Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Red Blue Devils Poeten Forum
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 10 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
Latteknaller

Der Fan als Gewalttäter

Startbeitrag von Latteknaller am 18.02.2007 10:28

vo nzz.ch

Der Fan als Gewalttäter

In der Diskussion um Gewalt im Fussball fehlt eine differenzierte Betrachtung. Von Christine Steffen

Nachdem am letzten Wochenende der Schweizer Fussball den Betrieb nach der Winterpause wiederaufgenommen hatte, schlug der Präsident der Swiss Football League, Peter Stadelmann, Alarm. In der «Neuen Luzerner Zeitung» sagte er, «wenn es so weitergeht und noch schlimmer wird, dann wird der Fussball abgeschafft. Die Situation ist nicht nur alarmierend, sie ist existenzbedrohend.» Er könne nicht mehr ausschliessen, dass nach noch böseren Zwischenfällen die Politik einschreite und den Spielbetrieb einstelle. Die Gratiszeitung «Heute» nahm Stadelmanns Aussagen auf, schrieb von einer «Gewaltorgie» und setzte sie in Beziehung zu den Ausschreitungen beim Spiel Lokomotive Leipzig - Aue II, wo 800 Personen 300 Polizisten angegriffen hatten. Sportminister Samuel Schmid wies warnend darauf hin, dass die Schweiz nicht zu einem «Eldorado für Hooligans» werden dürfe. FCZ-Präsident Canepa liess gestern im «Blick» verlauten, er überlege sich die Aufhebung der Stehplätze im Hardturm und den Einsatz von Wasserschläuchen, um «für Ordnung auf den Rängen» zu sorgen.

Was ist am letzten Wochenende passiert? Bei der Partie YB - FC Basel wurde der FCB-Spieler Caicedo von einem Feuerzeug im Gesicht getroffen, nachdem er vor der Berner Fankurve ein Tor bejubelt hatte. Den Wurf bezeichnet Peter Stadelmann als «absolut menschenverachtend». In St. Gallen wurde nach der Partie gegen Aarau ein Gäste-Fan-Car am Wegfahren gehindert. Als die Polizei einschritt, warf eine Person Steine gegen die Beamten. Am Zürcher Derby wurden auf beiden Seiten Fackeln gezündet. Während des Spiels wurden Gegenstände aufs Feld geworfen. Ausserhalb des Stadions, sagt Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei, sei das Derby im Vergleich zu früheren «ruhig abgelaufen».

Die Empörung ist gross. Eine differenzierte Betrachtung der Vorkommnisse fehlt in der Diskussion um «Krawalle, Rauch, Chaoten» («Heute») weitgehend. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Catania, wo ein Polizist bei Ausschreitungen ums Leben kam, werden munter Schreckensbilder an die Wand gemalt. Wie schlimm ist die Situation wirklich? «Die Lage hat sich - trotz den bereits eingeleiteten Massnahmen der Klubs - nicht verbessert», sagt Odilo Buergy, Präsident der Disziplinarkommission der Liga. Das sei «alarmierend». Dennoch: Die Lage hat sich nicht verbessert, aber auch nicht verschlechtert. Denn die Disziplinarkommission behandelte etwa gleich viele Fälle wie in der letzten Saison. Bei 44 von 90 Spielen in der Herbstrunde kam es zu Vorfällen, davon waren fast keine schwerwiegend. Fazit: Die Behauptung, die Gewalt in den Stadien nehme zu, entbehrt der Grundlage.

Hintergrund für die gegenwärtige Empörung bildet die EM 2008. Zukünftig sollen die EM-Sicherheitsstandards auch für die Super League gelten. Im Liga-Alltag gelte es, Erfahrungen zu sammeln und Sicherheitskonzepte zu prüfen, sagt Peter Landolt, Präsident der Sicherheits- und Fankommission. Allerdings sind Meisterschaft und Turnier nicht zu vergleichen: So gibt es beim EM-Publikum kaum Berührungspunkte mit den Klub-Fans, die ihr Team Woche für Woche unterstützen. Zudem hat sich die Wahrnehmung einzelner Phänomene verschoben. Während TV-Kommentatoren noch vor wenigen Jahren angesichts von lodernden Fackeln - die schon damals verboten waren - die grossartige Stimmung lobten, gelten sie heute als eines der Grundübel, das mit Bussen belegt wird. Auch der FC Basel muss regelmässig für das Abbrennen von pyromanischem Material bezahlen. Bernhard Heusler, Anwalt und Vizepräsident des FC Basel, geben diese für den Klub empfindlichen Bussen genauso zu denken wie die Bussenpraxis. Er ist der Meinung, dass die Bussengelder von der Liga gezielt zur Förderung von Fanprojekten und für Prävention eingesetzt werden müssten.

Zur allgemeinen Empörung mag auch die Enttäuschung beitragen, dass das sogenannte Hooligan-Gesetz (siehe Box), das seit dem 1. Januar in Kraft ist, noch keine Wirkung zeigt. Es befindet sich in den vier EM-Städten (Zürich, Basel, Bern, Genf) in einer Pilotphase. Erste Ergebnisse sind Mitte Jahr zu erwarten. Sowieso sind sich Experten einig: Das Gesetz allein, ohne begleitende integrierende und präventive Massnahmen, löst die Probleme nicht. «Primäre Aufgabe des Klubs ist der ständige Austausch mit den Fans. Sie sind ernst zu nehmen und anzuhören. Nur dann kann der Klub den Fans gegenüber auch glaubwürdig auftreten», sagt Bernhard Heusler. Er warnt davor, unter dem Druck der aktuellen Ereignisse zu pauschalisieren und Fans mit Gewalttätern gleichzusetzen - ein Fehler, durch den der Austausch zwischen Klub und Fans im Keim erstickt werde.

Heusler sagt, er glaube nicht an «Drohungen und Massnahmen, die nicht glaubwürdig umgesetzt werden können». Dass man sich mit voreilig ausgesprochenen Erlassen selber ein Bein stellt, musste auch die Swiss Football League merken. Sie sah sich gezwungen, einen Teil der Vorgaben, die sie nach den Ausschreitungen am 13. Mai im St.-Jakob-Park erlassen hatte, zurückzunehmen. Die Fans weigerten sich, sich beim Kauf von Tickets für die Auswärtsspiele registrieren zu lassen, und boykottierten diese. Das konnten sich die Klubs nicht leisten.

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.