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vor 9 Jahren, 6 Monaten
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gloomboomdoom

Wird »Citigroup« als nächste Bank nationalisiert?

Startbeitrag von gloomboomdoom am 12.08.2008 09:16

F. William Engdahl
Der Justizminister des Bundesstaates New York (New York State Attorney General) hat jetzt die US-Bank mit den größten Vermögensanteilen, die New Yorker »Citigroup«, angewiesen, Anleihen in Höhe von 19,5 Milliarden Dollar, die sie ihren Klienten in betrügerischer Weise verkaufen wollte, entweder zurückzukaufen oder abzuschreiben. Diese Aktion erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt nach der jüngsten Finanzspritze der amerikanischen Regierung zur Rettung der riesigen Hypothekenfinanzierer »Fannie Mae« und »Freddie Mac (siehe meinen Artikel vom 16. Juli auf dieser Internetseite Der Finanz-Tsunami: Die nächste Stoßwelle rollt – »Fannie Mae«, »Freddie Mac« und die US-Hypothekenschulden), eine weitere umfassende Aktion der US-Regierung zur Rettung oder Nationalisierung von Großbanken bevorsteht. Wie ich wiederholt geschrieben habe, ist das nur der Beginn der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise in der Geschichte der USA.

Die Citigroup hat sich bereit erklärt, Schuldtitel individueller Investoren in Höhe von etwa 7,3 Milliarden Dollar zurückzukaufen, um die Auflagen der staatlichen Regulierungsbehörden in Bund und Land zu erfüllen, die der Bank vorgeworfen hatten, ihren Kunden in betrügerischer Absicht sogenannte »Auktionspapiere« (Auction Rate Securities, ARS) verkauft zu haben. Außerdem hatten die Regulierungsbehörden der Citigroup eine Geldstrafe von 100 Millionen Dollar aufgebrummt. Darüber hinaus hat sich Citigroup verpflichtet, 2.600 institutionellen Kunden dabei zu helfen, weitere unverkäufliche Wertpapiere in Höhe von zwölf Milliarden Dollar – deren Gesamtwert 19,5 Milliarden Dollar beträgt – abzustoßen.

Bei diesen »Auktionspapieren« (ARS) handelt es sich um Anleihen, deren Zinsraten periodisch bei Händler-Auktionen oder -Ausschreibungen neu festgesetzt werden. Zahlreiche Anleihehändler, darunter auch die Citigroup, haben Mitte Februar ihre Rolle als Käufer der letzten Instanz dieser Schulden, zu der sie gesetzlich verpflichtet sind, aufgegeben, als die Nachfrage nach diesen Papieren stagnierte. Das führte dazu, dass der Markt kollabierte und die Investoren auf Schuldtiteln sitzen blieben, die ihnen als sichere Investitionen angepriesen worden waren.

Schuldner mit Kommunalobligationen, deren Kosten für die Zinszahlungen bei Auktionen auf bis zu 20% angestiegen sind, mussten mindestens 97,5 Milliarden Dollar, oder 59 Prozent, des Gesamtbetrages von 166 Milliarden Dollar am Markt refinanzieren. Damit blieben aber noch etwa 207 Milliarden Dollar an zumeist »gefrorenen« Wertpapieren im Markt, von denen die im Citigroup-Vergleich erwähnten 19,5 Milliarden Dollar ungefähr neun Prozent ausmachen.




Die Citigroup, Amerikas größte Bank, steckt in größten Schwierigkeiten und die Aussichten werden wahrscheinlich noch düsterer.



Der Vergleich gehörte zu einer Regelung, die die Citigroup mit dem Justizminister des Staates New York, Andrew Cuomo, der US-Börsenaufsicht (US Securities and Exchange Commission, SEC) und einigen US-Bundesstaaten unter der Führung von Texas getroffen hatte. Außerdem muss Citigroup bei mehr als 2.600 Finanzinstituten, die »Auktionspapiere« in Höhe von etwa zwölf Milliarden Dollar halten, die »Liquidität wiederherstellen«, wie die SEC befand.

Citigroup ist das erste Wall Street-Unternehmen, das angesichts der amtlichen Sondierungen in der Frage, wie Großbanken diese Auktionspapiere vor dem Kollaps des 330 Milliarden Dollar schweren Marktes im Februar verkauft haben, einen Vergleich geschlossen hat. Die Bank hat sich verpflichtet, bis zum 5. November von ca. 40.000 Klienten alle unverkäuflichen Wertpapiere zurückzukaufen, und die Kunden zu entschädigen, die diese Papiere bereits mit Verlusten verkauft haben.

