Die eigenen Wege des FCZ und des FCB (NNZaS)

Startbeitrag von Captain Sky am 26.11.2006 12:01

Die eigenen Wege des FCZ und des FCB
Die zwei Klubs befinden sich in verschiedenen Welten. Ihre Budgets, ihre Transfers, ihre Stadien und Trainer kontrastieren stark miteinander. Von Peter B. Birrer



Auf dem Papier spielen der FC Zürich und der FC Basel im gleichen Wettbewerb. Wenn sich am Sonntag im Hardturm ihre Wege kreuzen, wird die Frage beantwortet, ob die Zürcher die Basler um zehn Punkte und somit längerfristig distanzieren. Der 13. Mai 2006 und der «Meisterschaftsfinal» wirken auf jeden Fall länger nach als zunächst erwartet. Während sich der FCZ in meisterlichem Selbstverständnis sonnt, kämpft der FCB gegen die wahrscheinlich tiefste Identitätskrise in seiner Ära mit dem Trainer Christian Gross. Im Blitzlicht der Momentaufnahme geht allzu schnell vergessen, wie gegensätzlich nur schon die jüngste Entwicklung der beiden ist.

Es sind andere Welten - punkto Budget, Anspruch, Stadion, Publikum, Europacup, Vergangenheit und Transfers. Der FCB, in der Saison 2001/02 noch mit einem 23-Millionen-Franken-Budget, setzte in der Champions-League- Saison 2002/03 53 Millionen um. Seither beträgt der Aufwand 30 Millionen - das Zubrot Europacup lässt die Zahl jeweils auf bis zu 35 Millionen ansteigen. Das neue Stadion und die Champions League hoben den Klub im Schnellverfahren in die Schweizer Schwergewichtsklasse. Davon ist der FCZ weit entfernt. Dessen Budget beträgt offiziell nicht einmal «FCB durch zwei», wobei die Transfers nicht über das Budget laufen. Zudem gab es jahrelang die «Sonderzuschüsse Sven Hotz».

Der FCZ-Trainer Lucien Favre orientiert sich zwangsläufig am Naheliegenden. Er kümmert sich um die Challenge League, um «die Liga der Vergessenen», weil sie zu den Jagdgründen des FCZ gehört. Rafael, Alphonse, Eudis und Stucki waren früher «B-Spieler», Margairaz, Von Bergen und Inler wurden in kleinen Super-League-Klubs abgeworben. Und Dzemaili stammt aus dem eigenen Nachwuchs. Das ist die Richtung des Stadtklubs.

Ruedi Zbinden ist in Basel als Chef- Scout angestellt. Er beobachtet die Europacup-Gegner und sichtet dazu den Spielermarkt. Dafür reist er zum Beispiel nach Südamerika. Jeden zweiten bis dritten Tag besucht Zbinden einen Live-Match. Er und Gross sind im FCB verantwortlich für die Transferpolitik. Zbinden weiss viel über den internationalen Fussball, weil dieser zu den Basler Jagdgründen geworden ist. In der «Vor-Champions-League-Zeit» suchten die Basler in heimischen Gefilden, als sie etwa Giménez und Rossi in Lugano oder ein paar GC-Spieler aufspürten. Jetzt versucht er im Ausland fündig zu werden, die letzten Schweizer Zuzüge heissen Zanni und Baykal (Thun, Anfang 2005) und Burgmeier (Aarau). Neben dem Budget tragen andere Komponenten zu den verschiedenen Philosophien bei: das Schaufenster, der Trainer und der Anspruch.

2002/03 rückte der FC Basel schlagartig ins internationale Schaufenster. Dort blieb er jahrelang - dank den (allerdings verlorenen) Qualifikationsspielen der Champions League, dank dem Uefa-Cup. Der Klub gab als Durchlauferhitzer sukzessive die ganze Mannschaft ab. Unter dem Strich bleibt laut Zbinden ein Transfer-Plus von zehn Millionen Franken. So warfen der An- und Verkauf von Kléber bis zu drei Millionen, von Matias Delgado über sechs, von Patrick Müller über vier Millionen ab. Damit wurde - zumindest teilweise - der aufgeblasene Etat alimentiert. Der FCB musste lernen, dass leer gekauft wird, wer in der Schweiz Erfolg hat. Die entstehenden Lücken müssen gefüllt werden. Doch wer findet wo und wie schnell den neuen Delgado? Der FCZ verlor in den letzten Monaten nur Gygax, Tararache, Filipescu, Nef und Keita. Der Aderlass hält sich im Rahmen. Das erstaunt nicht, war doch der Stadtklub international kaum präsent. Wenn doch, scheiterte er in der Champions-League- Qualifikation gegen Salzburg.

