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Erster Beitrag:
vor 10 Jahren, 1 Monat
Letzter Beitrag:
vor 10 Jahren, 1 Monat
Beteiligte Autoren:
M. Keynes, F.A. von Hayek, Dralapin

Das Ende des neoliberalen Freihandelsdogmas

Startbeitrag von M. Keynes am 22.03.2008 22:01

Folgender Artikel stammt, wohlgemerkt (!), aus der Redaktion der renomierten Deutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kurz FAZ, einer wirtschaftsfreundlichen, liberalen Zeitung, deren kleiner Bruder in der Schweiz die NZZ ist- und nicht von irgendeinem linken Lehr (Leer) blättchen:

Hilflose Helfer
Notenbanken diskutieren über Kauf minderwertiger Wertpapiere

Der Vorstoß soll von der Bank of England kommen (...). Es wäre wohl die größte Rettungsaktion aller Zeiten (...) Auf beiden Seiten des Atlantiks diskutieren die Notenbanken jetzt darüber, ob sie die minderwertigen Wertpapiere aufkaufen sollen, die in der Bankenkrise gerade massiv an Wert verlieren. Und ob sie im Gegenzug sichere Papiere an Banken ausgeben. (...) Möglich wäre sie nur mit Unterstützung aller betroffenen Regierungen. Allein in Europa müssten 15 Länder zustimmen (...) „Besorgniserregend ist nicht nur, dass viele von uns diese Risiken nicht verstehen, sondern offenbar viele Chefs der Finanzinstitute auch nicht“, kritisiert Harvard-Ökonom Josh Lerner (...). Jetzt ist der Handel mit dieser „toxischen Masse“, den heiklen Papieren, zum Erliegen gekommen. Denn niemand kann noch ihren Wert ausmachen.

[www.faz.net]

War es nicht gerade die Finanzwelt, die sich staatlichen Regulierungsversuchen weltweit immer mehr entzog und staatlichen Interventionismus gerne kategorisch als Sozialismus brandmarkte? War es nicht die Finanzwelt, die das Renditedenken über alles setzte, also auch über eine politische Konstruktion namens Nationalstaat, eine soziale Formation namens Gesellschaft und eine ethische Grundlage namens Moral? War es nicht die Finanzwelt, die sich immer wieder darin versucht hat, aus vergleichsweise komplexen, historisch gewachsenen Gesellschaftsmodellen reine Geschäftsmodelle zu machen? Und nun soll ausgerechnet die von ihr immer wieder verhöhnte und verspottete Allgemeinheit die Rechnung für das bezahlen, was sie, den eigenen libertären Grundsätzen folgend, eigentlich selber bezahlen müsste? Kein Wunder, versuchen nun Topshots aus der Bankenwelt wie Joseph ("Joe-Victory") Ackermann von der Deutschen Bank krampfhaft zu verhindern, dass aus diesen Entwicklungen eine Systemdiskussion wird!

Das neoliberale Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge gehört nun endgültig auf den Müllhaufen der Wirtschaftsgeschichte- wohlgemerkt, nicht der Kapitalismus als Wertesystem!

John Maynard Keynes... würde sich im Grabe umdrehen, wenn er diese Pervertierung seiner Theorien mitansehen müsste!

Antworten:

Hallo JMK

Nur mal so eine rein hypothetische Frage:
Würden die Banken allen ihren Müll an die Zentralbanken
abgeben gegen saubere und handelbare Papiere,
was denkst du würde dann mit der Weltwirtschaft
und in Amerika und der Schweiz passieren?

Gruss und Danke für deine Antwort ,
welche mich sehr Neugierig macht!!!


von Dralapin - am 23.03.2008 23:51
Hier noch etwas aus der Süddeutschen:

Zitat

Diese Parallelen lassen sich vor allem an einem schönen, über die Jahre fast vergessenen Begriff zeigen: dem der "Liquiditätsfalle". Der Ökonom John Maynard Keynes kennzeichnete in den dreißiger Jahren damit eine Situation, in der die Investoren auf ihrem Geld sitzen, weil sie Angst vor der Zukunft haben. Eigentlich sollten, nach der klassischen Theorie, in einer Rezession die Zinsen so weit sinken, dass sich das Investieren bald wieder lohnt. Manchmal aber, so sagte Keynes, kann der Zins gar nicht genügend sinken, weil die Furcht zu groß ist. Investoren werden von "tierischen Instinkten" geleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Sind sie einmal in die Angstfalle geraten, kommen sie aus ihr nicht mehr von selbst heraus. In dieser Situation muss der Staat eingreifen und die Wirtschaft vor sich selbst retten.