Diese Vereinbarung ist ein weiterer Schlag gegen Citigroup. Das Bankhaus hatte im zweiten Quartal Verluste in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar gemeldet, da zwölf Milliarden Dollar völlig abgeschrieben bzw. als Rücklagen für uneinbringliche Außenstände verbucht werden mussten. Die Aktienkurse der Citigroup sind in der New Yorker Börse inzwischen auf den Tiefstand von 18,47 $ gefallen. Das jetzt erzielte Abkommen ist in seiner Größenordnung bisher einmalig und gibt einen Hinweis auf das Ausmaß von systematischem Betrug und Korruption, das in den Banken und Finanzinstituten in der letzten Verbriefungs-Manie geherrscht hatte, die im August 2007 dramatisch eingebrochen ist.

Der Betrug mit den Auktionspapieren ist nur die sichtbare Spitze des riesigen Eisberges einer zwielichtigen Kreditvergabe bei der größten US-Bank. Während des Booms der Verbriefung von Eigenheimhypotheken in den Jahren 2001 bis 2007 war Citigroup bekannt als eines der aggressivsten »Kreditraubtiere«, die ihre sehr teuren Hypothekendarlehen vielen armen Schwarzen und Latinos im ganzen Land aufdrängten, die oft die komplexen Zusammenhänge ihrer Hypothekenverträge gar nicht verstanden und erst nach drei Jahren feststellten, dass sie ihre stark angestiegenen monatlichen Hypothekenraten gar nicht bezahlen konnten.











Einem 75 Jahre alten peruanischen Immigranten, der nur wenig Englisch spricht, droht die Abschiebung, nachdem er erfahren musste, dass die Bank sein Einkommen falsch angegeben hatte, um den Kredit auszahlen zu können. Für diese als »räuberische Kreditvergabe« bekannte Geschäftspraktik war die Citigroup geradezu berüchtigt.



Während des Verbriefungs-Booms und dem Wahnsinn der Vergabe zweitklassiger Hypotheken in den letzten fünf Jahren hat Citigroup mehr Kreditbüros zur Abwicklung dieser zweitklassigen Hypotheken unterhalten als reguläre (erstklassige) Bankfilialen. Außerdem hat Citigroup ihr Modell zweitklassiger Hypotheken in über 100 Ländern der Welt vermarktet. Das alles fällt jetzt auf die Bank zurück.

Im Aufsichtsrat (Board of Directors) der Citigroup sitzen übrigens auch Robert Rubin, der ehemalige US-Finanzminister unter Präsident Bill Clinton, Kenneth Derr, der frühere Chef von Chevron Oil und John Deutsch, der ehemalige Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA.

Die UBS AG, die größte Bank der Schweiz, muss dem Vernehmen nach einen ähnlichen Vergleich schließen, da sie in betrügerischer Weise versucht hatte, ihren Klienten unverkäufliche »Auktionspapiere« in Höhe von 25 Milliarden Dollar anzudrehen.



US-Krise weitet sich aus, während Banken ihre Kreditvergabe einschränken

Die US-Krise ist jetzt in die kritische Phase eingetreten, in der die Banken ihre Kreditvergabe einschränken, weil sie noch größere Verluste befürchten. Wenn das so weitergeht, dann wird das zu einer tiefen Wirtschaftsdepression führen, die dann sogar zu einem Selbstläufer wird.

Derzeit weitet sich die US-Finanzkrise von den zweitklassigen Kreditnehmern auf die wohlhabenderen Verbraucher aus, denn es ist nicht zu übersehen, dass die Zahl der wohlhabenden Bankkunden steigt, die ihre monatlichen Hypothekenraten und Kreditkartenschulden nicht mehr bezahlen können. Die wachsende Sorge, dass jetzt auch die reicheren Kreditnehmer in finanziellen Schwierigkeiten stecken, hat Banken und Kreditkarteninstitute veranlasst, ihre Kreditvergabe ab sofort strikter zu handhaben. Das wird natürlich dem Verbrauchervertrauen weiteren Schaden zufügen und den Konsum weiter einschränken. Bankhäuser wie JP Morgan Chase und Kreditkartenunternehmen wie American Express haben bereits ihre Kreditvergabe auch an die Kunden stark eingeschränkt, die lange Zeit als sicherste und profitträchtigste Kreditnehmer galten. »Die Krise fängt jetzt gerade an, sich über die Mittelkasse hinaus auszuweiten«, sagte Curtis Arnold, der Begründer von CardRatings.com.

