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vor 13 Jahren, 11 Monaten
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Betty Bossi

Rechtschreibung .-)

Startbeitrag von Betty Bossi am 10.08.2004 02:31

Rechtschreibung
Dann ist es ja Wurscht!
Von Matthias Richter


09. August 2004 Machen wir uns nichts vor: Die deutsche Rechtschreibung ist schwierig. Sie war es auch nach den alten Regeln, ob man sie nun für "bewährt" hält oder gar für "klassisch". Mitte der neunziger Jahre war ich Mitte Dreißig und hatte über zehn Jahre versucht, Schülern zu erklären, wann man "ss" oder "ß" zu schreiben hat, warum man "er bekommt recht" schreibt, aber "er sucht Recht". Vieles war eben so, man konnte es leider nicht recht erklären. Deshalb habe ich die Rechtschreibreform begrüßt, schien es doch so, daß vieles nun endlich klarer, logischer und leichter zu erlernen sei.

Nehmen wir das vielstrapazierte Beispiel "Schiffahrt" (alt) oder eben "Schifffahrt" (neu): Ob die Folge von drei gleichen Konsonanten häßlich aussieht oder nicht, ist Ansichtssache. Die alte Regelung schrieb vor, daß bei Wortbildungen, bei denen drei gleiche Konsonanten zusammentreffen, nur zwei geschrieben werden, wenn ein Vokal folgt, dagegen alle drei geschrieben werden müssen, wenn ein weiterer Konsonant folgt. Die besseren Argumente haben in diesem Fall die Reformer. Ihr Vorschlag, bei Wortzusammensetzungen alle Konsonanten zu schreiben, ist schlicht einfacher, sprachökonomischer und leichter zu erlernen als die alte Regelung.

Rechtschreibung im Schulalltag thematisiert

Und weil das beileibe nicht das einzige war, wo die neuen Regeln übersichtlicher, klarer und deshalb besser waren, haben viele Lehrer, so auch ich, die Rechtschreibreform anfangs durchaus begrüßt. Die ß-/ss-Regelung, einiges aus der Silbentrennung, das unsägliche "Er fährt rad", aber "Er fährt Auto" - daß so etwas fällt, erschien als Verbesserung. Das Kleingedruckte las man später. Da ging es den Lehrern nicht anders als den Schriftstellern, die auch erst aufwachten, als die Reform verabschiedet wurde.

Erst sickerten das Regelwerk und das neue Wörterverzeichnis durch, dann der KMK-Beschluß und die neuen Nachschlagewerke, die neuen Bücher - und die neuen Verordnungen. Es gab drei, vier Jahre, in denen Rechtschreibung im Schulalltag zum Thema wurde. Die privilegierte Position der Lehrkräfte war für eine Zeitlang dahin, weil sie die neuen Regeln genauso lernen mußten wie die Schülerinnen und Schüler.

Was die Lehrpläne für die höheren Klassen der Mittelstufe gefordert hatten, ohne daß es sonderlich interessiert hätte, nämlich über orthographische Normen und ihre Entwicklung nachzudenken, das war nun Thema des Tages und ermöglichte wenigstens punktuell ergiebige Reflexionen über den Zusammenhang von Schreibung und Bedeutung. Daß nebeneinander verschiedene Auflagen eines Schulbuchs mit unterschiedlichen Schreibungen benutzt wurden, störte in der Praxis nicht, sondern gab Anlaß, sich über die Veränderungen zu verständigen.

Die Übergangszeit

Damit begann aber auch das Grübeln über die beiden heikelsten Bereiche, die Groß- und Kleinschreibung und die Getrennt- und Zusammenschreibung. Diese beiden Bereiche waren immer heikel, auch in der alten, bewährten, klassischen Rechtschreibung - aber sie sind in der neuen nicht besser geworden. Karl Kraus hatte recht: Das hat der Fortschritt so an sich, daß er von nahem bei weitem nicht so groß ausschaut, wie es in der Ferne scheint.

Denn die Schule ist ja auch ein bürokratisches Rechtssystem. Es gab die Übergangszeit, volle sieben Jahre sollte sie dauern. Und währenddessen? In Niedersachsen zum Beispiel wurde die neue Rechtschreibung gelehrt. Die alte mußte als überholt gekennzeichnet werden. Aber diese Verstöße waren nicht benotungsrelevant, heißt: Verstöße gegen die neue Orthographie, die nach der alten korrekt waren, durften nicht in die Benotung einbezogen werden. Das geht auch nicht anders, denn sonst hätte man sich die Übergangszeit sparen können.

Dann ist es ja Wurscht!

Nun hat aber die Schule die Aufgabe, die Rechtschreibleistung zu bewerten - bis zur Abiturarbeit, wo laut KMK-Beschluß gravierende Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit mit Punktabzug zu ahnden sind. Etwas anderes kam hinzu: Mit der Rechtschreibreform fiel das Deutungsmonopol des Duden. Hinfort durfte den Eltern nicht mehr gesagt werden, der Duden sei das offizielle oder offiziöse Wörterbuch, das die Norm aller Bewertungen von Regelverstößen ist.

