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Fussi und mehr
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Erster Beitrag:
vor 8 Jahren, 5 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 8 Jahren, 4 Monaten
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Chelm, Beorn, suk, Iggster, ravanelli, BSer

Rund um Dattenfeld - Siegen

Startbeitrag von Beorn am 23.04.2009 13:07

Nein, mit der Größenordnung von Fortuna - Union können wir in keiner Weise mithalten. Bei uns wurde kein Rekord aufgestellt, wobei das Hinspiel in Siegen immerhin noch immer das bestbesuchte aller Ligaspiele in dieser Saison war. Sportlich gab es mit einem 0:0 für uns einen dringend benötigten Teilerfolg. Mehrere unserer Söldnerseelen wurden gegen Jungs aus der Verbandsligamannschaft ausgetauscht, diese Wechsel machten sich positiv bemerkbar. Und das Glück stand uns in Form eines verschossenen Elfmeters zur Seite.

Eigentlich überhaupt nichts, wofür es sich lohnen würde, ein Thema zu eröffnen. Wenn wir nicht gestern Abend den großen Auftritt von Team Green gehabt hätten.

Lange Zeit war alles friedlich. Unsere Aktiven hatten zur Spaßfahrt aufgerufen, kamen daher im Assilook, mit Unterhemden, Goldketten oder Perücken. Im engen Gästebereich stehen Ultras und Normalos dicht nebeneinander, die erste Halbzeit verläuft praktisch ereignislos, in der Pause unterhalte ich mich mit einem unserer SKBs über mein Referat am Vortrag beim Landesamt für Polizei NRW.

(Hab ich hier glaub ich nix zu geschrieben, oder? Dann kurz: War Gastreferent bei einer Fortbildungsveranstaltung für Führungskräfte der Bereitschaftspolizei. Habe ihnen einen Morgen lang Polizeieinsätze aus Fansicht geschildert und anschließend Fragen beantwortet. Erstaunlicherweise(?) haben viele der Anwesenden vorher praktisch noch nie von einem Fan eine Darstellung und Bewertung ihrer Einsätze gehört oder erzählt bekommen, wie Fans denken und fühlen. Es scheint so, als sei die Veranstaltungsleitung mit meinem Auftritt zufrieden gewesen, denn ich wurde im Anschluß gefragt, ob ich prinzipiell für ähnliche Veranstaltungen zur Verfügugn stände.)

in der zweiten Halbzeit passierts, es wird Rauch gezündet. Wobei es gar keinen Rauch gibt, das Pulver verbrennt lediglich mit hoher Flamme, schon wenige Meter weiter sah man fast nichts. Als das Pulver bereits fast erloschen ist, stürmt die bereits anwesende Bereitschaft in den Block. Die hatten sich schon vorher im vollen Ornat gleich hinter uns aufgebaut. So sah es vorher aus:
Die Beamten stürmten in die Menge hinein, vesuchten wohl, einen rauszuziehen. Es kam zum Gerangel, und dann wurde massiv Reizgas in den Block gesprüht. Teilweise erhielten einige von uns Pfefferspray aus nächster Nähe direkt ins Gesicht gesprüht, wobei auf Augen und Mund gezielt wurde. Auch ich bekam was ab, zum Glück nur wenig. Immerhin weiß ich jetzt, dass selbst viermaliges Waschen und eine komplette Nacht noch nicht ausreichen, und man sich morgens beim Erwachen nicht die Augen reiben sollte...

Wir schreiben hier alle schon recht lang, kennen uns, zumindest in dieser Form, ganz gut. Ihr wisst, dass ich Begriffe wie "Bullenterror" oder "ACAB" nicht verwende. Aber gestern erlebten wir einen gezielten Angriff, und diesen Begriff verwende ich ebenso wie das Wort Provokation. Denn die Polizisten versuchten regelrecht, die ohnehin aufgebrachten Leute zu Überreaktionen aufzuhetzen. Mit ein wenig Mühe gelang es, die Leute zu beruhigen. Wir konnten dann auch mal Wasser vom Verpflegungsstand holen, um unsere Verletzten zu versorgen. Einige lagen nur zusammengekrümmt auf dem Boden, erbrachen sich widerholt, konnten die Augen nicht öffnen. Später sah man an Gesicht, Hals und Unterarmen Reizungen, wie bei einem starken Sonnenbrand. In der Bahn hatten wir nichts anderes als nasse Papierhandtücher, mit denen wir versuchten, die Schmerzen ein wenig zu lindern.
Ein Fan hat sich bei einem Sturz im Block das Knie verletzt, diesen stützten wir auf dem Weg zum Gleis. Er konnte praktisch nicht mehr auftreten.