Die Bankiers werten inzwischen die Tatsache, dass es nach dem Debakel der zweitklassigen (»subprime«) Schuldner jetzt auch immer schlechtere Aussichten für die erstklassigen (»prime«) Portfolios gibt, als Beweis dafür, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist und den Finanzinstituten noch arge Verluste bescheren kann. Banken, die derzeit noch versuchen, ihre milliardenschweren Verluste auf dem Immobiliensektor zu verkraften, schränken jetzt ihre Kreditvergabe an amerikanischen Industrieunternehmen ein und halten sogar auch gesunden Firmen die Gelder für dringend benötigte Erweiterungsinvestitionen und die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte vor. Zwei ganz entscheidende Arten von Unternehmenskrediten – Geschäfts- und Industriekredite von Banken sowie kurzfristige »Warenwechsel« ohne Bürgschaften – sind im letzten Jahr um drei Prozent gefallen, von 3,36 Billionen $ auf 3,27 Billionen $, wie aus den Statistiken der Federal Reserve hervorgeht. Das war der größte jährliche Rückgang seit der Einschränkung der Kreditvergabe im Jahre 2001.

Ein Jahr nachdem die Kreditmärkte eingefroren wurden und sich die Banken weigerten, Aktiva anderer Banken anzuerkennen, weil sie Angst hatten, diese könnten wertlos bzw. unverkäuflich sein, kämpft die US-Zentralbank Federal Reserve immer noch mit der Krise und weitet wichtige Kreditexpansionsprogramme aus, die eigentlich nur als zeitlich befristete Maßnahmen gedacht waren, dem Finanzsystem wieder auf die Beine zu helfen. Am vergangenen Mittwoch kündigte Amerikas Zentralbank an, dass ihr Programm zur Vergabe von Krediten, die sich Investmentbanken von der Fed leihen können, bis zum nächsten Januar verlängert wird. Mit diesem Schritt soll die Verschlechterung der – so die Fed wörtlich – »kontinuierlichen fragilen Lage auf den Finanzmärkten« aufgefangen werden. Die Schwierigkeiten der Finanzwelt treiben die Fed bei ihrem Versuch, eine größere Kreditklemme zu verhindern, immer tiefer in unbekanntes Gelände.



Anzeichen der Wirtschaftsdepression mehren sich in den ganzen USA

Ein weiteres Anzeichen für die dramatische Verschlechterung der US-Wirtschaft ist die Tatsache, dass sich das US-Haushaltsdefizit nach Angaben der Bush-Administration im nächsten Jahr auf den Rekordstand von 490 Milliarden Dollar erhöhen wird – ein riesiges Problem für den nächsten amerikanischen Präsidenten. Das jetzt prognostizierte Defizit für das Haushaltsjahr, das am 1. Oktober d. J. beginnt, ist viel höher als die 407 Milliarden $, die Präsident Bush im letzten Februar angekündigt hatte. Für das laufende Jahr wird ein Defizit von 410 Milliarden $ erwartet.

Die Bundesstaaten New York und Kalifornien, die bevölkerungsreichsten Staaten der USA, stecken in einer tiefen Finanzkrise, da es ihnen die dort geltenden Gesetze verbieten, die durch den Wegfall gutbezahlter Arbeitsplätze an der Wall Street oder durch Einbrüche in der boomenden Industrie Kaliforniens verursachten Steuerausfälle durch Haushaltsdefizite, d.h. eine höhere Neuverschuldung zu decken.

New Yorks Gouverneur David Paterson hat die Bundesregierung um Hilfe gebeten, und davor gewarnt, dass von den geplanten Kürzungen auch Sozialprogramme wie Erziehung und Bildung sowie Gesundheit betroffen sein werden. Die wirtschaftliche Talfahrt des Staates New York hat ein derart großes Steuerloch gerissen, dass sich der Landtag im nächsten Monat auf einer eigens einberufenen Sondersitzung mit diesem Problem befassen muss. Das geschätzte Defizit für das am 1. April 2009 beginnende Haushaltsjahr ist jetzt auf 6,4 Milliarden $ angeschwollen – früher, d.h. mitten in der Finanzkrise an New Yorks Wall Street – wurde dies Defizit auf fünf Milliarden $ geschätzt. Die Angestellten und Unternehmen der Wall Street zahlen etwa 20% der Steuereinnahmen des Bundesstaates New York. 16 der größten Banken New Yorks haben im Juni nur fünf Millionen $ Steuern an das Landesfinanzministerium überwiesen, ein Kollaps von 97% gegenüber dem Vorjahr.

