Polnischer Auslandsdienst in Deutsch kehrt zurück

Startbeitrag von 101,4 am 04.05.2016 05:35

Nach zwei Jahren Sendepause starten wir heute erneut mit dem täglichen Programm in deutscher Sprache aus Polen.

Am 1. Juli 2014 musste die Deutsche Redaktion des Polnischen Rundfunks nach 70 Jahren ihren Sendebetrieb einstellen. Für uns, die Mitarbeiter des Polnischen Rundfunks, und für unsere Hörer war es eine harte und schwer verständliche Entscheidung. Doch das politische Machtwort war gefallen. Die Staatsmänner beiderseits der Oder beteuerten ständig, wie gut es doch um die bilateralen Beziehungen stehe. Sie waren der Meinung, dass alles, was gesagt werden sollte, schon gesagt wurde. Und wenn man nichts mehr zu sagen habe, dann könne man das Radio ruhig abstellen.

Dass das ein Fehler war, sieht man spätestens jetzt, da sich die Situation in der Welt, vor allem aber in Europa, so dynamisch ändert und so viele Fragen wieder offen stehen. Fragen, die wir nicht unbeantwortet lassen wollen.

Nach zwei Jahren Sendepause starten wir heute erneut mit dem täglichen Programm in deutscher Sprache aus Polen. Der Neustart kommt sehr gelegen, denn schon bald, am 17. Juni, jährt sich die Unterzeichnung des „Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“.

Daher sollte eine vernehmbare deutschsprachige Stimme aus Polen nicht fehlen. Wir wollen mitreden und hoffen, Sie werden uns auf diesem neuen (alten) Weg wieder begleiten.


Quelle: http://www.auslandsdienst.pl/3/21/Artykul/250693,Der-Auslandsdienst-is-zur%C3%BCck

Antworten:

Ist/war das ein reiner deutschsprachiger Auslandsdienst (für Deutsche) oder auch ein Programm für deutschsprachige Polen (in Polen)?
Hoffentlich wird das nicht so eine "Polska today" Propagandaschleuder der PIS(S)-Partei gegen den verschwulten Westen....

von stefsch - am 04.05.2016 10:42
Nunja, über radiodienst.pl haben die damaligen Redakteure die letzten zwei Jahre trotzdem weitergemacht, mit einem wöchentlichen Blick auf das Geschehen in Polen, und in der letzten Aprilsendung war mir sehr negativ aufgefallen, wie sehr die Redakteure auf die Linie der polnischen Regierung eingeschwenkt sind. Da wurde unter anderem behauptet, die ganzen kritischen Blätter seien ohnehin von deutschen Medien gesteuert (als konkretes Beispiel wurden Springer und die Passauer Neue Presse genannt). Außerdem würden wir von "der gleichgeschalteten deutschen Presse" förmlich dazu "präpariert", der polnischen Regierung feindselig gegenüber zu stehen, und auch die deutsche Regierung würde alles dafür tun, wenn auch natürlich nicht offen, die polnische Regierung zu schwächen. Donald Tusk habe zudem seinerzeit die eigentlichen polnischen Interessen jenen Deutschlands untergeordnet.

Ich hatte die beiden Redakteure zu Zeiten des alten Auslandsdienstes immer sehr geschätzt und hätte nie gedacht, dass sie so extrem auf Regierungslinie gebracht würden. Ehrlich gesagt, war ich geschockt. Die beiden klangen wie komplett ausgewechselt.

Das offizielle Programm startete übrigens offenbar, wie mir ein Blick auf die Seite verriet, bereits am 1. Mai und war wenig berauschend. Auch die übrigen Sendungen, die ich stichprobenartig gehört hahe, stellen eher polnischen Patriotismus heraus.

Das derzeitige deutsche Programm scheint sich tatsächlich eher an das Ausland zu richten. Verbreitet werden soll es wohl nur über Internet, die DAB+-Verbreitung von "Radio Poland" wird mit keiner Silbe ganannt.

Der alte Auslandsdienst war sehr grenzüberschreitend - man hat zwar natürlich viel aus und über Polen berichtet (also ehr für an Polen interessierte Deutsche), aber es gab auch die eine oder andere Reportage aus deutschen Grenzregionen und ihre Verbindungen zu Polen. Mal schauen, wie sich der jetzige Auslandsdienst entwickelt. Mit der von mir gehörten Stichprobe der vorherigen (noch dazu inoffiziellen) Übergangslösung befürchte ich eher eine, wenn auch etwas anders geartete Propaganda- und Patriotismus-Schleuder frei nach Sputnik (damit meine ich jetzt wirklich die Russen) oder auch Radio Ukraine International.

von rolling_stone - am 04.05.2016 12:41
... und in den nächsten Tagen dann auch auf Kurzwelle.

