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Flugangst
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8
Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 11 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
Marc-R., www.erklaert.de, Leo, Claus, leo, Sylvi

einige Fragen zu Flugangst

Startbeitrag von leo am 14.01.2006 15:45

Hallo zusammen,

ich hätte eigetl. nicht gedacht, dass ich auch mal irgendwann zu den Leuten gehören könnte, die unter Flugangst leiden, aber obwohl ich in meinem Leben immer gerne geflogen bin und sicherlich schon an die 100 Flüge absolviert habe bin ich wohl jetzt auch im Club.
Der Grund ist übrigens Höhenangst, aber das nur am Rande...

Meine Frage bezieht sich auf ein paar organisatorische Dinge beim Fliegen:

Angenommen, ich stelle mich tapfer meinem Problem und will wieder fliegen, merke aber kurz vom boarding, dass ich es mir nicht zutraue! Kann man da eigentlich noch einen Rückzieher machen (Koffer im FLugzeug etc.)?

Kann man den Sicherheitsbereich wieder verlassen, wenn man einen Rückzieher macht?

Das wärs eigentlich, wenn man erstmal drin ist, ist es ja eh zu spät...dann heißt es Augen zu und durch.

Gruß
Leo

Antworten:

Hallo Leo,

wir haben in 2004 eine Studie zu den Ursachen von Flugangst und der Angstgeschichte von Betroffenen veröffentlicht (siehe u. a. "Ärzte Zeitung"). Dabei hat sich herausgestellt, dass 62 Prozent der Flugängstlern jahrelang problemlos geflogen sind. Nur 34 Prozent haben schon einmal einen externen Zwischenfall (heftige Turbulenzen, Sicherheitslandung, o. ä.) miterlebt und 4 Prozent sind noch niemals geflogen. Die Ergebnisse zeigen, wie komplex und vielschichtig das Problem Flugangst eigentlich ist, und wie überraschend es jemanden belasten kann.

Höhenangst ist aus unserer Erfahrung eine überaus seltene Ursache für die Entwicklung einer Flugangst. Grund: Angst vor der Höhe entsteht auf Bauwerken, Bergen, Türmen, die einen Kontakt zum Boden haben, das heißt, in Situationen, in denen das Gehirn die Verbindung von "IST-Höhe" zu "SOLL-Abstand-Boden" herstellen kann. Das Flugzeug ist ein eigenständiger, in sich geschlossenes System, bei dem das Gehirn diese Relation nicht mehr vermittelt bekommt.

Du kannst sicher wieder aussteigen, wirst Dir aber, was das Problem Koffer angeht, einige unangenehme Blicke der Mitreisenden gefallen lassen: Koffer ausladen, Verspätung, neue Abflugzeit, u. ä.. Das hängt mit der Sicherheit zusammen: Es gibt Passagiere, die ihr Koffer nicht begleitet, nicht aber Koffer, die ohne Passagier fliegen. Das Verlassen des Sicherheitsbereiches ist natürlich auch möglich.

Wahrscheinlich kann Dein Flug nicht mehr umgebucht werden, da Du für die Fluggesellschaft den Flug bereits angetreten hast. Es kommt hier auf die Kulanz der jeweiligen Airline an. Was die Reiserücktrittsversicherung angeht, gibt es ein Urteil des Landgerichts Koblenz:

Die Versicherung müsse in jedem Fall dann zahlen, wenn ein Arzt wegen der Flugangst von der Reise abgeraten habe, befand das Gericht in dem heute veröffentlichten Urteil. Im konkreten Fall bekam ein Passagier kurz vor dem Abflug plötzlich Schweißausbrüche und heftiges Gliederzittern. Der Flughafenarzt riet daraufhin vom Antritt der Flugreise ab. Die Versicherung weigerte sich aber, den Reisepreis zu erstatten.

Das Landgericht Koblenz sah dagegen den Versicherungsfall als gegeben an. Anders wäre die Rechtslage nur bei einem Reiseabbruch nach Antritt der Reise. Denn in diesem Fall läge rechtlich betrachtet kein "Rücktritt" vor, der könne nämlich nur vor Reiseantritt erfolgen.


Also, die Flugangst muss auf jeden Fall vor Ort durch einen Arzt bestätigt werden.

Übrigens, lass es am besten gar nicht erst soweit kommen. Die meisten Betroffenene suchen erst viel zu spät professionelle Hilfe bei der Flugangsttherapie.

Viele Grüße aus Rheinhessen,

Marc
Deutsches Flugangst-Zentrum

von Marc-R. - am 15.01.2006 11:06
Dazu noch ein paar Anmerkungen von mir:

Zitat

Die Versicherung müsse in jedem Fall dann zahlen, wenn ein Arzt wegen der Flugangst von der Reise abgeraten habe, befand das Gericht in dem heute veröffentlichten Urteil. Im konkreten Fall bekam ein Passagier kurz vor dem Abflug plötzlich Schweißausbrüche und heftiges Gliederzittern. Der Flughafenarzt riet daraufhin vom Antritt der Flugreise ab. Die Versicherung weigerte sich aber, den Reisepreis zu erstatten.