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Einige kümmerten sich um andere, beruhigten die Gemüter, versuchten jede Form von Provokation gegen die Beamten zu verhindern. Andere dagegen waren ohnehin im Dauerpartymodus, für die war das alles nur ein einziger Spaß. Warum soll man damit aufhören, Nonsenslieder zu singen, wenn neben einem ein anderer versorgt wird? Das Leben ist 'ne Party, sonst zählt nichts.
Zu dieser Fraktion gehörten auch einige Neulinge, die sich wohl als Zentrum einer künftigen "Firm" verstehen. Jede menge Muskelmasse, dafür massive Abzüge auf Intelligenz. Einer von diesen machte in mir mit all seiner Menschenkenntnis gleich einen Zivilpolizisten aus. Den habe ich dann erst mal so wütend zusammengeschissen, dass er sich immerhin dann entschuldigte. Prinzipiell habe ich ihm vor allem gesagt, dass einer, der komplett neu in eine Szene kommt, sich ganz hinten anstellt und erst mal die Fresse zu halten hat. Und wenn er sie aufmacht, dann um zu fragen, wer denn wer ist, wenn man keinen kennt. Hoffentlich bleiben uns diese Megaspackos zukünftig ganz erspart, die gingen eigentlich allen nur auf den Geist!

Es gab zum Glück keine Verhaftungen, einige Persos mussten an die Sonne, zwei wurden des Stadions verwiesen. Einer von ihnen, weil er die eingesetzten Polizisten mit seiner Digitalkamera gefilmt hat. Das habe ich jetzt schon mehrfach erlebt, dass die Cops sehr allergisch darauf reagieren, wenn jemand anders als sie selbst einen Einsatz festhält. Einige von uns mussten schon Bilder oder Videos wieder löschen. Die alleinige Erklärungsgewalt über Einsätze gehört wohl, nach Ansicht der Polizei, allein der Polizei.

Ursprünglich hatte ich mal gedacht, Siegen - Dattenfeld in Siegburg wäre eine entspannte Fahrt ohne besondere Bedeutung. Manchmal kommt eben alles anders, als man denkt. Hier noch ein weiteres Bild, als sich Fans und Polizei gegenüberstanden. Die Bildunterschrift übernehme ich mal vom Fotographen:
Nach dem Pfefferspray-Einsatz. Der Wachtmeister Dimpflmoser unter dem ersten weißen Pfeil scheint sich prächtig zu amüsieren, den Schnauzbart unter dem 2. Pfeil, der sonst im Oberbergischen nur den Verkehr regeln darf, hat Käpt'n Balu schon erwähnt.
Zitat

Aber den Vogel abgeschossen hat der Streifenbulle mit dem Schnauzbart, schön hinter 2 Reihen Bereitschaftspolizei beleidigen und erniedrigen (Ein Junge der Pefferspray in Masse abbekommen hatte, kotze und hatte den gesamten Oberkörper gereizt-> Sah aus wie Sonnenbrand): "Was den los jüngelchen wohl zu lange in der Sonne gewesen, wenn man das nicht verträgt sollte man nicht zum Fußball gehen."
Naja irgendwann war der Schutz vom großen Bereitschaftsbruder weg, da hat er sein Andenken an Siegen bekommen...

