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Westfernsehen in der DDR

Startbeitrag von rick_71 am 30.04.2003 16:48

Hi,

mich würde mal interesieren, wo überall in der DDR ARD, ZDF und die Dritten dauerhaft zu empfangen waren und mit wechem Aufwand. Ich mach mal den Anfang: Zuhause war ich in einem kleinen Nest in der sächsischen Schweiz nicht weit weg von der tsch. Grenze. ARD war bei uns nicht immer gut empfangbar. Meistens war über Kanal 7 von Berlin. Wenn der nicht ging, klappte es dann mit E4 vom Ochsenkopf. ZDF und die Dritten waren höchstens 5 mal im Jahr gut empfangbar. Radio hingegen war Bayern 1-4 und SFB 1-4 dauerhaft in angerauschtem Stereo empfangbar, ab und an mit Schwundeinbrüchen. Ständig in Mono ging HR 3 vom Hohen Meißner aber auch nicht besonders stabil. Für Bayern/HR hatten wir 8*14Elemente UKW und 2*5Elemente E4. Berlin war mit einer 16er Gruppe Kanal 7 und 4*14Elemente UKW das aufwendigste. Interessanterweise konnten wir den Kanal 5 vom Berliner Fernsehturm ständig empfangen. Liegt offenbar am höheren Senderstandort.

Die 50 interessantesten Antworten:

PowerAM schrieb:

Zitat

@ Kay Bartholomäus:
Nebenbei könnte
ich noch erwähnen, daß AFN-TV manchmal gaaanz schwach
aufnehmbar war, aber mit dem Farbfernseher meiner Eltern
nicht brauchbar darstellbar war. Ich hatte damals ein kleines
russisches Wunder (Junost), der machte immerhin ein
verschwommenes Bild draus. Ton war nicht empfangbar. BFBS-TV
konnte ich nie sehen, eher noch das Programm der Franzosen.
Die saßen ja im Norden (West-) Berlins und kamen trotz extrem
schwacher Abstrahlung zumindest einigermaßen an.

Zu deiner Frage nach dem Farbfernseher: Zumindest mit
zunehmender Popularität der Farbgeräte Mitte der 80er Jahre
entstand natürlich auch der Wunsch, PAL und SECAM empfangen
zu können. Fernsehgeräte im Laden gab es schon, die waren
allerdings im Regelfall ohne PAL-Decoder. Wer ein Gerät mit
PAL und SECAM wollte mußte es bestellen, die Lieferzeit wurde
vorsichtshalber meinem Vater gegenüber nicht festgelegt. Es
war von 9 Monaten bis 2 Jahren die Rede.

Irgendwie gab es aber in seinem damaligen Betrieb die
Möglichkeit, genau dieses Gerät "vielleicht" zu kaufen. Für
die ca. 1400 "Werktätigen" standen nach Aussage meines Vaters
12 Geräte zur Verteilung bereit. Insgesamt waren es 20 Stück
gewesen, die ersten 8 gingen aber an "besondere
Bedarfsträger" (Brigadeleiter, Parteisekretär, ...). Da man
aber in diesem Betrieb einigermaßen demokratisch arbeitete
durfte sich jeder Interessent bewerben. Aus den Bewerbungen
wurden dann 12 Interessenten ausgewählt, die sich durch
besondere Leistungen verdient gemacht haben. Dabei hatte er
irgendwie Glück und bekam den Zuschlag. Damit "durfte" er
eines dieser Geräte für ca. 6000 DDR-Mark kaufen. Es waren
übrigens alles "Exportgeräte" für den Quelle-Versand die
wegen optischer Mängel nicht exportiert werden konnten. Daher
auch die Ausrüstung mit PAL- und SECAM-Decoder. Bei unserem
Exemplar war die Möbelfolie auf dem Preßspan-Gehäuse schief
und blasig verklebt was den Nutzwert des Gerätes aber in
keiner Weise beeinflußte.

Damit gebe ich zurück in die angeschlossenen Funkhäuser. 128
de Janek.

QTH: 15 km nördlich von Berlin [52° 43' 00'' N - 13° 26' 00''
O]
[RX: Autoradios VW Alpha, Philips RC 219 BQRs und HiFi-Tuner
Technics ST-S 505, ANT: HB9CV und Kathrein 3-El. Yagi]




Soweit ich weiß, hatten, zumindest seit den 80ern (ich sehe etwa seit '81 fern) die in der DDR verkauften Geräte alle PAL und SECAM regulär eingebaut (denn wer hätte schon ein Gerät gekauft, das nur 'Osten' in Farbe bringen konnte?). Ausnahmen gab es lediglich im Tal der Ahnungslosen sowie an Schulen (sowie wahrscheinlich an anderen öffentlichen Einrichtungen). So z.B. bei meinen Großeltern südl. von Dresden, die zu DDR-Zeiten niemals 'Westen' gekriegt haben. Die hatten einen CHROMAT, der nur SECAM konnte. Ende der 80er haben sie dann einen neuen gekauft, der auch PAL konnte (nutzen konnten sie dieses Feature allerdings erst ab ca. 1990, als sie sich eine Sat-EInzelanlage zulegten). Übrigens wurden mit der Abschaltung der terrestrischen SECAM-Ausstrahlung auf dem Gebiet der Ex-DDR (1991 ?) unzählige Geräte im Tal der Ahnungslosen über Nacht zu Schwarzweiß-Empfängern ! Dies sei nur am Rande erwähnt. Ein ähnliches Schicksal muß unzähligen Polen und Tschechen widerfahren sein, wo ähnlich rabiat verfahren wurde. In meiner Schule, die ich von 1981-1991 besuchte, wurden noch kurz vor der Wende nagelneue Farbfernseher angeschafft (vorher gab es nur Röhre mit Drehregler), natürlich nur mit SECAM. Auch diese wurden auf diese Art und Weise schnell zu S/W-Geräten.
Ich kenne jedenfalls keinen Privathaushalt mit Westempfang, der nur Osten in Farbe hatte. Selbst Linientreue, die ihren Kindern Westfernsehen verbaten, hatten Westantenne- und Farbe. Teilweise wurden sogar SANYO-Geräte verkauft (auch für Ostmark). Diese zu bekommen, war allerdings schon etwas schwieriger.

Was den Empfang von AFN angeht, das wurde ja in NTSC ausgestrahlt. Deshalb konnte man, selbst bei gutem Empfang, maximal ein gutes S/W-Bild haben (so wie bei mir zuhause), ohne Ton. TV-Geräte mit diesem Feature (NTSC) wurden m.E. im Osten gar nicht verkauft, vielleicht im Intershop. Ich kenne jedenfalls keinen, der sowas zu Ostzeiten hatte. Anders beim BFBS-TV, hier mußte ja 'nur' der Ton geknackt werden. Ich kenne zwar auch hier keinen, der das hatte. Gelegentlich konnte ich jedoch entsprechende Antennen für dieses Programm auf den Dächern entdecken, auch dort, wo (vermutlich) keine Diplomatenwohnungen waren. Diese Antennen waren leicht zu erkennen, da dieser Sender in Berlin als einzigster vertikal sendete (UHF E41, später von BBC World benutzt, allerdings horizontal vom Alexanderplatz, in PAL B/G). Der Empfang von BFBS (auch SSVC genannt) war übrigens miserabel, nicht nur wegen der Polarisation, sondern generell haben die sehr schwach gesendet. Jahrelang wußte ich gar nicht, daß es diesen Sender gibt.

Der Sender der Franzosen ( FRANCE2, ehem. ANTENNE 2, davor bis Mitte der 80er TV5, davor angeblich TF1 ? - wer weiß hier besser Bescheid als ich, das war vor meiner Zeit ? - , mit Regionalfenster 'tfb - television francaise a Berlin') auf Kanal E31, war zumindest im Zentrum Ostberlins sehr gut zu empfangen (mit Zimmerantenne bei mir in der Nähe des Alexanderplatzes sogar besser als die Westsender) und hat komischerweise in der gleichen Norm gesendet, wie das DDR-Fersehen, also in CCIR und SECAM-Ost, obwohl doch das französische SECAM andere Parameter hat, als das osteuropäische, oder ?-

Wer weiß, inwiefern man mit einem PAL/SECAM(-Ost) B/G-Gerät französisches Fernsehen an der französischen Grenze empfangen kann ?

Als das DDR-Fernsehen 1991 (?) in Landesanstalten umgewandelt und damit auf PAL umgestellt wurde, haben die Franzosen auf K31 sofort nachgezogen ! (Ich hatte damals bereits ein Nur-PAL.Gerät von einem Westbekannten geerbt, daher ist mir das sofort aufgefallen).

Da ja PAL / SECAM-Geräte ja in der Regel auf PAL-Basis arbeiten und das SECAM in PAL umsetzen, wäre es noch interessant zu wissen, ob die nur-SECAM-Geräte eine völlig andere Schaltung hatten (es waren ja eigentlich die gleichen Modelle, nur ohne PAL), oder ob auch die in PAL umgesetzt haben, aber den eigentlichen PAL-Empfang unterdrückten, was natürlich absurd, aber nicht unvorstellbar wäre.

von Sebastian Fritzsche - am 15.04.2005 20:06
Hier in Lübz waren dank des QTH Höbeck ZDF und N3 klar zu empfangen - jedenfalls mit aufwändiger Hochantenne. Probleme gab es hier mit dem Ersten. Trotz der Hochantenne hatten wir dieses Px nur mit Grieß (S=3) vom QTH Zernien. Es muss aber gesagt werden, dass wir hier ziemlich ungünstig wohnten, die Hochantenne wurde extra nach dem Ersten ausgerichtet. Aber auch im Haus meiner Großeltern, die sehr günstig (höhere Lage am Stadtrand) wohnten, war das Erste genau so mies herein, Höbeck knallte dagegen dort recht heftig hinein und auch aus Uelzen waren ZDF und N3 zu empfangen (wenn auch verrauscht). Bei ÜRW konnten wir das Erste auch über Kanal 9 (Moorfleet) sowie ZDF und N3 aus Berkenthin empfangen. Von dort kamen im Mai 1988 nachts bei einer ÜRW erstmals RTL (K 36) und SAT1 (K 42) durch.

In Jena, wo ich von 09/1988 bis 07/1991 lebte, war der "Westempfang" wegen der Tallage der Stadt ziemlich problematisch. Das Erste kam im Süden der 14 km langen Stadt recht gut über Torfhaus E-10 herein. Im Stadtzentrum gab es nur die Möglichkeit über den Ochsenkopf E-04, die Dächer waren vollgespickt mit selbstgebastelten Konstrukten für Band1. Trotzdem war die Qualität auch ohne Sporadik-E ziemlich dürftig.
Beim ZDF kamen sich die QTH Torfhaus und Hof auf K23 ins Gehege, der Heidelstein kam hier kaum herein. Ich vermute, das das ZDF in Jena nirgendwo ohne Querstreifen empfangbar war. N3 und Bayerisches FS kamen etwas vergrießt herein (S=3 bis 4), es war vermutlich vom Standort abhängig. Vielerorts waren auch in Jena lokale Kabelnetze im Einsatz, die Kopfstationen lagen meistens oberhalb der Wohngebiete. In der Regel wurden die UHF-Kanäle auf VHF umgesetzt, um Kabelverluste zu verringen. Ebenso war es mit der Wohnblockantenne im Studentenwohnheim in Lobeda, hier waren das ZDF auf E-03, Bayerisches FS auf E-12 und DDR2 auf E-08 umgesetzt. Dazu kamen noch die original eingespeisten Signale vom ARD (E-10) und DDR1 (E-06, QTH=Brocken?). In der Innenstadt waren für die beiden DDR-Px natürlich Füllsender in Betrieb.

In den 60er Jahren (weiß ich nur vom Hörensagen, das war vor meiner Zeit) war der UHF-Empfang in der DDR verboten, häufig wurden illegal Konverter gebastelt. Da diese ziemlich unvollkommenen Konverter auch Störsignale ausstrahlten, fuhren häufiger Messfahrzeuge durch die Straßen, um diese Geräte aufzuspüren. Erst mit der Eröffnung des "DDR 2" Oktober 1969 wurde der UHF-Empfang legalisiert,d.h. die Neugeräte waren mit UHF-Tunern ausgestattet (damals leider nur bis Kanal 39) bzw. es gab jetzt sog. "UHF-Konverter" ganz legal zu kaufen. Meine Großeltern hatten für ihren 60er-Jare TV (RFT "Stadion 8") so einen legal gekauften Konverter, der wandelte den eingestellten UHF-Kanal auf 2 Kanäle im Band 1 um (regulär auf E-03, Nachbarkanal etwa auf E-04. Auf E-02 kam aber nichts mehr durch). Immerhin ließ sich dieser Konverter bis Kanal 51 einstellen, der BFBS war kurz vom "Anschlag" des Drehknopfes.
Meine Eltern hatten in den 70ern bereits einen TV mit UHF (Typ "Staßfurt Stella"). Der ließ sich tatsächlich nur bis K41 einstellen, erst nach dem Entfernen einer Sperre und des mechanischen Skalenstriches konnte man den Tuner bis K60 durchstimmen, nach K52 ließ die Empfindlichkeit aber stark nach.

von Analog-Freak - am 16.04.2005 00:21
@ Sebastian Fritzsche

Zitat

Tele 5 wurde meines Erachtens in Berlin niemals ausgestrahlt . Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß mir das entgangen sein sollte (ich komme ja aus Berlin).


Ich habe mal von 'nem Bekannten gehört, daß er damals Ende der 80er bei einem Berlinbesuch Tele 5 empfangen konnte. Das wird dann aber wahrscheinlich Kabel gewesen sein, was damals noch relativ unbekannt war. Deshalb ging er wohl davon aus, daß es auch von der Antenne käme.
Bisher habe ich auch nichts weiter in Erfahrung bringen können, daß Tele 5 jemals in Berlin terrestrisch gesendet hat. Das ist wohl quasie eine Ente.


Zitat

Der Empfang von BFBS (auch SSVC genannt) war übrigens miserabel, nicht nur wegen der Polarisation, sondern generell haben die sehr schwach gesendet.


So toll war die Leistung auch nicht. Man sendete vom Sendemast am Olympiastadion mit 200 Watt. AFN TV sendete dagegen mit 4 000 Watt - allerdings vom Dach des damaligen US-Headquarters in Dahlem, was aber nicht so hoch sein dürfte, wie der Mast am Olympiastadion. Sind auf dem Dach des ehemaligen US-Headquarters eigentlich noch die Antennen drauf?



Zitat

Der Sender der Franzosen (...) hat komischerweise in der gleichen Norm gesendet, wie das DDR-Fersehen, also in CCIR und SECAM-Ost, obwohl doch das französische SECAM andere Parameter hat, als das osteuropäische, oder ?


Stimmt. Das ist sehr komisch, daß die Franzosen in SECAM G und nicht in ihrer eigenen Norm - SECAM L - gesendet haben. Vielleicht wollte man damit die Leute in der damaligen DDR und Ost-Berlin besser versorgen.

Die Normen G und L unterscheiden im Bild-Ton-Abstand, in der Modulation des Tones (FM bei G und AM bei L) sowie der Modulation des Bildes (negativ bei G und positiv bei L) voneinander.

Mit einem SECAM-Empfänger, der (nur) für die Norm G ausgelegt ist empfängt man in Frankreich nur ein invertiertes (also negatives) Bild, das hin und her kippt, da die Synchronisationssignale ebenfalls invertiert sind und damit nicht ausgelesen werden können. Farbig ist das ganze aber trotzdem, nur halt invertiert. Das sieht dann so aus, wie RTL4, daß früher auf Astra in Luxcrypt verschlüsselte. Hören tut man auch nichts, da der Bild-Ton-Abstand und die Tonmodulation anders ist.

Umgekehrt (also beim Empfang von SECAM G mit einem SECAM-L-Empfänger) sieht's genau so aus.


Zitat

Da ja PAL / SECAM-Geräte ja in der Regel auf PAL-Basis arbeiten und das SECAM in PAL umsetzen, wäre es noch interessant zu wissen, ob die nur-SECAM-Geräte eine völlig andere Schaltung hatten (es waren ja eigentlich die gleichen Modelle, nur ohne PAL), oder ob auch die in PAL umgesetzt haben, aber den eigentlichen PAL-Empfang unterdrückten, was natürlich absurd, aber nicht unvorstellbar wäre.


Das mit der Umwandlung von SECAM nach PAL ist meines Wissens nur bei neueren Geräten üblich. Soweit mir bekannt wurden damals - falls zwei Normen gewünscht waren - auch zwei Farbdekoder eingebaut. Reine SECAM-Empfänger hatten auch einen SECAM-Farbdekoder drin.
Heutzutage stellt die Normwandlung von SECAM nach PAL auch bei weitem keinen so großen Aufwand wie vor 20 oder 30 Jahren dar. Damals hätte sowas schaltungstechnisch wohl einen größeren Mehraufwand als ein zusätzlicher SECAM-Dekoder bedeutet - und wäre bei reinen SECAM-Empfängern unsinnig gewesen. Heute hat man sowas auf 'nem Chip, der im Masseneinkauf höchstens ein paar Cent kostet und dann vor dem PAL-Dekoder geschaltet wird und bei Bedarf (also beim SECAM-Empfang) aktiv wird.

Seit den 90ern dürfte sich die Entwicklung für reine SECAM-Empfänger nicht mehr lohnen. Die Länder, welche SECAM noch im Einsatz haben, gehören meist zur zweiten oder dritten Welt (außer Frankreich) und sind sicherlich nicht der Hauptabsatzmarkt für die Hersteller von Heimelektronik. Selbst in diesen Ländern dürfte PAL mittlerweile bei Videorecordern, DVD-Playern und Spielkonsolen dominieren, sodaß die dortigen Fernseher unbeding auch PAL-fähig sein sollten.

Da diese SECAM-Länder aus meiner Sicht nur ein "Zweit-Markt" sind, spart man sich die Entwicklungskosten für eine PAL-SECAM-Version und setzt halt stattdessen diesen SECAM-PAL-Wandler davor.

Bei den Videorecordern ist's ähnlich. Auch hier entwicklet man kaum noch extra PAL-SECAM-Bandmaschinen sondern gibt den PAL-Recordern die Möglichkeit, SECAM aufzuzeichnen. Das nennt sich dann MESECAM (Middle East SECAM - soviel ich weiß). MESECAM-Aufzeichnungen sollen aber qualitativ schlechter als reine SECAM-Aufzeichnungen sein. Zudem lassen sich MESECAM-Aufzeichnungen nicht von reinen SECAM-Recordern (in Farbe) abspielen, sondern nur von MESECAM-Recordern.



von Kay B - am 16.04.2005 11:37
Und hier gleich noch ein passender Artikel aus dem "Döbelner Anzeiger"

Keiner ging zur Demo, alle wollten West-TV

Rosswein
Vor 20 Jahren wurde die Antennengemeinschaft Roßwein gegründet.

Reinhard Kästner

Daran wird Vorsitzender Günter Winterlich auch auf der Wahlversammlung am 26. April erinnern.

Viele Episoden weiß er aus jener Zeit zu erzählen, in der fast alle Roßweiner Westfernsehen wollten, aber auf Grund der topografischen Lage nur 70 Prozent das erste DDR- und nur 30 Prozent das zweite DDR-Fernsehprogramm empfangen konnten. Dies zu verbessern, war der offizielle Grund, den Antrag auf Errichtung einer „Großgemeinschaftsanlage zum Fernsehempfang“ zu stellen. Schon 1984 fragte Winterlich beim Ministerium für Post- und Fernmeldewesen an, ob die Stadt nicht in den Satellitenempfang einbezogen werden könne. Antwort: Das ist nur in begrenztem Umfang für die in der DDR stationierten Sowjetsoldaten möglich.

Übrigens hatte Klaus Graf die Idee zur Schaffung einer Antennengemeinschaft, die vor allem durch den jetzigen Vorsitzenden Günter Winterlich mit weiteren Roßweinern vorangetrieben wurde. „Das größte Problem war die Beschaffung des Materials. Für das Erdkabel mussten wir beim Wirtschaftsrat der DDR die Dringlichkeitsstufe 1 beantragen. Doch auch dann hatten wir noch kein Kabel“, erzählt Winterlich. Erst als Minister Kleiber, der zum Schulfest bei seiner Schwiegermutter in Roßwein weilte, einbezogen wurde, ging es vorwärts.

Winterlich erinnert sich an den ersten Arbeitseinsatz der Mitglieder zum Schachten der Gräben. Dieser war am 1. Mai 1987. Da alle mit der Schaufel arbeiteten, fiel die Mai-Demonstration sehr spärlich aus. Für Winterlich gab es daraufhin eine Vorladung zur SED-Kreisleitung. Um das Vorhaben der Großanlage bekannt zu machen, wurden sogar Wahl-Versammlungen und Zusammenkünfte der Wohnbezirksausschüsse genutzt. So hatten sich bis zum 9. Juni 1986 genau 2086 Mitglieder eingeschrieben.

Der DDR-Staat unterstützte den Bau der Anlage mit einen Betrag von 900.000 Mark und bezuschusste die Gemeinschaft bis zur Wende mit jährlich 150.000 DDR-Mark. „Den Verantwortliche war schon klar, dass es dabei auch vor allem um den Westfernsehempfang ging. Doch sie sahen es als ein Ventil an, dass man durchaus öffnen könnte“, sagt Winterlich heute im Rückblick.

Als dann die Kopfstation gebaut und die technischen Ausstattung gekauft werden sollte, war Westgeld nötig, denn Reciver und Verstärker gab es nur gegen harte Währung. Winterlich musste auf abenteuerliche Weise Geld tauschen, um die Technik anschaffen zu können. Nach dem Probeempfang in Wohnblöcken der AWG ging es 1988 los: Fünf Fernsehprogramm, zwei der DDR, dazu das ARD, das Zweite und das Dritte aus Bayern bzw. Berlin waren in Farbe zu empfangen und die Freude bei den Roßweiner war groß. In der Dresdner Straße wurde das Büro der Antennengemeinschaft eingerichtet, in der Hanni Heinze und Sonni Liebe die Mitglieder der „Antenne“ betreute. Übrigens wurde die Anlage von der damaligen PGH Rundfunk und Fernsehen Döbeln aufgebaut.

von medientechniker - am 16.04.2005 16:34
Kay B schrieb:

Zitat

@ Sebastian Fritzsche

Die Normen G und L unterscheiden im Bild-Ton-Abstand, in der
Modulation des Tones (FM bei G und AM bei L) sowie der
Modulation des Bildes (negativ bei G und positiv bei L)
voneinander.

Mit einem SECAM-Empfänger, der (nur) für die Norm G ausgelegt
ist empfängt man in Frankreich nur ein invertiertes (also
negatives) Bild, das hin und her kippt, da die
Synchronisationssignale ebenfalls invertiert sind und damit
nicht ausgelesen werden können. Farbig ist das ganze aber
trotzdem, nur halt invertiert. Das sieht dann so aus, wie
RTL4, daß früher auf Astra in Luxcrypt verschlüsselte. Hören
tut man auch nichts, da der Bild-Ton-Abstand und die
Tonmodulation anders ist.

Umgekehrt (also beim Empfang von SECAM G mit einem
SECAM-L-Empfänger) sieht's genau so aus.





Wie sah (bzw.) es denn aber mit dem Empfang an der deutsch-französischen Grenze aus? Mit den normalen deutschen Geräten scheint das ja nicht möglich gewesen zu sein. Gab es also, im Ggs. zu den anderen Nachbarländern gar keinen grenzüberschreitenden TV-Empfang mit Frankreich? Mußten die, die es interessiert hat, sich teure Multinormempfänger zulegen? In alten Quelle(usw.)-Katalogen habe ich entdecken können, daß es fast jedes Gerät für einen geringen Aufpreis auch mit 'DDR-Farbe' gab, nicht jedoch für Frankreich-Empfang. Sollte das Interesse so gering gewesen sein ?

Sollte es in Berlin und der DDR mehr Zuschauer des französischen Fernsehens gegeben haben als in Südwestdeutschland ?


Noch eine Frage: Wieso kann ich mit meinem alten DDR-Fernseher (also PAL/SECAM B/G) die französischen, über Satellit (also bei mir Atlantic Bird 5°West) in SECAM ausgestrahlten Programme einwandfrei empfangen (also Ton ist ja klar, aber Bild?). Ich dachte nämlich jahrelang, daß dies, wegen der sehr unterschiedlichen Norm, nicht möglich sei, bis ich es einmal probiert habe. Seitdem denke ich nämlich, daß es sich bei 'L' um eine nicht mehr gebräuchliche Variante handelt (so wie die alte 819-Zeilen Norm). Jetzt weiß ich eigentlich gar nicht mehr, was ich glauben soll.

Zitat

Bei den Videorecordern ist's ähnlich. Auch hier entwicklet man kaum noch extra PAL-SECAM-Bandmaschinen sondern gibt den PAL-Recordern die Möglichkeit, SECAM aufzuzeichnen. Das nennt sich dann MESECAM (Middle East SECAM - soviel ich weiß). MESECAM-Aufzeichnungen sollen aber qualitativ schlechter als reine SECAM-Aufzeichnungen sein. Zudem lassen sich MESECAM-Aufzeichnungen nicht von reinen SECAM-Recordern (in Farbe) abspielen, sondern nur von MESECAM-Recordern.


Leider lassen sich SECAM-Kassetten aus Frankreich auch nicht auf MESECAM- Videogeräten (kombiniert mit PAL/SECAM B/G-TV-Gerät) farbig abspielen. Ich habe das mehrfach probiert (mit verschiedenen vorbespielten französischen Kaufvideos), und dachte, daß gerade dies unproblematisch sein sollte, jedenfalls nach meinen neuesten Erkenntnissen (s.o).
Komischerweise funktioniert es manchmal mit einem reinen Pal-Fernsehgerät, wenn ich den Videorecorder auf PAL/MESECAM-'AUTO' stelle. Zumindest habe ich dann, zu völlig willkürlich vom Fernsehgerät gewählten Zeitpunkten, ein farbiges Bild, nicht invertiert, jedoch mit s e h r grellen Farben (wenn ich den Farbregler am TV entsprechend zurücknehme, ist es jedoch ein erträgliches Bild). Auf dem PAL/SECAM -TV ist jedoch stets nur ein S/W-Bild zu erhalten.
Aufnahmen vom o.g. französischen Satelliten-TV sind jedoch ohne weiteres möglich. Die Qualität ist auch nicht schlechter als bei VHS üblich.