Finanzkrise
[www.sueddeutsche.de]

War der JMK also da auch der Meinung, dass der Staat in solchen Situationen
eingreifen muss oder ist das vom Autor der Süddeutschen?

von Dralapin - am 24.03.2008 00:11
JMK hat lediglich davon gesprochen, den Märkten im Falle von Marktversagen genügend Liquidität zuzuführen- sei das nun in Form von Geldpolitischen Massnahmen (Geldmenge) oder in Form von staatlichen Konjunkturprogrammen, wie sie vor Kurzem von George W. Bush beschlossen worden sind. Er hat aber nie davon gesprochen, dass der Staat dem Markt die von ihm leichtsinnig eingegangenen Risiken in Form von Verlustpapieren (mittlerweile Rating C oder D) abnehmen- und im Gegenzug gegen sichere Staatspapiere (AAA) eintauschen soll! Was das zur Folge hat, kann sich jeder selber ausmalen: Die Allgemeinheit sitzt plötzlich auf "Wertpapieren", für die der Markt keinerlei Verwendung mehr hat. Wer sollte die denn noch kaufen wollen- wenn sie schon keine Bank mehr haben will? Diese x-fach verbrieften Gemischtwarenläden sind das Resultat von einem Regulierungsmangel- womit das allgemein bekannte, neoliberalen Credo (staatliche Regulierungen gefährden unisono jede Form von Wettbewerb) einmal mehr von der Wirklichkeit wiederlegt worden ist: Auch der Wettbewerb ist im Stande, sich selber ausser Kraft zu setzen- und zwar hauptsächlich in Form von Monopolmärkten oder eben Marktversagen.

Es ist Aufgabe des Staates, den Wettbewerb zu ermöglichen- der Markt alleine ist dazu nicht im Stande.


Ich hoffe, damit Deine Fragen beantwortet zu haben- wie gesagt: Für mich handelt es hier um eine Prinzipfrage! Ich bin übrigens ein im klassischen Sinne Ordoliberaler und kein Feind der Marktwirtschaft. Doch die neoliberalen Gesinnungstäter sind mir einfach zu lange und vor allem zu arrogant auf der Nase herumgetanzt.

Johnny ;-)



von M. Keynes - am 24.03.2008 13:23
Zitat

Es ist Aufgabe des Staates, den Wettbewerb zu ermöglichen- der Markt alleine ist dazu nicht im Stande.


Leider völliger Schwachsinn, gerade weil der Staat (mit dem FED als Exekutive) den Markt manipuliert hatte in Vergangenheit, kam es zu dieser Krise ! Solange der Staat das Monopol fürs Geld besitzt und endlos weiterdrucken kann und die Zinsen entgegen den Marktverhältnissen verschieben, nur um politisch kurzfristig Einfluss zu nehmen, die Aktienmärkte zu stützen und dergleichen haben wir diese Sauerei, Inflation und Krisen sind die Folge. Es wäre das dümmste, jetzt nach mehr Regulierung (ich befürchte sogar protektionistsche Züge) zu rufen und dem Staat die Aufgaben eines flotten Marktes zu übergeben. Zusammenbrüche, Konkurse und dergleichen gehören auch in einen Markt. Willkommen im Neo-Sozialismus. Die meisten westlichen Staaten (Ausnahme vielleicht Irland und Kanada) gehen daran zugrunde. Bei Allen (öffentliche Hand, Firmen, Private) muss langfristig dafür gesorgt sein, dass sie einen gesunden Haushalt pflegen. In den letzten guten Konjunkturjahren haben die Staaten aber keine Schulden abgebaut, nein sie wurden sogar weiter erhöht. Und nun sollen sie auf Kosten der Allgemeinheit sogar noch all den Ramsch aufnehmen. Nein danke ! Ich hoffe wirklich, dass die Politik sich hier nicht über den Tisch ziehen lässt, es sollen die bluten, welche den Mist gekauft und verkauft haben, auch wenn es eine Bankenpleitewelle gibt. Das Geschwür soll beseitigt und nicht aufgeschoben werden, sonst kommt die nächste Katastrophe, und zwar in noch viel grösserem Ausmass als wir uns vorstellen können...

