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Don Daniel, Betty Bossi

Cosi fan tutti

Startbeitrag von Betty Bossi am 29.11.2004 13:34


BerlinOnline Berliner Zeitung
Montag, 29. November 2004

Cosi fan tutti

Trotz des systematischen Blutdopings darf Juventus Turin wohl alle Trophäen behalten
Oliver Meiler

ROM, 28. November. Mit denkwürdiger Gelassenheit haben Italiens Medien und die Sportwelt auf ein Erdbeben im Calcio reagiert. Nach dreijährigem Verfahren hat der Turiner Strafgerichtshofs am Freitag in erster Instanz Riccardo Agricola zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Agricola ist der oberste Sportarzt des erfolgreichsten italienischen Fußballvereins, Juventus Turin. Frei gesprochen wurde hingegen Juves Geschäftsführer Antonio Giraudo, der ebenfalls angeklagt war. Richter Giuseppe Casalbore erachtet es also als erwiesen, dass bei Juve in den Jahren zwischen 1994 und 1998 systematisch gedopt wurde. Und zwar auch mit dem synthetischen Bluthormon Erythropoietin, kurz: Epo. Nicht erwiesen scheint ihm aber, dass Giraudo, einer der mächtigsten Männer im Calcio, davon gewusst
hatte.

Das kompliziert die Interpretation des Urteils und die Einschätzung der Folgen. Der Ankläger, Staatsanwalt Raffaele Guariniello, hatte die Meinung vertreten, dass Juves Kassenwart Giraudo der stetig gewachsenen Ausgaben für Medikamente gewahr sein musste. Nun aber steht Giraudo selber und mit ihm die gesamte Vereinsführung mit scheinbar sauberer Weste da. Die Frage ist nur, wie gross die Freude über den Freispruch sein kann, wenn das Gericht doch gleichzeitig zum Schluss gelangte, dass Juventus im betreffenden Zeitraum sportlichen Betrug begangen hat. Juve gewann zwischen 1994 und 1998 unter dem heutigen Nationalcoach Marcello Lippi drei Meisterschaftstitel und einmal die Champions League. War Agricola tatsächlich der Einzige, der vom systematischen Gebrauch von Dopingmitteln wusste?

Versuchskaninchen

Die Reaktionen liessen nicht auf sich warten und widerspiegeln die Doppelköpfigkeit des Urteils. Riccardo Agricola etwa glaubt, er sei wie ein "menschliches Versuchskaninchen" behandelt worden. Er hätte auch sagen können: wie ein Sündenbock. Luigi Chiappero, einer der Strafverteidiger, unterliess es zwar, zu triumphieren, doch unglücklich scheint er nicht: "Wir haben auswärts unentschieden gespielt." Will heissen: Die Justiz war uns nicht wohl gesinnt, verloren haben wir dennoch nicht. Aus der Politik wurden Voten laut, wonach das "System Calcio" verurteilt worden sei. Und der Ankläger Guariniello, selbst Juventino, gab sich "zufrieden" mit dem Ausgang des Prozesses. Seine Grundthese wurde bestätigt.

Die Initialzündung für das Jahrhundertverfahren, wie es die italienische Presse nennt, gab 1998 der damalige Trainer von AS Rom, der Tscheche Zdenek Zeman. Am 25. Juli, mitten in der Sommerpause, sagte Zeman: "Der Calcio ist wie eine grosse Apotheke, in unserem Ambiente zirkulieren viel zu viele Pharmaka." Zwei Wochen später gab Zeman dann dem Nachrichtenmagazin Espresso ein Interview, in dem er seinen Gedanken ausführte: "Viele Vereine der Serie A halten in ihrem Mitarbeiterstab Apotheker. Wir sollten verhindern, dass die Meisterschaft wird wie die Tour de France." Und weil das den Interviewern noch nicht reichte, wurde Zdenek Zeman etwas präziser: "Schauen Sie sich die Muskulatur von Vialli und Del Piero an! Ich dachte immer, dass man nur durch jahrelanges Krafttraining solche Resultate erzielt."

Guariniello schickte Ermittler ins Trainingszentrum v Juve, und die fanden dort Unmengen Medikamente mit 281 unterschiedlichen Wirkungsstoffen, darunter auch Anti-Depressiva. 2001 begann der Prozess. Beide Seiten stellten Experten an, die zu jeweils unterschiedlichen Resultaten gelangten. Das Gericht hörte sich eine ganze Reihe Spieler an, frühere und noch aktive. Angeklagt waren aber nur Giraudo und Agricola. Die meisten Spieler gaben sich ahnungslos oder schwiegen. Zinedine Zidane hingegen, mittlerweile bei Real Madrid, sagte, er sei froh, nicht mehr in Turin zu sein, wo er ständig Kreatin habe nehmen müssen. Als dann aber Richter Casalbore einen unabhängigen Experten anstellte, den Blutspezialisten Giuseppe D'Onofrio, kam Epo ins Spiel: D'Onofrio gelangte zum Schluss, dass zwei Spielern (Conte und Tacchinardi) "sicher" und "chronisch" Epo verabreicht worden sei, bei weiteren sieben Profis sei es "höchst wahrscheinlich". Juves Anwälte, die davor die Vorwürfe abgestritten hatten, versuchten plötzlich eine andere Schiene: "Cosi fan tutti", sagten sie, "das machen alle."

Heilige Kuh

Zeman, der Geschmähte, hatte also Recht. In Italien ist nun die Debatte darüber entbrannt, ob man Juve die gewonnenen Titel aberkennen soll. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass die italienischen Sportbehörden, der Fussballverband und das Olympiakomitee Coni, die Spieler zur Rechenschaft ziehen werden. Nur Guariniello lässt nicht locker und will die Spieler wegen falscher Zeugenaussagen vor Gericht zerren. Doch das kann dauern.

Nach der Milde zu urteilen, mit der Agricolas Schuldspruch aufgenommen wurde, dürfte die größte Dopingaffäre im italienischen Fußball bald einmal archiviert werden. Juve ist schließlich nicht irgendein Klub, es ist der Klub mit den meisten Fans, mit den meisten Trophäen, mit dem meisten Geld - und darum eine heilige Kuh, trotz allem.

[www.BerlinOnline.de]
www.BerlinOnline.de © 2004 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 29.11.2004

Antworten:

IMHO wäre es nichts als logisch, wenn Juve die Titel abgeben müsste.



von Don Daniel - am 29.11.2004 15:23
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