Wachsende Gefahr für die Spielkultur

Startbeitrag von Betty Bossi am 04.03.2006 08:16

DIE WELT.de


Wachsende Gefahr für die Spielkultur

Enge der neuen Fußballarenen zerstört Rasen - Uli Hoeneß: "Für die angreifende Mannschaft ein Problem" - Experte schlägt Stadionumbau vor

von Jens Anker

Berlin - Selten sind sich die Übungsleiter in der Bundesliga so einig. "Eine Katastrophe" sei das, so Bayern Münchens Felix Magath. "Auf dem Acker wird definitiv nichts mehr stattfinden", grantelt Hannover-96-Coach Peter Neururer. Wo man auch hinsieht, derzeit präsentiert sich die Spielgrundlage in den meisten Bundesligastadien in beklagenswertem Zustand.

Hielten die Spielflächen früher mehrere Jahre, so sind die Vereine inzwischen immer öfter darauf angewiesen, den Rasen auszutauschen. Hertha BSC erhielt für das wichtige Spiel gegen den 1. FC Köln in dieser Woche einen neuen Untergrund, in München soll es vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 am 19. März soweit sein. Mit der dritten Rasen-Neuverlegung kurz vor der WM wird die Allianz Arena in dieser Saison insgesamt viermal mit neuen Rasenflächen ausgerüstet worden sein.

"Wir haben zwei Rasenanschaffungen im Etat eingeplant", sagt Peter Kerspe, Geschäftsführer der Allianz Arena. Der erste Rasen wurde Anfang November verlegt, die zweite Runderneuerung sollte zum Start der Rückrunde erfolgen. Doch der Schneefall und die Kälte haben das verhindert - zu Lasten der Spielkultur. Auf dem holprigen Münchener Geläuf ist flottes Kombinationsspiel schwer möglich. "Der Rasen ist für die angreifende Mannschaft ein Problem", sagt Manager Uli Hoeneß, dessen FC Bayern heute gegen den HSV erneut darauf antreten muß.

Schuld am miserablen Zustand ist die Architektur der neuen Stadien. Die steilen Tribünen schaffen zwar eine beeindruckende Atmosphäre, die komplette Überdachung garantiert trockene Plätze - aber der Rasen leidet.

Die Rasenzüchter Deutschlands sehen das "mit einem lachenden und einem weinenden Auge", wie Fachmann Horst Schwab sagt. Der Bayer zählt zu den renommierten Rasenanbauern Deutschlands, der unter anderem die Stadien in München und Nürnberg mit der Spielfläche ausstattet. "In den neuen Stadien ist die Lebensbasis der Pflanze gering." Zu wenig Licht und zuwenig Luftzug führen dazu, daß der Rasen nicht mehr nachwächst.

Das beschert der Rasenindustrie zwar lukrative Aufträge, wenn der Untergrund nicht wie früher alle fünf Jahre, sondern dreimal innerhalb einer Saison ausgetauscht werden muß. "Aber es freut uns auch, wenn der Rasen lange hält", sagt Schwab. Schließlich habe man sich anderthalb Jahre rührend um die Pflanze gekümmert, jeden zweiten Tag gemäht und gewalzt. Schwab liefert die Lösung für das Rasenproblem gleich mit. "In den USA geht man dazu über, die Tribünen an der Südseite ab- und an der Nordseite aufzubauen. So erhält der Rasen genügend Licht, die Zuschauerkapazität bleibt gleich. "Doch darauf ist hier noch kein Stadionarchitekt gekommen", sagt Schwab.

Statt dessen hat die Liga die Mehrkosten für den Rasenverbrauch mittlerweile in den Etat eingebaut. Insgesamt werden die 18 Bundesligisten und Stadionbetreiber in dieser Saison rund vier Millionen Euro in neues Grün investieren. Dazu kommt am Ende der Saison in den zwölf WM-Stadien eine weitere neue Garnitur. So hat es der Weltverband Fifa gefordert.

Doch nicht alle sind damit einverstanden. "Wir werden um unseren Rasen kämpfen", sagt der Geschäftsführer des Franken-Stadions in Nürnberg, Mario Hohmann. Im Gegensatz zu den anderen WM-Arenen präsentiert sich der Rasen hier in gutem Zustand. Trotz des Umbaus fällt genug Licht ein und dank der zwei Marathontore weht ein Luftzug durchs Rund, so daß der Rasen wachsen kann. "Unser Rasen hat tiefe Wurzeln", sagt Hoffmann, "nach einem Austausch zur WM hätten wir wieder einen Kurzwurzler - aber niemand weiß, wie der sich hält."

Artikel erschienen am Sa, 4. März 2006



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Antworten:

Erfreulich, dass eine weitere Lösung des Rasenproblems erst gar nicht erwähnt wird...

von Captain Sky - am 04.03.2006 11:00
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