Zitat

Das ist sehr komisch, daß die Franzosen in SECAM G
und nicht in ihrer eigenen Norm - SECAM L - gesendet haben.
Vielleicht wollte man damit die Leute in der damaligen DDR
und Ost-Berlin besser versorgen.


Es gab auch Sender des russischen 1. Fernsehprogramms in der DDR, die haben auch in der Norm SECAM B/G gesendet. und nicht in D/K., z.B. nördlich non Berlin auf K11 vertikal und südlich von Berlin auf K23, glaube ich (habe ich im Stadtzentrum leider nie reingekriegt, war auf höheren gebäuden jedoch möglich).


Mir ist noch folgendes Phänomen aufgefallen:

Ich habe einen tragbaren TFT-Fernseher (redstar CTV5 von real, 149 Euro, gefällt mir sehr gut), mit manuell umschaltbaren Tonnormen. Damit habe ich auch schon polnische und tschechische Sender empfangen. Wenn ich einen deutschen Sender empfange und den Ton auf OIRT-Norm stelle, höre ich stets nur ein unangenehmes Geräusch (logisch), ebenso wenn ich polnische o. tschechische empfange, und auf CCIR-Ton schalte (auch logisch). Bei m a n c h e n polnischen o. tschechischen Sendern kann ich jedoch den Ton auch noch empfangen, wenn ich auf CCIR umschalte, in schlechterer Qualität zwar (etwas höhenbetonter), aber immerhin. Dies funktioniert jedoch stets jedoch nur bei einem der jeweils empfangbaren 3-4 Sender (jedenfalls Ende letzten Sommers, als ich es probieren konnte), während bei den anderen Sendern nur das übliche unangenehme Rauschen zu hören war, der Fernsehton jedoch nicht ansatzweise. Ebenso ist bei deutschen Sendern und OIRT-Einstellung stets nur Rauschen zu hören.

Kann mir jemand erklären, woran das liegen könnte. Versuchen die vielleicht, mit einer größeren Ton-Bandbreite, auch CCIR-Geräte zu erreichen ?

von Sebastian Fritzsche - am 04.05.2005 15:33
@ Sebastian Fritzsche

Zitat

Wie sah (bzw.) es denn aber mit dem Empfang an der deutsch-französischen Grenze aus? Mit den normalen deutschen Geräten scheint das ja nicht möglich gewesen zu sein. Gab es also, im Ggs. zu den anderen Nachbarländern gar keinen grenzüberschreitenden TV-Empfang mit Frankreich? Mußten die, die es interessiert hat, sich teure Multinormempfänger zulegen?


Wie von CBS schon geschrieben braucht man zum Empfang der französischen Sender ein für die Norm L taugliches Fernsehgerät bzw. ein Multinormgerät. Ganz früher war sogar noch ein Gerät für die 819-Zeilen-Norm erforderlich. In den Kabelnetzen (zumindest denen der Telekom) werden die Sender in der Regel in PAL B/G konvertiert.


Zitat

In alten Quelle(usw.)-Katalogen habe ich entdecken können, daß es fast jedes Gerät für einen geringen Aufpreis auch mit 'DDR-Farbe' gab, nicht jedoch für Frankreich-Empfang. Sollte das Interesse so gering gewesen sein ?
Sollte es in Berlin und der DDR mehr Zuschauer des französischen Fernsehens gegeben haben als in Südwestdeutschland ?


In der damaligen BRD war (und ist) PAL B/G im Einsatz während in der damaligen DDR SECAM B/G benutzt wurde. In Frankreich nutzt man SECAM L. Zum Empfang der DDR-Programme mußte nur ein zusätzlicher SECAM-Farbdekoder eingebaut werden. Wollte man ein PAL-B/G-Gerät SECAM-L-tauglich machen müßte man fast einen zweiten Tuner einbauen, der die unterschiedliche Bild- und Tonmodulation sowie den unterschiedlichen Bild-Ton-Abstand verarbeitet. Das wäre dann dementsprechend noch teurer geworden und man hätte schon fast 'nen Multinormfernseher gehat.
Zudem stellt sich die Frage, ob auf dem bundesdeutschen Markt die gesamte Nachfrage für fremdsprachige ausländische Programme so groß war wie für deutschsprachige ausländische Programme. Sicherlich war insgesamt das Interesse für das DDR-Fernsehen (abgesehen von Sendungen mit politischen Inhalten) größer.

Dann darf man auch nicht vergessen, daß das DDR-Fernsehen in der BRD eine weitaus größere Fläche als das fränzösische Fernsehen abgedeckt hat. Das französische Fernsehen war allerdings nur in der Rheinebene bzw. im südwestlichen Rheinland-Pfalz und im Saarland empfangbar.


Zitat

Noch eine Frage: Wieso kann ich mit meinem alten DDR-Fernseher (also PAL/SECAM B/G) die französischen, über Satellit (also bei mir Atlantic Bird 5°West) in SECAM ausgestrahlten Programme einwandfrei empfangen (also Ton ist ja klar, aber Bild?). Ich dachte nämlich jahrelang, daß dies, wegen der sehr unterschiedlichen Norm, nicht möglich sei, bis ich es einmal probiert habe. Seitdem denke ich nämlich, daß es sich bei 'L' um eine nicht mehr gebräuchliche Variante handelt (so wie die alte 819-Zeilen Norm). Jetzt weiß ich eigentlich gar nicht mehr, was ich glauben soll.


Die Normen B, G ,H , L, M, N,... haben nichts mit der Satellitenübertragung zu tun sondern geben nur die Parameter für terrestrische TV-Sender an.

Bei der analogen Satellitenübertragung hat man sogenannte Transponder. In einem Transponder wird ein frequenzmoduliertes Bildsignal übertragen. Das Bild kann dabei ein NTSC-, ein PAL- oder ein SECAM-Signal sein. Neben diesem Bildträger gibt es noch unterschiedliche Tonträger, die meist in einem Abstand von 5,80 bis 8,10 MHz zum Bildträger liegen. Diese Tonträger ermöglichen die Übertragung von mehreren Kanälen (z. B. bei Eurosport einen deutschen Ton, einen französischen Ton, ...) oder die Übertragung von Radioprogrammen.

Egal, ob man per analogem Satellitenempfang nun deutsche oder französische Programme empfängt, man empfängt immer ein frequenzmoduliertes Bildsignal. Länderspezifisch wird's erst beim Satellitenreceiver. Dieser macht bei uns in Deutschland erst ein PAL-B/G-Signal daraus. Was du am Modulator deines Satellitenreceivers beim Empfang der französischen Sender auf 5° West erhälst ist das "DDR-SECAM", welches dein DDR-Fernseher entsprechend verarbeiten kann. Das hast du aber deinem Receiver zu verdanken.

Die Norm L ist schon noch gebräuchlich. Nur hat sie halt nichts mit dem Sat-Empfang zu tun sondern bezieht sich nur auf die terrestrische TV-Übertragung.



Zitat

Leider lassen sich SECAM-Kassetten aus Frankreich auch nicht auf MESECAM- Videogeräten (kombiniert mit PAL/SECAM B/G-TV-Gerät) farbig abspielen.


Wie gesagt, MESECAM ist ein komplett anderes SECAM-Aufzeichnungsverfahren. Du kannst mit einem MESECAM-Videorecorder nur MESECAM-Aufzeichnungen wiedergeben - wenn das Teil nicht zusätzlich das "echte" SECAM im Wiedergabemodus beherrscht.


Zitat

Komischerweise funktioniert es manchmal mit einem reinen Pal-Fernsehgerät, wenn ich den Videorecorder auf PAL/MESECAM-'AUTO' stelle. Zumindest habe ich dann, zu völlig willkürlich vom Fernsehgerät gewählten Zeitpunkten, ein farbiges Bild, nicht invertiert, jedoch mit s e h r grellen Farben (wenn ich den Farbregler am TV entsprechend zurücknehme, ist es jedoch ein erträgliches Bild). Auf dem PAL/SECAM -TV ist jedoch stets nur ein S/W-Bild zu erhalten.


Wann wird das Bild farbig? Wenn du eine SECAM-Kasette in deinem MESECAM-Rekorder abspielst?

Es ist möglich, das das Bild eines reinen PAL-Fernsehers farbig wird, wenn man ihn mit einem SECAM-Signal "füttert". Dann ist das aber nicht das Farbsignal, was zum Bildinhalt gehört sondern irgend ein Muster. Das entsteht dadurch, daß sich der Farbdekoder erst einschaltet, wenn er ein Träger bei 4,43 MHz oberhalb des Bildträgers findet. SECAM hat zwei Farbträger - einen bei 4,25 und einen bei 4,40625 MHz über dem Bildträger. Dadurch kann sich der PAL-Dekoder einschalten, zeigt aber nur ein Farbmuster, daß nicht zum Bild gehört.


Zitat

Ich habe einen tragbaren TFT-Fernseher (redstar CTV5 von real, 149 Euro, gefällt mir sehr gut), mit manuell umschaltbaren Tonnormen. (...) Bei m a n c h e n polnischen o. tschechischen Sendern kann ich jedoch den Ton auch noch empfangen, wenn ich auf CCIR umschalte, in schlechterer Qualität zwar (etwas höhenbetonter), aber immerhin.

Kann mir jemand erklären, woran das liegen könnte. Versuchen die vielleicht, mit einer größeren Ton-Bandbreite, auch CCIR-Geräte zu erreichen ?


Ja, das kann an der Tonbandbreite liegen. Oder der Bild-Ton-Abstand stimmt nicht ganz. Aber versuchen, CCIR-Geräte zu erreichen, werden sie sicherlich nicht.



Zitat

Weiß jemand, inwiefern in der DDR Fersehgeräte hergestellt oder verkauft oder selbst umgerüstet wurden, mit denen man 'Fremdnormen', also z.B. Osteuropa-Ton oder AFN-Ton und Farbe, empfangen konnte?


Den Fernseher von B/G auf D/K umzustellen dürfte nicht so problematisch gewesen sein. Wenn da keine Keramikfilter sondern einstellbare Filter verbaut wurden mußte man im Tuner halt so lang rumdrehen bis man was gehört hat. Dürfte sowohl in der BRD wie auch in der DDR der gleiche Aufwand gewesen sein.

Bei AFN TV die Farbe noch zu empfangen dürfte nicht so einfach gewesen sein. Der Farbträger von NTSC liegt bei 3,58 MHz über dem Bildträger. Bei PAL sind's 4,43 MHz. Man mußte da also schon am Farbdekoder rumbasteln. Man müßte den PAL-Farbdekoder also auf 3,58 MHz abstimmen und die automatische Fehlerkorrektur deaktivieren. Dann könnte da was farbiges dabei rauskommen.

Dann stellt sich noch die Frage, ob sich das Gerät überhaupt auf 29,97 Hz synchronisieren kann und das Seitenverhältnis richtig darstellt.

von Kay B - am 05.05.2005 00:38
Was für ein herrlicher Beitrag. Vielen Dank!

Bevor es ganz in Vergessenheit gerät, möchte ich meine Erfahrungen aus dem Raum Dresden hier mitteilen.

1. Weinböhla 01689 (Hanglage):

ARD: - Kanal 4 (Ochsenkopf) - 2er Gruppe 5 Elemente Vertikal - je ein Vorverstärker in der Dipoldose
Empfang täglich gut bis sehr gut - selten Grieß und Rauschen - ab und zu Störungen durch Überreichweiten (Italien? - ist mir so in Erinnerung - war das möglich?)

ZDF: - Kanal 23 (Hof) - 4er Gruppe in Zeile + Vorverstärker - Probleme durch DDR2 (Kanal 22)
Empfang Wetter abhängig - aber noch durchaus brauchbar - meine Oma liebte die Serie Denver Clan und hat kaum eine Folge verpasst. ;-)

Bayern 3: - Kanal 57 (Hof) - 4er Gruppe + Vorverstärker
Empfang meist gut - am Tag mehr Grieß und Rauschen - Abends sehr gut

UKW: - 1 x 7 Elemente - Bayern 3 - 99,4 / Bayern 1 - 90,7 / Rias 2 Hof - 91,2 (danke hetietz für die Frequenz) / Antenne Bayern - 103,2 / HR3 - 89,5


2. Volkersdorf 01471

ARD: - Kanal 7 (West Berlin) - 2er Gruppe 13 Elemente - je ein Vorverstärker in der Dipoldose
Empfang täglich gut - am Tag etwas verrauscht - Abends, Nachts und am Morgen meist besser.
Ab und zu Störungen durch russischen Militärfunk - Abhilfe brachte der "Russentot" eine Kaffeedose aus Blech mit einer Spirale und einem "Regler?".

ZDF: - Kanal 33 (West Berlin) 2er Gruppe Mehrkanalantennen (K32-39? Blankenburg) - je ein Vorverstärker in der Dipoldose
Empfang Ton perfekt - Bild sehr schlecht, oft Bild vom tschechischen Fernsehsender welcher von Usti extrem stark auf dem gleichen Kanal sendete.

SFB3/N3: - Kanal 39 (West Berlin) - gleiche Antenne wie ZDF
Empfang täglich Abends, Nachts und am Morgen gut, teils sehr gut - am Tag öfter heftig verrauscht mit viel Grieß.

UKW: - 1 x 5 Elemente nach West Berlin - alle West Berliner UKW Sender in guter Qualität. - 1 x 5 Elemente nach Hessen - HR3 - 89,5 (Hoher Meißner) gut bis sehr gut - manchmal Bayern 3 - 96,3 (Kreuzberg?)


3. Moritzburg 01468 (am Schloßparkplatz - extrem schlechte Lage)

ARD: - Kanal 7 (West Berlin) 8er Gruppe je 13 Elemente mit je einem Vorverstärker in der Dipoldose. Jede Antenne wurde einzeln ausgemessen und entsprechend positioniert.
Empfang täglich mäßig bis gut manchmal auch sehr gut.
Die Tagesschau 20:00 Uhr konnte man jeden Tag ansehen. An dieser Anlage hingen 7 Haushalte.

ZDF und 3.Programme waren nicht zu empfangen.

UKW: 2er Gruppe je 7 Elemente nach West Berlin - alle West Berliner UKW Sender in guter Qualität.

von Staxe - am 25.10.2011 16:26
In der Leipziger Volkszeitung (Lokalausgabe Muldental) war am Montag folgender Artikel zu lesen:

Anfänge des Fernsehens in Colditz
1956 flimmern im Wohnzimmer des Lehrerehepaares Montag die ersten Bilder

In den letzten Wochen wurde viel über die Anfänge des Fernsehens in Deutschland, zum Beispiel "60 Jahre Tagesschau", gesendet und auch geschrieben. Wie war das eigentlich mit der Entwicklung des öffentlichen Fernsehens in unserer Region zu Beginn der 1950er Jahre? Zunächst einige historische Fakten: Anfang der fünfziger Jahre gab es in den USA bereits 15 Millionen Fernsehkonsumenten, in Großbritannien waren es fast 1,5 Millionen und in Frankreich weit über 10000. Viel bescheidener fielen diese Zahlen in den beiden deutschen Staaten aus. Beim Beginn der Ausstrahlung eines regelmäßigen Fernsehprogrammes hatte die DDR die Nase vor. Wenn auch nur um ganze vier Tage.
Vom 21. Dezember 1952 an (offizieller Anlass war wohl der 73. Geburtstag von Stalin) gab es täglich ab 20 Uhr zwei Stunden Sendezeit aus dem Fernsehzentrum Berlin, was auch ausschließlich nur in Berlin auf circa 60 Fernsehgeräten zu sehen war. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1952 startete dann das offizielle Programm der BRD, das Programm des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Mit circa 300 Geräten hatte hier die BRD die Vorherrschaft. Richtig los ging es auf dem Gebiet der DDR erst im Januar 1956, als der Deutsche Fernsehfunk (erst im Februar 1972 in Fernsehen der DDR umbenannt) aus Adlershof sendete. Von diesem Zeitpunkt an breitete sich das Fernsehen von Woche zu Woche mehr aus.
Auch in der Region um Colditz. Im Laufe des Jahres 1956 (nachzulesen auf der Tafel zur Geschichte des Colditzer Ortsteiles Koltzschen) wurde im Wohnzimmer des Lehrerehepaares Montag ein Fernseher aufgestellt und auf dem Dach der Koltzschener Schule, dort wohnten die Montags, eine Antenne montiert. Das war ein Großereignis. Weit und breit war dies der einzige Fernsehapparat. In den Bäcker- und in den Dorfläden der umliegenden Gemeinden behauptete man sogar, der Fernseher von Montags sei der am weitesten von Adlershof entfernt stehende, und deshalb hätten sie auch die Antenne umsonst bekommen. Von nun an hatten die Montags viele neugierige Fernsehgucker im Wohnzimmer zu Gast. Teilweise kamen die Leute direkt von der Feldarbeit zum Fernsehen.
Wenig später erhöhte sich die Anzahl der Fernsehgeräte in der Region, aber in den privaten Haushalten nur langsam, was sicher auch dem hohen Preis geschuldet war. Ein Fernseher der Marke Rafena, produziert im VEB Rafena-Werke (vormals Sachsenwerk) in Radeberg bei Dresden war damals ab etwa 1500 Mark zu haben. Anfänglich kostete ein Gerät sogar 3000 Mark, was fast einem damaligen Jahresdurchschnittsverdienst entsprach. Ihren Preis hatten die neuen Apparate im Westen Deutschlands auch. Aber dort fielen die Preise sehr bald auf unter 1000 DM. Später musste man sich im Osten, wie für so vieles andere auch, sogar anmelden und eine bestimmte Zeit auf den Bezug eines Fernsehers warten. Trotz eines weiteren Werkes in Staßfurt lagen Nachfrage und Produktionszahlen weit auseinander.
Der Fernseher im Hochschrank
Viele Fernsehgeräte waren für den Export bestimmt, vor allem in die Sowjetunion. Ganz im Sinne der sozialistischen Ideale setzte man deshalb auch auf das "kollektive" Fernseherlebnis. Einer dieser Gemeinschaftsempfänger stand in der Schule in Hausdorf. Er stand in einem Klassenzimmer im ersten Stock und war in einem Hochschrank verstaut. Was den Vorteil hatte, dass er während des Unterrichts nicht zugänglich war und alle Fernsehgucker wegen seiner Standhöhe fast gleich gute Sicht hatten. Der Andrang war lange Zeit sehr groß, und bei einer Bildschirmgröße von unter 40 Zentimetern musste das Geschehen auf der Mattscheibe schon mal in die hinteren Reihen übersetzt werden. Bei den Kindern waren die Sendungen "Meister Nadelöhr" und "Professor Flimmrich" sowie die Filme, die wochentags während der so genannten Testbildpause am frühen Nachmittag zu sehen waren, sehr beliebt. In Erinnerung sind vielen vielleicht die Filme "Timur und sein Trupp" oder "Kotschubej", Wenn Friedensfahrt-Zeit war und das beliebte Amateurradrennen des Ostens übertragen wurde, dann saßen oder standen Jung und Alt vor dem TV-Gerät in der Hausdorfer Schule. Bereits am Nachmittag liefen Übertragungen, die zum großen Teil Livebilder aus einem Flugzeug zeigten. Oft sehr wacklig und mit größeren Ausfallzeiten. Was aber der Begeisterung keinen Abbruch tat. Sicher hatte dies auch damit zu tun, dass die Sportstars, wie Täve Schur, Manfred Weißleder, Erich Hagen und Bernhard Eckstein, oft die großen Gewinner und sehr beliebt waren.
Von Beginn an war das Fernsehen in Ost und West auch ein Instrument der politischen Einflussnahme und fester Bestandteil des Kalten Krieges. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb: Wer kann am weitesten in das Sendegebiet des anderen hineinstrahlen und seine Werte an die Schar der Fernsehgucker weitergeben. In der Realität zeigte sich, dass Empfangsmöglichkeiten, Interesse und Einflussnahme des Westfernsehens größer waren als umgekehrt. In diesen ersten Jahren des Fernsehens war der Empfang aus dem Westen in unserer Region technisch nicht möglich. Einige Jahre später, ab 1958, sorgte der Sender Ochsenkopf des Bayrischen Rundfunks, der bis nach Westsachsen hineinstrahlte, dafür, dass mit einer so genannten Ochsenkopfantenne der Empfang vielerorts möglich wurde. Diese Antenne war eine Diapolantenne recht einfacher Bauart aus Aluminiumrundmaterial oder Kupferrohr. Immerhin wies sie eine Gesamtlänge von 2,23 Metern aus. Sie wurde versteckt in Bodenkammern oder auf Wäscheböden vertikal an der Dachkonstruktion aufgehängt und mit dem damals handelsüblichen UKW-Antennenkabel zum Fernseher hin verbunden. Die meisten dieser Antennen entstanden in Eigenbauweise und unter Verwendung von aus den Betrieben organisierten Materialien. Viel Fantasie brachten die Bewohner von Mehrfamilienhäusern auch beim Einrichten des besten Empfanges auf. Da wurde nicht einfach von der Wohnungstür zum Dachboden gerufen, das Bild ist gut oder schlecht, sondern es wurden sich für "gut" und "schlecht" Codes ausgedacht. Denn es gab bis zu Beginn der 1970er Jahre (Machtübernahme durch Erich Honecker) immer wieder staatliche Aktionen und Repressalien gegen das Westfernsehen. So zum Beispiel 1961, unmittelbar nach dem Mauerbau, die "Aktion Ochsenkopf" der FDJ, wo in Größenordnungen die Westantennen regelrecht vom Dach gesägt wurden. Der Wunsch nach einem guten "Westbild", um den "Blauen Bock", "Lassie" oder Hans-Joachim Kulenkampff mit seiner Sendung "Einer wird gewinnen" zu sehen, war jedoch nicht zu unterbinden.
Die Region um Colditz und Rochlitz erlebte in dieser Zeit durch einen Militärsender der Roten Armee auf dem Rochlitzer Berg, der sehr nah an der Sendefrequenz des TV-Senders Ochsenkopf sendete, ein erneutes Aus für den West-Empfang. Plötzlich war auf dem Bildschirm nur noch Schneegriesel zu sehen und gelegentlich russische Stimmen zu hören. In dieser Zeit entstanden in kürzester Zeit Tausende von so genannten Russentods. Technisch handelt es sich dabei um ein ganz einfaches Verfahren zum Entzerren bzw. Zerhacken von störenden Frequenzen. Gebaut wurden diese Geräte aus Aluminiumblechkörpern, einer dicken Kupferspule, einer runden Metallplatte und einigen Schrauben. Dieses Gerät wurde zwischen das Antennenkabel eingebunden, und durch Drehen und Schrauben an der Spule erreichte man wieder einen Westempfang in gewohnter Qualität. Skurril war schon, was alles für das Hauptstück des Gerätes, den Alukörper, herhalten musste. Da kamen Tauchsieder- und Milchtöpfe, Elaskon-Flaschen (beliebtes DDR-Mittel zur Hohlraumkonservierung bei Trabant und Wartburg) und unzählige Tafeln von Aluminiumblech sowie ganze Lagerbestände an dickem Kupferdraht zum Einsatz.
Antennengemeinschaften entstehen
Als alle Tauchsieder- und Milchtöpfe aufgekauft waren, wurden kartonweise Elaskon-Flaschen beschafft und unter Verletzung jeglicher Umweltnormen einfach leer gegossen. Ein besonders erfinderischer Bastler kam sogar auf die Idee, eine Milchkanne umzubauen und neben seinen Fernseher zu stellen. Doch ein Engpass bei Milchkannen trat zum Glück nicht mehr ein. Auch stieg bald die Arbeitsproduktivität wieder deutlich an, denn der sowjetische Armeesender auf dem Rochlitzer Berg änderte seine Sendefrequenz. Die allermeisten "Russentods" wanderten nach einer gewissen Karenzzeit in den Schrott.
Von da an dauerte es nicht mehr lang, und das Westfernsehen wurde in der DDR ganz allmählich legal. Im ländlichen Raum entstanden die ersten Antennengemeinschaften, die Vorläufer des heutigen Kabelfernsehens. Am Ende der DDR waren es so viele, dass sie sogar im Einigungsvertrag verankert werden mussten. Bei der Errichtung der großen Neubausiedlungen in den späten 1970er und 1980er Jahren wurden die technischen Voraussetzungen für einen guten Westempfang gleich mit eingebaut. Und heute: Wir können über grenzenlose Fernsehprogramme für Tausende von Speicherplätzen verfügen, es gibt Mediatheken für verpasste Sendungen, und wir müssen keine Störsender mehr austricksen. Wir haben allabendlich nur die Qual der Wahl. Werner Winkler

von dirk-mtl - am 28.02.2013 21:15
Zitat
Jens1978
Tja, die Frequenzen 89,8 aus Chemnitz und 92,2 aus Dresden waren bzw. sind gute Frequenzen um ehemaligen Westsenderempfang zu stören bzw. schwierig zu machen. Mit 2 Frequenzen gleich 4 Programme gestört:
89,6 Berlin - 89,8 Chemnitz - 89,9 Torfhaus
92,1 Torfhaus - 92,2 Dresden - 92,4 Berlin


Hallo, also mal nach meiner Erinnerung.
Ich habe bis 1988 in Dresden Johannstadt im 2. OG eines 11 geschossigen Hochhauses (Elsasser Str) gewohnt. Danach in DD-Cotta.
In Johannstadt war seinerzeit folgendes. Die GAA hatten für UKW nur eine 7-Elemente Antenne auf den Dresdner Fernsehturm (unglaublich sinnlos). Genervt hat das eh. Versuche ergaben dann folgendes. 3 Element UKW Antenne am Fensterrahmen Richtung Berlin nur SFB 1 (88,8), in ca. 150 m Entfernung in Senderichtung ein 10 Geschosser vor der Elbe. Meist Mono. Der Rest des UKW Bandes mit Kreuzmodulationen durch Ortssender übersteuert. Antenne irgendwann wieder ab.
Nächster Versuch Richtung Bayern. 5 Elemente UKW Antenne auf der Loggia soweit wie möglich nach oben aber parallel zur Hausfassade. Ich kann mich nur an Bayern 3 erinnern, aber total schwindendes Mono. Soweit so schlecht. Irgendwann haben wir uns mal Zugang zum Dach verschafft. Es gab da Rauchabzüge mit Nottreppe, wo man aufs Dach (Flachdach) konnte, Schloss geknackt und hoch. Abends im Dunkeln die 7 Elemente UKW nach Berlin gedreht: NICHTS! ??
Wieso? Des Rätsels Lösung als wir auch in den Technikraum eingedrungen sind: Die berühmten UKW Sperrkreise (hießen glaube ich SK 5). Also Deckel ab, und mit einem Stück Draht überbrückt:rp: Nun ging was gehen konnte. SFB I 88,8 ging dann immer, Nachts bis in die frühen Morgenstunden verrauschtes Stereo. SFB II wurde von Radio DDR2 (92,2) tot gemacht, keine Chance. RIAS 1 ging meist, RIAS 2 nachts immer, Tags nur manchmal. Der Tag fing immer dann gut an, wenn früh vor der Arbeit noch der alte Ami Rick de Lisle seine Sprüche über den Osten abließ. Gelegentlich ging auch SFB 3, aber das wars dann auch. Die Frequenzen habe ich nicht mehr greifbar, sollte sich aber eruieren lassen. Eine Besonderheit war jeden Montag von 0-bis 5 Uhr. Da waren außer den Ost-Berliner Frequenzen und einem Leipziger Sender alle DDR UKW Strahler abgeschalten, wohl wegen Wartung ? Da ging natürlich Tropo-abhängig dann das meiste, außer den Funzeln der Alliierten.
Die Situationen waren aber je nach Wohnlage höchst unterschiedlich. Im Talkessel maximal so wie geschildert, in Höhenlagen ging es teilweise besser. Zu 90 % ging es immer Richtung Berlin, Nach Lage z.B. Hänge in DD Wachwitz ging es allerdings nur Richtung Ochsenkopf. Dort gab es auch die berühmten vertikalen Kanal 4 Rechen für die ARD. Torfhaus ging gar nicht.
In DD Cotta ab 1988 dann auf der Hühndorfer Str. 4 eine exponierte höhere Lage, mit meiner 7 Elemente UKW Antenne aber auch nur Berlin aber im allgemeinen weitaus besser aber so gut wie nie rauschfreies Stereo, die Cottbuser Frequenzen wurden mitgenommen, so ging dann nach der Wende noch DT64 (später Rockradio B usw) als in Dresden abgeschaltet wurde
Man möge mir bitte nachsehen wenn die Erinnerung nun nicht mehr ganz so frisch ist, vielleicht haben andere auch noch eine Erinnerung und können die Schilderung ergänzen oder korrigieren.

von hansol1 - am 17.11.2014 07:47
Zitat
hetietz
Ja, vielleicht ist jemand, der dieses Forum liest, aus Dresden-Hellerau oder der Nähe und kann Auskunft darüber geben.
Ich hatte diese Reportage schon einmal gesehen und war vom Antennenaufwand beeindruckt.
Stabile Empfangsverhältnisse kann ich mir jedoch angesichts der Entfernung und der niedrigen Lage der meisten Teile von Dresden ebenfalls kaum vorstellen.


