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Tschum, Rotblau, Don Daniel, It`s in the game, Mahatma, SMD, Tuborg_home, maischter proper, Lemieux

Totales Zürcher Stadion-Debakel

Startbeitrag von maischter proper am 29.08.2004 06:55

Bauherrin CS steht vor dem Gang ans Bundesgericht - Projektleiter tritt ab


Die Credit Suisse lässt den Gestaltungsplan für das Fussballstadion im Zürcher Hardturmquartier vom Bundesgericht beurteilen. EM-Spiele finden dort somit keine statt.


Das schier endlose Trauerspiel um den Bau eines neuen Fussballstadions auf dem Zürcher Hardturmareal ist um ein Kapitel reicher. Laut zuverlässigen Quellen innerhalb der Bauherrin Credit Suisse (CS) wird die Bank den vom Verwaltungsgericht gefällten Entscheid über das Stadion ans Bundesgericht weiterziehen. Somit steht fest, dass das ambitiöse fünfeckige Stadion nicht rechtzeitig auf die Fussball-Europameisterschaft 2008 gebaut wird. Projektleiter Reinhard Giger, Leiter Real Estate Management der CS, geht überdies Ende März 2005 im Alter von 56 Jahren in Frühpension.


Einigung ausgeschlossen


Laut den Quellen in der CS sind die zuständigen Amtsträger der Stadt Zürich darüber informiert worden, dass der Gang ans Bundesgericht bevorsteht. Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements, erklärt, dass der Entscheid, den die Stadt in Zusammenarbeit mit der CS fällen werde, noch nicht getroffen sei. Urs Spinner sagt aber auch: «Die Stadt Zürich hat zur Kenntnis genommen, dass die CS grosses Interesse daran hat, vor Bundesgericht zu gehen.» Der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber äussert sich zur Sache nur wie folgt: «Ich bin bodenlos enttäuscht.»


Anfang Juli hatte das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich entschieden, dass die Stadt die Anzahl Autofahrten, die das Stadion pro Jahr auslösen darf, neu festlegen muss, und zwar auf einen Wert zwischen 1,3 und 2,17 Millionen. Die Zahl kann angefochten werden. Für die Anwohner im Hardturmquartier liegt die oberste Grenze bei 1,75 Millionen. «Schon dieses Kompromissangebot hat im Quartier für heftige Diskussionen gesorgt», sagt Monika Spring, Co-Präsidentin der Interessengemeinschaft Hardturm. Für die CS sind 1,75 Millionen Fahrten völlig inakzeptabel. Die Bank hatte verlauten lassen, dass 2 Millionen Fahrten der untersten Grenze entsprächen; wie Mitarbeiter der CS berichten, müsste die Limite aber eher bei 2,2 Millionen liegen, wenn die angestrebte Rentabilität erreicht werden soll. «Dass wir uns mit der CS auf 2 Millionen Fahrten einigen, ist ausgeschlossen», sagt Anwohnerin Monika Spring. Die letzten Hoffnungen auf EM-Spiele im Hardturm müssen also begraben werden.


Dies ist nicht die einzige Hiobsbotschaft für all jene, die auf einen Stadionneubau in Zürich warten. Der Projektleiter der CS, Reinhard Giger, der das Bauvorhaben mit grossem Engagement vorantrieb, geht im kommenden Frühling in Frühpension. Giger erklärt auf Anfrage, dass sein Entscheid in keinem Zusammenhang stehe mit der schwierigen Entwicklung des Stadionprojekts. «Ich bin seit zwanzig Jahren bei der CS. Das war eine sehr intensive Zeit. Jetzt will ich etwas für mich alleine machen», sagt Giger. Den Entschluss, die Tätigkeit bei der Bank zu beenden, habe er im vergangenen Juli gefasst. Giger betont, dass er von der Geschäftsleitung der CS stets gestützt worden sei in seiner Haltung zum Stadionprojekt. Auf die Frage, ob die CS den Entscheid des Verwaltungsgerichts ans Bundesgericht weiterziehe, sagt Giger: «Das ist eine Option.» Die Frist für den Rekurs läuft am kommenden 9. September ab. Laut gut unterrichteten Quellen erwägt die CS neben dem im Grundsatz beschlossenen Weiterzug ans Bundesgericht derzeit nur noch eine andere Option, die allerdings weniger wahrscheinlich sei: die Aufgabe des Stadionprojekts.


Will die Stadt Zürich die EM-Spiele nicht an einen anderen Austragungsort verlieren, bleibt ihr nun keine andere Wahl, als den Neubau des Letzigrundstadions voranzutreiben. Das geplante neue Leichtathletikstadion muss angepasst werden; erforderlich sind vor allem zusätzliche Sitzplätze und eine grössere Infrastruktur für die Medienschaffenden.


