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Betty Bossi

Der vergessene Revolutionär

Startbeitrag von Betty Bossi am 15.12.2005 12:13

15. Dezember 2005, Neue Zürcher Zeitung

Der vergessene Revolutionär

Vor zehn Jahren veränderte das «Bosman-Urteil» den Fussball

Er hat vor zehn Jahren die Welt des Fussballs verändert, aber kaum seine eigene. Jean-Marc Bosman hat alle Illusionen verloren, zuletzt seine dritte Frau, die auch das Kind mitnahm. Er ist arbeitslos und verbringt seine Tage rauchend vor dem Fernseher. Das kleine Haus in Villers- L'Evêque gehört ihm noch, das Auto zahlt er in Raten. Vor zehn Jahren, am 15. Dezember 1995, sprach der Europäische Gerichtshof in Luxemburg das historische Urteil, das die faktische Leibeigenschaft im Fussball abschaffte und den Berufsspielern wie allen andern Arbeitnehmern die Freizügigkeit innerhalb der EU gewährte.
Eine Generation reich gemacht

Über Fifa, Uefa und vor allem über die Klubs kam das «Bosman-Urteil» wie die Pest, nachdem die Funktionärskaste die «Affäre Bosman» lange blind und hochmütig verdrängt hatte. Eine Flut hungriger Importspieler aus Südamerika und Afrika überschwemmt Europas Fussball bis heute. Das Transfergeschäft brach zusammen, erholte sich zwar kurzzeitig, als die Preise für Fernsehrechte mit dem Markteintritt der Pay-TV-Anbieter ins Astronomische stiegen, pendelte sich aber auf tiefem Niveau ein - abgesehen von der Milliardärsliga der egomanischen Spender vom Typ Abramowitsch, Berlusconi, Moratti.

Bosman, der Habenichts, hat eine Generation von Berufskollegen reich gemacht und mit ihnen Spielerhändler, Agenten, Impresarios, die nach dem Wegfall der Transfergelder neuen Spielraum für Profit und Provisionen eroberten und die Klubpräsidenten mit ihren Forderungen im Extremfall bis zum Bankrott erpressten. Jean- Marc Bosman war ein unbekannter Mittelfeldspieler des Royal Club de Liège, der ihm im Jahre 1990 einen Knebelvertrag mit nur noch 30 000 statt 120 000 Euro Bezügen vorlegte. Er war damals 26 Jahre alt und hatte ein Angebot von Dünkirchen aus der zweiten französischen Division. Lüttich verlangte eine Transferentschädigung von 300 000 Euro, die Franzosen lehnten ab. Bosmans Anwalt Jean-Louis Dupont verlangte von Lüttich die Freigabe und rief ein belgisches Zivilgericht an, das auf die Klage nicht eintrat. Die europäischen Richter in Luxemburg haben Bosman fünf Jahre später befreit, er aber hat nie mehr gespielt, ausser während eines kurzen Abenteuers auf der Tropeninsel La Réunion. «Das System hat mich ausgespuckt», glaubt er.

Er wurde, über Nacht, ein Held der Medien, als moderner Robin Hood gegen die Fussballsklaverei trat er in allen Talkshows auf, seine Interview- Agenda platzte vor Anfragen. Maradona, Vialli, Cantona hofierten ihn und beriefen ihn zum Vizepräsidenten einer virtuellen Spielergewerkschaft, die spurlos wieder verschwand. Bosman, der gefeierte Sieger, war kurzzeitig selber durch Abfindung und Almosen sogar auf eine Art wohlhabend geworden, nach Abzug aller Anwaltskosten blieben ihm 400 000 Euro. Doch da waren die Alimente, die Steuern, der Lebensunterhalt. Zum Benefizspiel in Lille, das ihm die Weltstars versprochen hatten, erschienen knapp 22 in letzter Minute zusammengetrommelte Aushilfskicker. Ein Fiasko, auch finanziell. Die Dankbarkeit hat kurze Beine. Nur die Niederländer erinnerten sich an ihn, bei einem Zusammenzug der Nationalmannschaft steckte ihm jeder ein Kuvert mit einem Betrag von 2500 Euro zu.
Neuer Sprengstoff für den Gerichtssaal

Der vergessene Revolutionär hat mit dem Fussball abgeschlossen, auch zu seinem Anwalt unterhält er keinen Kontakt mehr. Maître Dupont vertritt jetzt die Interessen der wahren Stars, etwa des Franzosen Cissé, er berät sogar die Uefa. Aber er trägt in seiner Aktentasche wieder Sprengstoff in den Gerichtssaal: den brisanten Fall des Marokkaners Abdelmaijid Oulmers. Der Spieler des belgischen Klubs Charleroi hatte sich im Länderspiel Marokko - Burkina Faso die Bänder im Fussgelenk gerissen und musste acht Monate pausieren. Dupont hat die Fifa als Oberhoheit des Länderspiel-Verkehrs auf Schadenersatz verklagt.

Peter Hartmann




Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: [www.nzz.ch]



Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG

Antworten:

Re: mehr zum Bosmann-Urteil

[www.welt.de]

von Betty Bossi - am 15.12.2005 12:18
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