Hallo Ihr Lieben,

ich hatte ja schon mal versprochen Euch von der Anlage in Dresden-Hellerau auf dem Wasserturm zu berichten.

http://www.mdr.de/damals/artikel124234.html

Diese Anlage war überaus beeindruckend und von ihren Ausmaßen das Größte was ich je gesehen habe.

Der ca. 30 Meter hohe Turm hat eine hervorragende Lage - oberhalb vom Elbtal - auf Höhe des Dresdner Flughafen - die Rundsicht vom Dach ist einzigartig.
Auf dem riesigen, flachen Dach konnte man sich in alle Richtungen austoben - alle Genehmigungen dazu waren erteilt.
Heute ziert das Dach ein regelrechter Schüsselwald und zusätzlich sind dort oben alle deutschen Netzbetreiber mit ihren Sende- und Empfangsanlagen vertreten.

Für das ARD Kanal 7 von West Berlin war ursprünglich eine 8er Gruppe 13 Elemente geplant und bereits montiert.
Kurze Zeit später wurde die Anlage zu einer 4er Gruppe 13 Elemente zurückgebaut - das war völlig ausreichend und damit wurde das ARD auf Kanal 7 perfekt und nahezu völlig störungsfrei täglich empfangen.

Ebenso war für SFB3/N3 Kanal 39 von West Berlin eine 8 Gruppe 26 Elemente geplant -
auch hier reichte für einen täglich guten Empfang eine 4er Gruppe 26 Elemente vollständig.

Deutlich schwieriger war der Empfang vom ZDF Kanal 33 von West Berlin zu realisieren.
Das Problem war der nahe Sender in Usti welcher CZ2 auf Kanal 33 sendete.
Auf Grund der anderen Norm war nur das Bild vom ZDF gestört, der Ton war gut zu empfangen.
Versucht wurden bis zu 16 Antennen (17- und 26 Elemente Blankenburg) in verschiedensten Anordnungen und mit Gittern dahinter - der Erfolg war nur mäßig.
Das Bild war meist heftig von CZ2 gestört.
Die letzte und beste Version für das ZDF Kanal 33 war, so glaube ich mich zu erinnern, eine 16er Gruppe 17 Elemente Blankenburg - welche nicht mehr auf dem Dach, sondern an der Nordwand vom Turm montiert war.
Die Stahlbetonwände vom Turm schirmten den Tschechen von Usti am besten ab.

Etwas später wurde zusätzlich zum ZDF Kanal 33 eine Anlage für das ZDF Kanal 23 vom Großen Waldstein aufgebaut.
Eine 8er Gruppe 30 Elemente Kanalantennen Eigenbau nach Spindler (je 4 in Zeile mit Versatz) kam zum Einsatz.
Trotz Störungen durch den Sender Calau, welcher DDR2 auf Kanal 23 sendete, war nun der ZDF Empfang - wenn auch nicht immer störungsfrei - täglich gegeben.

Test weise wurde das ZDF sogar von Höhbeck Kanal 21 (Danke mittendrin für den Hinweis) probiert - der Empfang war teilweise außerordentlich erstaunlich und wurde später, als weitere ZDF Alternative - ins Kabel eingespeist.

Da auf dem Turm noch reichlich Platz vorhanden war wurde noch eine 4er Gruppe (26 Elemente - im Quadrat) für BR3 auf Kanal 57 vom Großen Waldstein
und eine 4er Gruppe (26 Elemente im Quadrat) für HR3 auf Kanal 55 vom Hohen Meißner errichtet - BR3 war nahezu täglich zu empfangen - HR3 meist nur bei Tropo.

Später kam noch eine 4er Gruppe (26 Elemente) für SAT1/Rias-TV auf Kanal 25 von West Berlin hinzu. Auch hier war der Empfang durchaus gut.

Für den Radio Empfang kam je eine 2er Gruppe 14 Elemente (Stolle) in Richtung Berlin, Bayern und Hessen zum Einsatz.

Kurz vor der Wende kam die erste SAT-Schüssel hinzu.

Viele liebe Grüße aus Weinböhla.

von Staxe - am 19.11.2014 16:49
Zitat
Staxe
Zitat
hetietz
Ja, vielleicht ist jemand, der dieses Forum liest, aus Dresden-Hellerau oder der Nähe und kann Auskunft darüber geben.
Ich hatte diese Reportage schon einmal gesehen und war vom Antennenaufwand beeindruckt.
Stabile Empfangsverhältnisse kann ich mir jedoch angesichts der Entfernung und der niedrigen Lage der meisten Teile von Dresden ebenfalls kaum vorstellen.


Hallo Ihr Lieben,

ich hatte ja schon mal versprochen Euch von der Anlage in Dresden-Hellerau auf dem Wasserturm zu berichten.

http://www.mdr.de/damals/artikel124234.html

Diese Anlage war überaus beeindruckend und von ihren Ausmaßen das Größte was ich je gesehen habe.

Der ca. 30 Meter hohe Turm hat eine hervorragende Lage - oberhalb vom Elbtal - auf Höhe des Dresdner Flughafen - die Rundsicht vom Dach ist einzigartig.
Auf dem riesigen, flachen Dach konnte man sich in alle Richtungen austoben - alle Genehmigungen dazu waren erteilt.
Heute ziert das Dach ein regelrechter Schüsselwald und zusätzlich sind dort oben alle deutschen Netzbetreiber mit ihren Sende- und Empfangsanlagen vertreten.

Für das ARD Kanal 7 von West Berlin war ursprünglich eine 8er Gruppe 13 Elemente geplant und bereits montiert.
Kurze Zeit später wurde die Anlage zu einer 4er Gruppe 13 Elemente zurückgebaut - das war völlig ausreichend und damit wurde das ARD auf Kanal 7 perfekt und nahezu völlig störungsfrei täglich empfangen.

Ebenso war für SFB3/N3 Kanal 39 von West Berlin eine 8 Gruppe 26 Elemente geplant -
auch hier reichte für einen täglich guten Empfang eine 4er Gruppe 26 Elemente vollständig.

Deutlich schwieriger war der Empfang vom ZDF Kanal 33 von West Berlin zu realisieren.
Das Problem war der nahe Sender in Usti welcher CZ2 auf Kanal 33 sendete.
Auf Grund der anderen Norm war nur das Bild vom ZDF gestört, der Ton war gut zu empfangen.
Versucht wurden bis zu 16 Antennen (17- und 26 Elemente Blankenburg) in verschiedensten Anordnungen und mit Gittern dahinter - der Erfolg war nur mäßig.
Das Bild war meist heftig von CZ2 gestört.
Die letzte und beste Version für das ZDF Kanal 33 war, so glaube ich mich zu erinnern, eine 16er Gruppe 17 Elemente Blankenburg - welche nicht mehr auf dem Dach, sondern an der Nordwand vom Turm montiert war.
Die Stahlbetonwände vom Turm schirmten den Tschechen von Usti am besten ab.

Etwas später wurde zusätzlich zum ZDF Kanal 33 eine Anlage für das ZDF Kanal 23 vom Großen Waldstein aufgebaut.
Eine 8er Gruppe 30 Elemente Kanalantennen Eigenbau nach Spindler (je 4 in Zeile mit Versatz) kam zum Einsatz.
Trotz Störungen durch den Sender Calau, welcher DDR2 auf Kanal 23 sendete, war nun der ZDF Empfang - wenn auch nicht immer störungsfrei - täglich gegeben.

Test weise wurde das ZDF sogar von Höhbeck Kanal 21 (Danke mittendrin für den Hinweis) probiert - der Empfang war teilweise außerordentlich erstaunlich und wurde später, als weitere ZDF Alternative - ins Kabel eingespeist.

Da auf dem Turm noch reichlich Platz vorhanden war wurde noch eine 4er Gruppe (26 Elemente - im Quadrat) für BR3 auf Kanal 57 vom Großen Waldstein
und eine 4er Gruppe (26 Elemente im Quadrat) für HR3 auf Kanal 55 vom Hohen Meißner errichtet - BR3 war nahezu täglich zu empfangen - HR3 meist nur bei Tropo.

Später kam noch eine 4er Gruppe (26 Elemente) für SAT1/Rias-TV auf Kanal 25 von West Berlin hinzu. Auch hier war der Empfang durchaus gut.

Für den Radio Empfang kam je eine 2er Gruppe 14 Elemente (Stolle) in Richtung Berlin, Bayern und Hessen zum Einsatz.

Kurz vor der Wende kam die erste SAT-Schüssel hinzu.

Viele liebe Grüße aus Weinböhla.


Ich verfolge diesen Thread total fasziniert und schaue immer wieder mal auf die Karte, um sich die Entfernungen zu den Westsendern vor Augen zu halten. Höhbeck kurz vor Dresden, Wahnsinn!!

Nur kurz eine Anmerkung meinerseits: In näher gelegenen Göttingen wurde das ZDF auch auf Kanal 21 ausgestrahlt. Mit immerhin 160kW war der Sender auch nicht ganz schwach auf der Brust. Ob rund gesendet wurde, entzieht sich gerade meiner Kenntnis. Da muss ich mal nachblättern...Reine Spekulation: Es wurde eher Richtung Norden ausgeblendet, um nicht mit Höhbeck zu kollidieren. Hier im Raum HI hat der jedenfalls keinen Stich mehr gemacht..

von Mc Jack - am 25.11.2014 19:56
Zum Thema seltsame Empfangsanlagen - bzw. unerwarteter Empfang kann ich auch noch eine kleine Geschichte beisteuern.

01468 Moritzburg bei Dresden - Kirchberg

Hier wurde Mitte der 80iger eine Gemeinschaftsantenne für 6 Parteien auf dem Kirchberg (höchste Erhebung in Moritzburg) aufgebaut.

Große Wiesen-Fläche direkt neben der Kirche - freie Sicht Richtung Berlin.
Freistehender, mehrfach abgespannter Teleskop Mast - ca. 12 Meter hoch - (mein Job).

An der Mastspitze eine 4er Gruppe SC26 im Quadrat für das ZDF Kanal 33 und SFB3/N3 Kanal 39 - siehe Seite 26 - Bild von Uckermärker - Prenzlau.
In der Mitte eine 7 Elemente UKW Antenne in Richtung West Berlin.
Darunter, niedrig wegen Gleichkanalstörung durch den Umsetzer in Radebeul Wahnsdorf, welcher auf Kanal 7 den Lössnitzgrund mit DDR1 versorgte - eine 4er Gruppe 13 Elemente ARD Kanal 7 mit Versatz.

SFB3/N3 Kanal 39 lief täglich sehr anständig, das ZDF Kanal 33 hatte immer die typischen Bildzeilen durch CZ2 von Usti und ARD Kanal 7 lief bis auf wenige Zeilen sehr gut.

Durch ein heftiges Sommergewitter mit einem kleinen Tornado wurde der Umsetzer in Radebeul Wahnsdorf stark beschädigt und musste abgeschaltet werden.
Welch ein Segen für die umliegenden Gemeinden (Reichenberg, Friedewald, Moritzburg).

Natürlich wurde das Ding schnell wieder aufgebaut (der Lössnitzgrund war ja nun komplett ohne Fernsehempfang) dabei wurde die Abstrahleigenschaft des Umsetzers leicht verändert.
Dies führte dazu, dass das ARD Kanal 7 von West Berlin nun mancherorts besser und anderswo schlechter zu empfangen war.

In Moritzburg auf dem Kirchberg hatte das ARD Kanal 7 vom Scholzplatz seitdem "Sendepause".
Alle Anstrengungen (Versatz korrigieren, Umbau in horizontale Zeile usw.- mein Job) brachten keinen Erfolg - ARD war nicht mehr zu empfangen - Ton DDR1 und Massen paariger Zeilen.

Verzweifelt meinte der Rundfunktechniker: "Lass uns noch mal mit einem "Ochsenkopf" über ist Wiese laufen."

Sonntagmorgen, drei Meter Holzmast, 3 Elemente Kanal 4 Antenne, Kofferfernseher, Messgerät, jede Menge Kabel und wir Beide.
Kaum hatte ich die Antenne aufgerichtet - rief es hinter mir "Alter!" (oder wie sagte man früher?) - sofort war der Ochsenkopf da - die beste Stelle auf der Wiese war schnell gefunden.
Dort gruben wir den Holzmast ein und stützen ihn provisorisch ab - noch einen Kanal 4 Vorverstärker in die Dipoldose der 3 Elemente Antenne - angeschlossen an die Gemeinschaftsantenne - fertig!

Die Anwohner sollten über mehrere Tagen testen wie stabil das ARD Kanal 4 vom Ochsenkopf zu empfangen ist.
Ein paar Wochen später haben wir die 4er Gruppe ARD Kanal 7 demontiert und anderswo verwendet.

Diese eine 3 Elemente Antenne am Holzmast versorgte die Antennengemeinschaft Moritzburg Kirchberg seitdem - bis zur Wende - mit ARD Kanal 4 vom Ochsenkopf - besser und stabiler als es die 4er Gruppe Kanal 7 dort jemals geschafft hat.
Wir haben den Aufbau noch etwas besser verankert und danach nie wieder angerührt.


Einen schönen 1. Advent allerseits und viele Grüße aus Weinböhla.

von Staxe - am 30.11.2014 11:35
Hier die Liste der Frequenzen der Sowjets in der DDR
Die Liste stamt von Digifreak aus diesem Thread:
http://radioforum.foren.mysnip.de/read.php?8773,387570,page=1

Der Karl-Marx-Städter Sender war im ganzen Stadtgebiet Einigermaßen zu Empfangen.
Mich Wundert bis heute das unsere Russisch Lehrer nie darauf Aufmerksam gemacht haben.
Wäre immerhin die einzig Praktische Anwendung der erlernten Sprache gewesen.

Sender der Westgruppe sowjetischer Streitkräfte in DL

Allstedt Kan. 30 4M 11E27 51N23 300 W ND h
Altenburg Kan. 12 2M 12E28 50N59 50 W D v
Altengrabow Kan. 12 8P 12E11 52N12 10 W ND v
Bad Elster Kan. 8 7P 12E16 50N16 1 W ND h
Bad Freienwalde Kan. 21 6P 14E03 52N49 89 W D v
Bad Langensalza Kan. 12 8P 10E41 51N09 5 W D h
Bad Saarow Kan 12 0 14E04 52N16 5 W ND v
Beelitz Kan. 10 8M 12e57 52N00 10 W ND v
Berlin Kan. 21 0 13E32 52n29 50 W D h
Bernau Kan. 11 7M 13E33 52N39 200 W D v
Brand Kan. 10 3M 13E49 52N02 100 W ND v
Brandenburg Kan. 41 8M 12E32 52N26 50 W D h
Brandis Kan. 41 0 12E27 51N19 30 W ND v
Burg Kan. 29 0 11E55 52N17 60 W ND v
Chemnitz Kan. 27 2P 12E55 50N50 300 W ND v
Cottbus Kan. 12 1P 14E06 51N44 100 W ND v
Dresden Kan. 32 0 13E46 51N04 160 W ND h
Eberswalde Kan. 12 0 13E50 52N49 100 W D v
Elstal Kan. 12 0 13E01 52n32 3 W D v
Finsterwalde Kan. 9 8P 13E43 51N38 100 W ND h
Frankfurt Kan. 9 6P 14E31 52N21 1 W ND v
Fürstenberg Kan. 11 3M 13E08 53N11 3 W ND h
Fürstenwalde Kan. 10 3M 14E05 52N21 5 W ND v
Gardelegen Kan. 36 0 11E25 52N31 30 W ND h
Gera Kan. 36 2M 12E06 50N52 10 W ND v
Gotha Kan. 12 8M 10E43 50N57 20 W ND v
Greifswald Kan. 10 6P 13E24 54N06 3 W D v
Grimma Kan. 29 4P 12E44 51N14 160 W ND v
Groß Dölln Kan. 41 8P 13E31 53N00 10 W ND v
Großenhain Kan. 35 8P 13E30 51N17 30 W ND v
Hagenow Kan. 7 8P 11E11 53N27 20 W ND v
Halberstadt Kan. 12 6P 11E03 51N54 100 w ND h
Halle Kan. 37 0 11E56 51N30 300 W ND v
Hillersleben Kan. 8 4M 11E29 52N18 100 W D v
Jena Kan. 26 0 11E37 50N55 300 W ND h
Jüterbog Kan. 10 0 13E05 52N00 71 W ND h
Königsbrück Kan. 12 3P 13E54 51N34 35 W D v
Köthen Kan. 40 2M 11E57 51N46 150 W D h
Krampnitz Kan. 11 9P 13E03 52N28 150 W D v
Lärz Kan. 24 6M 12E44 53N20 500 W D h
Leipzig Kan. 25 8M 12E24 51N23 350 W ND h
Ludwigslust Kan. 8 0 11E33 52N20 20 W ND v
Magdeburg Kan. 12 6P 11E36 52N08 100 w ND h
Mahlwinkel Kan. 36 6M 11E49 52N22 10 W ND v
Meiningen Kan. 39 6M 10E25 50N33 60 W ND v
Meißen Kan. 27 4M 13E32 51N14 300 W D h
Merseburg Kan. 27 0 12E00 51N21 300W ND v
Naumburg Kan. 27 8M 11E50 51N09 300 W ND v
Neuruppin Kan. 12 0 12E40 52N56 15 W ND h
Neustrelitz Kan. 12 6M 13E10 52N21 100 W D v
Nohra Kan. 39 6M 11E15 50N58 300 W ND v
Ohrdruf Kan. 9 2M 10E46 50N51 50 W ND v
Oranienburg Kan. 21 2P 13E14 52N45 300 W ND v
Oschatz Kan. 37 8P 13E04 51N17 120 W ND h
Parchim Kan. 7 8P 11E50 53N26 30 W ND h
Perleberg Kan. 7 8P 11E49 53N05 16 W D v
Planken Kan. 11 3M 11E36 52N21 100 W D v
Plauen Kan. 35 8P 12E08 50N31 100 W ND v
Prenzlau Kan. 9 1P 13E49 53N18 60 W ND v
Quedlinburg Kan. 32 4P 11E09 51N48 300 W ND v
Rathenow Kan. 37 2M 12E20 52N38 120 W ND h
Ribnitz-Damgarten Kan. 12 0 12E26 54N16 20 W ND h
Roßlau Kan. 12 3P 12E16 51N54 100 W ND h
Rostock Kan. 32 8P 12E08 54N08 50 W D v
Rüdersdorf Kan. 10 3M 13E49 52N28 3 W D h
Sassnitz Kan. 32 6P 13E33 54N30 25 W ND v
Schwerin Kan. 6 8M 11E25 53N37 16 W D v
Stendal Kan. 8 2P 11E53 52N38 20 W D v
Torgau Kan. 12 8P 12E59 51N34 60 W D v
Vogelsang Kan. 10 4M 13E22 53N03 300 W D v
Weißenfels Kan. 40 6P 10E02 51N11 10 W ND v
Welzow Kan. 11 3P 14E09 51N35 20 W ND h
Werder Kan. 12 0 12E56 52N25 1 W D h
Werneuchen Kan. 10 3P 13E45 52N38 100 W D h
Wismar Kan. 7 8P 11E29 53N54 50 W ND v
Wittenberg Kan. 24 0 12E43 51N53 200 W ND h
Wittstock Kan. 10 2P 12E34 53N11 5 W ND h
Wünsdorf Kan. 12 6M 13E27 52N12 100 W D v
Wurzen Kan. 35 0 12E45 51N22 60 W ND v
Wustrow Kan. 26 8P 11E36 54N07 50 W D v
Zeithain Kan. 27 2P 13E20 51N21 300 W ND v
Zeitz Kan. 7 4P 12E08 51N03 13 W ND v
Zerbst Kan. 8 4P 12E08 52N00 10 W D v

von SK1 - am 22.12.2014 14:35
Ich selbst habe 1972 angefangen Antennen zu errichten und die Staatsmacht hatte kein Problem damit.
Schon seit Ende der 60er Jahre stand bei einem Schulfreund ein 33 m hoher Holzmast auf dem Grundstück. (Darüber habe ich schon vor Jahren mal berichtet)
Dieser Mast war ein Blickfang, da er nur etwa 20...25 m neben der Hauptstraße im Ort stand.
Darauf war eine Antenne für Kanal 10 vom Harz und eine für das ZDF aus Bayern.
Sie waren hier in der Region lange Zeit das einzige Haus mit ZDF-Empfang.
Die Leute waren alles andere als linientreue DDR-Bürger.
Aber auch sie hatten wegen der Antenne keine Probleme mit dem Staat.
Der große Mast war drehbar und konnte mit einer Winde aufgestellt und umgelegt werden.
Der Mast und der gute Empfang haben mich damals sehr beeindruckt.
Besonders der gute ZDF-Empfang war für mich ein kleines Wunder.
In vielen Gesprächen, mit dem Vater und großen Bruder des Schulfreundes, habe ich mir erstes Wissen zur "Materie" angeeignet.
Das war der Start zu meinem Hobby und dem Antennenbau.
Zuhause hatten wir nur ARD auf Kanal 4 vom Ochsenkopf.
Der war zwar auch unter Dach kein Problem, hatte aber die üblichen starken Störungen im Sommer. (Sporadic-E)
Da ich nun wusste, dass auch besserer Empfang möglich ist, ging es los mit der Bastelei und vielen Versuchen.
Als sich der Erfolg dann auf dem Bildschirm zu erkennen gab, waren auch andere Leute an meiner "Bastelei" interessiert.
So bin ich zum Antennenbau gekommen.
Der Kreis hat sich dann geschlossen, als ich in den 80er Jahren beim Schulfreund eine neue Antennenanlage errichten sollte.
Der bereits einmal erneuerte Holzmast musste altersbedingt wieder erneuert werden.
Wir haben dann einen 10 m hohen Gittermast mit 3...4 m Rohraufsatz weiter oben am Berg errichtet.
Dort haben wir alles draufgebaut was aus der Luft zu fischen war und gleich noch einige Nachbarn mit angeschlossen.
Das alles geschah unter den aufmerksamen und sehr interessierten Augen meines ehemaligen "Lehrmeisters",
dem fast 80 jährigen Vater des Schulfreundes.
Nun war aber er es, der viele Fragen zur neuen Technik und Programmen stellte und ich gab die Antworten.
So kurios kann der Lauf der Dinge sein.