Die Geschichte hat gezeigt, dass jede Form von Sozialismus in den Abgrund resp. in die Diktatur führt, es gibt genug Beispiele (Nationalsozialismus (Deutschland etc.), Sowjetunion, Kuba, Nordkorea etc. etc.)

Gäbe es für UBS beispielsweise keine defacto-Staatsgarantie, würde Herr Ospel vermutlich nicht mehr leben...

von F.A. von Hayek - am 24.03.2008 13:51
Zitat

Und nun sollen sie auf Kosten der Allgemeinheit sogar noch all den Ramsch aufnehmen. Nein danke ! Ich hoffe wirklich, dass die Politik sich hier nicht über den Tisch ziehen lässt, es sollen die bluten, welche den Mist gekauft und verkauft haben, auch wenn es eine Bankenpleitewelle gibt.


In diesem Punkt sind wir uns also einig.

Zitat

Die Geschichte hat gezeigt, dass jede Form von Sozialismus


Nicht jede Form von Regulierung (es gibt übrigens auch private Regulierungsmechanismen, Gütesiegel und Qualitätsstandards zum Beispiel) läuft zwangsläufig auf eine Form von Planwirtschaft hinaus. Warum muss gleich alles, was das vorherrschende Wirtschaftsmodell in Frage stellt, zwangsäufig sozialistisch sein?

Wäre genügend (menschliche) Vernunft in der "freien" Marktwirtschaft enthalten, bräuchte es gar keine staatlichen Regulierungsmassnahmen. Da stellt sich die Frage nach dem Huhn oder dem Ei: Was war nun zuerst- die Unvernunft des Marktes oder das staatliche Regulatorium? Historisch betrachtet ganz eindeutig die menschliche Unvernunft: Die soziale Katastrophe, die die Industrialisierung im England des 19. Jahrhunderts zu Beginn ausgelöst hat, ist hauptsächlich auf die ungestümen, barbarischen Kräfte der menschlichen Wesensart zurückzuführen.

Wäre dem ewig Menschlichen in all seiner barbarischen Tiefe (oder zeitgemässer und zu unserem Beispiel passender: der menschlichen GIER) wenigstens ein einziges Kraut gewachsen, bräuchte es genaugenommen ja auch keine Gesetzgebung- und was ist die Rechtssprechung denn schon anderes, als eine allgemein verbindliche Regulierung des menschlichen Zusammenlebens? Warum sollte ausgerechnet die Marktwirtschaft keine Regeln brauchen- wo sie doch anerkanntermassen auch von den tierischen Instinkten des Menschen gelenkt und getrieben wird? Ich denke, diese Analogie zum Rechtsstaat ist hier durchaus zulässig.

Der Mensch ist des Menschen Wolf- als neoliberalem Denker solte Dir diese Erkenntnis einigermassen geläufig sein, stammt sie doch von Thomas Hobbes (1588- 1679), einem von Wirtschaftskreisen gerne immer wieder zitierten Staatstheoretiker, Mathematiker und Philosophen: Er hat dem neoliberalen Weltbild das dazu passende (oder notwendige) Menschenbild geliefert- seine menschliche und folglich auch soziale Legitimation bezieht der Neoliberalismus bis zum heutigen Tage immer noch hauptsächlich von diesem einen grossen Denker Europas.

Zum Schluss noch ein Satz, der den ganzen, von mir leider nur lückenhaft und unvollständig beschriebenen Sachverhalt auf den Punkt bringt (aus dem amerikanischen Sezessionskrieg) :

Nicht der Markt hat die Sklaverei beseitigt, sondern die Politik.

