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Rotblau, Betty Bossi

Entzauberter Mythos

Startbeitrag von Betty Bossi am 06.06.2004 05:54

Entzauberter Mythos

30 Jahre sahen sich die Niederländer von den Deutschen um den WM-Titel 1974 betrogen - zu Unrecht, wie Buchautor Auke Kok recherchiert hat
von Martin Henkel

Johannes van Breukelen hat Humor. Das mögen hier zu Lande viele nicht glauben, die den blonden Hans in Erinnerungen haben als grimmigen Torwächter der niederländischen "Elftal" um Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten. Aber das muss hier gleich vorweg gesagt werden: Hans van Breukelen hat Humor. Und davon eine Menge.


So saß der Nationalkeeper a.D. am Donnerstagabend im Graachten-Zaal des Goethe-Instituts in Amsterdam und fragte das Auditorium rundheraus, ob man wisse, warum die holländischen Kinder so lange Ohren haben? "Wissen Sie nicht?", trieb Hans van Breukelen die Pointe vor sich her, indem er zwei Sekündchen schwieg: "Die bekommen sie, weil ihre Eltern sie immer an den Lauschern packen, gen Osten heben und sagen: Schaut, da wohnen die Weltmeister."


Das Publikum hat sich vor Lachen geschüttelt. Hans van Breukelen auch. Und man konnte diese Reaktion durchaus so verstehen, dass die am Heerengracht 470 Versammelten dem Thema dieses kleinen Symposiums mit Humor und Ironie begegnen wollten - dem WM-Finale 1974 und seinen Folgen für das Verhältnis von Niederländern und Deutschen.


Das ist seit dem Juli-Abend im Münchener Olympiastadion noch schwerer belastet, als es nach dem Zweiten Weltkrieg eh schon gewesen war. Und das nur, "weil wir Niederländer glauben, dass wir um den WM-Sieg betrogen wurden".


Der das sagt, ist Auke Kok. Er sitzt neben Hans van Breukelen und leitet diesen Abend. Denn er hat ein feinsinniges und gründlich recherchiertes Buch geschrieben, "1974, wij waren de besten" (1974, Wir waren die Besten), das bereits in die vierte Auflage geht und seit seinem Erscheinen im April für allerhand Wirbel in den niederländischen Debattierklubs und Feuilletons gesorgt hat.


Monatelang hat der Historiker und Journalist Archive durchstöbert, ist nach Deutschland gereist und hat mit ehemaligen Spielern gesprochen. Weil sich mit den Jahren Tatsachen in Legenden und Legenden in einen Mythos verwandelt haben. Und weil nun irgendeiner mal sagen müsse, "dass wir Niederländer seit gut 30 Jahren an diesen Mythos glauben".


An jenem denkwürdigen Final-Abend galten die "Oranje-Löwen" um Johan Cruyff als weltbeste Elf ihrer Zeit. Der Sieg gegen die Deutschen in München - eigentlich nur eine Sache von 90 Minuten. Völlig überraschend aber verloren die Holländer mit 1:2. "Wir schlitterten in ein kollektives Trauma", sagt Auke Kok. Man müsse sich vor Augen führen: "Die Spieler entstammten alle der Nachkriegsgeneration, die wusste, dass sich ihre Eltern während des Zweiten Weltkriegs nicht wie die Franzosen gegen die deutschen Besatzer gewehrt hatten. Sie wollten es besser machen - zumal sie sich als Vertreter eines modernen, aufgeschlossenen Landes sahen. Wir waren doch die Besten. Und dann kommen diese Deutschen und vermiesen uns die Party."


Eine Verschwörungstheorie war schnell gesponnen: Das Foul an Hölzenbein, dem der Strafstoß zum 1:1 folgte, eine Schwalbe. Ein mehrseitiger Artikel über Pool-Partys mit nackten Frauen, den die "Bild" kurz vor dem Finale veröffentlicht hatte, eine inszenierte Hetzkampagne. In diesem Bewusstsein, sagt Kok, "ist meine Generation aufgewachsen. Die Deutschen waren schuld an unserer Niederlage, nicht wir."


Kok aber weiß es besser. Nicht "Bild", auch nicht Hölzenbein, sondern "Selbstüberschätzung, Mangel an Disziplin und Schlaf sowie eine schlechte Vorbereitung auf das Finale haben uns um die WM-Trophäe gebracht". Die Party hatte schon vor dem Finale stattgefunden.