In Kalifornien hat Gouverneur Arnold Schwarzenegger die Entlassung von vielen tausend Teilzeitkräften angeordnet, die beim Land angestellt waren; außerdem wurde der Lohn der meisten Vollzeitkräfte des Landes zeitweilig gekürzt – auf das Niveau des bundesweit geltenden Mindestlohns von 6,55 $ die Stunde. Ungefähr 10.300 Teilzeitkräfte des Landes werden in Kalifornien entlassen. Laut Schwarzenegger verlangt eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes Kaliforniens (State Supreme Court) aus dem Jahre 2003, dass die Löhne der meisten der 200.000 Vollzeitkräfte, die beim Land angestellt sind, gekürzt werden müssen, wenn es keinen ordentlichen Landeshaushalt gibt.



Ausweitung auf die Ebene der Besserverdiener

Nach dem Kollaps der »IT-dot.com-Blase« im Jahr 2001 hatte Alan Greenspan als damaliger Fed-Chef die Zinsraten auf den niedrigsten Stand seit der Depression in den 1930er-Jahren gedrückt und auf diesem Niveau belassen – mit dem Effekt, dass die Lockerung der Kreditschraube viele Amerikaner aus der Mittel- und sogar der Oberschicht dazu verleitete, sich sehr teure Häuser zu kaufen, Autos der Luxusklasse zu leasen und sich einen aufwendigen Lebensstandard zu leisten. Die Kreditschöpfung hat dann zusätzlich die gesamter Wirtschaft angekurbelt und die Wertpapiermärkte. Diese Klasse der wohlhabenden Amerikaner hat in den letzten Jahren spektakuläre Zuwächse bei ihren Einkommen und ihrem Finanzvermögen erlebt. Die veränderten, neuen Kaufgewohnheiten dieser Besserverdiener haben zu erhöhten realwirtschaftlichen Investitionen in einer Vielzahl von neuen Geschäfts- und Dienstleistungsbranchen geführt – in der gehobenen und luxuriösen Klasse. Aufgrund dieser Entwicklung hat dann die Regierung auf allen Ebenen – in Bund, Ländern und Gemeinden – ihre Ausgaben schnell und massiv erhöht. Diese inflationären Verzerrungen übten wiederum in den letzten Jahren große Auswirkungen auf die Grundstruktur der amerikanischen Wirtschaft aus und haben praktisch eine »Dienstleistungs-Blasenökonomie« geschaffen.

Diese Schicht von Amerikas Besserverdienern wird jetzt durch die stark eingeschränkte Kreditvergabe besonders hart getroffen. In diesem Jahr werden wir einen historischen Einbruch bei den Sondervergütungen im Finanzsektor erleben, vor allem einen Kollaps der Sonderprämien an der Wall Street und eine noch nie gesehene Entlassungswelle im gesamten Finanzsektor. Bei dem Autogiganten General Motors haben bereits viele »Weißkittel«-Angestellte ihren Arbeitsplatz verloren, und dieser Trend wird sich in der ganzen US-Ökonomie fortsetzen. Viele Unternehmen und Industriezweige müssen heute die Folgen einer kollabierenden Rentabilität auffangen und werden keine andere Alternative haben als die Gruppe der besser bezahlten Miterbeiter zu verkleinern und die Sondervergütungen zu kappen.

BMW, General Motors, Ford und Chrysler haben alle bereits größere Veränderungen bei ihren Leasingkonditionen angekündigt – das gilt insbesondere für Geländewagen. BMW hat offensichtlich erkannt, dass es problematisch ist, wenn es sich bei ungefähr 60% ihrer Verkäufe in den USA in Wahrheit nur um ein Leasing handelte. In die Höhe geschossene Benzinpreise und andere wirtschaftliche Schwierigkeiten haben vor allem bei den Gebrauchtwagen zu einem starken Werteverfall geführt, so dass jetzt das Leasinggeschäft zu einem Verlustgeschäft geworden ist. Die Leasingkonditionen werden jetzt erheblich verschärft, und diese Dynamik wird die Preise der Gebrauchtwagen noch weiter nach unten drücken. Im Juli ist die Zahl der neu verkauften Autos in den USA auf ihren tiefsten Stand seit 1992 gefallen – ganz sicher mit fallender Tendenz.

Diese Schrumpfung der Realökonomie in den USA wird wiederum Banken wie die Citigroup genau zu dem Zeitpunkt sehr stark treffen, an dem sie versuchen, genug Kapital zu bekommen, um ihre Geschäftstätigkeit fortsetzen zu können.

Genau so sieht der Verlauf einer Depression aus.



Quelle: [info.kopp-verlag.de]

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