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Platz da für die Fifa!

Startbeitrag von Betty Bossi am 03.11.2005 13:46

DIE ZEIT, 45/2005

Platz da für die Fifa!

Die WM-Städte versuchen, rund um die Stadien exklusive Werbeflächen für die Sponsoren des Fußballverbands zu schaffen. Mit absurden Folgen

Von Marcus Pfeil

Es war mal wieder an der Zeit für Joseph Blatter, die Auswüchse des modernen Profifußballs anzuprangern. Vor kurzem unterstellte der Chef des Weltfußballverbandes (Fifa) den reichen Klubs dieser Welt Methoden eines »Wildwest-Kapitalismus« und brandmarkte teure Spielertransfers als »moderne Form der Sklaverei«. Viele kleine Vereine kämpften laut Blatter im Profifußball noch mit Lanzen, während einige Glückliche dank ihrer finanziellen Möglichkeiten über großes Geschütz verfügten.Wegen der Fifa-Regeln muss die AOL-Arena umbenannt werdenFoto: Frank Dietz für DIE ZEIT BILD

Nun sollte, wer im Glaskasten am Züricher Sonnenberg sitzt, nicht mit derlei Begriffen um sich schmeißen. Im nächsten Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland statt, und das Turnier ist Joseph Blatters einziges Produkt, von dessen Vermarktung sein Verband vier Jahre lang lebt. Weil das so ist, verteidigt Blatter sein Produkt mit Methoden, die, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, einer Riesenkanone ähnelten.

Die Fifa setzt alles daran, um in und um die Stadien jegliche Werbung zu kontrollieren, alles Unerwünschte zu verbannen und ganz Deutschland – soweit möglich – in ein Fifa-Land zu verwandeln: zumindest für ein paar Wochen. Wer darf Bilder von der WM auf einer Großleinwand zeigen? Wer darf das WM-Logo auf T-Shirts, Überraschungseiern, Hanuta-Waffeln oder anderen Produkten nutzen (siehe nebenstehenden Text)? Die Fifa will nicht nur kontrollieren. Sie muss. Denn sie kassiert von ihren Sponsoren insgesamt 752,4 Millionen Euro für das Recht, exklusiv mit der WM werben zu dürfen. Als »offizielle Partner« sind 15 Konzerne dabei, darunter adidas, Coca-Cola, der Bierkonzern Anheuser Busch (Bud), Fujifilm, Mastercard, McDonald’s, Toshiba, die Deutsche Telekom, der Reifenkonzern Continental oder der koreanische Autobauer Hyundai; als »nationale Förderer« treten der Versicherungskonzern Hamburg-Mannheimer, die Postbank, die Sportwette Oddset, die Baumarktkette Obi, der Energiekonzern EnBW und die Deutsche Bahn auf.

Damit die Sponsoren ihre Produkte ungestört vermarkten können, haben sich die zwölf WM-Städte strengen Auflagen unterwerfen müssen. Das war eine der Fifa-Forderungen aus der Zeit, als die deutsche WM-Delegation noch um das Turnier pokerte. Damals haben sich die meisten Städte verpflichtet, im Umfeld der Stadien einen »lizenzierten Bereich« zu schaffen, die so genannte Bannmeile, in der ausschließlich die exklusiven Geldgebern der Fifa Reklame machen dürfen.

Jetzt stehen die Bürgermeister vor dem Dilemma, einerseits ihre Pflichten gegenüber der Fifa zu erfüllen, andererseits aber die lokalen Unternehmer nicht zu arg vor den Kopf zu stoßen. Egal, ob Kioskbesitzer oder Plakatwandbetreiber – auch innerhalb der Bannmeile dürfen die Städte an sich nicht einfach Verträge zulasten Dritter abschließen. »Nur wegen der Fifa dürfen sie nicht ihr übliches Ermessen gegenüber den Bürgern einschränken«, sagt Konstantin Wegner von der Kanzlei Schwarz Kelwing Wicke Westpfahl in München. Doch viele Bürgermeister haben es getan – und haben jetzt mit den Folgen zu kämpfen.

