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vor 14 Jahren, 6 Monaten
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Betty Bossi

Die Geheimzahl des Erfolgs

Startbeitrag von Betty Bossi am 30.01.2004 11:04

Die Geheimzahl des Erfolgs
Christof Kneer

BERLIN, 29. Januar. Die Geschichte muss einfach stimmen. Sie ist so schön, dass kein Mensch sie erfinden kann. Die Geschichte geht so, dass der englische Nationaltrainer Alf Ramsey seinen Spieler Alan Ball fragt, ob er einen Hund habe, worauf der Spieler antwortet "Ja, Boss". Ob er dem Hund ab und zu einen Ball hinwerfe, forscht Ramsey weiter. Ja sicher, sagt Ball. Was der Hund dann mache, will Ramsey wissen. Na, er jage den Ball und bringe ihn zurück, sagt Ball. Darauf Ramsey: Und ich will, dass du das für Bobby Charlton tust, was der Hund für dich tut.
Man kann sich nicht erinnern, dass die Nummer sechs im Fußball schon einmal besser beschrieben wurde als von Alf Ramsey. England wurde übrigens Weltmeister damals, 1966, mit Ramsey auf der Bank und mit Charlton und Ball auf dem Platz. Für mehr als eine Epoche war damit das treffende Bild gefunden. Die Sechser, das waren die Hündchen in diesem Spiel namens Fußball: die Apportierer, die Mannhinterherhechler. Sie hießen erst Hacki Wimmer und Heinz Simmet, später hießen sie Wolfgang Rolff oder Dieter Eilts. Sie waren darauf abgerichtet, dem gegnerischen Zehner den Ball zu klauen und ihn dann artig beim eigenen Zehner abzugeben. Sie waren die Harrys, die dem Spielmacher den Wagen holten und sodann in der Kulisse verschwanden.

Soldos hohe Kunst

Es gehört zu den Geheimnissen des Fußballs, dass viele noch immer nicht bemerkt haben, dass sich die Harrys emanzipierten. Wenn diesen Freitag die Rückrunde der Fußball-Bundesliga beginnt, dann ist nicht mehr auszuschließen, dass die Sechser am Ende die Meisterschaft entscheiden. Sie werden das heimlich tun, wie das ihre Art ist. "Die Sechs ist hier zu Lande schon immer unterschätzt worden", sagt der ehemalige Sechser Wolfgang Rolff. "Den Lothar Matthäus haben sie auch erst gefeiert, als ein offensiver Mittelfeldspieler aus ihm geworden war. Dabei war er zu Beginn seiner Karriere eine echte Sechs, er hat überragende Spiele gemacht gegen Hansi Müller, Felix Magath oder Maradona."

Man kann guten Gewissens behaupten, dass der Erfolg eine Geheimnummer hat. Es ist die Sechs. Man kann das auch in der Tabelle sehen. "Es ist sicher kein Zufall, dass nach der Vorrunde jene Mannschaften oben stehen, die ein gutes defensives Mittelfeld haben", sagt der einstige Bremer Dieter Eilts. Gerade in Bremen lässt sich nachweisen, wie spielprägend die Sechs inzwischen geworden ist. Mit Recht lässt man beim Tabellenführer Werder den Knuddeltorschützen Ailton hochleben oder den genialen Anbahner Johan Micoud, aber manchmal lohnt es sich, die Bremer Tore in Zeitlupe zu sehen. Man sieht dann, wie Frank Baumann oder Fabian Ernst einen gegnerischen Angriff einfangen und den Defensivball zielsicher in einen Angriffsball verwandeln. Vor allem Ernst ist es, der dem Bremer Spiel den Puls fühlt; er gibt dem Vortrag Struktur und Klasse, lange bevor der Ball bei Micoud ankommt.