Anfang der 80er Jahre hat die Sache aber Formen angenommen, die nichts mehr mit Spaß oder Hobby zu tun hatten.
In der Woche habe ich abends Antennen, Weichen und Verstärker gebaut und dann fast jedes Wochenende
auf einem Dach oder Berg eine Antennenanlage errichtet.
Zwischendurch musste auch noch "Beschaffungsmanagement" für das erforderliche Material und Zubehör betrieben werden. (Alles ohne Telefon)
In dieser Zeit hat mich dann auch meine Freundin wegen "Vernachlässigung" (oder so ähnlich) :joke: nach über vier Jahren verlassen.
Ich sollte mich zwischen ihr und meinen Antennen entscheiden.
Das war nicht einfach. Aber fürs Hobby muss man auch mal Opfer bringen. :D
Die "Nachfolgerin" hat es nun bis heute mit mir und meinem Hobby ausgehalten.
Hobbymäßig konnte ich mich bei der Gelegenheit auch gleich noch etwas verbessern.
Ihr Elternhaus steht in einer 1A-Empfangslage. (War Zufall, kein Auswahlkriterium :D )
Da gingen alle Kanäle problemlos, die hier in der Region überhaupt möglich waren.
Dort konnte ich nun alle Weichen und Verstärker relativ einfach abgleichen.
Ich hatte also alles richtig gemacht und eine gute Entscheidung getroffen. :cool:

Sorry, war nun doch etwas viel OT.
Ich denke aber oft und gern an die schöne Zeit zurück.
Da war man noch jemand und wurde geachtet, ...als West-Antennenbauer. :D

von Radio-DX - am 27.07.2015 00:01
Ich bin Baujahr 1976. Angesprochen wurde ja, dass das Empfangen von Programmen aus Westberlin oder der damaligen Bundesrepublik den Angehoerigen der sog. "Bewaffneten Organe" untersagt war. Das fing mit Wehrpflichtigen an, umfasste die NVA, die Grenztruppen und alle Bereiche der Volkspolizei (Aufzaehlung beispielhaft und nicht abschliessend). Einer meiner Elternteile fiel in diesen Personenkreis und nur deshalb gab es in dem genannten Wohngebiet auch eine Dienstwohnung.

Eben jenes Wohngebiet, in dem ich noch heute in eigener Wohnung lebe, ist Baujahr 1964/65. Wann die Gemeinschaftsantennenanlage installiert wurde, das vermag ich nicht genau zu sagen. Es soll nach Erzaehlungen meiner Eltern, die 1977 aus einer feuchten und schimmeligen Berliner Altbauwohnung dort in eine vergleichsweise moderne Wohnung einzogen, zu dieser Zeit jedenfalls bereits diese Antennenanlage gegeben haben. Wegen des dort ausschliesslich wohnenden Personenkreises musste wohl auch die Sperrfiltergeschichte eingebaut werden. Angesichts der tatsaechlich aus Berlin einfallenden Signalpegel war die vollkommene Unterdrueckung der Westprogramme wohl technisch kaum machbar, ohne den Empfang der beiden DDR-Programme ebenfalls zu beeintraechtigen. UKW wurde komplett durchgereicht, aus Berlin hatte man allerdings alle empfangbaren Sender auch so mit geringstem Antennenaufwand hoeren koennen.

Aus meiner Kindheit weiss ich, dass einmal jaehrlich bei einer Dachbegehung optisch verglichen wurde, ob die drei Antennen (VHF-Band III, UHF und UKW) noch auf den direkt sichtbaren Berliner Fernsehturm zielten oder ob sie ggf. ein Herbststurm in Richtung Westberlin verdreht hatte. Es wurde zwar nie nach dem/den Verantwortlichen gesucht, aber spaetestens am darauf folgenden Wochenende war das nach der Antennenkorrektur stets deutlich angerauschte ZDF-Bild wieder gewohnt klar und nur noch leicht rauschend.

Bis zur Wende war es Gesetz, dass es in der elterlichen Wohnung kein Westfernsehen gab. Dagegen wurde weder kontrolliert noch korrigiert, wenn der Zeiger meines Roehrenradios auf den falschen Sender zeigte. Aus diesem Grund gab es damals fuer mich den ersten eigenen Fernseher auch erst nach der Wende. Aus dem Kreis meiner Schulkameraden haette ich damals einen alten Roehrenfernseher erben koennen, durfte ihn aber nicht aufstellen.

Ich weiss heute jedoch, dass meine Eltern den einen oder anderen Film z. B. im "Zweiten West" auch geschaut haben, nachdem sie ihren Nachwuchs im Bett wussten. Der hoerte damals dann eben noch die grossen Schlagersendungen im Deutschlandfunk auf Mittelwelle, ein Hoerspiel beim SFB oder ganz schlicht die rias 2-Diskothek. Das konsequente Heraushalten des Westfernsehens aus der Familie war nicht nur Teil der beruflichen Auflagen, es diente auch dem Eigenschutz. Ich kann mich erinnern, dass in der Schule z. B. regelmaessig gefragt wurde, mit welchem Fahrzeug der Sandmann am Vorabend denn gekommen sei. Wenn da die falsche Antwort kam, dann kam bereits aus dem Kreis der Klassenkameraden der Vorwurf: "Du hast ja den falschen Sandmann geguckt!"

Meinen Westfernsehkonsum holte ich mir also bei Schulkameraden, bei denen die Eltern das nicht so eng sahen oder schlichtweg nachmittags oder am Wochenende nicht da waren. Da wurde bei allerschoenstem Wetter dann eben "Fury" oder "Ein Colt fuer alle Faelle" geguckt und ich kann mich auch noch daran erinnern, dass wir die Tennisuebertragungen vom Hamburger Rothenbaum mit Boris Becker und Steffi Graf im Zweiten West zu gern gesehen haben. Im Vorabendprogramm kam spaeter noch SAT.1 dazu, die eine oder andere Folge "Gluecksrad" habe ich auch bei Klassenkameraden gesehen. Da war ich dann inzwischen aber auch alt genug, dass ich mich nicht mehr in der Schule aushorchen liess und die Bedeutung meiner Antworten fuer bzw. gegen meine Eltern bereits einzuschaetzen wusste. Den Sandmann musste ich nicht taeglich gucken und so war die Antwort, dass ich "Streusand-Ede" gestern nicht gesehen haette, ebenfalls ausreichend und wurde akzeptiert.

Auch wenn wohl grundlegend stimmt, dass es eine gewisse Duldung des Westfernsehkonsums ab den 1980ern gab, es traf eben nicht auf alle zu! Wehrpflichtigen war z. B. das eigene Radio verboten. Ausserdem wurde sehr wohl darauf geachtet, welche Sender z. B. bei oeffentlich spielenden Radios eingestellt waren. In der oertlichen Bibliothek gab es noch im Herbst 1989 wegen Hundert,6 im Radio nicht nur einmal lebhafte Diskussionen wegen des eingestellten "Hetzsenders". Final wurde dann wegen anhaltender Uneinsichtigkeit des Personals (Mehrzahl, weiblich) waehrend eines lautstarken Wortgefechts ein bildschoenes Roehrenradio aus den 1960ern vom Tisch gestossen. Ziel erreicht, danach gab es dort ueberhaupt kein Radio mehr. Schade nur um das Geraet, das dabei einen Totalschaden erlitt...

von PowerAM - am 27.07.2015 05:54
http://www.kas.de/wf/doc/kas_24854-544-1-30.pdf?110826092216

Fernsehen und Hörfunk
Achtung: SSD
Draußen schüttet es. Transparente hängen
klatschnaß von gekalkten Häuserwänden.
Eine Straßenfunzel wirft einen
blassen Lichtkegel auf die leergefegte
Straße. Von der Uhr des „Hauses der
sozialistischen Arbeit" schlägt es acht.
Alfred Obelgönner, verdienter Arbeiter
des Volkes, steht vom Abendbrottisch
auf, schaltet sein Fernsehgerät ein, für
das er fünfzehn Monate lang gespart hat.
Laut klingt das Hamburger Pausenzeichen
durchs Zimmer. Viel zu laut. Obelgönner
springt auf, stellt den Ton auf die leiseste
Stärke, setzt sich ohne Rücksicht auf
sein Augenleiden dicht vor den flackernden
Bildschirm. Er hört die „Tagesschau"
des westdeutschen Fernsehens. Gegen
neun Uhr scheppert die Türglocke. Der
Arbeiter greift zum „Neuen Deutschland",
legt die Zeitung aufgeschlagen neben den
Sessel, knipst sein Fernsehgerät aus, öffnet
die Wohnungstür.
Hausobmann Schierling,- verdienter
Spitzel des Volkes, Mitglied der SED,
und ein Unbekannter in einem gewissen
Ledermantel schieben Obelgönner beiseite.
„Haben Sie ferngesehen?" Obelgönner
schüttelt den Kopf. Die beiden
Spitzel gehen zum Fernsehgerät, befühlen
die noch warme Rückwand. „Ihr Gerät
ist gerade erst ausgeschaltet worden."
Obelgönner ist unsicher. „Ich habe nur
kurz hineingesehen." „Natürlich in unser
demokratisches Programm?" „Jawohl",
erwidert Obelgönner. „Was gab es denn?"
Mit dieser Frage wird Obelgönner als
Staatsfeind deklariert.
In der Nebenwohnung das gleiche. Die
Nachbarsfarnilie hatte sich zwar vorsichtshalber
aus der Zeitung informiert, was
das „DDR"-Fernsehen bringen würde,
hatte aber, als es klingelte, vergessen,
den Kanal auf das sowjetzonale Programm
umzustellen.
Als Staatsfeinde überführt.
Im Haus vis-ä-vis hat der Besitzer noch
eine „Ochsenkopf-Antenne", bei der nicht
festzustellen ist, ob sie aufs Westprogramm
eingestellt ist. Obmann Schierling,
FDJ-Abordnungen, FDGB-Funktionäre
hatten vergebens versucht, den Hausbesitzer
unter Druck zu setzen, daß er die
Antenne demontierte.
Auch er wird nun in der Kategorie III
katalogisiert, in der Kategorie „antikommunistische
Westternseher".
Unter der Leitung der Vopo werden
gegenwärtig in der Zone überall Fernsehbesitzer
karteimäßig erlaßt, nachdem eine
Uberwachungsaktion der FDJ im Vorjahr
fast erfolglos blieb. Das Regime weiß
sehr gut, daß seit der Errichtung der
Mauer Funk und Fernsehen fast die einzigen
Brücken zur freien Welt sind. Die
sowjetzonalen Propagandisten befürchten
nichts mehr als eine Intensivierung gezielter
westlicher Programme in ihren
Terrorbereich. Wenn die Vopo die TVGerätebesitzer
erfaßt hat, werden sie mit
Hilfe von Spitzeln und Denunzianten in
drei Klassen eingeteilt: Klasse I — linientreue
Kommunisten, die nur das DDRFernsehen
sehen. Klasse II — Fernseher,
die Ost- und Westsender sehen. Klasse III
— antikommunistische Westlernseher.
(Die Spitzengruppe der Bonzen, die zwar
linientreue Kommunisten sind, aber fast
ausschließlich erlaubtermaßen Westfernsehen
einstellen, fehlt natürlich.) Nach
dieser Aufteilung werden die II. und
III. Gruppe von Agitatoren aufklärend
„behandelt". Bleibt die Behandlung erfolglos,
greift man zu Repressalien, deren
ausgeklügelte Vielfalt die Gestapo hätte
neidisch erblassen lassen.
Die Hitlerzeit ist also auch hierin der
Ulbricht-Epoche gleich. Eines aber ist noch
bemerkenswert: Für diese neue Aktion
der roten Gehirnwäscher ä la George
Orwells „1984" bedarf es Kolonnen von
Denunzianten. Sollte Gottfried Benns bitteres
Wort aus der und über die Nazizeit
heute noch zutreffen, das Wort: „Die Revolution
der Deutschen ist die Denunziation"?
R

von DLR-Fan Sachsen-Anhalt - am 28.07.2015 08:56
Zitat
Wellenjaeger
Zitat
Zintus
Denunzianten gibt es nicht nur in Deutschland. Ein britischer Kollege von mir hatte auf seinem Balkon in Den Haag eine kleine Sat-Schüssel (DigiDish 45) installiert, von der ca. 10 cm über den Balkonrand hinausschauten. Der Rest war unsichtbar, er wohnt übrigens auch im 12. Stock. Binnen zwei Wochen nach der Installation hatte ihn jemand bei der Hausverwaltung verpfiffen und er musste die Schüssel entfernen.


Das wundert mich offen gestanden nicht. Deutsche und Niederländer sind sich von der Mentalität her sehr ähnlich: In beiden Ländern findet man die gleiche kleinbürgerliche Spießigkeit, wobei in den Niederlanden überdies noch ein gewisser Hang zur Egalität hinzukommt.

Gerade aufgrund dieser Gemeinsamkeit entsteht eine besondere Rivalität, die in der Form weder zwischen Deutschen und Belgiern, Deutschen und Franzosen, Deutschen und Italienern und noch weniger zwischen Deutschen und slawischen Völkern zu Tage tritt: Die Unterschiede in den Lebenseinstellungen sind dort weitaus größer. Rivialität, vielleicht sollte ich besser sagen: Reibungspunkte, entstehen immer dort, wo die Unähnlichkeit ein gewisses Maß nicht überschreitet.

Um auf Dein Beispiel zurück zu kommen: Würde Dein Kollege bspw. statt in Den Haag in Lüttich leben, hätte es niemanden gejuckt, ob die Antenne 10 cm oder gar einen halben Meter über den Balkon hinausragt.
Ich kenne einige, die schwärmen von den Niederlanden. Verstanden habe ich das nie: Die romanischen Länder sind aufgrund der größeren Unterschiede viel interessanter.

In meiner Jugend wollte ich immer gerne in die DDR reisen, eben weil es dort so ganz anders war als im westlichen Ausland. Leider konnte ich meine Eltern nie davon überzeugen, "nach drüben" zu fahren.
Noch immer finde ich die Auseinandersetzung mit der DDR, ganz generell mit den Ländern Osteuropas vor dem Fall des eisernen Vorhangs, interessant, weil der Realsozialismus einerseits den Anspruch erhoben hat, das bessere Gesellschaftssystem darzustellen, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil zutraf. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität übt auf mich den Reiz aus, sich mit der DDR zu beschäftigen.

Amüsant ist das ganze obendrein. Ich meine: Welches heutige Kabarett kann mit dem Schwarzen Kanal mithalten?!
Karl-Eduard von Schnitzler wirkt genau deshalb urkomisch, weil er den Unsinn, den er in seiner Sendung verbreitet hat, bis zuletzt felsenfest glaubte, selbst zu der Zeit noch, als die DDR längst Geschichte war, wie Interviews belegen.
Schade, dass von der Sendung nur wenige Episoden erhalten geblieben sind!


Die DDR habe ich auch nie genauer kennengelernt, allerdings die CSSR, Ungarn, und Bulgarien. Westfernsehen gabs in Bulgarien auf Grund der Distanz kaum, vielleicht manche hatten aus GR oder der Tuerkei etwas auffangen koennen. Was den Tourismus betraf, fand ich auch Bulgarien am restriktivsten, die wollten damals fuer West-Buerger eine auf den Tag genaue Reiseroute bekommen, vor Einreise ins Land. Weichte man davon ab, gab's Aerger, dies bedeutete oft schon, eine andere Strasse zu nehmen, als geplant.

Fernsehen und Radio aus dem Westen war in der CSSR und Ungarn relativ erlaubt. Da stoerte auch das OIRT Band nicht, denn auf dem Schwarzmarkt bekam man genug West-Geraete, was die Behoerden kaum zu stoeren schien. In der CSSR war gerade mal die Ost-Slovakei jene Region wo ORF Empfang nicht ging, fast ganz West-Ungarn hatte Zugang zum ORF Fernsehen. In Prag war ORF Empfang in hoeheren Lagen problemlos moeglich, auch hohe Yagi Antennen gab's, offfenbar Marke Eigenbau

von 102.1 - am 28.07.2015 22:45
Zitat
Wellenjaeger
Welches heutige Kabarett kann mit dem Schwarzen Kanal mithalten?!
Karl-Eduard von Schnitzler wirkt genau deshalb urkomisch, weil er den Unsinn, den er in seiner Sendung verbreitet hat, bis zuletzt felsenfest glaubte, selbst zu der Zeit noch, als die DDR längst Geschichte war, wie Interviews belegen.


Das irre an dem "Unsinn" ist, daß Schnitzler dazu massiv aus den Westmedien zitierte. Er sendete deren eigene Berichterstattung, natürlich kommentiert nach Schnitzler-Art.

So. Wenn das alles Unsinn war, wie kam es dann zuvor ins öffentlich-rechtliche Westfernsehen, wo es als glaubwürdige Berichterstattung gedacht war?

Vieles von dem, was nach der "Wende" Ostdeutsche ins blanke Entsetzen trieb oder um die Existenz brachte, wurde zuvor jahrelang immer wieder von Schnitzler als "westdeutsche Realität" gezeigt: Massenentlassungen, Aussperrungen, Gewerkschaftsproteste, Mietwucher, Sonderrechte für Reiche, ...

Da lag die "Demagogie" des Herrn Schnitzler: er zeigte es als westdeutsche Realität, nicht als Teil der westdeutschen Realität. Und kaum einer in der DDR hats ernstgenommen. Die Mehrheit im Osten glaubte dem West-Werbefernsehen, das auch nur - wenn überhaupt - einen Teil der Realität zeigte. Viele Ossis hielten es für 100%ige Realität. Für die saß die Wessi-Familie tatsächlich jeden Tag bei Sonnenschein gegen 10 Uhr draußen vor dem Landhaus beim Frühstück und eine dämlich grinsende Blondine mit langen Zöpfen brachte ein Streichfett vorbei.

Die Dummheit in dieser Hinsicht war teils sehr derbe zu spüren. Ich erinnere mich an den Hausmeister meiner damaligen Schule, der zu irgendeinem familiären Anlass in den Westen reisen durfte. Nach der Rückkehr erzählte er den unfassbarsten Unsinn bis dahin, daß aus den Auspuffen der Autos im Westen "nur warme Luft" rauskäme.

Soviel Dummheit mußte bestraft werden. Und wurde sie. Schon recht bald gab es die ersten Texte, die das thematisierten. Hier sind zwei davon:
https://www.youtube.com/watch?v=vTUBlS_dGso
https://www.youtube.com/watch?v=YZJpyN8bbjE

Da waren die Westpunks von Abwärts mit ihrer Warnung auch zu spät gekommen (April 1990):
https://www.youtube.com/watch?v=0JdxjtT0h20

Nun haben die Ossis seit 25 Jahren ihren geliebten Westen. Ihre schöne Perspektivlosigkeit (die sie im Osten auch hatten, von der sie aber glaubten, sie im Westen nicht haben zu werden), ihre Verschuldung, ihre Arbeitslosigkeit, ihr geistig ausblutendes Land (was viele gar nicht bemerken können, da sie Bestandteil des Problems sind), ihre zerstörte Heimat (die Filetstücken sind inzwischen weitgehend in "Wessi-Hand" und kommen vielleicht künftig in Russen- oder Chinesenhand, je nachdem, wo sich das Kapital ansammeln wird in den kommenden Jahren; übrig bleiben die Regionen ohne Chance, für die zahlt man kollektiv die Schulden), das ungeschriebene Bildungsprivileg der Wohlhabenden, die Sonderrechte der Reichen (die sie gewiß gerne genommen hätten, wenn sie doch je zu den Reichen gehört hätten). Immerhin dürfen sie nun gegen "den Staat" und gegen das "Staatsfernsehen" meckern und es passiert ihnen nichts, weils keine Sau interessiert, was der kapitalschwache Pöbel so grunzt, solange er nicht das Kapital angreift.

Und sie dürfen so richtig widerlich sein, wie derzeit vor gewissen Notunterkünften eindrucksvoll zur Schau gestellt. Das hatte ihnen die DDR stets verboten, das durften sie nur heimlich. Nun endlich sind sie frei und dürfen es offen tun. Dabei vergessen sie, daß sie vor 25 Jahren alle Wohlstandsflüchtlinge waren: Ossis, die die D-Mark wollten.

Da, das war der wahre Grund der "friedlichen Revolution":



Man hatte nur zu Beginn paar anständige (und in der DDR tatsächlich gedemütigte und unterdrückte) Menschen mit anständigen Forderungen vorneweglaufen lassen, um dem ganzen einen schönen Anstrich zu verpassen: Künstler, Pfarrer, Humanisten, Pazifisten, Umweltschützer. Die wurden, sobald die Mauer auf war, beiseitegeschoben und die widerliche Fratze des gemeinen Ostdeutschen zeigte sich offen und klar. Ich war damals 15 und ich habe diese Leute gehasst. Vielen meiner Mitschüler ging es ganz genauso. Euphorie war im Herbst 89 bei uns an der Schule genausowenig zu spüren wie im Jahre 1990. Eher Angst: was kommt jetzt? Es kamen dann auch bald die ersten Übergriffe auf die Schule, auf einzelne Schüler (die Schule galt als "links"). Für jeden von uns war das die Zeit des ersten Kontaktes mit Gewalt - die kannten wir vorher nicht. Willkommen in der neuen Weltordnung.

Es ist das gleiche Volk, das heute Brandsätze in Asylunterkünfte wirft. Und dabei auch auf Flüchtlinge zielt, die durch Krieg, Gewalt und Hunger in ihrem Leben bedroht sind. Wieviele der Ostdeutschen, die 1989/90 ihr Herkunftsland abschafften, waren in der DDR durch Krieg, Gewalt und Hunger bedroht? Es waren vergleichsweise wenige durch Staatswillkür bedroht (was übel genug ist, jeder einzelne Fall war einer zuviel) - aber gerade die wandten sich oft sehr schnell von der Entwicklung ab, die nach 1989 einsetzte. Ich erinnere mich an einen fabelhaften Physiker aus Ostberlin, der - hochriskant - in der Umweltbewegung aktiv war. Er verließ Deutschland später gen Skandinavien, machte mit 65 extra noch den Führerschein und zog sich in nahezu menschenleere Gegend zurück. Zum Abschied sagte er mir "ich kann die Zonenprolls nicht mehr ertragen".

So ist das damals gelaufen. Derweil sind heute die Medien - offenbar in unausgesprochenem staatlichen Auftrag - intensiv damit beschäftigt, das Märchen von der "friedlichen Revolution" aufrechtzuerhalten, wozu Jahr für Jahr mehr Energie und mehr Sendezeit nötig ist. Der ganze Hype wirkt nur noch absurd - genauso absurd wie die Hurraparolen der DDR. Es sind ja auch wieder nur Hurraparolen. Warum sollten sie anders wirken?

Es war gut, daß das DDR-System, so wie es war, wegkam. Es war falsch, daß das Westsystem, so wie es war, unverändert bleiben konnte. Es mußte aber bleiben, man hält es ja für "alternativlos" wie ein Naturgesetz. Die Folge davon wird Krieg sein. Ein Volk, das nicht bereit ist zu trauern, wird töten müssen. Man schießt sich derzeit ja schonmal wieder warm...

Eine alte Literaturempfehlung dazu, gilt immer noch: http://www.humanistische-aktion.de/maaz.htm


Und back-to-the-topic, Informationsfreiheit heute in der "freien Welt": http://www.jenawohnen.de/haeufige-fragen/sonstiges/darf-ich-eine-parabolantenne-anbringen.html

In der nach eigener Wahrnehmung "klügsten Stadt der Welt" herrscht ganz offen Einschränkung der Informationsfreiheit. Ochsenkopf 2.0 sozusagen. Mit welchem Recht? Mit dem des Stärkeren. Wäre das zu DDR-Zeiten passiert, hätte man die Verantwortlichen nach der "Wende" aus ihren Ämtern enthoben und gesellschaftlich geächtet. Und was passiert heute? Nichts. Es ist halt so. Man kann ja eh nichts dagegen machen.

Und das ist es, was mich so maßlos ankotzt: die Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit, mit der das heutige System als das bessere und sogar als das beste hingestellt wird. Obwohl alles exakt genauso ist wie in der DDR, nur daß das Kalb, um das man heute tanzt, golden ist, während es damals rot war.

von Chris_BLN - am 31.07.2015 21:06
Zitat
Chris_BLN

Und das ist es, was mich so maßlos ankotzt: die Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit, mit der das heutige System als das bessere und sogar als das beste hingestellt wird. Obwohl alles exakt genauso ist wie in der DDR, nur daß das Kalb, um das man heute tanzt, golden ist, während es damals rot war.


Das System musste zusammenbrechen. Russland waere nie so wirtschaftlich so stark gewesen, um die Warschauer Pakt Staaten wirtschaftlich zu halten, viele Laender lebten schlicht und ergreifend von der Substanz. Ganz auffallend war das in der CSSR, die weder zu Nazi-Besatzung, noch gegen Ende des Krieges grosse Zerstoerung erlebten, und die Industrie im Standard von 1930 einfach so weitermachte, ohne grossen technischem Fortschritt, bis es einfach nichtmehr ging.

Auffallend war auch in der CSSR, dass man sich seitens der damaligen Fuehrung darum bemuehte treue und kritiklose Buerger zu haben, die wenig hinterfragen und sich unterordnen. Erst in Nordamerika, insbs. in Canada kam ich dann mit Auswanderer aus der CSSR in Kontakt, die sehr wohl frei sprechen und denken konnten, faehig waren, und Erfolg hatten. Da sah ich damals sehr deutlich, wie sehr man auch in der CSSR bemueht war, gewisse Leute, weniger zu halten, als andere, und wie sehr die damalige CSSR einen Brain Drain erlebte, denn nur diejenigen die sich unterordneten blieben, bzw. konnten sich mit dem System arangieren.

Da kenne ich die DDR nicht so genau, allerdings die ehemalige CSSR und Ungarn.

Einiges hatte sich schon geaendert. Die Buerger Tschechiens und der Slovakei koennen frei reisen, frei ihre Meinung aeussern, die Politik insbs. in Tschechien ist aber so korrupt und verlogen wie eh und jeh. Obwohl Tschechien und Slovakei wirtschaftl. halbwegs gut dastehen, ist die Politik auf Griechenland oder Sued-Italien-Niveau.