Welch absurde Auswüchse das Fifa-Regiment bisweilen annimmt, bekam Peter Schwenkow zu spüren. Im Januar dieses Jahres erhielt der Chef der Deutschen Entertainment AG einen Brief. Absender: die Stadt Berlin, Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport. Die Stadt bittet den Pächter der Freiluftarena Waldbühne darum, an den Tagen, an denen während der WM 2006 im Berliner Olympiastadion gespielt werde, möge er seine Bühne doch bitte schließen. Gleiches bitte auch an den Tagen vor den Spielen. Peter Schwenkow hat dem Anliegen der Stadt bis heute nicht entsprochen.

Anruf bei Jürgen Kießling, dem Beauftragten des Berliner Senats für die Fußballweltmeisterschaft. Es gebe keinerlei vertragliche Zusagen an das Organisationskomitee (OK) oder die Fifa hinsichtlich der Waldbühne. »Die Waldbühne liegt nicht innerhalb des von der Fifa lizenzierten Geländes, der Bannmeile, welches die Stadt ab Mai 2006 an das Organisationskomitee der WM übergeben wird.« Also kein Problem für Schwenkow?

Mitnichten. Schwenkows Waldbühne liegt zwar nicht in der Bannmeile, aber innerhalb des »kontrollierten Geländes«, einer Einrichtung, die sich Fifa und OK bei den Städten ausbedungen haben, um zu verhindern, dass rund um die Spieltage im Umfeld der Stadien Konkurrenzveranstaltungen stattfinden. »Für diesen Bereich gelten für den Spieltag und den Tag davor besondere Regelungen«, sagt Gregor Lentze, Geschäftsführer der Fifa Marketing & TV Deutschland. »Jedes einzelne WM-Spiel ist eine Großveranstaltung«, sagt Wolfgang Niersbach, stellvertretender Chef des OK, »und das Gesamtareal darf nicht durch eine weitere Veranstaltung mit Tausenden von Zuschauern belastet werden.«

Ginge es nach dem OK und der Stadt, könnte es also eng werden für zusätzliche Veranstaltungen in der Waldbühne. Nun ist Schwenkow Unternehmer und hat sich inzwischen bei dem Inhaber der WM-Fernsehrechte, der Schweizer Firma Infront, eine Lizenz für so genannte Public-Viewing-Veranstaltungen in der Waldbühne gesichert. Damit dürfte er in Hörweite vom Stadion auf einer Großbildleinwand die Spiele zeigen. Deshalb geht Schwenkow davon aus, dass er »als Beauftragter der Fifa« ohnehin die Zustimmung der WM-Veranstalter erhalten wird.

Was Fifa und OK nicht zugeben, ist, dass sie sich in ihrem ehrgeizigen Bemühen, möglichst viel Geld mit der WM zu verdienen, manchmal verstolpern. Und dass sie sich zudem auf rechtlich unsicherem Grund bewegen.

Natürlich wurde die »Bannmeile« und das »kontrollierte Gelände« vor allem geschaffen, um den offiziellen Sponsoren eine konkurrenzfreie Fläche zu liefern. Wer wie die Fifa mehr als 700 Millionen Euro einnimmt, muss Gegenwerte bieten. Gleichzeitig vergibt die Fifa aber die erwähnten Public-Viewing-Lizenzen. Diese wiederum erlauben, dass Konkurrenten der offiziellen WM-Sponsoren auf der Leinwand werben, was im Fall Schwenkow dazu führt, dass eine Fifa-Lizenz der anderen widerspricht. Daran zeigt sich für Rechtsanwalt Wegner: »Die Markenschutzwut der Fifa ist mehr als übertrieben und meist auch noch ohne rechtliche Grundlage.«

Es ist denn auch nicht die juristische Keule, mit der die Fifa meistens zuschlägt. Von den weltweit fast 1000 Rechtsverletzungen, die der Weltverband schon heute in Verbindung mit der WM registriert hat, landeten nur 150 Fälle vor Gericht. »Die meisten Fälle konnten einvernehmlich beigelegt werden«, sagt Lentze.

