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vor 15 Jahren, 11 Monaten
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Betty Bossi

Jäggi Portrait (Zeitung WELT)

Startbeitrag von Betty Bossi am 25.08.2002 11:42

Ex www.welt.de
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Jäggi ist alles andere als ein Pantoffel-Held

Ein Schweizer übernimmt den Krisenklub Kaiserslautern, mit maroden Unternehmen kennt sich der Romika-Chef aus

Von Berries Boßmann

Berlin - Den Menschen, die er trifft, schaut René C. Jäggi als Erstes auf die Schuhe. "Bei Frauen allerdings zuerst auf die Beine", sagt der Schweizer. Er selbst trägt fast immer Schuhe von Romika. Das pfälzische Familienunternehmen kaufte Jäggi 1994, als es vor der Pleite stand, für einen zweistelligen Millionenbetrag. "Ich mag marode Firmen, weil man mit denen etwas machen kann", sagt Jäggi.

Jetzt kann sich der 53-Jährige, nur rund 80 Kilometer entfernt vom Firmensitz in Trier, erneut als erfolgreicher Sanierer profilieren: Der von einer Führungskrise gebeutelte 1. FC Kaiserslautern sucht einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Jürgen "Atze" Friedrich tritt Ende des Jahres ab. Jäggi selbst beteuert zwar, man sei noch "Lichtjahre" von einer Einigung entfernt, doch FCK-Aufsichtsratsmitglied Hubert Keßler verriet, dass Jäggi bereits zugesagt habe und in den nächsten Tagen einen Vertrag unterschreiben werde.

Erste Kontakte zu Jäggi soll der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und FCK-Anhänger Kurt Beck geknüpft haben. Doch schon murrt die Opposition "Unser FCK", angeführt vom Juristen Andreas Kirsch, man würde zwar eine "Granate mit unglaublichen Kontakten zu Werbepartnern" als neuen Vorstandsvorsitzenden verpflichten. Aber: "Wir hätten wieder einen dominanten Alleinunterhalter an der Spitze." Vergangene Woche hat Kirch den Neuen gar eigenmächtig angerufen. Jäggi über das eigenartige Gespräch: "Ich kenne ihn gar nicht. Er hat mir gesagt, wenn ich einen Vertrag unterschreiben würde mit dem jetzigen Aufsichtsrat, würde er mich genauso vom Betzenberg jagen, wie er's mit allen anderen Aufsichtsratsmitgliedern tun würde." Friedrich nennt Kirschs Vorstoß "Erpressung", "skandalös" und spricht von einer "Kirsch-Krise". Er werde Jäggi dennoch einarbeiten - "egal, ob das zwei, drei, vier oder sechs Wochen dauert".

Doch wer ist dieser René C. Jäggi überhaupt? 1948 in Basel geboren, verbringt er nach einer Lehre als Eisenbetonzeichner drei Jahre in Tokio, um Japanisch zu studieren und sich als Judoka zu verbessern. 1987 macht er sich einen Namen als Vorstandsvorsitzender des Herzogenauracher Sportartikelherstellers adidas, der in die Krise geraten ist. Jäggi bringt das defizitäre Geschäft in den USA und Japan wieder in Schwung. 1990 kauft der Franzose Bernard Tapie den Konzern für 440 Millionen Mark, zwei Jahre später setzt die Aufsichtsratsvorsitzende Gilberte Beaux Jäggi vor die Tür. Verbittert registriert er, "wie Leute, die jahrelang Hurra geschrieen haben, plötzlich aus dem Bleistift ein Messer machen". Und kennt nur ein Ziel: "Zeigen, dass ich es kann, dass ich gut bin." Vor allem den Leuten bei adidas.

Die große Chance bietet sich mit Romika. Jäggi verzichtet nach der Übernahme zunächst auf drastische Maßnahmen, er nimmt sich Zeit. 90 Tage. "Das ist die einzige Zeit, die man hat, danach wird man selbst Teil des Problems." Nach drei Monaten wird er aktiv - und macht Fehler. Dass die Kunden mit der Marke Romika biedere Hausschuhe und Pantoffeln verbinden, gefällt ihm nicht. Er will im Sportschuhbereich Fuß fassen und scheitert. Dann versucht er es mit modischen Schuhen, ebenfalls vergeblich. Heute weiß er, dass ihm die eigene Eitelkeit im Weg stand. Nun produziert er bequeme Schuhe für die breite Masse, die keinem Trend nachläuft. Jetzt läuft Romika, und er kann sich neuen Herausforderungen widmen.

Jäggi kauft als selbstständiger Unternehmer marode Firmen auf, um sie zu sanieren. Ihm gehören der Baseler Sportartikelhändler Gerspach und zu 50 Prozent das Hotel "Palace" in Mürren. "Krisen reizen mich", sagt Jäggi, ehemaliger Schweizer Judomeister, verheiratet, zweifacher Familienvater, der eine Rolex-Uhr trägt und Porsche fährt, nicht auf Förmlichkeiten, weder in Kleidung noch im Umgangston, steht, aber kurze Wege, knappe Memos und offene Türen liebt. Jäggi wird nachgesagt, ein Machtmensch zu sein, ein brillanter Verkäufer, stark in der Außendarstellung und geschickt im Umgang mit den Medien. Einer, der große Auftritte liebt. Die Schweiz, wo er seit 1996 als Präsident des FC Basel fungiert, soll ihm nach dem Gewinn von Meisterschaft und Pokal zu klein geworden sein, weshalb er sich nun in der Bundesliga nach einer neuen Bühne der Selbstdarstellung umschaue.

Bis es so weit ist, will sich Jäggi anderen Aufgaben widmen. Er wolle die Welt verbessern, hat Jäggi einmal gesagt, jetzt bietet sich die Gelegenheit: "Ich habe mit verschiedenen Klubpräsidenten in Europa gesprochen. Wir wollen Spiele organisieren und den Erlös den Opfern der Flutkatastrophe zukommen lassen." Dann will er den FCK vor dem Untergang retten.

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