Antworten:

Zugegeben: In den letzten Jahren habe ich nicht mehr viele Away-Games gemacht. In meinen aktiveren Jahren habe ich aber relativ schnell das Prinzip von "Ursache und Wirkung" verstanden. Wer Ärger haben will, der bekommt ihn auch. Und zwar nicht zu knapp. Meistens waren gerade die Jungs, die den meisten Punk veranstaltet haben auch diejenigen, die sich anschließend über angebliches Fehlverhalten der Polizei ausgelassen haben. Da konnte ich nur müde lächeln.

Dass die Polente auch schon damals gerne mal daneben gegriffen hat, ist geschenkt. Verschnitt gibt es überall und auch ich selbst habe mal in Mannheim netterweise nen Knüppel abbekommen. Ansonsten hatte ich persönlich so gut wie nie Trouble mit Team Green und das kann bei all den Spielen kein Zufall sein. Benimm Dich halbwegs zivilisiert, dann passiert auch nichts. Im Gegenteil: Manchmal war ich heil froh, dass die Polente da war und mir und anderen den Arsch gerettet hat (Leipzig zum Beispiel).

Die Berichte, die man in der Vergangenheit von vielen Fans und vielen Clubs so lesen konnte, kratzen aber heftigst an diesem Bild. Die Verhältnismäßigkeit scheint völlig aus dem Ruder zu laufen. Besonders die Attacken mit Pfefferspray scheinen sich zu häufen. Davon können die Unioner, die in Paderborn waren, ein Lied singen, die Fortunen im Kessel und jetzt auch die Siegener. Alles ganz frisch und mehr als glaubhaft.

Was ist los mit der Bereitschaftspolizei? Warum liegen die Nerven so blank? Ich finde es erschreckend, Beorn, dass Dein Referat vor der Polizei so was wie Pionierabeit gewesen sein soll. Hat die Polizei wirklich keinen Plan, auf was für Leute sie beim Fußball trifft und wie die so ticken? Scheint tatsächlich so zu sein. Bei unserem Union-Spiel kam noch dazu, dass die Polizei über wenig bis gar keine Ortskenntnis verfügte. Wie kann es sein, dass eine komplette Fan-Gruppe (ausgerechnet die der Unioner, die die Polizei als "problematisch" ausgemacht haben wollte), "verloren" geht und man sie, als man sie endlich wieder geortet hatte, auch noch falsch leitete???

Dass zum Anforderungsprofil eines Bereitschaftspolizisten bestimmt nicht gehört, irgendwann mal den Friedensnobelpreis zu gewinnen, ist klar. Aber sie sollten am Einsatztag wissen, auf wen sie da treffen und wo man überhaupt ist. Wenn das nicht erfüllt ist, ist man für den Einsatz nicht geeignet.


von Chelm - am 23.04.2009 20:05
Ich hab mal eine generelle Frage zu diesem Thema: Wie geht die Polizei eigentlich mit der Handyfilmerei seitens der Fans um. Die müssen doch heutzutage genauso damit rechnen, dass deren mögliches Fehlverhalten auf Film gebannt wird wie umgekehrt. Können solche Filme in einem (möglichen) späteren Verfahren nicht Beweismaterial sein? Oder gibt's da irgendwelche speziellen Regelungen, dass so ein Material juristisch nicht verwertbar ist? Alleine der grinsende Bulle auf deinem Foto könnte doch wohl schon Ärger bekommen, wenn sein Vorgesetzter das Bild sehen würde.

von ravanelli - am 24.04.2009 09:20
Die versuchen die Filmerei zu verhindern.
Siehste z.B. auf Emden - Jena Video gut, wo sie kurz bevor die Polizei losstürmt probieren die Kamera zu verdecken.
Hab's auch schon erlebt, das Speicherkarten einbehalten wurden, die konnte man sich dann auf'm Revier wieder abholen, fehlten nur komischerweise nen paar Bilder...
Wenn die Videos an die Öffentlichkeit gelangen und die Presse drauf anspringt, dann gibts für die Polizisten dann auch Ärger, aber das sind in meinen Augen nur Baueropfer...

von BSer - am 24.04.2009 09:38
Einer von uns erhielt ein Platzverbot, weil er den Einsatz mit einer Digitalkamera filmte. Die Kamera wurde kurzzeitig beschlagnahmt, die Bilder gelöscht, dann erhielt er sie wieder zurück. In den Gästeblock durfte er nicht mehr, aber er ist einfach auf die Gegenseite gegangen, wo sich niemand für ihn interessierte.

