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Red Blue Devils Poeten Forum
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Erster Beitrag:
vor 1 Jahr, 4 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 4 Monaten
Beteiligte Autoren:
Rotblau, Latteknaller, Fanti, Captain Sky

Fussball ganz exotisch

Startbeitrag von Rotblau am 10.07.2016 11:21

Nun ist die erste der 4 Quali-Runden für die Europa League Vergangenheit. Diese erste Runde wurde in vielen Ländern kaum oder gar nicht beachtet. Schwierig überhaupt die Resultate zu erfahren. Im Teletext des SRF => Fehlanzeige. Immerhin im ORF-Teletext etwas zu finden. Nichtsdestotrotz erlaubte ich mir, ein Rückspiel der 1. EL-Quali-Runde live anzuschauen. Weil ich gerade ein paar Tage in Jerewan verbrachte, schaute ich nach, ob armenische Vereine in diesen Tagen EL-Quali-Heimspiele austragen. Und siehe da, es waren deren 2. Der FC Pyunik Jerewan blamierte sich bis auf die Knochen und gewann gegen den FC Europa aus Gibraltar nach einer 0:2-Auswärtsniederlage daheim nur 2:1 und schied aus. Es reizte mich mehr, mit dem FCB-Dress in den Nordosten ins etwas mehr als 120 km entfernte Gjumri (zweitgrösste Stadt Armeniens, etwa gleich viele Einwohner wie Basel) zu reisen, um dabei zu sein, wie der FC Schirak Gjumri gegen den FC Dila aus Gori (Georgien) versuchen wird, den 0:1-Rückstand aufzuholen. Da ich kein Wort armenisch kann und auch der Entzifferung ihrer Schriftsprache nicht mächtig bin, nahm ich das Angebot des Reise-Büro-Fahrers Armend an, mit mir dorthin zu fahren. Gesagt, getan. Die Fahrt ging über dutzende von Kilometern durch menschenleeres Gebiet. Ab und zu eine verlassene Fabrik aus sowjetischer Zeit und Dörfer mit neu gebauten Steinhäusern säumten die Strasse nach Gjumri. Man muss wissen, dass anno 1988 ein Erdbeben nicht nur viele Gebäude einstürzen liess, sondern auch über 25'000 Menschenleben auslöschte. Angekommen vor dem Stadion war ich dann echt froh, nicht alleine auf eigene Faust dorthin gegangen zu sein. Eine Ticket-Verkaufsstelle war nicht vorhanden. Armend, der eigentlich kein Fussballfan ist und auch nicht das Spiel Italien - Deutschland am TV verfolgte, sagte mir, es gäbe keinen Ticketverkauf und Tickets gäbe es nur an Eingeladene. Er diskutierte mit 2 der vielen Offiziellen, die beim Haupteingang standen und einige Minuten später hatte er 2 Tickets in der Hand. Darauf stand ein Preis von AMD 1'000.-- (AMD = Armenischer Dram), was etwa 2 Schweizer Franken entspricht. Ganz genau erfuhr ich nicht, wie er an die Eintrittskarten rangekommen ist, denn das Englisch von uns beiden ist nicht genügend. Wir mussten dann einen Bogen ums Stadion machen und warteten etwa 45 Minuten vor Spielbeginn am einzigen Eingang der Gegentribüne. Alle Zuschauer wurden gescannt, zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Ob dies später auch so genau gemacht wurde, weiss ich nicht. In Anbetracht der Tatsache, dass die Gegentribüne bis Spielbeginn zu etwa 3/4 gefüllt war, ist kaum anzunehmen, dass die Eingangskontrolle derart rigoros durchgezogen wurden. Der Gästesektor befindet sich ebenfalls auf der Gegentribüne, bis knapp über die Höhe des Strafraumes, getrennt durch einen einfachen Drahthag, bewacht von etwa 30 Polizisten. Etwa 20 Fans der georgischen Mannschaft anwesend. Immerhin ein Toi-Toi-WC für die Gästefans. Im Heimsektor der Gegentribüne kein WC. Man musste via Tartanbahn hinter dem Goal durch zur anderen Spielfeldseite, wo ein WC-Häuschen stand. Sicherheitshalber besuchte ich diesen Ort sofort nach Eintritt ins Stadion. Es hatte beim einen Eingang zwei WC-Schüsseln, beide mit Spinnennetzen und ohne fliessendes Wasser. Trotz Hitze habe ich danach nicht mehr getrunken. Ich sah dann die ganze Restzeit bis Spielende keinen Zuschauer, der dieses stille Örtchen aufgesucht hat. Nun wusste ich warum. Der Steinboden der Gegentribüne sehr brüchig. Tausende von losen Steinen lagen da, mit denen man die Spieler hätte bewerfen können, sofern man bereit gewesen wäre, die Folgen auf sich zu nehmen. Im Gästesektor viel Unkraut. Die sengende Sonne erhitzte unaufhörlich. Die sich noch in meiner Tasche befinde BaZ musste mir und Armend als Kopfschutz dienen. In der Weite auf dem Hügel gut sichtbar ein grosses Denkmal der Arminia, ein Hotel und eine ausgediente Fabrik.