Täglich um 17 Uhr MESZ auf 6005 kHz sowie um 22:30 und 08:30 MESZ auf 3985 kHz.
Die 17:00 Uhr Ausstrahlung der Voice Of Mongolia von Sonntag-Freitag auf 6005 kHz wandert dafür auf 13:30 Uhr MESZ. Die Samstagsausstrahlung des RadioDienst.pl um 17:00 Uhr entfällt.

von Shortwaveservice - am 04.05.2016 13:04
Ist ja auch logisch, weil das dort gebotene Programm ja jetzt nicht mehr gewissermaßen im Untergrund läuft, sondern im offiziellen Auslandsdienst. Kleiner Hinweis, die Sendungen laufen bereits seit 1. Mai. Ist es auch möglich, diese schon jetzt als Podcast zur Verfügung zu stellen? auslandsdienst.pl hat noch keinen Podcast-Feed aktiv, und nur "on demand" ist auch nicht gerade komfortabel.

von rolling_stone - am 04.05.2016 13:13
Auch das ist möglich: http://radio360.eu/index.php/deutsche-podcasts/31-polen

von Shortwaveservice - am 04.05.2016 13:38
Seit Beginn des "Wandels zum Guten" ist Polen auf der Rangliste der Pressefreiheit um 29 Plätze zurückgefallen, von Platz 18 auf Platz 47. Wer hier arbeitet, wurde auf Linie gebracht. Eine reine Propaganda-Schleuder!

von BadestadtFM - am 04.05.2016 13:56
@Shortwaveservice: Danke, das ging fix. Heute morgen war dort nämlich noch nichts zu sehen.
@BadestadtFM: Hattest du das Programm wie ich auch schon vor dem offiziellen Start jetzt oder im Vergleich zu vorher verfolgt? Ich zumindest meine den Vergleich noch ziehen zu können und bin sehr erschrocken.
Passenderweise wird gleich auf der Startseite der so genannte Staatspräsident zitiert, man müsse die Verfassung ändern, um Polen endlich sicherer zu machen. Da bin ich mal gespannt, wie die Entwicklung demnächst aussieht.

von rolling_stone - am 04.05.2016 14:09
Kai Ludwig vom Medienmagazin des RBB liest hier sehr fleißig mit:
http://www.radioeins.de/programm/sendungen/medienmagazin/radio_news/beitraege/2016/polskie_radio_deutsch.html

Ich erkenne hier (m)einen Beitrag aus diesem Thread wieder :-) Schade nur, dass auch er nichs genaueres zu den Gründen der Wiederaufnahme des Programms herausgefunden hat. Aber aufgrund meiner Stichprobe kann ich mir gut vorstellen, dass Polen damit auf die Kritik aus Deutschland an der Regierung reagiert.

von rolling_stone - am 06.05.2016 14:42
Masza Makarowa verlässt Radio Polsha – zum Abschied schreibt Sie einen heftigen Brief

Ich bin mit den schlechten Änderungen nicht einverstanden. Heute, am 22. Juli 2016 habe ich Polskie Radio verlassen. Es war keine leichte Entscheidung, sie fiel mir sehr schwer. Unter der neuen nicht professionellen Leitung wollte ich nicht mehr arbeiten. Die journalistischen Grundsätze werden verletzt und es fehlt auch am Anstand. Sogar die Regeln der russischen Sprache werden nicht eingehalten.

Vor zwei Jahren habe ich angefangen in der russischen Redaktion von Polskie Radio zu arbeiten, erst als freie Mitarbeiterin ab Dezember 2015, dann in Festanstellung. Es klingt als wäre es eine kurze Zeit, aber unser Team unter der Leitung von Żenia Klimakin, schafft in der Zeit vieles. Wir bauten das Portal Radio Polsha, erstes russischsprachiges Informationsportal in Polen auf.

Wir wurden zur Marke in Osteuropa und interessant für die Leser. Viele Menschen erfuhren das erste Mal, dass es die Auslandredaktion von Polskie Radio gibt und wir in russischer Sprache senden. Noch im März dieses Jahres hatten wir 380 Tsd. einzigartige Seitenaufrufe auf unserer Seite, jetzt sind es nur noch 90 Tsd. Vor einem Jahr fragten uns Journalisten aus Russland, ob uns keiner sagt was wir schreiben sollen? Damals antworteten wir: „Natürlich keiner!“ Heute kann ich nicht mehr so antworten. Als junge Journalistin, die sich ihren Ruf aufbaut, kann ich mit meinen guten Namen nicht für Sachen herhalten, die sich auf dem Sender und in meiner Redaktion nach dem Personalwechsel abspielen.