Einvernehmlich beilegen – de facto schüchtert die Fifa ein, und sie macht dabei selbst vor großen Namen nicht Halt. So mussten die Organisatoren des Fußballturniers Confederation Cup im Sommer in einer Eishalle unweit des Nürnberger Frankenstadions die Geldautomaten der HypoVereinsbank mit einem neutralen Klebeband abdecken – zum Schutz des nationalen Förderers Postbank. Auf dem Dach der gegenüberliegenden Mehrzweckhalle prangte vor dem Turnier noch der Schriftzug der Nürnberger Versicherung – während des Turniers mussten ihn die Veranstalter zum Schutz der Hamburg-Mannheimer – ebenfalls nationaler Förderer – verhängen. Das Fifa-Regiment hat auch Sportartikelhersteller Nike erleben dürfen. »Das Bauschild der neuen Deutschland-Zentrale, die im April 2006 eingeweiht werden soll, musste Nike während des Confed Cup abnehmen«, sagt Nike-Sprecher Olaf Markhoff.

»Rechtlich ist das immer dann bedenklich, wenn es dabei um private Grundstücke und Gebäude geht«, sagt Rechtsanwalt Alexander Liegl von der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz. Wie will man verbieten, dass BMW auf seinem Gebäude, das sich direkt neben der Münchner Allianz-Arena befindet, mit seinem Namen wirbt?

Die Drohkulisse der Fifa wird am Beispiel der Hamburger AOL Arena besonders deutlich. Die Fifa drohte, die fünf WM-Spiele in eine andere Stadt zu verlegen, wenn der Internet-Anbieter AOL weiter mit dem Slogan »AOL Arena – Austragungsort der WM 2006« am Stadion werben würde. »In einem Schreiben an das deutsche Organisationskomitee forderte die Fifa den Hamburger Sportverein (HSV) auf, die bestehenden Verträge mit AOL zu ändern«, sagt AOL-Sprecher Jens Nordlohne. Auch in diesem Fall beruft sich die Fifa auf Verträge, die das deutsche Organisationskomitee mit dem HSV als Stadionbetreiber abgeschlossen hat, wonach ein kommerzieller Namensgeber – AOL – in Verbindung mit der WM keine Werberechte besitze. Damit das Stadion von 2006 an komplett werbefrei ist, entschädigt nun der HSV den Internet-Anbieter mit rund 500000 Euro.

Das Problem ist, dass sich die WM-Städte schon im Rahmen des Bewerbungsverfahrens um die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2006 den bizarren Forderungen der Fifa ergeben haben. Die Einleitung im Pflichtenheft der Fifa scheinen die meisten wörtlich genommen zu haben. Da ist die Rede davon, »ein starkes Wir-Gefühl zwischen OK, den WM-Städten und der Fifa aufzubauen«. Gute Partner und Freunde wolle man werden und sich gemeinsam auf die WM freuen.

Vor allem zwei Städte kommen ihren ortsansässigen Unternehmen deutlich entgegen – und verhandeln die Bedingungen für Werbeverbote neu. So gibt es in Stuttgart keine Diskussion mehr darüber, ob die neue Mercedes-Welt, die im Mai 2006 gleich gegenüber dem Gottlieb-Daimler-Stadion eröffnet, auch als solche zu erkennen bleibt. Auch »in München schließen wir keine Verträge zulasten Dritter ab«, sagt Henriette Wägerle, Chefin im WM-Büro der Stadt München, »auch wenn es die Fifa versucht hat.« So werden auf dem Weg vom Stadion zum Bayrischen Hof – die Fifa-Delegation übernachtet hier mit 300 Mann zu Sonderkonditionen – die Werbeflächen nicht abgehängt.

Es sind Ausnahmen im Fifa-Land Deutschland.

(c) DIE ZEIT 03.11.2005 Nr.45

Antworten:

Schon verrückt. Besonders dass mit den Privatgrundstücken und den Konkurrenzveranstaltungen. Trifft das nicht Grundrechte (Gewerbefreiheit, Versammlungsfreiheit)?

von Captain Sky - am 03.11.2005 14:45
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