Der FC Schirak wurde im Jahr 1958 gegründet. Damals hiess die Stadt Gjumri noch Leninakan. Der Name "Schirak" ist der Name der Provinz, in der sich Gjumri befindet. Ähnlich wie der FC Vojvodina Novi Sad oder der FC Bayern Hof. Die Vereinsfarben orange, wie z.B. die holländische Nati, der FC Härkingen, der FC Kaiseraugst oder der FC Schachtar Donezk. Die Platzherren traten mit 3 Schwarzen Perlen an, nämlich Nr. 9 Konan Odilon Kouakou (Elfenbeinküste) , Nr. 19 Solomon Udo (Nigeria) und Nr. 36 Drissa Diarrassouba (Elfenbeinküste). In der ersten Halbzeit war das Spiel nicht unterhaltsam, die Armenier konnten die Gäste nicht beunruhigen, die Georgier ruhten sich auf ihrem 1:0-Hinspielsieg aus. In der 2. Halbzeit forcierten dann die Einheimischen die Offensive und waren die bessere Mannschaft. In der 83. Minute das 1:0 durch einen Quer-Weitschuss von ausserhalb des Sechzehners durch Vahan Bitschachtijan mit links etwas höher als halbhoch in die entfernte Torecke. Jubel im Stadion. Auch Armemd mit Luftsprüngen. Verlängerung. 1. Teil wie 1. Halbzeit. 2. Teil wie 2. Halbzeit. Aber die Georgier hatten in der 120. Minute ihre einzige Topchance des Spiels, aber der Stürmer traf den Ball nicht wunschgemäss. Penaltyschiessen. Zuerst die Armenier. Die Georgier verschossen 2 x. Dann 3:0, 3:1 und 4:1. Der Stammverein des auch in der Schweiz bekannten Artur Petrosijan war weiter. Mit Vahid Wardanijan spielte von 1989 bis 1999 ebenfalls ein in der Schweiz bekannter Spieler in diesem Verein.
Während der ersten Halbzeit (nach etwa 20 Minuten) wurde ein Gästefan von 3 Polizisten abgeführt. Offenbar hatte dieser die Stadionordnung nicht eingehalten. Zudem hielten es einige armenische Zuschauer für nötig, nach dem 1:0 und nach dem Penalty-Schiessen sich mit Stinkfinger in Richtung Gästesektor zu begeben. Ohne Anwesenheit der Polizei wären Handgreiflichkeiten kaum zu verhindern gewesen.
Wenn man dieses Gjumri-City-Stadion mit dem Rankhof oder der Schützenmatte vergleicht, müsste man diese beiden Stadien sofort für Europacup-Spiele zulassen. Immerhin schaute die kleine Haupttribüne (etwa so gross wie die des FC Birsfelden) etwas komfortabler aus. Zur Ehrenrettung der Armenier sei noch erwähnt, dass der Rasen in sehr gutem Zustand war. 20 Spritzdüsen sorgen für gute Bewässerung.

Antworten:

Merci, interessante Bricht! :spos:

E bitzli ha ych d EL-Quali au verfolgt, nadierlig wääge de Hearts. Si hänn sich in dr eerschte Rundi duuregsetzt gääge Infonet Tallin, jetz spiile si denn gääge Birkirkara us Malta.

von Fanti - am 10.07.2016 16:32
Danke, sehr interessant. Auch da ich jetzt endlich weiss, für was man die BaZ noch gebrauchen kann ;)

von Captain Sky - am 10.07.2016 21:24
Zitat
Fanti
Merci, interessante Bricht! :spos:

E bitzli ha ych d EL-Quali au verfolgt, nadierlig wääge de Hearts. Si hänn sich in dr eerschte Rundi duuregsetzt gääge Infonet Tallin, jetz spiile si denn gääge Birkirkara us Malta.

Hätten die Hearts an diesem Tag in Armenien gespielt, hätten sie wohl viel mehr Fans mitgebracht und das Polizeiaufgebot wäre noch viel grösser gewesen.

von Rotblau - am 11.07.2016 08:16
sehr spannende bricht. merci.

von Latteknaller - am 24.07.2016 10:48
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