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M. Keynes, * xetra *

Krieg um den Dollar

Startbeitrag von * xetra * am 18.03.2006 08:42

Sebastian Dullien: Krieg um den Dollar

Internetforen zufolge werden die USA Iran angreifen, um den Dollar zu stützen - ein gefährlicher Mythos.

Das Internet ist das ideale Medium, um Informationen dubioser Qualität großflächig zu verbreiten. In Chaträumen und Blogs wimmelt es von absurden Verschwörungstheorien. Doch selbst gemessen an diesen Maßstäben ist die Verbreitung einer aktuellen Legende beeindruckend: Der Mythos, dass ein Dollar-Absturz Ende März bevorstehe und die USA zur Verteidigung ihrer Währung dann Iran angreifen werden, hat gar den Sprung in den US-Kongress geschafft. Jüngst beglückte der texanische Abgeordnete Ron Paul seine Kollegen mit ausführlichen Überlegungen dazu.

Hintergrund der Spekulationen ist das Vorhaben der Iraner, ab 20. März Rohöl in Euro statt wie bisher in Dollar zu handeln. Teheran will damit nach eigenem Bekunden die Leitwährungsposition des Dollar angreifen. Nach der Argumentation der Verschwörungstheoretiker ist das für die USA Grund genug, über Militärschläge nachzudenken. Schließlich, so Paul, ist es die Leitwährungsfunktion des Dollar, die es Amerika erlaubt, Jahr für Jahr Rekorddefizite in der Leistungsbilanz zu erwirtschaften und viel mehr Waren zu verbrauchen, als es selbst herstellt. Die Möglichkeit, Öl mit Euro zu zahlen, eröffne erstmals eine Alternative zum Dollar. Das könnte eine Flucht aus dem Greenback auslösen.

Ein Fünkchen Wahrheit

Die These hat einen plausiblen Aspekt: Das enorme US-Leistungsbilanzdefizit sorgt seit Jahren die Währungsexperten. Wenig umstritten ist auch, dass der Dollar bislang nur deshalb einen Absturz vermieden hat, weil der Rest der Welt bereitwillig US-Wertpapiere gekauft hat.

Trotzdem sind die Schlussfolgerungen der Iran-Dollar-Theoretiker Unsinn. So ist zweifelhaft, wie wichtig es überhaupt ist, ob Öl in Dollar oder Euro gehandelt wird. Für den Wert einer Währung ist nicht entscheidend, ob ein paar liquide Guthaben zur Handelsabwicklung in Bankkonten gehalten werden. Empirisch wesentlich wichtiger ist, ob am Ende Ausländer ihr Geld in langfristigen Anlagen in einer Währung, etwa Anleihen oder Aktien, halten wollen. Die Entscheidung der Ölländer, in Amerika zu investieren, beruht weniger darauf, dass sie zuvor Dollar eingenommen haben. In den USA locken aufgrund des liquiden Kapitalmarktes und guten Wirtschaftswachstums schlicht bessere Renditen und schnellere Verfügbarkeit als anderswo. Das für den Handel benötigte Dollar-Volumen ist ohnehin eher gering. Weltweit werden täglich rund 85 Millionen Barrel Öl gefördert. Selbst wenn die gesamte Menge ins Ausland verkauft würde, wäre beim aktuellen Ölpreis von rund 65 $ pro Barrel zur Abwicklung ein Dollar-Bestand von gerade mal 5,5 Mrd. $ nötig - eine zu vernachlässigende Größe im Vergleich zu jenen rund 10.000 Mrd. $ an US-Anlagen, die Ausländer derzeit halten.

Auch das Argument, dass die ganze Welt Dollar halte, um die eigene Ölrechnung begleichen zu können, ist an den Haaren herbeigezogen. Die Devisenmärkte sind derart liquide, dass man jederzeit seine Euro in Dollar tauschen kann. Welcher deutsche Verbraucher etwa legt im Sommer sein Geld auf Dollar-Tagegeldkonten an, weil sein Heizöllieferant im Herbst das Rohöl mit Dollar kaufen muss?