Ich freue mich auf eine Fortsetzung unserer Diskussion hier!

Johnny ;-)


von M. Keynes - am 24.03.2008 16:01
Vorweg: Die Thematik ist zu breitgefächert, um in ein paar Postings abzuhandeln, daher halt leider immer nur stichwortartige Kommentare.

Zitat

Warum muss gleich alles, was das vorherrschende Wirtschaftsmodell in Frage stellt, zwangsäufig sozialistisch sein?


Ich habe nie gesagt, dass ich das vorherrschende Wirtschaftsmodell als der Weisheit letzter Schluss betrachte. Im Grunde hatten wir es noch nie mit einem wirklich freien Markt zu tun, solange das Monopol des Geldes resp. deren Vermehrung besteht, haben wir es alles andere als mit einem freien Markt zu tun. Hier sind schon mal Schranken vorhanden.

Betrachten wir mal den Markt der ABS/MBS: Hier handelt es sich ja weitestgehend um ein OTC-Geschäft. Also im Prinzip ein Kuh-Handel :D Jeder der die Dinger gekauft hat, müsste sich über die Risiken und Umstände im Klaren sein, da kein Marktpreis besteht resp. dieser schwieriger zu ermitteln ist (und auch immer war), im Klaren sein. Wo es aufhört mit Lustig, wenn diese Produkte gebündelt in Päckchen (Fonds etc.) verpackt werden und so mit entsprechenden Ratings den ahnungslosen Konsumenten / Kunden weiterverkauft werden. Hier handelt es sich im Prinzip um Betrug und einen kriminellen Akt. Leider sind diese Sachen in der Risk Descolure ausbedungen. Was lehrt uns die Geschichte: Man sollte immer nur das kaufen, wo man auch wirklich versteht und man sich den Risiken bewusst ist. Die Ratingagenturen haben versagt, nicht der Markt. Viele Investmentbanken haben versagt, nicht der Markt. Die Immobilienmakler und Käufer haben versagt, nicht der Markt.

Schaut man sich den Fall UBS an, so hätte ich arge Kritik über die Politik. Leider ist das Aktienrecht noch nicht soweit, wie es sein müsste. Die Firmenpolitik bei den Banken, haarsträubend. Die Leidtragenden, die Allgemeinheit (Steuerzahler ganz bestimmt, die Kontoinhaber vermutlich (noch) nicht).

Zitat

Nicht der Markt hat die Sklaverei beseitigt, sondern die Politik.


Seit wann ist die Sklaverei beseitigt ? ;) Die Sklaverei wurde ja nie abgeschafft, nur besteht sie in einer etwas anderen, etwas angenehmeren Form für die "Sklaven". Heute werden sie in der Geschäftswelt halt eher als Ressourcen bezeichnet... hier ist also auch noch seehr viel zu tun, meine Vision, jeder sein eigener Unternehmer, was nicht heisst, dass Zusammenschlüsse in Gesellschaften Sinn machen.

Ich gehe mit Dir einig, man muss über einen Systemwechsel diskutieren, die Frage ist bloss in welche Richtung. Es gab grosse Fehler, aber ein wirklich freier Markt würde nicht versagen, leider gibt es diesen noch nicht in der Form, wie ich ihn als ideal mir vorstelle. In einer idealisierten Welt braucht es nämlich gar keine Banken mehr, jedes Individuum ist dort seine eigene Bank mit einer Bilanz. Banken braucht es dann nicht mehr, will jemand ein Projekt finanzieren und hat kein Geld, so kann er das im Internet ausschreiben, Interessenten mit entsprechenden Bonitäten und freien Ratings (freier Markt) können sich beteiligen. Und das absolut global. Das Klumenrisiko wäre extrem reduziert, es gäbe auch keine Möglichkeit mehr wie heute, dass Nicht-Unternehmer sich die unternehmerische Freiheit nehmen und völlig wahnsinnige Entscheide treffen, wie das einige Bankenbosse in den letzten Monaten und Jahren getan haben...

von F.A. von Hayek - am 24.03.2008 16:30
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