Das Landgericht Koblenz sah dagegen den Versicherungsfall als gegeben an. Anders wäre die Rechtslage nur bei einem Reiseabbruch nach Antritt der Reise. Denn in diesem Fall läge rechtlich betrachtet kein "Rücktritt" vor, der könne nämlich nur vor Reiseantritt erfolgen


Sobald das Flugzeug vom Gate ablegt gilt die Reise als angetreten. Soll heisen: Selbst wenn Du kurz vor Schließung der Flugzeugtüren wieder aussteigst wird das Urteil für Dich nicht zum tragen kommt, da es Dir nicht mehr reichen wird bis das Flugzeug vom Gate ablegt einen Arzt auf zu suchen.

Thema Gepäck: Ist kein Problem, wird halt gut 2 Stunden gehen bis Deinen Koffer am letzten Band abholen kannst.

Falls Du Dich entschliest es kurzfristig nochmal zu versuchen: Fast alle Fluggesellschaften bieten gegen geringe Gebühr standby Tickets an (ist für die gedacht wo Ihren Flug verpasst haben), aber kommt auch in diesem Fall zu tragen. Das heist wenn Du nun Mittwoch nicht fliegst, es Samstag nochmal probieren willst und es noch Plätze gibt, dann darfst Du da mit fliegen.

von Claus - am 15.01.2006 17:00
"Sobald das Flugzeug vom Gate ablegt gilt die Reise als angetreten. Soll heisen: Selbst wenn Du kurz vor Schließung der Flugzeugtüren wieder aussteigst wird das Urteil für Dich nicht zum tragen kommt, da es Dir nicht mehr reichen wird bis das Flugzeug vom Gate ablegt einen Arzt auf zu suchen."

Hallo Claus,

vielen Dank für den Zusatz, ist sehr wichtig. Genau das meinte ich, wenn ich sage: Ein Arzt muss "vor Ort" die Flugangst attestieren. Will heißen, der medizinische Dienst des Flughafens - nicht erst der Hausarzt in der nächsten Sprechstunde ... ;-)

Viele Grüße aus Rheinhessen,

Marc

von Marc-R. - am 15.01.2006 18:59
Hallo,

ich würde auch gerne dazu mal ein paar Zeilen beitragen.

Die Antworten von Marc klingen für mich logisch (bin nicht mehr soooo flugängstlich, seitdem ich mich hier gut aufgehoben fühle), Ich kann das auch für mich persönlich so weitergeben.

Höhenangst bekomme ich, wenn ich im 18. Stockwerk eines Hochhauses stehe und dann mal vom Balkon nach unten schaue, so über die Brüstung halt. Nein.... Angst ist das nicht so richtig, eher bekomme ich ganz weiche Knie und schau dann lieber gleich wieder weg. Aber ich weiss, ich stehe ja irgendwie noch auf festem Boden (das Haus eben). In der Luft, beim Flug, ist da eben irgendwie nix anderes unter einem, das "fest" auf der Erde "verankert" ist. Eben nur Luft und Wolken oder Wasser, was man eben so sehen kann.

Ich habe die Erfahrungen bei meinen Flügen gemacht, dass die Höhe mir eigentlich egal war. Ich habe nur an das Flugzeug gedacht (eben die "Röhre" in der Luft, wie wir Flugängstlichen ja das auch manchmal nennen). Denn.... ich kann ja auch vom Baum fallen, der nur 2,00 Meter hoch ist, und mir sonst was brechen :rolleyes:

Für mich persönlich sind die Ängste "Flug" und "Höhe" in dem Fall zwei ganz verschiedene paar Schuhe. Wie gesagt, nur für mich persönlich. Ich habe ja auch meine Platzangst mit in den Flieger genommen...aber mal ehrlich.....Platzangst?? Was hat das mit Fliegen zu tun. Ich denke, diese gewisse Platzangst rührt von was ganz anderem her. Nur es ist ja einfach, auf die wirkliche Flugangst noch eine Platzangst mit "raufzuhauen", oder? Also bei meiner B 747 hatte ich die auch nicht mehr. Schön groß. Geht doch!

Aber ich muss sagen, ist ja wirklich schlimm für leo, der fliegen muss oder auch möchte, dass da plötzlich noch die Höhenangst dazukommt. Und das bei schon ca. 100 Flügen vorher. Wahnsinn (so viel Flüge....träuum..) und echt schade :-(

Aber ob, "weglaufen" so kurz vor dem Flug eine Lösung ist????? Das ganze Theater hinterher, Koffer, Versicherung, Arzt vor Ort, usw.?

Aber jeder hat mit dem Fliegen irgendwie ja seine eigenen Ängste innen drin.

Viele Grüße
von Sylvi





von Sylvi - am 16.01.2006 18:55
Hallo zusammen,

vielen Dank für die interessanten Antworten.

