sein Heimspiel gegen den FC Chelsea bestreiten. Wieder eine Gelegenheit fuer Tuerken in Deutschland, ihre nationale Identitaet auf dem Fussballplatz auszuleben. In Dortmund singen sie am Ende voller Inbrunst: ‘Die Tuerkei ist stolz auf euch.’’ [www.tagesspiegel.de]

von Betty Bossi - am 04.12.2003 16:04
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