Ungarn, aehnliches Thema, nur dass es zu Ost-Zeiten noch etwas lockerer zuging als in der CSSR. Man trieb einfach Kommunismus auf ungarisch.

Mit Ostdeutschen hatte ich kurz nach der Wende beruflich zu tun, und all zu positive Meinung hatte ich nicht bekommen. Wenn es nicht gerade studierte Naturwissenschaftler waren ( die ihre West-Kollegen weitaus ueberragten), mangelte es oft bei den Durchschnittsleuten an Wissen, und Einsatz, auch deren ordinaere Art sich im Buero auszudruecken, Humor war auch gegenueber weiblichen Kollegen immer unterhalb der Guertellinie. Auch das Gefuehl kam deutlich rueber, dass diese Leute lange in einem "institutionalem System" leben mussten, und manchmal auch, in heilken Situationen, gewaltbereiter wirkten.

Heute, 25 Jahre danach ist das natuerlich alles anders geworden, da eine neue Generation nachgekommen ist.

von 102.1 - am 01.08.2015 10:20
Zitat
Saarländer (aus Elm)
@102.1

Die Bemerkung oben mit dem Begriff Amateurfunker bezog ich auf den Umstand, dass wir an anderer Stelle schon als 'Low-Level-Forum' bezeichnet wurden und einen Radiosender aus der Eifel hier nicht mehr namentlich nennen dürfen, weil sich ein dort ehemals aktiver Funkamateur auf den Schlips getreten fühlte. War also fast schon ein Insider-Witz.

Zur allgemeinen Thematik:
Dass das West(werbe)fernsehen eine 100% heile Welt vorgaukelte und Schnitzler mit einem 100% Negativbild konterte war vielleicht eher kontraproduktiv. Doch auch mit der Realität irgendwo in der Mitte muss man erstmal klarkommen.
Das einzig Positive in der neoliberalen Welt von heute, in der einige wenige immer reicher werden, weil die breite Masse sich zum Konsum anstacheln lässt, ist dass der Fortschritt darin durch viele gute Ideen einzelner immer noch schneller von statten geht, als in einem staatlich gelenkten Schneckentempo.


@Saarlaender:

Es gibt leider Menschen, die sich nur auf den Schlips getreten fuehlen, weil sie einen Anhaltspunkt zum Streiten suchen, und diesen auch wollen. Auch im Mittelpunkt stehen, kann dabei eine Motivation sein. Gehe ich auf diesen Einwand nicht ein, laufe ich Gefahr, dass solche Menschen Standards setzen, und genau das scheint hier passiert zu sein.

Am Ende kommt es auch darauf an, wie ich es ausspreche: Funk-AMATEUR oder AMATEUR-Funker, ich hab es bewusst in Grossbuchstaben geschrieben, und kann beides abwertend meinen, wenn ich will, am Ende ist er halt nur ein AMATEUR und kein Profi.

Ich selbst hatte den Begriff "Amateur" hier nie negativ oder abwertend gesehen, egal ob ich Amateurfunker sagte, was ich meistens tat, oder Funkamateur, und hatte da auch nie irgendwelche Kritik bekommen.

Als "Profi" verstand ich immer oeffentlich rechtlich, privat, non-kommerziell, Betriebsfunk, oder BOS und dgl.

Als "Amateur" verstand ich eher Leute die in der Freizeit das machen, und einfach Spass drann haben, Hobby eben. Nachdem Amateurfunker oder Funkamateure eine Pruefung fuer Ihre Taetigkeit ablegen muessen, bevor sie an die Geraete ran koennen, ist das ja auch keine Verwaesserung eines "ahnunglslosen Amateurs", sondern eine Freizietaktivitaet. Aehnlich wie ein Motorbootschein, ein Segelschein, oder eine Jagdtpruefung und dgl.

@zum Thema selbst:

Wie das Westfernsehen und die dort gebrachte Werbung im Osten wirklich rueber kam, weis ich heute nichtmehr. Oft bekam man in der CSSR halt komische Fragen, etwa, ob man den ganzen Tag Kaugummi kauen wuerde, oder ob alle Leute Musizieren wie bei Oe3, Leute mit Bildung stiegen da schon dahinter, dass dem dann nicht so war. Die Nachfrage war oft gross nach Produkten, die glaufhafter in der Werbung rueberkamen, etwa bei Werbung von Supermaerkten, die Verfuegbarkeit von Zitrusfruechen, oder Bananen, die in der CSSR kaum bis wenig zugaenglich waren, und wenn, war der Verderb gross.

von 102.1 - am 01.08.2015 13:57
Zitat

Es gab mal einige Beitraege dazu. Demnach sollte DDR1 sogar in manchen Kabelnetzen in der BRD, vorrangig in Niedersachsen, verbreitet worden sein, allerdings unklar ob in SECAM oder PAL Modus. Grund der Einspeisung war vermutl. eher, dass zu diesem Zeitpunkt Privatfernsehen in Deutschland noch wenig entwickelt war, und es noch viele freie Programmplaetze gab, die man mir "irgendwas" fuellte, und da war dann halt auch DDR dabei.


"Manche Kabelnetze" ist gut.
Aus 12 Jahren Foren-Zugehörigkeit kann ich ein bißchen was beisteuern, was mir zu dem Thema hier über den Weg gelaufen und auch hängen geblieben ist:

- In Osnabrück wurde am Kabelkopf Wiedukindsplatz ein geradezu aberwitziger Aufwand betrieben, um trotz 180km Entfernung zum Brocken noch ein brauchbares Bild zusammenzaubern und einspeisen zu können. Besonders feist: Der Kanal 6 war dort doppelt belegt; zum einen mit NED1 aus Smilde und zum anderen mit DDR1 vom Brocken. Beide Programme wurden Überlieferungen zufolge in das Osnabrücker Kabelnetz eingespeist!

- Es gab tatsächlich Überlegungen, das DDR-Fernsehen via Richtfunk Bundesweit in die Kabelnetze einzuspeisen. Wie es ausging ist bekannt, es kam nicht soweit. Ob die Wende daran schuld war ist mir so nicht mehr bekannt.

- Zu PAL/SECAM: Da kann ich nur aus dem Hildesheimer Netz berichten. Hier war es so, dass das DDR-Fernsehen in PAL eingespeist wurde.

- Der Brocken hat tatsächlich dafür gesorgt, dass das DDR-Fernsehen in weiten Teilen Niedersachsens verfügbar war. Soweit mir bekannt, wurde es auch in das Bremer Kabel eingespeist. Die Reichweite war so hoch, dass er selbst in NL für Probleme sorgte. Stichwort NED1 aus Smilde (s.o.).

- Ein Blick auf die Dächer im Großraum Nürnberg/Fürth verriet mir vor knapp 20 Jahren, dass dort sehr wohl DDR-Fernsehen geschaut und dafür auch ein gewisser Aufwand betrieben wurde. Zumindest für den Kanal 12 vom Blessberg wurden häufig größere Einkanal-Rechen aus Rosenheim (überwiegend) montiert.

Was den Grund für die geschilderten Szenarien betrifft: Politisch motiviert war das alles ganz sicher nicht. Nein, das DDR-Fernsehen hatte durchaus interessante Inhalte zu bieten. Louis de Funès, Bud Spencer und so mancher Schinken vom Klassenfeind Amerika waren auch dort zu finden. Die Sandalenfilme aus Italien und Spanien waren tlw. nur dort zu sehen und in Punkto Kinderfernsehen hat das DDR-Fernsehen oftmals gezeigt, wo es lang geht. Da mich das DDR-Fernsehen praktisch durch meine westdeutsche Kindheit mit begleitet hat, kann ich das relativ gut beurteilen. ;) Okay, Tom und Jerry und Donald Duck waren dort nicht zu finden, aber Pan Tau und Lolek und Bolek liefen dort schon, bevor sie in der ARD bei "Spaß am Montag" (später Dienstag) liefen. Montag Abends (IMO) waren die alten UFA-Filme mit Marika Rökk, Heinz Rühmann usw. auf DDR1 absolutes Pflichtprogramm für meine Großeltern. Die liefen oftmals auch nur dort! Da waren absolute Perlen dabei! Nicht verschweigen möchte ich jedoch, dass DDR1 und 2 auch seeehr langweilige Strecken zu bieten hatten. Das konnten ARD und ZDF jedoch auch von sich behaupten. ;)
Und falls es denn ganz langweilig wurde, hat man sich das völlig verdrehte Zeug im "Schwarzen Kanal" reingezogen. Die ersten fünf Minuten der "Aktuellen Kamera" waren wie von einem anderen Stern und Motorsport-Sendungen hatten fast schon etwas uriges an sich.
Zusammengefasst: Man hat sich als "Wessi" das DDR-Fernsehen nicht deshalb angesehen weil man insgeheim Kommunist war, sondern weil es schlicht und einfach interessante Momente bieten konnte. Abends vor der Flimmerkiste gab es kein West und kein Ost und es gab auch keinen Kapitalismus oder Kommunismus; nein, da wurde auf den fünf Programmen, die wir empfangen konnten schlicht und einfach Deutsch gesprochen. Nicht mehr und nicht weniger. Und ehe man sich versah ertappte man sich bei dem Gedanken, dass die "da drüben" dasselbe Volk waren wie wir, nämlich Deutsche. Nur irgend so eine blöde Grenze dazwischen hatte unser Land in zwei Teile geteilt. Diesen Fehler hatte man dann 1990 wieder korrigiert.

Noch was zu der Empfangbarkeit bei uns: Selbst wenn wir es gewollt hätten, wir konnten uns kaum gegen das DDR-Fernsehen wehren. ARD, ZDF und N3 kamen bei uns von den zwei Sendeanlagen im Westharz (Torfhaus) und das DDR-Fernsehen vom Brocken hatten wir gleich mit im Boot. Mit Vollanschlag. Besser als N3. ;)

von Mc Jack - am 12.08.2015 21:28
Zitat
dlf-fan
Die für mich relevanten Sender Sonneberg 94,2, Leipzig 96,6, Karl-Marx-Stadt 97,0, Inselsberg 97,2 und Brocken 97,4 (ich nutze mal die offiziellen Bezeichnungen der damaligen Zeit) strahlten die Stimme der DDR nur in mono aus.

War das vor 1987 ?
In einer mir vorliegenden Liste von 9-1987 mit Angaben , ob es sich um Mono-oder Stereo-Sender handelt, stehen alle St.d.DDR-Sender als Stereo-Sender drin. Und für die 96,6 Leipzig und 97,4 Brocken kann ich die Stereo-Übertragung ab dem Zeitpunkt auch bestätigen.

Hier die Sende-Liste von September 1987:

87,7 K.-M-Stadt Radio DDR1
87.9 Inselsberg Radio DDR1
88,2 Marlow Radio DDR1
88,4 Leipzig Radio DDR1
88,5 Schwerin DT64 */**
88,6 Suhl Radio DDR1
88,6 Putbus Regionalprogramm **
89,0 Brocken Radio DDR1
89,2 Schwerin Radio DDR1
89,4 Dequede Radio DDR1
89,8 K.-M-Stadt Berliner Rundfunk
90,1 Dresden Berliner Rundfunk
90,2 Inselsberg Berliner Rundfunk
90,4 Leipzig Berliner Rundfunk
90,5 Helpterberg Radio DDR2*
90,8 Cottbus Stimme der DDR
91,0 Marlow Radio DDR2*
91,4 Berlin Berliner Rundfunk
91,5 Brocken Berliner Rundfunk
91,5 Putbus DT64 **
91,7 Sonneberg Berliner Rundfunk
91,8 Löbau DT64 **
92,2 Dresden Radio DDR2*
92,5 Inselsberg Radio DDR2*
92,8 Schwerin Radio DDR2*
92,8 K.-M-Stadt Radio DDR2*
93,1 Berlin DT64 *
93,4 Cottbus Radio DDR1
93,5 Marlow Berliner Rundfunk
93,7 Suhl Radio DDR2*
93,9 Leipzig Radio DDR2*
94,2 Sonneberg Stimme der DDR
94,6 Brocken Radio DDR2*
94,9 Dequede Radio DDR2*
95,1 Cottbus Berliner Rundfunk
95,3 Schwerin Stimme der DDR
95,4 Dresden Radio DDR1
95,5 Marlow DT64 */**
95,8 Berlin Radio DDR1
96,0 Helpterberg Radio DDR1
96,2 Dresden DT64
96,6 Leipzig Stimme der DDR
96,7 Marlow Stimme der DDR
96,8 Frankfurt/O. Radio DDR2 */**
96,9 Dequede Stimme der DDR
97,0 K.-M.-Stadt Stimme der DDR
97,1 Helpterberg Stimme der DDR
97,2 Inselsberg Stimme der DDR
97,3 Dresden Stimme der DDR
97,4 Brocken Stimme der DDR
97,7 Berlin Stimme der DDR
97,8 Weida Regionalprogramm
98,2 Löbau Radio DDR2*
98,5 Schwerin Berliner Rundfunk
98,5 Leipzig DT64 *
98,6 Cottbus Radio DDR2*
98,9 Dequede Berliner Rundfunk
99,1 Helpterberg Berliner Rundfunk
99,7 Berlin Radio DDR2*
100,0 K.-M.-Stadt DT64
101,0 Dequede DT64 *
101,3 Schwerin DT64 *
101,4 Brocken DT64
102,2 Inselsberg DT64 *
102,4 Dresden DT64 *
102,6 Berlin DT64 *
102,7 Sonneberg DT64 *
103,2 Cottbus DT64 */**
103,8 Helpterberg DT64

* zeitweise Regionalprogramm
** Monosender

von carkiller08 - am 15.08.2015 17:54

Westfernsehen in Leipzig und Dahlener Heide

So. Dann werde ich dieses Thema mal wieder hoch kramen. Als DDR-Kind und Jugendlicher war das Thema Westfernsehen in Leipzig spannend.

1983, da war ich acht Jahre alt, wurde unser vier-stöckiger Häuserblock an eine Gemeinschaftsantenne auf einem 16-geschossigen Hochhaus angeschlossen. Vorher ging nur ARD vom Harz West.

Seit dem ging dann folgendes.

ARD Harz-West rauschrei, eine VHF-Antenne.

ZDF rauschfrei aus Bayern aber mit DDR2 Nachbarkanalstörung (Streifen) mit einer zweier UHF Gruppe.

BR3 verrauscht bis rauschfrei mit über die ZDF-Gruppe, es gab keine separate auf den Kanal optimierte Antenne.

SFB3 später N3 aus Berlin etwas verrauscht, antennenmäßig keine Ahnung man konnte die Antenne nicht sehen, da sie hinter einem Vorbau nach Süden hin abgeschottet gewesen ist, um DDR2 aus Sonneberg auszublenden, wahrscheinlich war es eine Einzelantenne.

DDR1 aus Chemnitz mit VHF Einzelantenne.
Hier frage ich mich, weshalb man nicht die ARD Antenne mit verwendet hat, DDR1 kam ja vom Brocken aus exakt gleicher Richtung.

!! kein DDR2 !! – dafür baute ich einen Dipol aus Klingeldraht an das Fenster zum umstecken.

UKW hatten wir fünf Element auf Harz und Bayern, was ich als Kind für NDR 2 und meistens Bayern 3 auf einen Mono-Radio und später einen Mono-Rekorder nutzte. Legendär war die Bayern 3 Radio-Show mit Thomas Gottschalk und Günther Jauch. Oder Maxis Maximal auf NDR2. Bei Überreichweiten ging manchmal HR3 über die Harz Antenne.

Nach einem Sturm wurde die Anlage 1987 modernisiert.
Berlin bekam eine 8er-Gruppe und das N3 war seit dem immer stabil und rauschfrei. Nur eine kleine Gleichkanalstörung von DDR2 Sonneberg war nicht auszublenden. Die Störung war minimal, bei weitem besser als das o. g. ZDF aus Bayern.

Was ich nicht verstehe ist, weshalb man die 8er Gruppe nicht für das ZDF aus Berlin mitgenommen hatte, die lieferte genügend N3-Pegel. So hätte man eine zweite, ggf. klare und ohne Nachbarkanalstörung ZDF-Variante gehabt. Weiterhin wäre sicher auch Sat1 über die Gruppe reingekommen. Oder werden Gruppen auf einen Kanal abgestimmt?

Auf manchen anderen Hochhäusern gab es TV-mäßig dann BR3 stabil rauscharm bis rauschrei dank extra 2er oder 4er Antennengruppe. Manche hatten noch HR3 rauscharm mit 1 bis 4 Antennen. Auch UKW-mäßig hatten manche noch für HR3 extra Antennen. Ein Hochhaus trieb es auf die Spitze, die holten sich wegen dem unterschiedlichen Regionalprogramm noch die ARD aus Berlin und Bayern. UKW-mäßig wurde Berlin nicht angepeilt, obwohl SFB2 sicher möglich gewesen wäre.

Zum Konsum.

Fernsehen

Westfernsehen wurde hauptsächlich gesehen und man konnte auch in der Schule darüber reden. Als Kind schaute ich am meisten ZDF die Serien wie „Dick und Doof“, „ein Colt für alle Fälle“, „ein Trio mit 4 Fäusten“, "Alf" usw.. Danach kam die ARD mit der "Sesamstraße", „Spass am Dienstag“, den Serien „Hart aber Herzlich“ und „auf Achse“ usw.. Dann kam DDR1 mit dem Ferienprogramm, Samstagsserien usw. und ab der Pubertät dann DDR2 Erotikfilme. Als Jugendlicher schaute ich dann hin und wieder N3, da gab es manchmal gute Filme, z. B. "Odyssee im Weltraum". BR3 schaute ich nie, auch nicht wenn es sauber reinkam. BR3 (stabil) und HR3 habe ich nicht vermisst, es war an der Schule nie Gesprächsstoff.

Radio

Beim Radio gab es noch die Besonderheit, dass Westradio bei mir und den anderen Jugendlichen ab 1987 keine Rolle spielte. Als ich anfing, in Stereo aufzunehmen, war gerade DT64 geboren. Westmusik gab es besser von diesem DDR-Sender. Es lief seit dem ich den Stereo Kassettenrekorder hatte nur DT64 allerdings gezielt zur Aufnahme bestimmter Sendungen. Die BRD-Hitparade wurde samstags ausgespielt im „Hitglobus“. Einen Tag später gab es die Lieder dann in der „Maxistunde“ als Maxi ausgespielt ausgespielt. In der wöchentlichen Sendung „Duett für den Rekorder“ wurden ganze Langspielplatten abgespielt. So war es ziemlich sinnbefreit, West-Radio zu hören, zumal der Tuner vom Kassettenrekorder aus dem Westen dazu nicht auch nicht taugte, weil er das Signal der Antennenlage (zu starke Pegelunterschiede zwischen West und DDR-Radio) nicht verkraftete. So hätte ich eigens UKW Antennen für Westradio errichten müssen, was ich aber dank DT64 erübrigte. DT64 Leipzig, heute PSR auf 102.9, aus Leipzig Wiederrau hatte aber einen „Brummton“. Heute weiß ich, dass es am Sender lag. Und es gab Mehrwegeempfang aufgrund von Hochhäusern. Es war einfach nicht sauber zu empfangen. So versuchte ich einen Monat lang, durch einen geeigneten Platz für eine drei Element unter dem Dach auf dem Dachboden diesen verzweifelt sauber zu empfangen. Schluss endlich baute ich als 13 Jähriger die drei Element UKW-Antenne dann auf das Dach, drehte die Richtung Chemnitz und bekam so die 100,00 rauschfrei. Die Leute wunderten sich über den Antennenaufwand für "Ost-Radio"...

Dann hatten wir noch eine Datsche in der Dahlener Heide bei Dahlen. DT64 kam vom Füllsender Colmberg / Oschatz rauschfrei. West-TV gab es von einem kleinem Mast im Wald mit jeweils einer Einzelantenne aus Berlin. ARD leicht verrauscht, ZDF stark verrauscht nur abends brauchbar, N3 fast nie. Es lag aber daran, dass die Antennen den Wald nicht überragten. Sonst kam dort sowas klar.

von StefanG. - am 19.10.2015 12:58

Re: Westfernsehen in Leipzig und Dahlener Heide

Zum Radio hören muss ich noch folgendes ergänzen.

Als Kind bekam ich bereits 1982 mit sieben Jahren ein Radio. Schnell fand ich heraus, dass auf den Westsendern die bessere Musik lief und ich schloss es schnell an die Gemeinschaftsantenne an.

Zur „Unterhaltung“ und "täglichen Musik hören" liefen Westsender wie BR3 und NDR2. Rias2 bekam ich in Leipzig nicht ständig, wurde aber in der Datsche auf der Berliner Frequenz in der Dahlener Heide neben SFB2 mit einem einfachen Dipol von mir gehört. Dort gingen wiederum BR3 und NDR2 nicht. In Leipziger Nachbarhochhäusern mit besseren Tunern an leistungsfähigeren Bayern-Antennen ging aber Rias2 zumindest in Mono stabil.

Ab 1986 begann ich, aufzunehmen. Zunächst mit einem Mono-Rekorder von BR3 und NDR2.

Somit spielte Westradio doch eine Rolle bzgl. Nachrichten, Musik und Unterhaltung.

Aber.

Ab 1987 begann ich mit einem Stereo-Rekorder aus dem Westen, in Stereo aufzunehmen. Der bekam aber die Westsender nur verrauscht, da der Tuner nichts taugte. Zum direkten Empfang zu unempfindlich, für die Antennenanlage nicht großsignalfest. Stereo-Aufnahmen von der BR3 Hitparade oder NDR2 Maxis Maximal waren entsprechend verrauscht. Ein ordentlicher Tuner hatte unsere Familie nicht. Nachbarn mit gutem RFT-Tunern empfingen natürlich BR3 und NDR2 über die Gemeinschaftsantennenanlage ohne Rauschen oder hatten eigene UKW-Antennen unterm Dach.

Nun startete aber zu dieser Zeit genau DT64 durch. Und die hatten das bessere oben erwähnte Programm an Westmusik. Antenne auf Chemnitz, und ich nahm jedes Wochenende mindesten 30 Minuten rauschfrei neue Musik, Maxis usw. auf. Ein guter Tuner zum ordentlichen Westsenderempfang war dann unnötig. Und Freunde in meinem Alter, die dank guten Tunern BR3 und NDR2 gut in Stereo aufnehmen konnten, wechselten zum Musik Konsum und zur Aufnahme ebenso zu DT64. Er war zwischen 1987 und 1989 der bessere Westsender, ganze Schuldiskos habe ich ausschließlich mit DT64 Aufnahmen und feinsten Maxi-Versionen aktueller Musik gespielt.

Neben den rauschreien Stereo "überall" Empfang hatte DT64 einen unschlagbaren Vorteil. Die Lieder wurden ausgespielt und es quatschte keiner rein.

DT64 lief bei mir nicht als Unterhaltungssender. Sondern "gezielt" zur Aufnahme bestimmter Sendungen.

Und dann waren bei mir die Westsender völlig Geschichte. Denn ich hörte sonst dann die mit DT64 aufgenommen Kassetten. So wechselte der Musik Konsum auf eigene Tonträger und "Wunschmusik", welche jedes Wochenende wuchsen...

Nachrichten und Politik kamen nach wie vor aus dem hauptsächlich konsumierten West-TV, dass blieb nicht auf der Strecke. DT64 wendete nur meinen Musikkonsum hin zu gezielten, qualitativ hochwertigen Aufnahmen so dass West Radio für meine Unterhaltung, einen heranwachsenden Jugendlichen, überflüssig war. Die eigenen Kassetten mit Musik nach Geschmack statt Radio hören...

von StefanG. - am 19.10.2015 20:19
Ich kenne den Begriff "Tschechenfalle" eher im Zusammenhang mit dem Kanal 33 und der Ausblendung des Senders Usti, um das Berliner ZDF sichtbar zu machen. Im direkten Grenzgebiet war das wohl unmoeglich, jedenfalls wurde mir das von meinen Gastgebern am Hochwald im Zittauer Gebirge so berichtet. Das ZDF aus Berlin kam oft nach Sendeschluss der Tschechen ganz gut rein. Vom ARD-Empfang wurde mir berichtet, dass Kanal 7 aus Berlin in der Regel brauchbar aber selten richtig gut kam. Einen Fernseher mit "Westfarbe" hatten sie wohl, nur war der Farbempfang oft grenzwertig. Aber man war seinerzeit auch mit weniger zufrieden.

Meine Gastgeber hatten jedenfalls eine Vierergruppe fuer UHF und eine Zweiergruppe fuer VHF-Band III Richtung Berlin. Hinzu kam die UHF-Antenne nach Usti. Im Prinzip funktionierte das, nur war die Stabilitaet der Abstimmung das Problem. Das Signal der Usti-Antenne musste neben der Phasendrehung mit genau passendem Pegel in die Anlage eingespeist werden, sonst war das ZDF wieder weg. Wenn ich es richtig verstanden hatte, dann hatte auch die Usti-Antenne einen Verstaerker und dessen Einstellung entschied ueber Erfolg oder Misserfolg. Bewegungen der Baeume, sich veraendernde Vegetation und ggf. regennasse Baeume machten die Bedingungen auch an jedem Tag anders. ZDF gucken glich einer Sportuebung, der Aufwand war eben hoch. Der Lohn dafuer war zumeist ein ertraegliches Bild mit mehr oder weniger ausgepraegter Jalusie und den Erzaehlungen zufolge auch manchmal wegbrechender Synchronisation. Das Bild "rollte" dann ein paarmal durch, bevor es sich wieder fing. Im Vergleich dazu war das ARD-Bild von Berlin zwar wegen geringem Signalpegel meist flau und nur gelegentlich gut genug fuer Farbe, dafuer aber ruhiger und beim Zuschauen weniger anstrengend.