Ich selber teile mich noch der Kategorie ängstlich zu, d.h. ich brauche einen Anschubs und noch keine Psychotherapie oder ähnliches.

Ich hätte nie gedacht, dass diese Minipanikattacke (wahrscheinlich dauerte sie keine 2 Sekunden) oben in der Luft so gravierende Folgen für mein Leben hat.

Aber mein Gehirn scheint sich die kurzzeitige Panik abgespeichert zu haben und nun wird es von meiner Fantasie sehr ausführlich unterstützt, die sich vorstellt, was noch alles für Situationen / Ängste passieren können.

So nach dem Motto: Ich hatte noch nie in meinem Leben Platzangst, aber wer weiß schon, ob ich nicht auch in 10.000 Meter Höhe auch mal welche bekomme und dann ganz gerne aus dem Flugzeug raus möchte. Ich stelle mir das dann grausam vor, und dann kommt die "Angst" da oben der Panik ausgeliefert zu sein.

Ich habe mir hier die Berichte von Passagieren durchgelesen, die plötzlich das Flugzeug verlassen wollten oder einfach nur noch unter "Schock" waren. Und plötzlich konnte ich mich selber auch in diese Menschen eindenken und habe selber Angst, dass mir sowas passieren könnte....und seitdem ist mir ein Stück Lebensqualität verloren gegangen. Ich werde aber definitiv bald wieder in ein Flugzeug steigen, dazu habe ich es früher einfach zu sehr geliebt...

Gruß
Leo


von Leo - am 17.01.2006 10:38
Hallo Leo,

du solltest, nein, Du musst unbedingt möglichst schnell wieder in einen Flieger steigen.

Nach meiner Einschätzung ist Dein Problem die schon oft zitierte Angst vor der Angst. Du hast einmalig eine Panikattacke erlebt (wenn auch nur eine kurze). Nun weißt Du wie sich das anfühlt. Ich verstehe, dass man sich dann Gedanken darüber macht. Man hat das Gefühl des kompletten Kontrollverlusts. Der Körper übernimmt das Kommando. Man fühlt sich macht- und hilflos. Tatsächlich ist das aber nicht so. Es ist sehr anstrengend, aber man kann die Kontrolle wieder zurück erlangen.
Wenn Du allerdings jetzt mit Vermeidungsverhalten anfängst (...dann fliege ich halt nicht, da steige ich halt nicht auf dieses Dach...), dann kommst Du in eine Spirale, aus der es mit jedem vermiedenen Angstpotential schwerer wird wieder hinaus zu kommen.



von www.erklaert.de - am 17.01.2006 11:12
Hallo Leo,

ich möchte Dich zunächst ein wenig beruhigen: Wer an Flugangst leidet und professionelle Hilfe sucht, beispielsweise durch ein entsprechendes Seminar, eine Beratung oder auch einen niedergelassenen Psychotherapeuten, erweckt keineswegs den Anschein, in irgendeiner Form "unzurechnungsfähig" zu sein oder gar einen Stammplatz auf Freuds vielzitierter Ledercouch zu bekommen. Wir sprechen beim Deutschen Flugangst-Zentrum von "Betroffenen", nicht von "Patienten" (... die es selbstverständlich gibt, jedoch eine völlig andere, vielschichtigere Angstgeschichte mitbringen).

Ich unterstütze voll und ganz die Meinung der Forumsleitung: Vermeidungsverhalten wäre der völlig falsche Weg. Du musst erneut die Konfrontation suchen und fliegen. Dennoch verlangt dieses Vorhaben eine gewisse Offenheit: Dieser nächste Versuch kann gut gehen, er kann jedoch - ohne Hilfe bzw. Vorbereitung - auch ins Gegenteil umschlagen, denn viele Flugängstler gehen mit ihrer Angst falsch um. Es wird versucht, Symptome zu unterdrücken und die Angst durch Logik (Statistiken, o. ä.) angegangen. Als kleiner Tipp vor Deinem nächsten Flug: Versuche einmal, das Ziel Deines Fluges mit all seinen Vorteilen kognitiv in den Mittelpunkt zu stellen, nicht den Flug selbst. Bewerte also das Gesamtbild, nicht eine Situation, die Du mal an Bord erlebt hast und nun als negativ abgespeichert ist.

Wir vergleichen das mit einem einfachen Beispiel: Uns allen ist als Kind schon einmal folgendes passiert: Wir gingen in die Küche, fassten - ohne nachzudenken - auf die Herdplatte - und die war heiss. Seit dieser Zeit sind wir bei Herdplatten vorsichtiger - aber wir alle gehen weiterhin in die Küche. - Die Situation an Bord war für Dich schon mal "brandheiss"; deshalb besteht aber noch lange kein Grund, den Flieger künftig zu meiden. Vielmehr kommt es darauf an, seine eigene und die externe Situation nicht durch falsche Gedanken sondern Fakten zu bewerten.

Beste Grüße aus Rheinhessen,

Marc

von Marc-R. - am 18.01.2006 10:46
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