Fairerweise mußte darauf hingewiesen werden, daß auch andere Wörterbücher, sofern sie den Regeln entsprächen, zuzulassen seien. Die beiden erfolgreichsten Wörterbücher, der Duden und sein Konkurrent aus dem Hause Bertelsmann, wiesen aber in der ersten Auflage mehrere hundert Unterschiede auf, weil Regeln unterschiedlich ausgelegt wurden. Praktisch gesehen, hieß das: In Klasse 7 oder 8 wird etwa der haarige Komplex der Groß- und Kleinschreibung von Substantiven in stehenden Verbindungen durchgenommen - nach neuer Schreibung "Sie bekam Recht", nach alter "Sie bekam recht". Geübt wird die neue Schreibung, aber die alte darf nicht als Fehler bewertet werden. Also schließt der Schüler messerscharf: Dann ist es ja Wurscht!

Kuddelmuddel von alt und neu

Über den Sinn von Diktaten kann man streiten, aber sie müssen nach wie vor in allen Bundesländern geschrieben werden. Ob Diktate mit oder ohne Hilfe eines Rechtschreibwörterbuchs oder irgendeine andere Form der Überprüfung: Alle Schülerinnen und Schüler in dieser Übergangszeit dürfen sich praktisch aussuchen, wie sie schreiben. Und das betrifft nicht nur eher seltene Dinge wie "Schifffahrt" oder "Schiffahrt" oder die - sehr viel zahlreicheren - Fälle der Getrennt- und Zusammenschreibung wie die "so genannten" oder "sogenannten" "Besser Verdienenden" (von Duden und Bertelsmann-Wahrig neuerdings erlaubt) oder "Besserverdienenden" (vom Duden als Variante erlaubt, bei Bertelsmann-Wahrig überholt und demnach ab 1. August 2005 falsch).

Nein, dieses Kuddelmuddel von alt, aber überholt und neu gilt, rechtlich gesehen, durchweg und überall. Es ist nicht auszuschließen, daß ein erheblicher Teil der geschriebenen, in Einzelfällen möglicherweise sogar versetzungsrelevanten Diktate einer genauen Überprüfung nicht standhielte, weil Dinge als Fehler gewertet wurden, die eigentlich nur als überholt hätten markiert sein dürfen.

Kriterium: Vermittelbarkeit und Lernerfolg

Natürlich, sagt die Kultusbürokratie, das ist eben die Übergangszeit, und die soll ja Ende Juli 2005 enden. Dann endeten auch diese kleinen Problemchen, die jede Übergangszeit nun einmal mit sich bringt. Richtig. Aber dieses Nebeneinander hat die Lehrer mürbe gemacht, und es hat die Augen dafür geschärft, was denn nun wirklich besser geworden ist. Als Kriterium muß man sich da glücklicherweise nicht auf Geschmacksfragen verlassen.

Nein, als Lehrer hat man als Kriterium Vermittelbarkeit und Lernerfolg. Und da scheint mir, daß die Zeichensetzung nicht einfacher geworden ist, weil gerade der Hauptblock, die Kommasetzung bei Infinitivgruppen, durch Ausnahmeregelungen wieder verkompliziert wurde. Die Groß- und Kleinschreibung mag grosso modo etwas einfacher geworden sein. Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist insgesamt nicht nur nicht einfacher geworden, sondern in jedem Fall schlechter als die alten Regelungen. Die Regeln zur ß-/ss-Schreibung dagegen sind klarer geworden, auch wenn jetzt überall regelwidrig "aussen" und "beissen" geschrieben wird.

Jeder macht, was er will

Insgesamt erlaubt meine Erfahrung nach zwanzig Jahren Deutschunterricht weder das Urteil, die neue Rechtschreibung sei komplett zu verwerfen, noch, sie sei um jeden Preis beizubehalten. Der wichtigste Einwand ergibt sich aber genau aus dieser Feststellung: Hat sich der immense Aufwand dieser Reform gelohnt, von der man selbst bei wohlwollender Betrachtung nur sagen kann, daß sie einige Dinge möglicherweise etwas besser gemacht hat?

Die Einheit der Rechtschreibung ist dahin. Sie war immer nur eine gesetzte, aber es gab sie, und insofern ist auch die Rede von der "bewährten" Rechtschreibung richtig. Mögen ihre Normen auch in Teilen willkürlich sein, mochte es auch fragwürdig sein, daß eine nichtöffentliche Instanz wie die Duden-Redaktion quasiamtliche Aufgaben ausübte - der jetzige Zustand, in dem jeder macht, was er will, ist gräßlich. Michael Klett hat recht: Not täte eine behutsame Anpassung der Rechtschreibung, "über die vorher endlos und sorgfältig debattiert wird". Dann freilich muß entschieden werden, und alle sollten sich daran halten. Wir werden lange darauf warten müssen.

Der Verfasser, geboren 1957, unterrichtet Deutsch am Hölty-Gymnasium in Celle und bildet dort als Fachleiter am Studienseminar zukünftige Deutschlehrer aus.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2004, Nr. 184 / Seite 31
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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