Man kann davon ausgehen, dass vor allem das Schicksal der Überraschungsmannschaften Bremen und Stuttgart in der Rückrunde in hohem Maße von ihren Sechsern abhängt. Noch mehr als die Tore von Ailton oder Kevin Kuranyi könnte die Stabilität in den Defensivzentralen darüber entscheiden, ob die akut von der Meisterschaft bedrohten Außenseiter ihr Spiel ohne Einbrüche durchbringen. In Stuttgart wissen sie längst, dass Kapitän Zvonimir Soldo (35) für die Balance im Spiel wichtiger ist als Kuranyi, Hinkel und Hleb zusammen. "Was Zvonimir zurzeit spielt, ist die hohe Kunst", sagt Eilts voller Hochachtung, "er hat das Auge für die Situation, erobert den Ball und spielt ihn sofort nach vorne. Mit ihm steht und fällt das Spiel."

Auch der fünftplatzierte VfL Bochum, die dritte Überraschungself der Vorrunde, hat ihren Soldo; er heißt Sunday Oliseh. Der Nigerianer ist der Spielmacher von hinten - an ihn lehnen sie sich an, wenn es eng wird, nicht an den Regisseur Dariusz Wosz. In Leverkusen gilt der ungeliebte, aber verlässliche Carsten Ramelow als strategisch unverzichtbarer Teil eines gut austarierten Defensivspiels, und selbst beim FC Bayern hatte Michael Ballack seine stärksten Hinrundenmomente als geradezu klassische Nummer sechs. Bayern hat kein Sechser-, eher ein Zehnerproblem. Ballack fehlt im Mittelfeld eher ein Vorder- als ein Hintermann. Auch im Umkehrschluss lässt sich der Wert der Sechs aus der Tabelle lesen. Keines der Kellerkinder verfügt über eine Autorität im defensiven Mittelfeld; erst recht nicht Hertha BSC.

Es sagt eine Menge aus über die moderne Sechs, dass inzwischen schon Hochbegabte wie Ballack in dieses Rollenbild passen. Durch die schleichenden Veränderungen des Fußballs ist aus dem reinen Verfolgungsfußballer - wie ihn der Münchner Jens Jeremies noch am ehesten verkörpert - immer mehr ein prägender Kopf geworden. "Früher hat man direkt gegen den Mann gespielt, heute spielt man im Raum gegen den Mann", sagt Dieter Eilts, "der Nummer sechs hat diese Entwicklung gut getan." Lange war der Sechser immer nur der Bewacher von Netzer, von Maradona, von Platini. Er war immer nur die Kehrseite der Medaille. Heute glänzt er im Idealfall selbst.

Fünf + zehn = sechs

Die modernen Spielsysteme haben der Nummer sechs überproportional viel Verantwortung zugeschanzt. Der Libero ist ausgestorben, der klassische Spielmacher genießt längst Artenschutz, und so hat sich ein guter Teil des Kreativpotenzials dieser beiden Positionen heimlich in der Sechs vereinigt. Im Idealfall ist die Sechs heute ein offensiver Fünfer und ein defensiver Zehner zugleich. Fünf plus zehn gibt immer häufiger sechs.

So kommt es, dass inzwischen auch in deutschen Landen kreative Mischwesen wie Dietmar Hamann, Torsten Frings, Fabian Ernst, Sebastian Kehl oder Frank Baumann wachsen. Sie verschlucken die Bälle nicht mehr nur wie jener frühe Sechsertypus, der einst als "Staubsauger" das Mittelfeld säuberte. Sie spucken die Bälle auch wieder aus wie eine Ballmaschine: rechts raus auf den Flügel, links raus auf den Flügel oder stramm nach vorn. Aber das Land hat lange gebraucht, um die neue Gattung der Ballspucker zu verstehen. Gerade diesem erhaben staksigen Hamann hat die Nation seine technische Veranlagung lange nachgetragen - sie wollte immer einen schön auffälligen Spielmacher, und sie hat nicht begriffen, dass hier unauffällig schön ein Sechser spielt. "Die moderne Sechs hat sich in Spanien oder Italien früher durchgesetzt, weil dort mehr Wert auf Taktik gelegt wird als in Deutschland", sagt Rolff.

Aber vielleicht tröstet es die Deutschen ja, dass 1966, als Alf Ramsey seinen Mister Ball noch Bälle apportieren ließ, ein unverschämt eleganter Jungspund namens Franz Beckenbauer als Erster damit begann, das Defensivspiel zu revolutionieren. Er trug damals: die Nummer sechs.

Quelle: www.berlinonline.de

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