Die flatternden Enten

Startbeitrag von Betty Bossi am 01.02.2006 08:29

BerlinOnline Berliner Zeitung
Mittwoch, 01. Februar 2006

Die flatternden Enten

Torhüter Dida wird für Brasilien zur größten Hypothek bei der Weltmeisterschaft
Oliver Meiler

ROM. Er ist ein stiller Mann, Nelson de Jesús Silva, genannt Dida, ein Melancholiker fast. Früher verließ er den Rasen mit einem sanften Lächeln, wenn's gut gelaufen war, oder mit steinernem Blick, wenn das Spiel verloren gegangen war. Nun ist er öfter steinern. Vor allem aber ist Dida ein zurückhaltender Zeitgenosse und eine ausnehmend höfliche Erscheinung im überdrehten Ambiente des italienischen Fußballs: 1,95 Meter groß, 32 Jahre alt, Brasilianer, Torhüter der Seleçao und vom AC Mailand. Man hat ihn den besten Torwart der Welt genannt.

Das ist eine Weile her. Nun schreibt ihn die italienische Presse in Grund und Boden, analysiert seine Bewegungen, seine Flüge, sein Stellungsspiel, vor allem aber seine Patzer. Sie titelt: "Der Ex-Superman" (Corriere della Sera), "Tollpatschig, unsicher, chaotisch" (La Repubblica) und "Dida wankt" (Gazzetta dello Sport). Man zweifelt an Dida. Etwas Schlimmeres gibt es wohl nicht für einen Torhüter. Zumal für den Torhüter Brasiliens, den Favoriten auf den Weltmeisterschaftstitel.

Am Wochenende ging es im Mailänder Meazza-Stadion gegen Sampdoria Genua. Milan führte, da zog der Genuese Andrea Gasbarroni aus 25 Metern ab, nicht besonders scharf, nicht präzise. Der Ball war lange in der Luft, Dida sah, wie er auf ihn zuflog, aber er hielt die Hände unten, die Arme an den Körper gepresst, das Gesicht zur Grimasse verzogen, als ahnte er, was kommen würde. Der Ball prallte ihm an den rechten Oberarm und von dort ins Tor.

Das Istanbuler Syndrom

Das Fernsehen war unerbittlich, es zeigte die Sequenz als Endlosschleife. Auch die Zeitungen hielten die Papera fest, die Ente - so nennen sie in Italien die Patzer der Torhüter. Dida war untröstlich. Einmal mehr hielt er sich kurz beim Pressetermin, nur etwas wollte er loswerden: Seine Familie sei Privatsphäre, und die gelte es zu respektieren. Ein Mailänder Lokalsender hatte private Gründe und Herzensangelegenheiten ausgemacht für seine Formkrise.

Die Spielkameraden halten zu ihm. Jeder sei fehlbar, sagen sie. Selbst Gasbarroni meinte hernach, der Ball sei merkwürdig geflogen, irgendwie unhaltbar - ein Flatterball. Alle haben Mitleid mit ihm. Nur, es war dies nicht Didas erster Patzer. Die Sportpresse rechnet nach, erinnert an Mailänder Derbys mit Fehlleistungen und an eine Istanbuler Nacht im letzten Jahr, als Milan und Liverpool sich im Finale der Champions League stritten. Dida ließ in der zweiten Hälfte alles durch. Mindestens Smicers Schuss aus zwanzig Metern hätte er halten können. Halten müssen. Liverpool gewann im Elfmeterschießen, nachdem es 0:3 zurückgelegen hatte. Ein spektakuläres Spiel. Für Dida aber war es nur eine dunkle, dunkle Nacht.

In Mailand ist seither vom Istanbuler Syndrom die Rede. Eine Art Knacks im Team von Milan. Beim Torhüter wirkt es sich eben augenfälliger aus. Das liegt in der Natur der Sache. Man erwartet Glanzparaden, in Erinnerung bleiben vor allem die Patzer, die Enten eben. Es heißt dann jeweils: "Der Torhüter sah unglücklich aus." Dida sieht oft unglücklich aus, auch wenn er passabel hält. Und das mag an seiner Herkunft liegen: Ein Brasilianer im Tor? Das passt zumindest nicht ins Klischee: Ein Brasilianer stürmt, zaubert, macht Kapriolen. Wie Ronaldinho, wie Robinho, wie früher Pelé.

Auch Dida begann als Feldspieler. Als er aber zum Hünen heranwuchs, orientierte er sich um, dahin, wo solides Handwerk wichtig ist. 1999, als Dida 26 Jahre alt war, holte ihn Milan aus Belo Horizonte - für sechs Milliarden Lire, rund drei Millionen Euro. Vereinschef Adriano Galliani sagte zum Transfer: "Gemessen an seiner Körperlänge ist Dida ein Schnäppchen."

Kaum in Mailand, wurde er in die Schweiz abgeschoben, für ein Jahr als Leihgabe zum FC Lugano. Dann schien er reif für Milan, in der Champions League ging es gegen Leeds - und Dida patzte. Man buchte ihm einen Flug nach Brasilien. Das Abenteuer schien vorbei.

Vor vier Jahren kam er zurück, durch einen Unfall: Christian Abbiati, der erste Mann Milans, hatte sich verletzt. Dida sprang ein und hob ab. Unvergesslich bleiben die drei parierten Elfmeter im Finale der Champions League gegen Juventus Turin 2003 in Manchester: Trezeguet, Zalayeta, Montero - alle scheiterten an Superman. In der Seleçao verdrängte er Marcos, der noch 2002 im Tor gestanden hatte. Er schien plötzlich unangefochten, der Beste seines Fachs, weltweit. Sein Nationaltrainer hält große Stücke auf ihn. Trainer Ancelotti bei Milan lobt ihn noch immer, wenngleich zuletzt mit weniger Überschwang. In Brasilien, so hört man, wird der Ruf laut, der Coach solle gefälligst Marcos wieder aktivieren, mit dem sei man schließlich Weltmeister geworden.

Manche Torhüter stachelt die Rivalität an, andere zweifeln an ihren Fähigkeiten. Das ist das Schlimmste. Dida ist still, sein Blick steinern. Es flattern die Bälle. Und vielleicht sogar die Nerven.

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