Auch die Trainer tragen das Ihrige zu den unterschiedlichen Richtungen bei. Während Gross auf den athletisch robusten, kämpferischen und international erfahrenen Spielertypus setzt, mag Favre den jungen, eher leichtgewichtigen, spielerisch versierten Fussballer. Gross weist wiederholt daraufhin: «Ohne erfahrene Spieler komme ich nicht in die Champions League.» Zbinden ergänzt, dass der Europacup- Vergleich mit Werder Bremen («Alle sind zwischen 1,85 und 1,95 gross») aufgezeigt habe, wie wichtig die Athletik und wie entscheidend die Standardsituation seien. Favre lässt - im Gegensatz zum FCZ-Sportchef Fredy Bickel - nach wie vor den Einwand nicht gelten, dass seine Equipe an der Mischung aus Naivität, Unerfahrenheit, Überheblichkeit und Verspieltheit an Salzburg gescheitert ist. «Es stimmt, das Team ist unerfahren, aber das lasse ich als Entschuldigung nicht gelten», sagt Favre.

Dass der 13. Mai, das 1:2 gegen den FCZ und die folgenden Krawalle den FCB länger als erwartet schütteln, stellt im stillen Kämmerlein nicht einmal mehr Gross in Frage. Den Verein suchte Orientierungslosigkeit heim, was sich auch im Transferwesen spiegelt. Buckley und Cristiano sind Not-Transfers. Der Wert des drei Millionen Franken teuren Goalies Costanzo bleibt zu hinterfragen, Burgmeier und Kawelaschwili (35) sind keine Verstärkungen. Auch in Basel wurden die Transfers zuletzt nicht mehr gut genug geprüft. Das Team ist wohl etwas zu ausländisch- heterogen, Zbinden beobachtet gemäss eigenen Aussagen zu oft Gegner und zu wenig Spieler, die Abgänge gehen nicht spurlos am Verein vorbei. Zbinden sagt, man müsse «ständig Löcher stopfen». Der FCB berücksichtigt den Schweizer Markt kaum mehr und gibt den Jungen - Ausnahmen: zuletzt Degen-Brüder, Kuzmanovic, Rakitic - wenig Chancen. «Unsere Messlatte ist sehr hoch», begründet Zbinden. Obschon die Bearbeitung der Schweizer Szene billiger und verlässlicher ist als die Einkaufstour im Ausland, gilt auch: Sobald der Krösus aus Basel im Schweizer Markt eingreift, steigt der Preis. Kurz: Der FCB tut sich mit der Team-Erneuerung schwer, scheint bisweilen das Brecheisen zu betätigen und befindet sich vielleicht schon jetzt in einer ungewollten Übergangssaison.

Während die Zürcher auf das neue Stadion warten, nach Jahren der Instabilität etwas Konstanz gefunden haben, vor einem Präsidiums-Wechsel stehen und sich gemäss Favre in einer «Übergangszeit» und gleichzeitig «am Wachsen» befinden, greifen die FCB-Entscheidungsträger ohne Unterlass nach der Messlatte, die sie sich selber weit oben legen. Aber solange die Präsidentin und «Bank-Versicherung» Gigi Oeri und Christian Gross wirken, ändern sich Kommunikation, Zielsetzung und Anspruch nicht. «Wenn du die Champions League einmal erlebt hast, vergisst du sie nicht», sagt selbst Zbinden. Der Weg zurück ist steinig.

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Mein Kommentar:
- Interessant finde ich vor allem, die Aussage, dass Zbinden zu viele Gegner und zu wenig Spieler beobachtet hat. Für mich ein weiteres Argument nicht allzu fest traurig zu sein, falls wir nicht europäisch überwintern.
- Dass das Team zu ausländisch-heterogen sei, deute ich als ein Überdenken der Transferpolitik (in der SZ von heute steht etwas in die gleiche Richtung)...

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