Versuche mit Vierer-Yagis im VHF-Band I brachten zwar Signale vom Ochsenkopf und Kreuzberg, reichten aber nicht fuer einen laenger anhaltenden Empfang. Erzaehlt wurde mir auch, dass ein Fading auftrat, dass dem Mittelwellenempfang sehr aehnlich war. Mit dem Empfang im VHF-Band I fing man Ende 1950er Jahre an und liess diese Antenne bis heute am Mast. Die VHF-Antenne fuer Band III kam kurz danach, bis zur Erweiterung auf UHF wartete man bis Mitte der 1970er Jahre. Die Erweiterung zur Ausblendung von Usti muesste in den 1980ern gekommen sein.

Ergaenzend noch, auf UKW wurden Berlin und Nordbayern bzw. Franken sowie Osthessen mit nur zwei grossen UKW-Yagis heran geholt. Es sollten 14 Elemente gewesen sein. Berlin ging zumeist ganz ordentlich, ebenso der Hohe Meissner. Vom Ochsenkopf und Kreuzberg konnte witterungsabhaengig mal brauchbar empfangen werden und dann u. U. wieder laengere Zeit ueberhaupt nicht.

Abschliessend zur Ortslage: Der heute zu Oybin gehoerende Ortsteil Hain liegt wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Im Ruecken hat man den Gipfel vom Hochwald. Die lokalen Sender muessten auf der Landeskrone gestanden haben, also in Sichtweite.

von PowerAM - am 13.02.2016 17:46
Zitat
koslowski
SECAM B/G war ab Ende der 1970er Jahre üblicher Standard, wurde z. B. bei Neckermann, Quelle etc. immer beworben. SECAM L gab es bei den gängigen deutschen Herstellern generell erst ab Ende der 1980er Jahre bei den Topmodellen und dort meist auch nur als Option. Einen zweistelligen Marktanteil dürften SECAM-L-taugliche Geräte nie erreicht haben.


Diese sog. Multinormgeräte waren deutlich teurer und Mangels praktischer Empfangsmöglichkeiten für den Großteil der Bevölkerung (nur entlang der franz. Grenze) auch nicht interessant. Sogar bei Fernsehtechnikern war unbekannt, wie ein SECAM-L Bild auf PAL-B/G Geräten aussah. Ich kann mich an eine Szene aus Verstehen Sie Spaß in den 80ern erinnern, als ein Fernsehtechniker (dies war in Berlin) dies als Störung vorgesetzt bekam und nichts damit anzufangen wusste. (Die Forces Francaises sendeten m.W. auch in Norm G aber in SECAM, also DDR Norm und waren so im Kabel vertreten.) Die anderen Streitkräfte untersagten m.W. eine Normwandlung, vielleicht hatte man auch schon damals Rechteprobleme und waren daher nicht im Kabel (ist zumindest mein Kenntnissstand zu MA/LU, weshalb man AFRTS dort nicht einspeiste)

Zitat
Salvator
Zitat
tojo
Meines Wissens nach hatte die Deutsche Bundespost Programme in SECAM (DDR und Frankreich) nach PAL umgewandelt ins Kabel eingespeist.

Kann ich bestätigen. In größeren, grenznahen Kabelnetzen wurden sowohl DDR 1+2, als auch TF1 und France2 in PAL eingespeist. Habe diese Programme zumindest im Kabelpilotprojekt Ludwigshafen/Mannheim, bzw. im Kabelnetz Kiel in der Mitte der 80er Jahre in PAL selbst gesehen.


Du kannt lediglich die Umwandlung in MA/LU bestätigen, doch es war nicht überall so. Im Kabelpilotprojekt dort wurde wirklich empfangen, was ging und France2, resp. damals Antenne2, wurde sogar mit einem Jalousieeffekt eingespeist, da ein Sender (war es aus Bayern?) störte aber man den Turm selbst (Mannheimer Fernmeldeturm) als Hilfe zur Ausblendung aus dieser Richtung nahm. Die Norm wurde dort umgewandelt. Aber nicht überall war es so:

Zitat
CBS
Zitat
koslowski
SECAM L wurde dagegen regelmäßig transcodiert, denn sonst hätte man es in den Gebieten, wo es terrestrisch nicht üblich war, auch gleich weglassen können.


Das stimmt nicht überall. Im Kabelnetz Müllheim/Baden beispielsweise - und sicher nicht nur dort - wurden die Franzosen jahrelang in der Original L Norm eingespeist. Erst irgendwann in den mittleren 90ern hatte man ein Erbarmen und setzte auf PAL G um.


Es war, soweit ich weiss, auch in Bad Krozingen oder sogar Lörrach/Weil so, wobei bei letzterem eine Umwandlung früher kam als in den kleineren Netzen. Diese Kabelgebiete wurde bei den ortsüblichen, terrestrischen Programmen nämlich nicht zentral gespeist sondern jeweils an der Kopfstation selbst und solche professionellen Umwandler sparte man dann zu Beginn einfach ein. Die franz. Programme wurde in den Senderlisten (müsste auf dem Dachboden noch zu finden sein) markiert mit "Multinormtaugliches Gerät erforderlich". Die Sat-Programme für die hier als Beispiel angeführten Kabelnetze wurden zentral am Hochblauen empfangen und per Richtfunk an die Kopfstationen verteilt (falls sich jemand an die Testbilder bei Ausfall eines Programms erinnert). In Freiburg wurden die Programme von Beginn an umgewandelt, was zu Falschberatungen im Einzelhandel (und bei den größeren Ketten) für Käufer aus dem Umland führte, die sich explizit für diese Programme interessierten.

von CBS - am 27.12.2016 11:30
Zitat
Sandy N
Zitat

Mitte bis Ende der achtziger Jahre hatten die meisten im Westen verkauften Fernseher auch Secam an Bord. Ich glaube, das wurde langsam Standard mit der Einführung des Kabelfernsehens, da dort die DDR-Sender -auch in grenzfernen Städten wie Osnabrück- eingespeist wurden ("durchgereicht" in Secam).


Wie wurde das denn ermöglicht ? :gruebel: Sind doch ein paar Kilometer zwischen OS und dem Brocken.


Ich wohn(t)e wenige Kilometer von Osnabrück entfernt (was dann aber schon 100 m höher bedeutet), und Brocken E 6 war hier fast noch Ortssender. Wie auch Harz-West E10, obwohl man hier auf gleichem Kanal den Fernsehumsetzer Grafensundern mit 200 W (! – allerdings vertikal polarisiert und nach Osnabrück gerichtet sendend) fast vor der Haustür hatte (durch Drehen der Antenne konnte man so vom Testbild mit "NDR I WN" auf das mit "NDR I ON" "umschalten", soweit ich mich da jetzt noch richtig erinnere). Hoher Meißner E 7 ging auch, durch Drehen wiederum Markelo (das aber schon recht oder vielmehr sehr angerauscht an normalen Tagen, wobei ich mich gerade frage, ob nicht sogar das noch einer leicht verklärenden Erinnerung entspringt ... ;)). Biedenkopf E 2 ging in angerauschtem Schwarzweiß, mit der Band-III-Antenne. Smilde E 6 ging (jedenfalls an dieser bestimmten Stelle unter dem Dach) oft gar nicht oder zumindest nur sehr schlecht, häufig aber auch sehr gut, konnte den Brocken schon mal wegdrücken. Der umgekehrte Fall kam seltener vor, dann konnte man DDR 1 aber sogar mit Stabantenne sehen. DDR 2 vom Brocken auf K34 war natürlich deutlich schwieriger zu empfangen. Von Überreichweiten abgesehen, habe ich das höchstens so hinbekommen, daß man erkennen konnte, daß da wohl ein Bild war. Allerdings konnte ich die Antenne nur in die vermutete Richtung drehen und dann unten schauen, und diese Experimente waren mir eh verboten :D, und die Antenne war auch nicht besonders gut, wie ich heute durch Vergleich weiß. Das war schade, weil ich gern den "Schwarzen Kanal" gesehen hätte (womit ich hier natürlich völlig allein war :)).

Beim Kabelfernsehen im Bereich des Fernmeldeamts (?) Osnabrück war es so, daß die meisten Programme zentral in Osnabrück empfangen und an die übrigen Kopfstationen weitergeleitet wurden. Nur das erste Fernsehprogramm (NDR und WDR [RB wiederum zentral]), das ZDF und das Dritte Programm vom NDR wurden lokal empfangen (erst später auch das vom WDR), wobei dann in Westerkappeln (in Nordrhein-Westfalen gelegen) zusätzlich "WDR 3" mit dem Fenster Münster drin war (in Osnabrück zentral empfangen wurde "WDR 3" vom Sender Bielefeld K46) und nur hier bei uns hessen 3 vom Sender Habichtswald K41, mit einer schlimmen Jalousie, da man Lingen bei uns nicht völlig ausblenden kann (bei mir zu Hause ging hessen 3 gar nicht, beziehungsweise man hätte hohen Aufwand betreiben müssen). Zu den zentral empfangenen Programmen gehörte neben Nederland 1 und 2 vom Sender Smilde (E 6 [!] und K47) sowie dann auch Nederland 3 vom Sender Markelo (da in Osnabrück auf K44 Sat.1 ausgestrahlt wurde, das dementsprechend bei Antennenempfang häufig durch Nederland 3 vom Sender Smilde gestört wurde, und zwar stark) auch DDR 1 vom Sender Brocken, das mitnichten in SECAM "durchgereicht", sondern "normgewandelt" wurde. Dadurch war das Bild etwas weniger scharf, die Farben waren nicht ganz so schön, vielleicht etwas unnatürlich, und es waren diagonale Streifen im Bild. Außerdem ging das Signal in der Austastlücke verloren, so daß man die drei oder vier Seiten des Teletextversuchs der Deutschen Post der DDR normalerweise nicht sehen konnte. Interessanterweise wurden aber Schwarzweißspielfilme, jedenfalls vom Sender Brocken, anscheinend ohne Farbsignal übertragen, wodurch sich der Transcoder ausschaltete (das Signal dann also wohl durchgeschleift wurde) und das Bild gestochen scharf und klar war und man die Teletextseiten empfangen konnte. DDR 2 war nicht im Kabel. Ein Mitarbeiter in so einem "Kabelmobil" (?) hatte mir damals auf Nachfrage gesagt, daß man mit dem Empfang in Osnabrück Probleme habe wegen eines Fernsehumsetzers, der erst auf einen anderen Kanal umgestellt werden müsse, konnte mir aber nicht sagen, welcher das gewesen sein sollte. Womöglich hatte er da was verwechselt. Daß sich bereits abzuzeichnen begann, daß die Kanäle im Kabel bald knapp werden würden, hat den Empfangseifer vermutlich nicht vergrößert. Erst nach dem 15. Dezember 1990 ist dann auf dem Kanal, auf dem vorher DFF 1 gewesen war, DFF-Länderkette eingespeist worden, dessen Signal häufiger mal wegfadete, dann sprang das Kabeltestbild rein, was die Sache zusätzlich verschlimmerte. SSVC TV war übrigens auch nicht im Kabel, obwohl man das natürlich problemlos empfangen konnte, aus Osnabrück und bei mir auch aus Münster in bester Qualität. Das hatte wohl tatsächlich rechtliche Gründe, ich meine, daß der "Kabelmobil"-Mann meinte, daß das Programm nicht für die Allgemeinheit bestimmt sei und man es ja mit einem normalen deutschen Fernseher auch nicht würde empfangen können (ich glaube, er meinte sogar, ich würde es nicht empfangen DÜRFEN :D); BFBS Radio 2 wurde ebenfalls nicht eingespeist.

von Michel OS - am 31.12.2016 21:22
Zitat
TC Rieden
@ 102.1
Ich denke, dass Oesterreich ein aehnliches Verfahren hatte, dass ab 1988 oder so herum vereinfacht wurde? Ich denke aber dass diese Genehmigungen und Behoerdengaenge in Oesterreich nichts oder wenig mit der Post oder dem ORF Monopol zu tun hatten, sondern mehr eine Art Baugenehmigung fuer diese SAT Antenne war. Vermutl. war die Angst zu gross, dass hier unerfahrene Leute, etwa ohne Meisterpruefung einfach herumbasten? Ich denke auch, dass in Oesterreich diese Genehmigungen oft von einem oertlich ansaessigen Elektro-Installateurbetrieb fuer ihre Kunden eingeholt wurde?

Vor der "ASTRA Zeit", vor 1988/89, hatte ich in Oesterreich selten, aber dennoch immer wieder, Privathaushalte mit grossen Schuesseln wahrgenommen, etwa 1,5 Meter und mehr, meist mit Drehmotor. Hauptinteresse duerfte der Intelsat gewesen sein?


Das hatte im Obermonopolland Österreich gar nichts mit irgendwelchen Baugenehmigungen zu tun. Es ging nur um Feindsender. Da ich auf einem Nachbargrundstück Sat-Schüsseln in Betrieb hatte wurde ich rechtskräftig wegen " Weiterleitung von Rundfunksignalen " verurteilt (Die Beschlagnahme der Anlage stand im Raum !!!!). Später wurde dann pro Sat-Receiver eine Gebühr pro Monat erhoben (ATS 40.- dazumal) Die Funküberwachung war alle 14 Tage bei mir zu Gast (Kopernikus und so...). War eine lustige Zeit damals mit den Behörden. Zum Glück hatten sie keine Handschellen mit.


ORF Monopol ist eine Sache, aber SAT Empfang eine andere Sache. Ich denke, was Du hier schreibst und die Behoerden nicht wollten, ist dass Du offenbar SAT Signale nicht fuer Dich sondern fuer andere weitergeleitet hattest. Ich denke, die Behoerden betrachteten Deine Aktivitaeten als Kabelfernsehen, ohne Genehmigungen.

Ich hatte in Oberoesterreich recht haeufig bereits in der "Vor Astra Zeit" viele private Kabelgesellschaften in Erinnerung, die oft nur eine Gemeinde versorgten. Die hatten die meisten Deutschen Privatsender drinnen, und gglfs auch den Sky-Channel. Das war offenbar ganz offiziell und ohne irgendwelchen behoerdlichen Aerger.

Eine mit Motor drehbare SAT Schuessel war in Oesterreich vor 1988 selten zu finden. Bei einer laengeren und tiefergehenden Reise durch Oesterreich mit Aufenthalten in Vororten und Wohngebieten mit Einfamilienhaeusern sah man vielleicht 7 oder 10 solche Schuesseln, da sie relativ gross waren, fielen sie sofort auf Grund ihrer Groesse auf. Da hiess es dann meistens, da wohne der Praktische Arzt oder sonst irgendein Funkinteressierter. Gefuehlt gesagt und nach damaligen Erinnerungen gedacht, sah man in Oesterreich mehr solche Schuesseln, als im Vergleich in Deutschland, Der, der sie hatte, hatte sicherlich rechtlich alles abgedeckt, denn die Kosten fuer deren Anschaffung duerfte nicht billig gewesen sein, vielleicht 4 oder 5 durchschnittliche Monatsgehaelter? D.h. nur absolute Freaks hatten das. Wer den Betrag ausgab, hatte die Genehmigungen und meist einen Fachmann der sie installierte, und nicht alle 14 Tage irgendwelche Behoerden zu Besuch.

Der ORF hatte nur ein Monopol auf Sendungen, niemals auf den Empfang.

von 102.1 - am 08.01.2017 15:02
Hm, ich hatte oben schon geschrieben, wie die zeitliche Abfolge auf Kanal 5 aussah. Das einzige, was ich nicht weiß, ist, ob wirklich bis zum letzten Tag vor der Aufschaltung von IA Fernsehen das Erste mit dem gemeinsamen Vorabendprogramm (dem "Regionalprogramm") von ORB und SFB über Kanal 5 ausgestrahlt wurde oder ob der Sender noch eine Zeitlang aus war.


Zitat
Jens1978
Zitat
Kay B
Bis Ende 1991 hatte der DFF ein eigenes ARD-Vorabendprogramm

Das stimmt an sich zwar, aber rein rechtlich gesehen wird es wohl eher so gewesen sein, dass der DFF ein eigenständiger Sender gewesen ist, der hauptsächlich das ARD Programm in seinem ersten Programm übernommen hat. Mir ist z.B. auch nicht bekannt, dass der DFF Teil der ARD war (er war es nicht).


Absolut richtig. Es gab aber auch bereits DFF-Sendungen im ARD-Gemeinschaftsprogramm, für die allerdings eine ARD-Anstalt die "Patenschaft" übernehmen mußte und damit letztlich innerhalb der ARD für das Programm verantwortlich war. (http://web.ard.de/ard-chronik/index/1040?year=1990&month=12)


Zitat
Jens1978
Demnach war die alte DDR F1 Kette die DFF 1 Programm Kette.


Ja, natürlich. Die Umbenennung hatte ja bereits im Frühjahr 1990 stattgefunden.


Zitat
Jens1978
Auch hatte der DFF meines Wissens nach auch noch die alten DDR-Fernsehen Testbilder.


Soweit ich mich erinnere, war mit der Rückbenennung "DDR F1" durch "DFF1" und "DDR F2" durch "DFF2" ersetzt worden, die Testbilder als solches waren gleich geblieben. Wie es dann ab dem 15. Dezember 1990 war, weiß ich seltsamerweise nicht mehr. YouTube hat auch nicht geholfen. Ich bilde mir jetzt gerade ein, DFF-Länderkette hätte ein Testbild mit dem Signet von DFF-Länderkette in der Mitte gehabt. Aber das kann nicht sein, oder?

Auf jeden Fall war der Sendetag des 14./15. Dezember 1990 der letzte, an dem in SECAM gesendet wurde. Nach der nächtlichen Sendepause sendete man in PAL, auf der zweiten Kette dann schon DFF-Länderkette. Die Landesprogramme, die bis dahin in DFF 2 ausgestrahlt worden waren, wechselten in das DFF-Vorabendprogramm im Ersten. In DFF-Länderkette gab es höchstens noch unregelmäßig regionale Opt-outs für einzelne Länder.


Zitat
Jens1978
Erst ab 1.1.1992 gab es tatsächlich ARD Anstalten in den neuen Bundesländern.


Ja und nein. Die Anstalten gab es natürlich schon vor dem 1. Januar, sonst wäre es wohl schwierig geworden. (Es war auch so schon schwierig genug, insbesondere für den ORB.) Zum 1. Januar nahmen die Anstalten den Sendebetrieb auf und wurde ihr Beitritt zur ARD wirksam. (http://web.ard.de/ard-chronik/index/1129?year=1992&month=1)


Zitat
Jens1978
Zitat

Der E05 wurde zum 01.01.1992 wahrscheinlich genau wie der E27 dem ODR (später dann ORB) zugeordnet - obwohl die Ausstrahlung von Berliner Gebiet erfolgte.

Steht ja so auch in der Wittsmoorliste drinnen (siehe oben).


Zur Versorgung Brandenburgs von Berliner Gebiet aus, nichts Besonderes.


Zitat
Jens1978
OT: ODR war meiner Erinnerung nach der Arbeitstitel der Anstalt, welche für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg geplant war. Oder hieß der ORB tatsächlich ODR in den ersten Tagen?


Die brandenburgische Landesrundfunkanstalt hieß zunächst ab dem 6. November 1991 "Rundfunk Brandenburg" ("RBr") und wurde von ihrem Rundfunkrat, der sich schon im Oktober konstituiert hatte, am 15. November in "Ostdeutscher Rundfunk" ("ODR") umbenannt. Schließlich beschloß der brandenburgische Landtag am 19. Dezember die Änderung des Namens in "Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg" ("ORB"). ( https://web.archive.org/web/20020619110338/http://www.orb.de/unternehmen/10jahre/chronik/index.html , https://web.archive.org/web/20020926040944/http://www.orb.de/unternehmen/10jahre/geschichte1.html , http://web.ard.de/ard-chronik/index/1104?year=1991&month=11, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1125?year=1991&month=11, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1150?year=1991&month=12)


Zitat
Jens1978
Zitat
Kay B
Hatten SFB und ORB schon ab 01.01.1992 ein gemeinsames ARD-Vorabendprogramm oder kam das erst als der Kanal E05 für private Anbieter abgegeben wurde?
Das muss unterschiedlich gewesen sein, denn die Abendschau vom SFB lief ja noch im Ersten (ARD), bevor der SFB dann aus dem N3 Verbund (Ende 1992?) ausschied. Ab da war es dann möglich das Regionalprogramm ins eigene Dritte zu packen, das Regionalprogramm im Ersten mit dem ORB gemeinsam zu fahren und den K5 dann abzugeben. Später wurde ja dann auch das Berliner Regionalprogramm über Sat ausgestrahlt (übernommen vom mdr), vermutlich weil auch der reichweitenstärkere K5 fehlte.


ORB und SFB hatten zunächst noch eigene Vorabendprogramme ( https://web.archive.org/web/20020926040734/http://www.orb.de/unternehmen/10jahre/geschichte4.html , zweiter Absatz). Ab dem 1. Juni 1993 wurde das Vorabendprogramm gemeinsam ausgestrahlt (http://web.ard.de/ard-chronik/index/1339?year=1993&month=6).


Zitat
PowerAM
Der SFB schied m. E. zum Jahreswechsel 1991/1992 aus dem N3-Verbund aus


Nein, das war erst zum 1. Oktober 1992 der Fall. (http://web.ard.de/ard-chronik/index/1254?year=1992&month=10, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1253?year=1992&month=10, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1255?year=1992&month=10, http://www.ard.de/home/intern/fakten/abc-der-ard/Abendschau__RBB_/555352/index.html)


Zitat
PowerAM
Mecklenburg-Vorpommern war in dieser Zeit CDU-regiert


Von CDU und FDP, mit denkbar knapper Mehrheit. Man darf aber auch nicht vergessen, daß RMV bereits mit dem NDR kooperierte und bereits vor den ersten Landtagswahlen NDR 2 in Mecklenburg-Vorpommern ausgestrahlt wurde. Als man sich nicht einig werden konnte, war der Beitritt zum NDR sozusagen der "Default". (http://web.ard.de/ard-chronik/index/976?year=1990&month=2, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1132?year=1992&month=1, http://web.ard.de/ard-chronik/index/1189?year=1992&month=3)

von Michel OS - am 07.02.2017 18:07
Zitat
DLR-Fan Sachsen-Anhalt
Wären auf TV-Sat 19W (...) 5 deutsche TV-Programme mit ARD/ZDF aufgeschaltet worden, wäre es ein großer Wurf gewesen.


Das war ganz ursprünglich sogar der Plan (aus dem Gedächtnis): ARD1, ARD2, ZDF1 und ZDF2. Sogar zu den zwei Stunden ARD-Regionalprogramm hatte man sich Gedanken gemacht. Es sollte wohl ein spezielles Programm werden. Als der TV-SAT dann soweit war, hatte sich die deutsche Fernsehlandschaft total gewandelt und zusätzliche Programme standen im Vordergrund. Die DDR-Zuschauer hatte man dabei gar nicht auf dem Schirm.

Zitat
joce
Das ist wirklich merkwürdig, dass jahrelang nur die regionalen Programme WDR und BR über Satellit ausgestrahlt wurden, anstatt die Hauptprogramme ARD und ZDF zu nehmen. Ich vermute mal, dass es damit zusammenhängt, dass beide Hauptprogramme terrestrisch zu fast 100% empfangbar waren. Jedes Dorf hatte ja ggf. seinen eigenen Umsetzer. Daher war eine Abstrahlung über Sat nicht notwendig.


Genau, Satellitenübertragung wurde damals fast ausschließlich dafür genutzt, Programme zuzuführen, die terrestrisch nicht zum Abnehmer kommen konnten. Direktempfang war nicht vorgesehen. Und das war keine deutsche Spezialität. Meistens waren Kabelnetze die Abnehmer, aber auch terrestrische Sender für die neuen kommerziellen Programme. Und was der Rotfunk aus Köln hatte, mußte der Schwarzfunk aus München auch haben und umgekehrt - in diesem Fall die Einspeisung in Kabelnetze bundesweit. Deshalb gerade diese beiden. Wer der erste war, weiß ich auch nicht.

Die zusätzliche Übertragung traditioneller, terrestrisch verbreiteter Programme über Satellit kam erst später groß in Mode. Da waren ARD und ZDF sogar relativ früh dran, ganz ausdrücklich mit den "neuen Ländern" als Begründung.

Satellitenkapazität war damals knapp und teuer, insbesondere auf dem Astra. Andererseits lief für einige Zeit mangels terrestrischer Verbindung das Signal vom ARD Stern zum MDR über den Kopernikus, komplett mit Testbild während des Regionalprogramms. Das hätte man bestimmt auch anders lösen können. Und dann ist da ja noch die Rechteproblematik, die ja auch schon angesprochen wurde.

Bleibt die Frage, warum man nicht mit Blick auf die Brüder und Schwestern in der "DDR" schon viel früher eine Satellitenübertragung von ARD und ZDF gestartet hat. In politischen Sonntagsreden wurde die deutsche Einheit im Westen immer wieder gerne beschworen und spätestens seit Aufkommen der ersten Gemeinschaftsanlagen mit Satellitenempfang hätte das Sinn gemacht. Aber das waren zu der Zeit hauptsächlich Sonntagsreden und kaum jemand glaubte noch daran. Vielleicht hatte man sich zu gut mit dem System arrangiert und wollte keine Provokation auslösen. Und dann wäre da die Geldfrage: Den westlichen Gebührenzahlern konnte man das nicht aufbürden und eine staatliche Finanzierung ging aus politischen Gründen auch nicht. Aber die meisten dieser Bedenken hätten sich spätestens 1990 erledigt. Aber da hatte man in der Politik und bei den Sendern schon ganz andere Prioritäten.