Völlig unsinnig ist die Idee, die US-Regierung würde einen Krieg führen, um Irans Ölhandelspläne zu verhindern. Das lässt sich anhand der China-Politik leicht erkennen. Die chinesische Zentralbank war in den letzten Jahren der wichtigste Käufer von US-Wertpapieren. Allein 2006 stockte sie ihr Portfolio um rund 200 Mrd. $ auf. Trotzdem fordert US-Finanzminister John Snow bei jeder Gelegenheit Peking auf, die Devisenmarktinterventionen einzustellen. Wenn Washington erreichen will, dass der Rest der Welt weiter Dollar kauft, warum sollte es dann Druck auf den besten Treasury-Kunden ausüben, die Dollar-Käufe einzustellen?

Zudem würde ein Krieg gegen Iran die Staatsausgaben der USA in die Höhe treiben. Erhöht die Regierung dann nicht die Steuern, dürfte das erfahrungsgemäß zu einer weiteren Verschlechterung der Handelsbilanz führen und den Dollar belasten. Das war beim Korea-Krieg so, beim Vietnam-Krieg und zuletzt bei Bushs Irak-Abenteuer. Es gibt keinen Grund, warum diese Logik bei Iran nicht gelten sollte.

Nun bräuchte man sich mit Pauls Iran-Dollar-Thesen gar nicht zu beschäftigen, wenn ihre Verbreitung nicht eine handfeste Gefahr bergen würde: die, dass auf eine Dollar-Schwäche falsch reagiert wird. Wenn ein halbwegs starker Dollar Instrument der amerikanischen Ausbeutung anderer Völker ist, dann muss im Umkehrschluss der Rest der Welt ein Interesse haben, den Dollar vom Thron zu stoßen. Ein richtig schöner Dollar-Crash würde in diesem Denkmodell dazu führen, dass der Fehlbetrag in der US-Handelsbilanz schwindet. Dann, so die Logik der Internetblogger, könnten die USA nur das konsumieren, was sie selber herstellen. Dem Rest der Welt würden weniger Waren entrissen; ihm bliebe mehr für den eigenen Verbrauch. Ein antiimperialistisches Utopia.

Dollar-Crash wäre Katastrophe für Europa

Jedem Konjunkturbeobachter kann es da nur kalt den Rücken herunterlaufen. Das Problem in Deutschland und anderen Ländern mit großem Handelsbilanzüberschuss ist ja nicht, dass die Amerikaner ihnen wegen der Leitwährungsfunktion des Dollar Waren gegen den eigenen Willen entwenden. Vielmehr ist die inländische Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern in diesen Ländern so gering, dass ohne die kräftige US-Nachfrage die eigenen Produktionskapazitäten nicht ausgenutzt wären. Eine Dollar-Abwertung würde diese Nachfrage wegbrechen und die Arbeitslosigkeit im Rest der Welt in die Höhe schnellen lassen.

Europa und Japan, aber auch die Schwellen- und Entwicklungsländer können deshalb kein Interesse an einem Dollar-Crash haben. Vielmehr sollte die Weltgemeinschaft im Krisenfall alles tun, um so etwas zu verhindern. Gerade das aber erschwert die Verbreitung der Verschwörungstheorie. Je stärker sich im öffentlichen Bewusstsein festsetzt, dass ein Dollar-Sturz den Amerikanern recht geschieht, desto unwahrscheinlicher ist ein beherztes Eingreifen der Politik. Denn nicht nur Blogger, sondern auch Politiker lassen sich von Vorurteilen oft mehr beeindrucken als von ökonomischer Vernunft.

Antworten:

Zitat

Das Internet ist das ideale Medium, um Informationen dubioser Qualität großflächig zu verbreiten.


Sag ich doch!!

Darüber (u. A. über Goldseiten.de) habe ich mich hier drinnen schon genug ausgelassen.

Trau schau wem, kann ich da nur sagen.



von M. Keynes - am 18.03.2006 14:09
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