Die Leitung unserer Redktion übernahmen Andrzej Rybałt und Sławomir Sieradzki, nach dem im Mai Żenia Klimakin, Olena Babakowa, Anatolij Zymnin und Igor Isajew entlassen wurden, die das Programm erkennbar machten. Die Leiterin meiner Redaktion Natalia Woroszylska musste einen Krankenschein nehmen. Auf ihren Platz wurde im Juni Nazar Oliynyk bestimmt. Er übernahm die Funktion eines Kommentators und Leiters der russischen Redaktion. Ich finde er ist unprofessionell. Nach 1,5 Monaten zerstörte er alles, was unser Team im mühevoller Arbeit aufbaute. Er zerstörte auch den Enthusiasmus der Mitarbeiter, die sich mit der Redaktion authentifizierten. Ich fühle mich ausgebrannt und demotiviert. Herr Oliynyk spricht schlecht russisch und macht in seinen Sendungen viele Fehler. Die von dem Leiter unsere Redaktion verfassten Texte bedürfen einer grammatikalischen und Rechtschreibkorrektur. Statt russischer tauchen in seinen Texten ukrainische Wörter auf.

Ich bin Russin und sehe in dem was in unserer Redaktion passiert viele Ähnlichkeiten zu dem was die russische Medien erfahren. Das alles ist schwer zu vereinbaren mit der Aufgabe ein russischsprachiges Medium herzustellen, das sich der russischen Propaganda entgegenstellen soll. Paranoiaatmosphäre und das schüren der Angst sind nicht zuträglich für unabhängigen Journalismus. Täglich werden Mitarbeiter genötigt Texte vom Portal zu nehmen und in der Presseschau nur Texte von Verschwörungsmedien wie „W Sieci”, „niezależna.pl“, „Gazety Polskiej”, „wpolityce.pl“ zu zitieren. Sind diese überhaupt interessant für russischsprachige Leser? Die „Gazeta Wyborcya” darf man natürlich nicht zitieren, weil die Texte die Meinung der Autoren enthalten. Es wird mit finanziellen Konsequenzen gedroht, wenn „falsche Medien“ zitiert werden. Es ist der Versuch die Zensur einzuführen und Einflussnahme auf die Unabhängigkeit der Redaktion.

Es gibt Parallelen zur „doppelten durchgezogenen Linie“, die im zensierten Journalismus nicht überschritten werden darf, darüber sprach man kürzlich auf einer Sitzung der russischen RBC. Diesen Sender verließen frewillig 20 Personen, nach dem die Leitung des Senders entlassen wurde. Das passierte in Russland. Das machten russische Journalisten, die wir in den letzten 20 Jahren kritisierten.



Es ist schade, dass polnische Journalisten viel schneller,
als ihre russischen Kollegen, in den Autozensurmodus schalteten.




Es ist eine große Enttäuschung für mich. Ich möchte allen Danken, mit denen ich bei Polskie Radio zusammengearbeitet habe. Żenia, Junna, Denis – ihr seid das beste Team, mit dem ich jemals gearbeitet habe. Es war ein großes Glück, dass ich Euch getroffen und mit mich Euch gearbeitet habe. Von Euch konnte ich lernen wie man journalistisch arbeitet.

Ich danke auch allen, die mich gelehrt haben, was man nie machen darf. Der Wechsel lehrte mich, wie Journalisten reagieren sollen, wenn Meinungsfreiheit nicht gewahrt wird. Ich war die einzige Russin in der russischen Redaktion von Polskie Radio. Ich habe über russische Opposition und das Fehlen von Menschenrechte gesprochen. Ich bin stolz und glücklich, dass ich als erste Person aus unserem Programm allein die Entscheidung getroffen habe den Sender zu verlassen. Ich kann mit den schlechten Änderungen nicht leben.

Masza Makarowa

Quelle: http://www.press.pl/tresc/44941,masza-makarowa-odchodzi-z-radia-polsha---na-pozegnanie-pisze-mocny-list

von Seltener Besucher - am 23.07.2016 12:04
Sehr sehr mutig. Man hört heraus, wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen sein muss, aber dass es ihr in der Tat ums Prinzip geht.

von rolling_stone - am 23.07.2016 12:09
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