Catperson

von catperson - am 08.02.2018 22:31
Zitat
hetietz
Die Leute hier waren und sind aber träge, was das Lernen von Fremdsprachen anbelangt.
Zweifellos gab es Fortschritte seit der "Wende" 1989/90.
Das ändert aber nichts am Grunddilemma.
Ich lerne immer wieder einzelne Kursteilnehmer (z. B. Volkshochschule) kennen, die gern mehr in dieser Hinsicht unternehmen würden.
Die Medienpolitik setzt aber enorme Hindernisse. Kabelpublikum kann man sowieso überwiegend vergessen, da die Leute sehr unbeweglich sind.
Erstens ist das fremdsprachige Angebot meist grausam; dann verhindert in verkabelten Gebieten eine Mafia aus Kabelbetreibern und Wohnungswirtschaft erfolgreich die Einspeisung hochwertiger ausländischer Sender (von ein paar Ausnahmen abgesehen). Tipps zu Apps (die ich an dieser Stelle bewusst nicht nennen möchte) überfordern die Interessenten in der Regel. Dabei hat gerade das meist schnelle Internet in Kabelnetzen hier ausnahmsweise einige Vorteile. Man muss es aber auch wollen, diese zu nutzen.
Wenn in manchen Kleinstädten außerhalb der "Schwarmstädte" (wie dem überbewerteten Leipzig z. B.) dann noch trotz krassen Leerstands von recht soliden Wohnungen (meist sanierter bzw. modernisierter DDR-Neubaublöcke) eine restriktive Politik mit Antennenverboten betrieben wird, dann gönne ich solchen Wohnungsgesellschaften übrigens ihre heraufziehende Pleite von Herzen.
Im Ergebnis wird eben der Dudelkram im Radio gehört, und im TV wird das Übliche gesehen. Gewiss, auch Hochwertiges ist bei den ÖRs im TV noch vorhanden, aber eben alles auf Deutsch.


Ich denke, dass das Thema Fremdsprachen damals in der DDR eher kaum von Interesse war, und dass die DDR Buerger auslaendisches und fremdsprachliches Fernsehen sehen konnten, was man in der DDR nicht zensurieren konnte, war ebenfalls unerwuenscht. Englisch konnte man einfach nicht, deshalb musste sich die DDR Regierung keine Gedanken machen, ob sie nun gegen AFN aktiv Stoersender einsetzt oder nicht. Jedoch ging die DDR gegen RIAS vor, weil RIAS von der DDR Bevoelkerung verstanden werden konnte, und noch dazu von den USA finanziert wurde und eine dementsprechende Meinung sendete.

Wer in der DDR dann AFN einschaltete war vielleicht an bestimmter Musik interessiert, etwa Country, oder dgl, was es in der DDR nicht gab, verstand aber die Nachrichten nicht, oder kaum. Deshalb war es der DDR Regierung offenbar egal.

Ich habe die DDR nicht aktiv miterlebt, denke aber dass an den Schulen meist nur Russsisch gelehrt wurde, und sonst kaum eine andere Fremdsprache. Angeblich haben aber manche Schulen neben Russisch etwas Englisch angeboten. Berichten von Zeitzeugen meinten, dass die Russen so unbeliebt in der DDR waren, sodass man auch kaum Russisch lernen wollte. Die meisten DDR Genossen und Genossinnen duerften Russisch nur sehr halbherzig und wiederwillig aufgenommen haben, und am Ende vieles wieder Vergessen oder absichtlich verdraengt haben.

Ich vermute, das dies auch der Grund war, warum sich in Westdeutschland damals ARD und ZDF dazu entschlossen haben Filme in synchronsiert auf Deutsch zu zeigen, anstelle von Untertiteln. Man ging davon aus, irgendwie in der DDR erreichbar zu sein, und auch Publikum in der DDR ansprechen zu wollen.

Heute wirkt das halt noch alles nach. Selbst in Westdeutschland sind akzentfreie und gute Englischkenntnisse bei der Bevoelkerung im Alter von 40 Plus eine Seltenheit, trotz dessen, da man in AFN Sendegebiet aufwuchs.

Ja, die Kabelbetreiber blockieren oft Vielfalt, gute fremdsprachliche Programme werden nicht gesendet, oder eben aus irgendwelchen rechtlichen Gruenden nicht verbreitet, und das was uebrigbleibt ist fuer mich auch nicht interessant.

Heute gibt es Catchup TV und andere Webseiten, wo man an fremdsprachliche Filme kommt. Man muss es aber aktiv wollen und suchen.

von 102.1 - am 12.03.2018 12:58
Zitat
mittendrin
Achtung, OT:
Zitat

...denke aber dass an den Schulen meist nur Russsisch gelehrt wurde, und sonst kaum eine andere Fremdsprache...
...dies auch der Grund war, warum sich in Westdeutschland damals ARD und ZDF dazu entschlossen haben Filme in synchronsiert auf Deutsch zu zeigen...

Zitat

... Es muss doch möglich gewesen sein, z.B. ein Lehrbuch für Englisch zu bekommen, und sei es über die Westverwandtschaft...

@102.1:
Falsch gedacht.
Fremdsprachige Filme wurden in ganz Deutschland schon immer synchronisiert in die Kinos gebracht, logischerweise dann auch im TV.
In der DDR-Schule war Russisch die erste Fremdsprache, die ab 5. Klasse gelehrt wurde - jeder Schüler hatte bis zum Regelschulabschluss (10. Klasse) also 6 Jahre Russischunterricht.
Der Abiturient (12. Klasse) hatte bis dahin also 8 Jahre Russisch. Englischunterricht gabs ab 7. Klasse fakultativ, also freiwillig für jeden der wollte. Bis zum Abi hatte man dementsprechend 6 Jahre auf dem Buckel. Auf der Erweiterten Oberschule (=Gymnasium) war Englisch und Russisch Pflichtfach, fakultativ konnten Leute, die z.B. Mediziner werden wollten, Latein lernen.

@Zintus:
Selbstverständlich wurden die Fremdsprachen mit Lehrbüchern gelehrt.
Für Russisch und Englisch gabs auch Kurse im DDR-Fernsehen, hier ein Link für den Englischkurs:
https://de.wikipedia.org/wiki/English_for_you
Gedrucktes aus Westdeutschland war grundsätzlich illegal.
Ich persönlich habe stetig versucht mein Schulenglisch damit zu verbessern:
https://de.wikipedia.org/wiki/British_Invasion
Meinen Studienort Magdeburg habe ich damals auch wegen des BFBS-Ortssenderempfangs gewählt und immer fleißig gelernt;-)
Studenten hatten im 1. Studienjahr Russisch und Englischunterricht, einige entsprechend Abi-Vorbildung auch Französisch statt Englisch.

Wieder on topic:
Das Ziel des Westsenderempfangs war in erster Linie deutsches Fernsehen auch wegen z.B. der Sportübertragungen. Die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft zu Zeiten der Seeler, Beckenbauer, Müller und Co.wurden nicht im DDR-Fernsehen gezeigt, schon gar nicht die Bundesligaspiele oder Europapokalspiele mit westdeutscher Beteiligung.
In der Bundesrepublik liefen die Spiele immer abwechselnd im 1. und 2. Prugramm, so dass man verzweifelt versuchte auch den ZDF-Empfang zu realisieren, ARD ging ja meistens.


Das passt zwar nicht ganz zum Thema, aber dennoch. Gab es in der DDR eigentlich Interesse an Fernsehen aus Polen oder der CSSR? Bzw. gab es DDR Kabelnetze die diese Programme verbreiteten? Wurde eventuell auch Polnisch, Tschechisch oder Ungarisch an Schulen gelehrt?

von 102.1 - am 12.03.2018 19:07
Zitat
The Jazzman
[OT] Zum Sprachunterricht in der DDR:

Russisch war obligatorisch von der 5.-10. Klasse. Hinzu kamen beim Abitur (EOS) die beiden Jahre (11.-12. Klasse) und das erste Studienjahr. Letzteres beinhaltete die Übersetzung eines Fachtextes.

Die 2. Fremdsprache war offiziell fakultativ, aber quasi obligatorisch, allerdings wurden Schüler mit weniger guten Noten in Deutsch und Russisch davon befreit. Offiziell konnte man hier zwischen Englisch und Französisch wählen. In der Praxis gab es aber kaum Lehrer für Französisch, so daß es diese Wahlmöglichkeit gar nicht gab.

Da ich französische Vorfahren habe, wäre dies meine 1. Wahl gewesen. Da unsere Schule keine Lehrer hatte... Ich kann mich auch nicht erinnern, das es für Französisch analog zu Englisch auch TV- (7.-8. Klasse) und Hörfunksendungen (9.-10. Klasse) bei Radio DDR 2 gab.

Die Hörfunksendungen wurden aber eher selten genutzt, meist wurde dafür in der Medienstelle eine Tonbandaufnahme geholt. Für die Fernsehsendungen wurde die Unterrichtszeit den Sendezeiten im Fernsehen angepasst. - Für Russisch gab es auch Schulfernsehen, kann mich aber nicht erinnern, das wir im Unterricht das gesehen hätten.

Beim Abitur (EOS) hatte ich einen Mitschüler, der zuvor Französisch lernte, hier aber mangels Wahlmöglichkeit Englisch bei Null anfangen mußte. Da wir einen anspruchsvollen Englischunterricht mit hohen Anforderungen hatten, war das sicherlich nicht einfach (ich für meinen Teil habe sehr viel gelernt und profitiere auch heute noch davon, was allerdings auch durch eine Leidenschaft für diese Sprache gefördert wurde).

An der POS gab es im "fakultativen Unterricht nach Rahmenprogramm" (FKR, 9.-10. Klasse) u.a. Russischkonversation (fakultativ war das Fach, nicht aber die Teilnahme am FKR überhaupt).

An der EOS gab es auch FKR (hieß möglicherweise hier anders), dort wurde Latein angeboten. In der Praxis wurde Latein nur von Abiturienten belegt, die Latein im Studium brauchten (z.B. Medizin).


Ich hatte im Berufsleben immer wieder mit Kollegen zu tun, die in der DDR aufgewachsen sind. Was mir dort immer auffiel, ist, wenn die Kollegen gebildet waren, wussten sie mehr und hatten sie mehr mathimatisch-analytisches Denken, als Jeder im Westen.

Sprachkenntnisse in Russisch konnte ich da wenig ueberpruefen, da ich die Sprache selbst nicht kannte. Ich denke, selbst wenn Jemand nur mit Wiederwillen Russisch in der Schule lernte, so war die Zeit lange genug, sodass jeder DDR Buerger zumindest Basiswissen in Russisch hatte und ein einfaches Ueberleben bei einem Russlandaufenthalt moeglich gewesen waere. Das Englisch der Kollegen aus der DDR war meist schlechter als im Westen, aber dennoch war die Basis da, so weit, dass man diesen Kollegen auch nach UK schicken konnte, um geschaeftlich dort etwas zu erledigen. Fachtexte sind da sicher einfacher, da die Hilfe des Berufes hinzukommt, und dem Kollegen in UK der Akzent eher egal ist, solange der Bursche die Erfahrung und Loesung bringen konnte.

Interessant war, dass eigentlich fast Jeden den ich aus der ehemaligen DDR kennengelernt hatte, ziemlich genau wusste, wie die Unterhaltungsbranche im Westen ging, Bundesliega, Popmusik, die kannten einfach alles, also nix Tal der Ahnungslosen. Davon gehe ich aus, dass fast jeder in der DDR irgendwie zu Westfernsehen Zugang hatte, und wenn nicht selbst, bei Freunden mit Westfernsehen in Kontakt kam.

von 102.1 - am 13.03.2018 15:16
Zitat
102.1

Ich hatte im Berufsleben immer wieder mit Kollegen zu tun, die in der DDR aufgewachsen sind. Was mir dort immer auffiel, ist, wenn die Kollegen gebildet waren, wussten sie mehr und hatten sie mehr mathimatisch-analytisches Denken, als Jeder im Westen.

Sprachkenntnisse in Russisch konnte ich da wenig ueberpruefen, da ich die Sprache selbst nicht kannte. Ich denke, selbst wenn Jemand nur mit Wiederwillen Russisch in der Schule lernte, so war die Zeit lange genug, sodass jeder DDR Buerger zumindest Basiswissen in Russisch hatte und ein einfaches Ueberleben bei einem Russlandaufenthalt moeglich gewesen waere. Das Englisch der Kollegen aus der DDR war meist schlechter als im Westen, aber dennoch war die Basis da, so weit, dass man diesen Kollegen auch nach UK schicken konnte, um geschaeftlich dort etwas zu erledigen. Fachtexte sind da sicher einfacher, da die Hilfe des Berufes hinzukommt, und dem Kollegen in UK der Akzent eher egal ist, solange der Bursche die Erfahrung und Loesung bringen konnte.

Interessant war, dass eigentlich fast Jeden den ich aus der ehemaligen DDR kennengelernt hatte, ziemlich genau wusste, wie die Unterhaltungsbranche im Westen ging, Bundesliega, Popmusik, die kannten einfach alles, also nix Tal der Ahnungslosen. Davon gehe ich aus, dass fast jeder in der DDR irgendwie zu Westfernsehen Zugang hatte, und wenn nicht selbst, bei Freunden mit Westfernsehen in Kontakt kam.


Ich betone gern, das ich noch ein DDR-Abitur habe (1988) ;)

Da ich nach dem Studium noch an der Uni tätig war und seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung tätig bin, habe ich auch den Vergleich.

Natürlich waren Fahnenappell, Wehrkundeunterricht und die hohlen Phrasen und alle Zwänge, die nichts mit der Schulbildung an sich zu tun hatten, großer Mist und waren extrem unbeliebt. Und sind zurecht auf der Müllhalde der Geschichte gelandet.

Was aber das Niveau der Schulbildung betraf - da hätte man anknüpfen sollen. Ich bereue heute, nicht mehr meine Schulbücher Ma/Phy/Ch zu haben. Waren nicht so bunt wie heute, aber didaktisch gut.

Russisch: Zu Beginn lief es gut, dann hatten wir viel Ausfall. Und mit zunehmenden Alter sank das Interesse, die Lücken zu schließen.

Englisch: Eine gewisse Sprachbegabung habe ich wohl schon, aber auch das Interesse war immer vorhanden. Musik (BFBS ging bis südlich von Dessau) und Kurzwelle (Neugier über Alles jenseits der Mauer) waren sehr hilfreich. Auch wenn ich in Ermangelung von Verwandtschaft und Kontakten nicht an die Materialien kam, so habe ich aber auch immer "Follow Me" (BBC) auf SFB3 gesehen. - 1992 war ich auf einer Sprachschule in England. Am ersten Tag schrieben wir vor der Lunchpause eine Test. Am Nachmittag saß ich einer Gruppe mit lauter Englischlehrern... ;)

Und was den Empfang betraf - südlich von Dessau bekam man TV und UKW von Brocken und Berlin.

von The Jazzman - am 13.03.2018 17:23
Zitat
Zintus
Ich tippe mal darauf, dass das Foto zwischen 11 und 12 Uhr vormittags an einem Tag im späten März entstanden ist. :eek:


Laut Fotobeschreibung war es Mai 1980. Da war ich 6 Jahre alt. Die Schattenwürfe und die Antennen deuten zusammen schon auf "Mittags" hin. Es gibt weitere Details für den DDR-Kenner: diese typischen Straßenlampen und am Haus ganz links unten und rechts hinter der Straßenlampe nochmal im OG das Schutzgitter eines "Gamat Außenwandheizers" (Gasheizung, kam ein mufflig-süßlicher Geruch raus, konnte man ja dran schnuppern beim Vorbeilaufen, hurra, da bekam man CO auf Wunsch in erhöhter Dosis). Gegenüber hinter dem Bretterzaun vermutlich eine "Bombenlücke", auf der sich ein betrieblich genutzter Hof befand (siehe dortige Lampe).

Gerade mal Google Maps bemüht: ich vermute, wir sehen hier die Straße namens "Augustinern". https://goo.gl/maps/dtcxpaDsTVq

Das große orange-rote Haus ganz im Hintergrund mit dem schmalen dreieckigen Dach "über Eck" befindet sich auf östlicher Seite der Kreuzung mit der Reichenstraße. Der Bretterzaun im Vordergrund verbirgt heute noch ein Industriegelände (weiße LKWs im Luftbild).

Ahh ja: https://www.mz-web.de/quedlinburg/sanierungsgebiet-quedlinburg-gelder-fuer-den-strassenbau-23608916

https://www.stadtbild-deutschland.org/forum/index.php?thread/883-quedlinburg-galerie/&pageNo=3
(nach "Augustinern" suchen)

Hat sich ja sehr lange in diesem Straßenzustand gehalten.

Zitat
DABit
Ja, der ist echt süss! Scheint schon ein Bedürfnis gewesen zu sein. Das kann ich als Schweizer wohl gar nicht richtig einordnen, wie die Leute damals für ein wenig Informationen aus dem Westen kämpfen mussten!


Das Bedürfnis war bei vielen massiv vorhanden, entsprechend gab es die absurdesten Antennenkosnturkionen auf Privathäusern (leider findet der eine Nachbar meiner Eltern keine Fotos der riesigen Antennenanlage seines Vaters mehr). Ich erinnere mich auch an einige Familien, die wirkten, als lebten sie nur als körperliche Hülle versehentlich in der DDR, "innerlich" aber komplett in der BRD. In meinem verwandtschaftlichen Umfeld war das aber nicht so extrem und bei DDR-Nachrichten in Radio und TV kamen auch keine Kommentare in Richtung "Lüge" oder "Propaganda".

Ich habe das "Westfernsehen" in meiner Familie als nicht so drängend und dringend wahrgenommen. Wir hatten bis ca. 1984 keinen Fernseher und bis Fertigstellung der heute noch existierenden und durch Anwohnereinsatz aufgebauten Kabelfernseh-Anlage 1983 wäre wohl mit noch vertretbaren eigenen Antennenaufwand nur DDR 1 ordentlich und DDR 2 angerauscht / ARD / ZDF / BR schlecht empfangbar gewesen. Ich vermisste als Kind das Fernsehen jedenfalls nicht, ich kann mich auch nicht an "Mobbing" in der Schule deswegen erinnern.

In der Küche gab es ein Mittelwellenradio, das direkt nebeneinander DDR 1 und DLF bot. Es wurde munter hin- und hergeschaltet, sowohl zu Nachrichten als auch zu Unterhaltungssendungen. Vieles in West-Nachrichten interessierte uns DDR-Bürger ja eigentlich auch nicht, weil es uns entweder gar nicht betraf und wir ohnehin keine Einmishcungsmöglichkeit gehabt hätten (westdeutsche Innenpolitik-Machspielchen, "Wackersdorf", "Startbahn West", ...), die deutsch-deutschen und internationalen Themen holten wir uns von beiden Seiten.

Um 1984 herum kauften meinen Eltern einen Farb-TV mit 55er Röhre und recht beachtlicher Bildqualität. Es gingen dann am Wohngebiets-Kabel neben DDR 1 und DDR 2 auch ARD, ZDF, BR und NDR problemlos dauerhaft stabil in unverrauschter Farbwiedergabe. Natürlich habe ich dann Fenrsehen geschaut und schon aufgrund der Überzahl der Westprogramme mehr Westen als DDR. Aber kaum je was relevantes mit Informationen (ich war dann 10, 11 Jahre alt), sondern "Ein Colt für alle Fälle", "Die Straßen von San Francisco", teils die mit der CSSR produzierten Vorweihnachtsserien im ZDF etc.

Natürlich waren "Wetten dass" und "Verstehen Sie Spass?" Familienversammlungen vor dem TV - die DDR-Gala "Ein Kessel Buntes" aber nie. Mutter klebte an der "SchwarzwaldkliniK" und ich verspottete sie deswegen, bis sie austickte. Vater schaute immer um 19 Uhr "Heute" im ZDF, die "Aktuelle Kamera" um 19:30 auf DDR 1 lief aber auch ganz selbstverständlich. Die Tagesschau hatte hingegen seltsamerweise weniger Priorität bei uns.

1988 kam ich in eine Internatsschule. Wir hatten 2 Fernsehräume, in einem DDR 1, im anderen DDR 2. Ich hatte aber schulisch bedingt meist spannendere Dinge zu tun und verlor damals mit 14-15 die Aiffinität an das Fernsehen wieder. Das ist bis heute so: ich besaß selbst nie einen Fernseher, bis heute nicht. Heute heißt das natürlich ja nicht mehr "der kann kein Fernsehen schauen". Manches ziehe ich mir aus der Mediathek (Dokus über Dinge, die mich seelisch berühren).

Zitat
102.1
Was mir in den Bildern auffaellt, ist die Vielzahl von Dampflokomotiven. In der CSSR fuhr man eher Diesel, oder elektrisch.


In der DDR fuhr man in den 1980er Jahren auch weitgehend Diesel oder elektrisch. Aber wenn man als junger Belgier schon Dampfloks im Regelbetrieb vorgesetzt bekommt, dann fotografiert man die halt bevorzugt. Richtig Dampflokbetrieb auf meinen Heimatstrecken kenne ich noch aus dunkler Erinnerung von ca. 1978-1980. Da fuhren noch die Reko-01er bis in den Leipziger Hauptbahnhof. 1985 war ich selbst auf Fotopirsch - da waren es nur noch einzelne Züge. Um 1986 war dann komplett Schluss.

von Chris_BLN - am 13.03.2018 21:30
Auch wenn wir nun sehr weit OT sind:

1989 bekam ich einen neuen Mitschüler an meiner Jenaer Internatsschule. Er kam in die Parallelklasse, aus der mindestens ein Schüler nach der 9. Klasse abgegangen war (und zwar zur "Arbeiter-und Bauern-Fakultät" (ABF) nach Halle/Saale, in Vorbereitung eines Informatik-Auslandsstudiums in Polen, dass dann wendebedingt natürlich ausfiel). Wir waren je Klasse 18 Schüler und es gab auch nur 18 Plätze in den Unterrichtsräumen, das passte perfekt.
Der neue Mitschüler kam aus Halle/Saale, litt unter Atemwegserkrankungen und berichtete uns, dass früh morges der Nebel unter kaltweißen Straßenlampen oft gelb war in Halle.

Ich gehe aber davon aus, dass es in westdeutschen Zentren der Schwerindustrie nicht viel anders aussah als in der DDR. Und ich bleibe dabei: wir hatten natürlich auch Regionen ohne solche Umweltbelastungen. Dort befanden sich dann z.B. die Betriebsferienheime der Unternehmen aus den extrem belasteten Regionen.

Edit: gerade mal das Netz nach alten Stadtansichten meiner Heimatstadt abgesucht. Das war (!) auch eine Industriestadt, eine der ältesten in Deutschland (und um 1890 - 1930 auch sehr wohlhabend). Und was finde ich da? Rundfunkbezug!

https://oldthing.de/Gera-Stadtzentrum-Kat-Gera-0023832046

Bitte die Rückseite anklicken und lesen! Die Karte ist also gelaufen. Poststempel 22.1.1990 - da durfte man diesem Empfänger ja schon ganz offiziell schreiben, da war alles "egal". Netterweise hat der anbieter ja die falsche Adresse abgedeckt...

Aber wie zum Geier kommt diese Karte in den Antiquitätenhandel?

Das Motiv nochmal in Groß:
https://farm1.staticflickr.com/601/23538739989_dde274b0ab_o.jpg

Der Schornstein, der übers Hochhaus schaut, musste 1987 oder 1988 wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Ziegelbauweise und oben nicht mehr standfest. Niemand konnte hochsteigen zum händischen Abriss. Für nen entsprechend hohen Kran fehlte wohl was. Aber die DDR wäre ja nicht die DDR gewesen, wenn man nicht für sowas die bizarrsten Lösungen ersonnen hätte (Geld spielte dann keine Rolle). Im nahegelegenen Freibad wurde eine Ecke auf der Liegewiese abgesperrt. Dort stand dann ein Minol-Tanklaster mit Treibstoff. Daneben wurde der Landeplatz für einen Hubschrauber (Mi8?) eingerichtet. Der hob also im Freibad ab, unten dran hing ein Arbeiter am Seil und wurde über die Stadt geflogen und auf der Schornsteinkrone abgesetzt. Dort schob er dann von Hand die losen Steine in den Schornstein rein, während der Hubschrauber im Standflug schräg über ihm verharrte und ihn somit sicherte. Manchmal rutschte der Arbeiter ab und stürzte in den Schornstein, dann zog man ihn wieder raus und er arbeitete weiter. Das ganze lief immer so 15 Minuten aus meiner Erinnerung heraus, dann flog man zurück ins Freibad und macht Pause. Absolut irre Aktion. Man arbeitete sich so runter bis auf Kran-Höhe. Ich hätte gerne ein Video davon...

Und auch hier scheint die Sonne: da drin befand und befindet sich einer der besten Mehrzwecksäle weit und breit, 1700 Sitzplätze, Raumakustik geplant von Gisela Herzog, die auch die Säle und Studios im legendären Funkhaus Berlin-Nalepastraße projektiert hatte - knapp 30 Jahre früher:
https://goeku.files.wordpress.com/2010/12/3238188569_5c3465c1c6_b.jpg

Immerhin konnte das Haus nebst Saal offenbar erstmal gerettet werden (das wollte man 2014 allen Ernstes auch schleifen). Hier https://www.gera.de/fm/222/Kultur-%20und%20Kongresszentrum-klrin.jpg bin ich auch drauf, ich verrate aber nicht, wo.

Heute ist der Platz davor eine Wüste, die Springbrunnen sind lange weg (kosten ja Geld), die Häuser links im Hintergrund seit Jahren abgerissen (ohne Sinn und Verstand). Rundfunkbezug: im EG des Hauses hinten links hinter den Bäumen befand sich der große RFT-Radio-/Fernsehladen mit "Bastelabteilung" (Ersatzteile, Schaltkreise, ...). Verkaufskultur, die dermaßen gediegen war (das Angebot eher nicht...), sowas findet man heute nicht mehr.