Auch Letzigrund fraglich


Zu den geplanten Kosten von 110 Millionen Franken kommen dadurch weitere rund 15 Millionen für bauliche Anpassungen. Angesichts des Spardrucks bei der öffentlichen Hand ist nicht auszuschliessen, dass einer solchen Investition für drei EM-Spiele Widerstand erwächst. Über die Realisierung des Projekts werden die Stadtzürcher Stimmberechtigten befinden. Ein einziger Rekurs gegen den Gestaltungsplan des neuen Letzigrundstadions würde auch für dieses Vorhaben das Ende bedeuten. Bei einer geplanten Bauzeit von zwei Jahren und einem Fertigstellungstermin im Frühling 2008 - was der Europäische Fussballverband ausnahmsweise erlaubt - müssen im Letzigrund in eineinhalb Jahren die Bagger auffahren. Im Zürcher Stadtrat ist die Ansicht verbreitet, dass für die EM-Spiele «viel, aber nicht alles unternommen werden soll». Die gesicherte Durchführung des Leichtathletikmeetings sei für Zürich ebenso wichtig.


Über die Durchführbarkeit von EM- Spielen im neuen Letzigrundstadion wird die Stadt Zürich innerhalb der kommenden zehn Tage informieren.



 

Antworten:

Laut Sonntags-Zeitung erwägt die CS auch, das Stadionprojekt zu ändern und eventuell mit Wohnungen zu kombinieren. Wenn das Projekt eines fünfeckigen Stadions auf dem Dach eines Einkaufszentrums endlich durch ein vernünftigeres abgelöst würde, das für die Wohnqualität des Quartiers weniger belastend wäre, dann wäre das Ganze kein Debakel, sondern ein Erfolg.

von Tschum - am 29.08.2004 09:04
Schmunzel :D



von Tuborg_home - am 29.08.2004 09:07
durch ein vernünftigeres abgelöst würde

Das Wort "vernünftig" ist wohl das Wort, under dem kaum jemand das selbe versteht.

Wie dem auch sei, das Projekt war immerhin "vernünftig" genug, eine Volksabstimmung zu gewinnen. Dass Vertreter der unterlegenen Minderheit sich dennoch durchsetzten, beweist nur, dass sich unsere Demokratie schwer tut. Vor 31 Jahren setzte sich in Chile auch die unterlegene Minderheit durch, allerdings mit Hilfe der US amerikanischen Imperialisten. Immerhin brauchten die Verlierer von Zürich keine derartige Hilfe, sie konnten nur die Unfähigkeit der amtlichen Organe ausnützen. Hätte es in Zürich genügend fähige Amtsleute, sie würden das Stadion einfach so bauen lassen wie es das Volk gutgeheissen hatte und würden eventuelle Geländebesetzer polizeilich wegräumen lassen.



von Rotblau - am 29.08.2004 10:30
Lieber Rotblau, ich versuch's nochmals.

Eine Volksabstimmung kann nicht das Recht aufheben, denn wir leben in einem Rechtsstaat, in dem jede Instanz, also auch das Stimmvolk, sich an die bestehenden Gesetze halten muss. In diesem Fall haben die Gerichte, welche jedes Projekt darauf prüfen müssen, ob es die gesetzlichen Vorschriften einhält, Auflagen gemacht, mit welchen die CS nicht einverstanden ist, weshalb sie an das Bundesgericht appelliert. Dieses Recht hat sie, so wie die AnwohnerInnen oder der VCS das Recht haben, die Rechtmässigkeit überprüfen zu lassen.

Wenn du für die Aufhebung des Rechtsstaates plädierst, dann solltest du dir darüber im Klaren sein, was das alles bedeuten würde. Die Geschichte von Chile ist vielleicht kein schlechtes Beispiel dafür.

von Tschum - am 29.08.2004 10:49
Meines Erachtes ist das Stimmvolk das Gesetz.



von Rotblau - am 29.08.2004 11:06

Kommentar zum entsprechenden Artikel

Kommentar zum entsprechenden Artikel aus der Zeitung:

Der Stadt Zürich fehlt es an Grosszügigkeit

Die CS Group will offenbar den Rechtsstreit um den Bau des Hardturmstadions vor das Bundesgericht bringen, weil unter den vorgegebenen Bedingungen der kommerzielle Erfolg nicht gewährleistet sei. Dieser - verständliche - Entscheid stellt das Projekt einer privat finanzierten Fussball-Arena grundsätzlich in Frage und bedeutet zudem, dass in Zürich wohl keine Spiele der EM 2008 stattfinden werden. Denn der VCS wird bestimmt versuchen, auch die mögliche Alternative, eine Totalsanierung des Letzigrundstadions, mit verkehrspolitischer Erbsenzählerei zu Fall zu bringen. Somit hat die lokale Gegnerschaft ein Bauvorhaben (zumindest vorläufig) torpediert, das von einer überwältigenden Mehrheit der Stadtbevölkerung befürwortet wurde. Ein einmaliger Vorgang ist das nicht - es sei nur an die gescheiterte Bahnhof-Überbauung erinnert. Doch zum Spott hat Zürich auch den Schaden: Das vorläufige Aus für das Stadionprojekt ist ein Signal an alle Investoren, grosse und grosszügige Bauvorhaben besser nicht an der Limmat zu planen. Zürich gibt nur sauberen Geschäftshäusern und gepflegten Wohnblocks eine Chance, saniert aber am liebsten wie im Rausch einen Sommer lang Kanalisationen, Tramhäuschen, Verkehrsinseln und Schienen. Diese Form der Umweltbelastung ist offenbar mehrheitsfähig, obwohl sie bloss Geld kostet und nichts einbringt. Das qualitative Wachstum findet anderswo statt: in Genf (Stadion), Bern (Museum), Luzern (Konzerthalle), Basel (Messeturm), London (Finanzplatz). Dafür hat Zürich diese Woche bekannt gegeben, dass man ein einheitliches Erscheinungsbild für Kioske, öffentliche WC und Bootsvermietungen anstrebe. Das hätte Zwingli gefreut

von SMD - am 29.08.2004 12:39

Re: Kommentar zum entsprechenden Artikel

Das ist jetzt wieder NZZ auf dem Tiefpunkt - triefend vor Ideologie und mit Unterstellungen an politische Gegner.

Der VCS hat nie einfach ein Stadion oder die EM-Spiele in Zürich verhindern wollen, sondern muss sich - das ist der Zweck des Vereins, dafür ist er geschaffen worden und dafür bezahle ich zum Beispiel Mitgliederbeiträge - dafür wehren, dass die (schon nicht fortschrittlichen) Gesetze eingehalten werden (denn ein Stadion und im Falle des Hardturms das Kommerzzentrum, auf das es gestellt werden sollte, bleibt auch nach der EM stehen).

Wenn dieser Kommentar die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften als "Erbsenzählerei" lächerlich macht, beweist er damit nur, dass die NZZ genau so lange auf Einhaltung der Gesetze besteht, als es den Kreisen, die sie finanzieren, nützt, und ihre Ideale sofort verrät, wenn es diesen Interessen nicht mehr nützt.

von Tschum - am 29.08.2004 13:21
Zum Glück nicht... Aber ich denke, die Diskussion gerät nun auch in die Nähe der Diskussion über Einbürgerungen durch das Volk (SVP-Initiative).

In der Schweiz hat das Volk bereits zu viel Macht (ich sage dies, weil ich das Volk leider für etwas zu "dumm" oder zumindest für zu leicht manipulierbar halte), weshalb eine richterliche Kontrolle durchaus Sinn macht. Über Sinn und Unsinn von Verbandsbeschwerderechten lässt sich m.E. streiten...

von Lemieux - am 29.08.2004 16:31
Der CS ging es von Anfang an um das Einkaufszentrum. Das Stadion war nur das trojanische Pferd dazu. Vielleicht geht einigen jetzt die Augen auf.



von Mahatma - am 29.08.2004 17:58
ich sehe es auch so, ohne Kommerzcenter kein Fussball.
was für eine Aroganz, was für ein unwürdiges Verhalten seitens CS.

Alledings werte ich dies nochmals eine Drohgebärde!



von Don Daniel - am 29.08.2004 18:17

@ Rotblau

... und nur um's noch zu komplettieren:

Das Volk hat über einen Gestaltungsplan abgestimmt und das ist definitiv kein Bauprojekt.
Als aktives VCS-Mitglied und Arbeitstätiger in der Baubranche sag ich nur: "Zum Glück hat nicht das Volk das letzte Wort" Die Bau- und Umweltschutzgesetze dieses Landes füllen ganze Bibliotheken (was wohl auch gut ist). Wie soll da der Normalbürger entscheiden können? Ich bin überzeugt, dass ich dir in einem genehmigungsfähigen Gestaltungsplan glatt ein 7-eckiges Hochhaus mit einer Höhe von 250m als Chalet unterjubeln könnte (und zwar ohne deinen Intellekt in Frage zu stellen).
Vielleicht wärs gut, wenn man auch da mal ein bisschen den Fachexperten (und die hat auch der VCS) vertrauen würde (siehe Beispiel Erlenmatt - da bringen Leute, die eine 4-6-jährige Ausbildung hinter sich haben ein gutes Projekt zustande und dann kommt eine Krankenschwester und wünscht sich einen Schi(e)ssplatz!). Ich geh auch nicht zum Chirurgen und sag ihm, was er zu tun hat.



von It`s in the game - am 30.08.2004 08:44
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