Sie stieg nach dem 2:0-Sieg gegen die DDR. Champagnerflaschen wurden entkorkt, Frauen in Negligés schmiegten sich an die trunkenen Kicker, irgendwann kam Cruyff die Idee, in den hoteleigenen Pool umzuziehen.


Die Wut der Spielerfrauen nach dem "Bild"-Artikel traf Cruyff dann am härtesten. "Stundenlang", erzählt Kok, "hat er am Telefon verbracht, um seine Frau zu besänftigen." Er habe danach nicht mehr schlafen können, päckchenweise Zigaretten geraucht und nächtens seinen Zimmergenossen Johan Neeskens wach gehalten. Zum Finale erschien er leichenblass.


Der einzige Grund für die Niederlage aber war das nicht. "Noch keine Wettkampfbesprechung gehabt", notierte Keeper Jan Jongbloed in sein WM-Tagebuch am Tag vor dem Finale. Doch wie auch? Trainer Rinus Michels hatte ja allenfalls eine vage Ahnung, in welcher Verfassung die Deutschen auflaufen würden. Niemand aus dem Oranje-Tross hatte Beckenbauer und Co. bei der Wasserschlacht gegen Polen (1:0) beobachtet. Der dafür zuständige Co-Trainer war tags zuvor nach Hause geschickt worden. Er hatte volltrunken Flaschen aus dem Hotelfenster geworfen, die einige seiner Spieler nur knapp verfehlten.


Dennoch waren die Holländer in den Anfangsminuten des Endspiels hoch motiviert. Sie glaubten, eine Mission erfüllen zu müssen. "Nur die falsche", sagt Kok, "sie glaubten, sich an den Kindern der deutschen Besatzer rächen zu müssen." So verwendete Rinus Michels in jedem dritten Satz das Wort "Krieg". Die Niederländer wollten nicht einfach nur gewinnen, so Kok, "sie wollten die Deutschen demütigen. Deshalb haben sie ihre Führung so leichtfertig verspielt."


Das verlorene Finale verstärkte fortan die Ressentiments der Niederländer. Als sie die verhassten Nachbarn dann im Halbfinale der Europameisterschaft 1988 mit 2:1 in Hamburg schlugen, brach der aufgestaute Frust alle Deiche. "Endlich Rache", jubelte die Tageszeitung "De Telegraaf", neun von 15 Millionen Einwohnern sorgten für den größten Volksauflauf seit dem Kriegsende. Kok: "Den Sieg empfanden wir wie eine zweite Befreiung." Dass sich Ronald Koeman mit dem Trikot von Olaf Thon demonstrativ sein Hinterteil wischte, sei Ausdruck der Befindlichkeiten vieler seiner Landsleute gewesen.


Auke Kok verspürt heute Scham, wenn er an diese Bilder erinnert wird. Auch van Breukelen, der damals im Tor stand, sind sie "unangenehm". Nachdenklich saß der 47 Jahre alte Fußball-Pensionär auf dem Podium in Amsterdam. Als er aber erfuhr, wie die "Bild"-Zeitung an ihre Pool-Story gelangte, kehrte ein Lächeln auf sein Gesicht zurück. Und für einen Augenblick schien es, als wolle es ausdrücken: Ganz geirrt haben wir uns über die Deutschen doch nicht.


An jenem verhängnisvollen Abend nach dem DDR-Spiel erschien ein Mann im Foyer des "Elftal"-Quartiers, der sich als Spätzle-Vertreter ausgab. Er wurde Augenzeuge der Champagner-schäumenden Feierlichkeit. Zum Leidwesen der "Oranjes". Der angebliche Handlungsreisende war Journalist der "Stuttgarter Nachrichten". Und verhökerte die Story für 400 Mark.


Artikel erschienen am 6. Juni 2004

© WAMS.de 1995 - 2004

Antworten:

"Dass sich Ronald Koeman mit dem Trikot von Olaf Thon demonstrativ sein Hinterteil wischte"

Nicht gerade nett. Aber ich fand und finde Ronal Koeman noch immer unsympathisch.



von Rotblau - am 06.06.2004 12:57
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