Ich war in den letzten Wochen bei zwei Gelegenheiten zugegen, wo die Polizei die Löschung von Videomaterial an Ort und Stelle anordnete und durchsetzte.

von Beorn - am 24.04.2009 09:58
Bin mir nicht 100%-ig sicher, meine aber mal gehört zu haben, dass es generell verboten ist, Polizisten im Einsatz zu filmen oder zu fotografieren.

von Chelm - am 24.04.2009 19:37

Nachtrag

Ich zitiere mal aus einem Jura-Forum:

"Die Anfertigung von Porträtaufnahmen von Polizeibeamten im Einsatz ist regelmäßig unzulässig, und zwar
wegen des fehlenden sachlichen Bezugs an Information. Anders verhält es sich aber, wenn ein Polizeibeamter z.B. bei einer Zwangsanwendung erkennbar ins Bild kommt, da dann ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit am Geschehen anzuerkennen ist.

Das Filmen und Fotografieren polizeilicher Einsätze ist zulässig.
Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass unzulässige Lichtbilder nicht verbreitet werden.
Eine gegenwärtige Gefahr für die öffentliche Sicherheit, welche eine Sicherstellung der Kamera, bzw. sonstiger Speichermedien rechtfertien würde, ist ausnahmsweise nur dann gegeben, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass Lichtbilder entgegen den Vorschriften des Kunsturhebergesetzes unter Missachtung des Rechts der Polizeibeamten am eigenen Bild veröffentlicht werden."

von Chelm - am 24.04.2009 19:40

Re: Nachtrag

...also ich habe in Paderborn mal ein Foto von einer Gruppe Bullen gemacht. Einfach weil das Foto eine gewisse Situationskomik ergab und die Gewalt des Staates so deppig unter ´nem Baum im Schatten stand.

Ein ganz schlauer Oberlippenbartträger, der sich natürlich bestens mit sämtlichen spießbürgerlichen Gesetzesmäßigkeiten auskannte, stellte seine Wichtigkeit anschließend damit unter Beweis, in dem er sich das Foto zeigen ließ und feststelle, dass hier Gesichter zu erkennen seien und dies somit als Porträtfoto durchginge. Um den Einzug meiner Digi-Cam zu verhindern, musste ich das Foto anschließend wieder löschen.

Den meisten der Kollegen schien´s eher peinlich zu sein...aber wer´s braucht. Ich musste letztlich aber wohl froh sein, dass nicht das Märchen mit dem gedecktem Tisch und dem Esel belastet wurde und auch keine Lebensmittel in Sprayform zum Einsatz kamen.

von Iggster - am 24.04.2009 20:02

Re: Nachtrag

Rund um den Einsatz in Paderborn fiel mir auf, dass ziemlich viele Bilder und Videos verbreitet worden sind, auf denen Polizei sogar noch in die Kamera lächelte. Es sind jedenfalls wirklich viele Bilder auch öffentlich zu sehen, bei denen die Herren wohl wissend gefilmt worden sind, ohne etwas zu unternehmen. Vielleicht ist das von Einheit zu Einheit auch unterschiedlich... grundsätzlich versuche ich sowas aber auch eher... verborgen zu tun.

@Beorn: Krasser Bericht und ja wahrlich nicht der einzige Vorfall dieser Tage. Diese Häufung ist schon auffällig. Am erschreckendsten finde ich dabei immer wieder, dass selbst Fanbetreuer oder Begleiter (wie bei uns in PB z.B. das Fanprojekt Berlin, bzw. die EGH) total übergangen werden. Da kann man den Einsatzkräften nen Ausweis vor die Nase halten, das interessiert die gar nicht. Und dieser wahllose Einsatz von Pfefferspray - die Dosen sitzen ja so locker wie noch nie. Schade das der Begriff "Gefahrenabwehr" so dehnbar ist...

von suk - am 25.04.2009 10:07
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