Vom Präsidenten zum Patron

Startbeitrag von Betty Bossi am 03.05.2005 23:01

DIE WELT.de


Vom Präsidenten zum Patron

Beim AC Mailand bestimmt Italiens Premier Berlusconi immer noch die Spielregeln

von Carina Zaune

Mailand - Leise Töne waren noch nie die Sache von Silvio Berlusconi, weder als italienischer Premierminister noch als Patron des Fußballklubs AC Mailand. Doch in den vergangenen Monaten läßt er lieber Adriano Galliani reden. "Die Meisterschaft ist schön und gut, aber der Champions-League-Titel ist uns dreimal wichtiger", tönt der Vizepräsident vor dem Halbfinalrückspiel heute gegen Eindhoven. Ein Ausrutscher beim PSV wäre nach dem 2:0 im Hinspiel unverzeihlich. Schließlich sei man der AC Mailand, sagt Galliani.

was das heißt, hatte sein Chef bereits beim Amtsantritt vor 19 Jahren deutlich gemacht. Mit Helikopter landete Berlusconi damals auf dem Trainingsgelände in Milanello, überreichte jedem Profi ein Präsent von Cartier und hielt eine flammende Rede: "Unsere Mission heißt Gewinnen. In meinem Beruf bin ich es gewohnt, immer der Erste zu sein. Zu siegen, das ist der kategorische Imperativ von "Milan'."

Sein Präsidentenamt mußte Berlusconi im Dezember 2004 aufgeben. Per Gesetz wurde der Interessenkonflikt mit seinem politischen Amt geregelt. Berlusconi nahm es zähneknirschend hin, um sich zum Abschied noch mal selbst zu huldigen: "In meiner Zeit bei "Milan' habe ich internationale Erfolge erzielt wie kein anderer Präsident in der Geschichte des Weltfußballs." Und tatsächlich ist die Anzahl der Titel unter seiner Ägide einzigartig: 23 Pokale gewann der AC in den vergangenen 18 Jahren, darunter sieben Meisterschaften, vier Europacups der Landesmeister und zwei Weltpokale.

Doch ohne das "Ja" von Berlusconi läuft bei "Milan" auch vier Monate nach seinem Rücktritt nichts. Mittels seiner Fininvest-Gruppe bleibt er Besitzer des Vereins, das Präsidentenamt soll frühestens in der kommenden Saison wieder besetzt werden. Am liebsten, so will es Berlusconi, mit seinem Sohn Piersilvio.

So lange führt Vize Galliani die Geschäfte, der artig die soufflierten Sätze wiedergibt. Seit 1979 kennen sich die beiden. Zu jener Zeit gehörte Berlusconi der lokale Fernsehsender Telemilano 58. Mit Galliani verband ihn der Traum, dem staatlichen Fernsehen RAI Konkurrenz zu machen. Drei Kanäle gründete das Duo seitdem.

""Milan' wird immer Berlusconi bleiben", sagt Kapitän Paolo Maldini. "Er hat den Klub aus dem Keller geholt und aus ihm eine Familie gemacht." Anfang der achtziger Jahre befand sich der AC nach zwei Abstiegen im freien Fall. Die angeknackste Reputation wandelte sich erst mit Berlusconis Millionen. Absolute Loyalität und Zusammenhalt erwartet er von seinen Angestellten, die er dafür mit langfristigen Verträgen ausstattet.

In der Öffentlichkeit tritt "il Patrone" selbstbewußt und selbstherrlich auf. Vor dem Champions-League-Finale 2003 gegen Juventus Turin erklärte er: "Natürlich gewinnen wir. Wir sind zum Sieg prädestiniert wie ich in meinem ganzen Leben." Vater aller Erfolge nennt sich Berlusconi. Und wehe, jemand verkennt das. Als die Medien Ende der achtziger Jahre Trainer Arrigo Sacchi als Urheber des neuen Spielsystems feierten, trat Berlusconi beleidigt vor die Kamera: "Das ist mein "Milan'. Und wenn ich will, schicke ich Sacchi als Regisseur in meine Fernsehprogramme."

Auch Carlo Ancelotti bekam die Launen seines Chefs bereits zu spüren. Vor einem Jahr rief Berlusconi bei einer Fußballshow der RAI an und erklärte, "Milan' müsse immer mit zwei Stürmern spielen. Ancelotti habe sich daran zu halten - oder er solle sich einen neuen Job suchen. "Er kann seine Meinung gern äußern. Aber auf dem Platz habe ich das Sagen", konterte der sture Trainer. Seither gab es keine taktischen Vorgaben mehr aus der Chefetage. Denn der AC ist Tabellenerster Italien, ist das ist es, was im Hause "Milan" zählt.

Artikel erschienen am Mi, 4. Mai 2005
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