Und seit den 80er Jahren fuhr bei uns die Straßenbahn durch ein Haus:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7a/Gera_DDR_1989.jpg
(hier wohl wieder ein farblich im Laufe der Zeit verkackter ORWO-Farbfilm)

http://www.gera-chronik.de/pic/11B706C4279.jpg?size=800x500


Und hier noch einer zum Thread: Westfernsehen in der DDR

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f4/Gera_DDR_1989_%282%29.jpg

Die Ausrichtung der Antennen geht gen 190° Azimut - das ist Ochsenkopf / Waldstein. Hier das Haus heute https://goo.gl/maps/NLero1xFU4y mit westlich davor einem fiesen Einkaufszentrum an Stelle der Grünanlage. Nach der Wende geschändet.

von Chris_BLN - am 15.03.2018 19:01
Und ich muss dennoch zu Protokoll geben: ich habe mich in der DDR nicht eingeengt gefühlt. Aber ich war halt auch erst 15, als die Mauer fiel. Und an diesem Novemberabend sagte ich, mit einer Gruppe anderer Schüler unseres Internats auf dem Korridor stehend und wie alle anderen ratlos und irritiert schauend, "jetzt kommen Massenarbeitslosigkeit, Kulturabbau und Rechtsextremismus." Mit den ersten beiden Punkten sollte ich Recht behalten, beim dritten Punkt irrte ich mich: der Rechtsextremismus war längst schon da, er existierte als "erweiterter Hass" auf die DDR wohl schon Jahrzehnte, aber nun durfte er endlich "frei" ausgelebt werden. Wir sehen die Folgen eindrucksvoll heute, wo in Ostdeutschland bezogen auf die Bevölkerungszahl 4 mal so viele rechtsextreme Gewalttaten verübt werden wie in Westdeutschland.

Der einschneidende Cut kam für "DDR-Jungs" wohl mit 18, wenn sie zur Armee mussten. Dann bekamen sie den Stumpfsinn und Militarismus des Systems voll zu spüren - aber darin unterscheiden sich auch andere Staaten nicht allzu sehr. Mit 15 war die Welt aber weitgehend "heil", zumindest für mich und meine damaligen Wegbegleiter - bis auf eine Ausnahme. Ein Mitschüler der Schule, die ich bis ich 14 war besuchte, hatte Eltern, die in systemkritischen Künstkerkreisen verkehrten. Die bekamen und hatten "natürlich" Probleme. Wie weit die Stasi in diese Familie eindrang, weiß ich nicht, aber später erfuhr ich, dass die Familie noch vor dem Mauerfall offiziell nach Westdeutschland ausgereist war.

Mein Umfeld hatte solche Themen nicht. Wir waren ganz normale Schüler, als wir 10 oder 12 waren, bastelten wir an der Modelleisenbahn oder besuchten Weihnachten Torsten, dessen Vater dann die grosse H0-Anlage im Wohnzimmer aufbaute - soweit ich mich erinnere auf 2 Tischtennisplatten. Mit 14 waren wir heiss auf einen Kassettenrecorder oder ein Moped (ich auf letzteres nicht, auf ersteres hingegen sehr). Wir hörten ganz normal Popmusik, mal auf dem DDR-Jugendradio DT64 (da wurde in manchen Sendungen ganz mutwillig alles mitschnittfreundlich in voller Länge mit Pause davor und dahinter ausgespielt, es gab sogar eine Sendung, die ganze LP-Seiten am Stück brachte und die Woche drauf die B-Seite), oft auch im Westradio. Das war alles in den 80er Jahren normalerweise kein Problem mehr.

Ärgerlich war, dass Kassetten so teuer waren, dass man sie sich als Kind kaum leisten konnte: 20 DDR-Mark für eine 60er Typ-1-Kassette, die von ausgesucht mieser Bandqualität war. Das Monatsgehalt eines Ingenieurs lag so bei 700 DDR-Mark, nur zum Verlgeich.

Ich war regelrecht stinksauer, wenn in einem Weihnachtspaket aus dem Westen wieder Schokolade (hatten wir auch, sie war nur in vielen Fällen nicht so lecker) oder Zahnpasta (hallo, gehts noch - hatten wir natürlich auch) drin waren und keine leere Kassette. Ein 5er-Pack Kassetten stimmte mich dann aber selig. ;)

Dass man Radios zerlegte und in die DDR schickte, halte ich für bizarr. Wir hatten selbstverständlich Radios, kleine Portables, grosse Portables, Weltempfänger mit Kurzwellenbändern, typische 70er-Jahre-Wohnzimmerradios mit Holzfurnier am Gehäuse und ab den 1980er Jahren auch Komponenten-Stereoanlagen. Schau mal hier durch: http://rft-hifi.de/ und für die Henkelware auch hier: http://www.rft-hifigeraete.de/

Das Zeugs war freilich teuer, sauteuer. Für ein anständiges Tapedeck mit Dolby-B-Nachbau arbeitete man 2-3 Monate. Dafür waren Wohnen und Grundnahrungsmittel sowie öffentlicher Nah- und Fernverkehr saubillig, da subventioniert. Ein Tram-Ticket in meiner Heimtstadt kostete 12,5 Pfennig (gab es nur als 8er-Karte für 1 Mark). Die Preise waren halt verschoben.

Unterm Strich kannte ich niemanden, der Not leiden musste materieller Art (Kleidung, Essen, Wohnung). Wohnungen konnten aber in grausligem Zustand sein (also noch mit Aussentoilette eine halbe Etage tiefer), wenn man im Altbau wohnte. Deshalb waren viele Menschen glücklich, in einen neuen Plattenbau zu ziehen, in dem es alles "umsonst" gab: Heizung ohne Heizkostenzähler, teils gab es nicht einmal Warmwasserzähler! Dafür 70 DDR-Mark Monatsmiete, 1/10 eines Ingenieurgehaltes.

Grundnahrungsmittel waren immer da: Brot, Butter, Käse, Milch, Fischkonserven, Kartoffeln, Äpfel, ... Schwieriger waren delikatere Wünsche (Lachsschinken, Bananen, Orangen (die waren grasgrün und aus Kuba, wenn es welche gab) - manche exotischen Obstsorten lernte ich erst nach 1989 kennen (Kiwi, Avocado, ..). Die Kinder waren definitiv gesünder als heute, wir hatten kaum übergewichtige Kinder, in der Schule wurde auf Teilnahme am Mittagessen geachtet (55 Pfennig / Mahlzeit). Es gab da auch nichts "schlimmes": von Nuden mit Tomatensoße und einer Scheibe panierter und gebratener Jagdwurst über Linsen-Eintopf oder Kartoffeln, Sauerkraut und Bratwurst war da vieles möglich. Ekeln musste man sich davor nicht, die Qualität dürfte regional aber auch sehr unterschiedlich gewesen sein.

Not litt man, wenn man sich quer stellte in bestimmter Weise. Das war anfangs extrem, da konnten Kinder von z.B. Akademikern nicht studieren, weil nach Jahrhunderten der Unterdrückung nun erstmal die "Arbeiterklasse" dran sein sollte. Die DDR hat sich damit in den 50er Jahren die ganzen Akademiker-Familien vertrieben, so dass man (neben dem Mauerbau 1961, um die Leute im Land zu halten) auch mit diesem Irrsinn aufhörte und versuchte, im Land zu halten, was man im Lande halten konnte.

Mein Vater war Individualist. Er las Hermann Hesse (und schrieb ihm sogar und bekam etwas zurück, was man heute wohl "Autogrammkarte" nennen würde). Er verweigerte in den 1950er Jahren, in den neu geschaffenen staatlichen Jugendverband "FDJ" einzutreten - und durfte deshalb nicht studieren, erst viele Jahre später dann per Fernstudium. Hat ihn offenbar nicht weiter gestört, er war viel mit Fahrrad (Tagestouren bis 250 km) und Faltboot unterwegs, er bastelte an Radios herum und machte in dem Unternehmen, in dem er arbeitete, sogar teils die Sendungen im via 100-Volt-Lautsprecherverteilung in die Büros und Fabrikhallen gebrachten Betriebsfunk. Da spielte er auch ungeniert Jazz und Swing (50er Jahre), die er vom BR aufgenommen hatte - natürlich ohne die Moderationen des BR. Das ging solange gut, bis sich Vorgesetzte beschwerten: die Frauen würden nicht arbeiten, sondern in der Fabrikhalle tanzen.

Mutter konnte, obwohl nicht "in der Partei" (das war eigentlich Eintrittskarte für vieles) im Aussenhandel arbeiten - und nicht nur im Ostblock, sondern auch in München, Hannover, Paris. Sie beendete diesen Job, als ich dann unterwegs war.

Meine Eltern legten sich gerne mit Behörden an wegen Misständen. Und der Bruder meines Vaters war in Ungnade gefallen und hatte 1954 die DDR verlassen. Beides genügte nicht, um mir 1988 den Besuch einer "Eliteschule" (gab wohl 15 davon in der gesamten DDR) zu vermasseln. Obwohl wir sogar "Westkontakte" hatten, bekam ich einen Platz in dieser Schule - und das wurde die beste Zeit, die ich hatte.

Da passt super die Story mit dem Fernseher . Die Schule war besonders und auch besonders gut ausgestattet. Farb-TV in vielen Unterrichtsräumen kannte ich vorher nicht. Und so kam es, dass in der wohl ersten Woche an dieser Schule Anfang September 1988 die frisch zusammengewürfelte Klasse (kaum jemand kannte jemand anderes von vorher) in einem solchen Raum saß und auf die erste Stunde "Staatsbürgerkundeunterricht" wartete. "Stabü" war eines der schrägsten Fächer in der DDR-Schule und wurde nach der Wende durch "Ethik" abgelöst. Die Stabü-Lehrer waren oft die Inkarnation der Partei himself und genossen besonderen Respekt. Wenn ein Lehrer Probleme aufgrund politischer Blähungen machte, dann der Stabü-Lehrer. So kannte ich das jedenfalls und die anderen wohl auch.

Wir saßen da also und warteten, es war noch Pause. Da war dieser Fernseher und es war Olympiade. Also wurde ein Mitschüler an die Tür gestellt, Wache schieben, wenn der Lehrer kommt. Ein anderer schaltete den Fernseher an. Auf den Speichertasten befanden sich neben DDR 1 und DDR 2 bizarrerweise auch ARD und ZDF. Auf dem ZDF lief Handball (?), BRD gegen wen-auch-immer. Die Jungs wollten das sehen und wir ließen den Fernseher laufen. Irgendwan war auch der Schüler von der Tür mit reingekommen, weil er mit sehen wollte. Dann haben wir wohl das Stundenklingeln überhört und plötzlich stand der uns noch unbekannte Stabü-Lehrer in der Tür. Ach du scheiße! Der hätte uns fürs ZDF alle hopps gehen lassen können. Wir saßen starr da, er schaute uns an, dann schaute er auf den Fernseher, dann wieder auf uns. Dann fragte er "wie lange läuft das Spiel noch?" Irgendwer stammelte was von "10 Minuten" oder so. Da setzte sich der Lehrer vorne hin und schaute das Spiel mit uns zuende. Stabü-Lehrer an einer Eliteschule im Jahre 1988.

Schwieriger wurde es für talentierte junge Chemiker (die auch teils zu internationalen Chemie-Olympiaden fuhren) im Jahrgang über uns. Die hatten im April 1989 Chemikalien geklaut und mit ins Wohnheim genommen, um paar Böller zu bauen. Die ließen sie dann abends aus dem Fenster los und die Dinger waren richtig gut. Blöd daran: die Jungs hatten das versehentlich und absolut ahnungslos ausgerechnet am Hitler-Geburtstag gemacht. Damit setzten sie die gesamte Partei- und Staats-Maschinerie in Bewegung. Der alte, obercoole Chemielehrer (immer mit Zigarre) soll die halbe nacht mit Partei und Stasi der Stadt zusammengesessen haben, um den hyperventlierenden "Staatsorganen" beizubringen, dass das keine politischen Attentäter, sondern 16-jährige chemiebegeisterte Freaks sind. Man konnte das Schlimmste abwenden, die Jungs bekamen einen schweren Tadel vor der gesamten Schulbelegschaft und dann hatte es sichs auch weitgehend.

Erst nach der Wende, als die Truppe 2 Jahre über uns ein Theaterstück über ihre Schulzeit aufführte auf der Festwoche, bekam ich mit, was auch an unserer Schule an Widrigkeiten gelaufen ist. Eine schwangere Schülerin wurde exmatrikuliert (wegen der Schwangerschaft), es soll wohl auch vor unserer Zeit einen Suizid gegeben haben und weitaus mehr Stumpfsinn staatlicher Seite, als wir ihn kennengelernt haben.

Dafür gab es bei uns keine Drogen, keine Gewalt auf dem Schulhof, ein absolut freundschaftliches, nahezu kumpelhaftes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, man brauchte keinen "Schulsozialarbeiter", es gab keinen Unterrichtsausfall wie heute in großem Stile etc. Wir konnten (und mussten!) uns nachmittags betätigen in Arbeitsgemeinschaften. Ich habe als ich 13-14 war, in einer Elektronik-AG gelötet, das zusammengelötete Zeugs hatte sogar Sinn und wurde im städtischen Krankenhaus eingesetzt (an nicht lebens-relevanter Stelle). Mit 14-18 konnte ich an der Schule dann schon das Grundpraktikum des späteren Physikstudiums an der Uni vorziehen. Wir sind also einmal die Woche an die Uni (noch ohne Abitur) und haben dort ganz regulär in den Praktikumsräumen gearbeitet.

Das DDR-System förderte Familien und die Berufstätigkeit von Frauen. Es war völlig normal, dass Frauen in (heute wieder) typischen Männerberufen arbeiten, als Tramfahrerin, als Mähdrescherfahrerin etc. Wir hatten keinen Wahnsinn mit gendergerechter Sprache (es wurde fast immer nur die männliche Form verwendet), dafür fühlten sich die Frauen im Unterschied zu heute aber nicht diskriminiert, da sie und ihre Leistungen real geachtet wurden. Frauen hatten auch einen Tag im Monat extra frei ("Haushaltstag").

Ich behaupte: für die meisten war das "Funktionieren", das ein Leben ohne staatliche Repressalien ermöglichte, problemlos und schmerzfrei. Für einige Prozent war das Leben in der DDR aber die Hölle. Wer sich zu sehr verweigerte und opponierte, wurde aussortiert. Dann konnten die eigenen Kinder seltsamerweise nicht aufs Gymnasium (und damit danach nicht studieren), dan war die eigene Karriere nicht möglich etc. Im Sport wurde massiv gedopt bis runter in die Kinder- und Jugendsportschulen, da liefen regelrecht im Olympia-Wahn medizinische Versuche, die sehr viele dauerhaft geschädigte Menschen zur Folge hatten. Das alles bekam der normale DDR-Bürger auch erst Stück für Stück nach der Wende mit.

Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass heute eigentlich alles ganz genauso ist wie damals in der DDR. Das heutige System in Deutschland ist ein Win-Lose-System, das DDR-System war auch eines. Heute ist die zentrale Frage "habe ich genug Geld?", damals war die zentrale Frage "bin ich politisch konform genug?". Das entschied und entscheidet über das weiterkommen. Armut wird heute in Deutschland auf die Kinder vererbt, Kinder von Eltern mit niedrigerem Einkommen sind weitaus seltener an Gymnasien (in DDR-Zeiten ein Unding!). So wie mein Vater Ärger bekam wegen seines Individualismus, so bekam ich diesen Ärger zu West-Zeiten auch. Wahrheit war damals und ist heute schlechten Chefs ein Dorn im Auge, ich wurde in meinem letzten Job (bis 2012) am Ende regelrecht gemobbt und erpresst.

Für mich sind beide Systeme "Unrechtsstaaten", wenn man diesen strapazierten Begroff gebrauchen will. Und beide taugten bzw. taugen nicht für eine gute Zukunft.

von Chris_BLN - am 16.03.2018 01:47
Zitat
Chris_BLN


Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass heute eigentlich alles ganz genauso ist wie damals in der DDR. Das heutige System in Deutschland ist ein Win-Lose-System, das DDR-System war auch eines. Heute ist die zentrale Frage "habe ich genug Geld?", damals war die zentrale Frage "bin ich politisch konform genug?". Das entschied und entscheidet über das weiterkommen. Armut wird heute in Deutschland auf die Kinder vererbt, Kinder von Eltern mit niedrigerem Einkommen sind weitaus seltener an Gymnasien (in DDR-Zeiten ein Unding!). So wie mein Vater Ärger bekam wegen seines Individualismus, so bekam ich diesen Ärger zu West-Zeiten auch. Wahrheit war damals und ist heute schlechten Chefs ein Dorn im Auge, ich wurde in meinem letzten Job (bis 2012) am Ende regelrecht gemobbt und erpresst.

Für mich sind beide Systeme "Unrechtsstaaten", wenn man diesen strapazierten Begroff gebrauchen will. Und beide taugten bzw. taugen nicht für eine gute Zukunft.


Danke fuer Deinen ausfuehrlichen Beitrag.

Besonders zu deiner letzten Darstellung sei gesagt, dass einige westliche Gesellschaften derzeit regelrecht "auseinanderfallen". Offen wird das natuerlich nie gesagt, und mit Statistiken positiv untermauert, etwa die Arbeitslosigkeit in den USA, oder UK, die ja die letzten Jahre immer wieder zurueckgeht, und das Wirtschaftswachstum welches in beiden Laendern ja so gut waechst.

Fakt ist auch dass die Gesellschaft in den USA und UK extrem auseinanderdriftet. Donald Trump und auch Brexit in UK sind die Resultate davon. Fakt ist auch, dass in beiden Faellen, die eine Seite der Gesellschaft nicht mit der anderen Seite auskommen kann, und sowohl in den USA als auch in UK sehen wir immer mehr politische Entscheidungen die auf "Mehrheiten" von 51% zu 49% basieren. Beide Laender, UK sowie USA bieten ihrer juengeren Generation nichtmehr das was deren Elterngeneration hatten. Halbwegs sichere oder berechenbare Jobverhaeltnisse und vor allem leistbares Wohnen, in Staedten wie London UK oder San Francisco in den USA muss man sich auch mit einem Top-Gehalt mit einer WG herumschlagen. Viele junge Menschen kommen von der Uni mit Schulden, und gute Jobs warten auf diese Generation einfach trotz guter Ausbildung nicht. Die Arbeitslosenstatistik wird auch dadurch geschoent, dass das verdiente Gehalt zum normalen Leben nicht ausreicht, - besonders in den USA ist dies der Fall.

Die DDR dennoch zu gut darzustellen, halte ich allerdings fuer unrichtig. Was viele DDR Buerger heute vergessen, ist dass sie die Option hatten, ihre DDR Mark, quasi 1 : 1 in Westmark umzuwechseln. Dies bedeutet konkret, dass der DDR Buerger nach der Wende, trotz Schliessung von Betrieben und Arbeitslosigket auf gewisse Ersparnisse in Westwaehrung zurueckgreifen konnte. Dadurch entfiel das Gefuehl, sein Berufsleben zu einem Lohn wie in einem Gefaengnis, gelebt zu haben..

In der CSSR und anderen ehemaligen Ostblock Laendern war dies nie der Fall. War jemand zur Wende um die 40 Jahre alt, fehlten einem einfach die Jahre, um vernuenftig sich etwas schaffen zu koennen, und natuergemaess auch die Erfahrung, so wie sie im Westen gefragt war. Die alte Ostwaehrung war kaum oder wenig Wert, und berufliche Erfahrung, mit westlicher Technik, mit westlichen Werten war nicht da, also waren auch die Beschaeftigungsmoeglichkeiten sehr weit eingeschraenkt. War jemand, etwa in der CSSR, zur Wende 15 oder 18, lag das Leben quasi noch vor einem, und dieses Problem geringer.

von 102.1 - am 16.03.2018 11:11
Zitat
mittendrin
Es gab eben zu verschiedenen Zeiten verschiedene DDR´n.


Erstens das und zweitens: es gab zur gleichen Zeit für unterschiedliche Menschen unterschiedliche DDR`n. Wer das Pech hatte (und es konnte einfach nur Pech gewesen sein, also zur falschen Zeit am falschen Ort) und mit einem Zipfel seines Lebens in das Räderwerk des Systems geriet, der konnte darin zermahlen werden und sein familiäres Umfeld gleich mit dazu.

Wieviele Prozent wird das getroffen haben in den 80er Jahren? 5 Prozent? 10 Prozent?

Auf der anderen Seite dann ganz normales Leben, Straßenfeste, Festwochen. Ich eirnnere mich sehr gerne an die 750-Jahr-Feier meiner Heimatstadt 1987, die ganze Innenstadt frisch rausgeputzt, auf der Hauptgeschäftsstraße gab es sogar mobile Diskotheken, die Leute tanzten und feierten (auch und vor allem zu "Westmusik"), es gab Marktstände mit allem möglichen.

Ich erinnere mich an Ostsee-Urlaube und Klassenfahrten mit uns endlos erscheinenden Wanderungen durch den Thüringer Wald. Der Klassenlehrer und ein zweiter Lehrer genügten, um 1988 oder 89 mit achtzehn Jugendlichen von 14-16 Jahren drei Tage zu wandern, auch Nachtwanderung, Übernachtung in einer Jugendherberge. Es gab keine Probleme finanzieller Art (heute haben viele Familien das Problem, Kinder aus Armutsgründen nicht auf Klassenfahrt geben zu können, damit fällt das ganze dann für die gesamte Klasse aus), es gab keine juristischen Probleme (das war 1989 ganz easy: zwei Schüler verweigerten, eine 30-km-Wanderung mitzumachen, also wurden sie zur Thüringerwald-Straßenbahn nach Tabarz geschickt, fuhren selbständig nach Gotha und warteten den halben Tag, bis die restliche Klasse nach der Wanderung von Eisenach aus mit dem Zug dort durchfuhr und stiegen einfach zu). Heute undenkbar, da braucht man für eine Klassenfahrt eine ministerielle Erlaubnis, braucht einen Notfall-Seelsorger, einen Sozialarbeiter, einen Streitschlichter, mehrere Betreuungspersonen und steht dennoch mit einem Bein im Gefängnis. Es war so unkompliziert in der DDR und es passierte auch nichts, weil sich die Jugendlichen benehmen konnten.


Zitat
mittendrin
Fernsehen war manchmal ohne Westpaket nicht möglich. Anfang der 60er hatte der ungarische Fernseher meiner Eltern den Geist aufgegeben.


Wie war dieser Fernseher in die DDR gekommen? Offizieller Import nebst Verkauf in DDR-Geschäft? Und dann hatte man keine Ersatzteile vorrätig...

Zitat
mittendrin
Von später benötigten AF139 bis AF239S Transistoren für den Konverter- und Verstärkerbau zum Empfang des Westfernsehens in der DDR (Kurve gekriegt:-)) will ich jetzt gar nicht weiter reden.


Da bekam ich teils auch tolle Dinge zu sehen. Auch Westdeutschland hatte ja eine "industrialisierte Selbstbau-Szene" (ich wills jetzt mal so nennen), also fertig geätzte und gebohrte Platinen und komplette Bauteile-Sets, mit denen man in diversen Zeitschriften vorgestellte Geräte dann selbst aufbauen konnte. Radio Rim war so etwas, Völkner gewiss auch. Ein Bekannter meines Vaters hatte sich da einiges wohl über "Westpakete" beschafft, er besaß einen Eigenbau-PLL-Tuner mit rot leuchtender Frequenzanzeige und weitere in der DDR so nicht beschaffbare Dinge. Er hatte auch aus grauer Frühzeit der DDR noch eine westdeutsche Fachzeitschrift ("Funk-Technik") abonniert, die - Vertrag war Vertrag - von der DDR weiterhin importiert und ihm zugestellt werden musste. Auch das gab es also teilweise.

Was ich noch - auch Rundfunkbezug - letzte Nacht vergessen hatte zu erwähnen: die DDR hatte an vielen Stellen den leider realitätsfernen Ansatz, die Menschen "erziehen" zu wollen. Diejenigen, die 1945 aus den Trümmern der Nazi-Zeit die DDR errichteten, waren regelrecht beseelt vom Bild eines "besseren Menschen" in jeglicher Hinsicht. Sie erhofften sich, dass die Bevölkerung freiwillig Tugenden annimmt und lebt, die zu jeder Zeit und an jedem Ort dringlich anzuraten sind: Höflichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ordnung, Zielstrebigkeit, Bescheidenheit, Bewusstsein (natürlich hier "Klassenbewusstsein") etc. Man träumte davon, dass die Bevölkerung die in Aussicht gestellte zunehmende Befreiung von schwerer Arbeit (auch in der DDR arbeitete man natürlich an Automatisierung etc.) nutzen wird, um sich "allumfassend" zu bilden, Kunst und Kultur zu nutzen und selbst zu praktisieren etc. Da sind viele Punkte dabei gewesen, an deren Fehlen heute gerade wieder die deutsche Gesellschaft zugrunde geht - es ging da also nicht unbedingt ausschließlich im "Kommunismus-konforme" Themen.

Und dann sowas, und das ist für mich auch "typisch DDR": Als im Kombinat RFT eine neue, für DDR-Begriffe hochwertige Stereoanlage entwickelt wurde (es dürfte sich um die H-MK 100 gehandelt haben), gab es Stimmen im Umfeld Deutsche Post / Studiotechnik Rundfunk, die die Klangsteller von der Gerätefront verbannt und auf der Platine im Gerät angeordnet sehen wollten. Nach Kauf einer solchen Anlage (ohnehin so teuer, dass nicht jeder eine kaufen konnte und so viele gab es auch nicht, die Industrie lieferte freilich nur schleppend), sollte ein Fachmann die Anlage bei den Käufern aufstellen und die Frequenzgangentzerrung auf die räumlichen Gegebenheiten anpassen und dann den Deckel drauf schrauben. Die zugehörigen Lautsprecher waren ja auch die ersten richtig hochwertigen Exemplare in der DDR (BR25), entwickelt von Joachim Kiesler, dessen Firma heute fast alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausstattet: http://www.me-geithain.de/index.php/de/beschallung/firmenprofil/50-jahre-me-geithain

Man wollte damals verhindern, dass sich die Menschen mangels akustisch-hörästhetischer Erfahrung einen "kaputten" Klang einstellen. Das scheiterte natürlich schon im Ansinnen, der Verstärker bekam Klangsteller auf der Front. Aber so war man drauf in der DDR: beseelt davon, dass sich die Menschen hin zu einem wirklich "Besseren" entwickeln.

Für nicht-Ossis empfehle ich für Einblicke in die teils widrigsten Arbeitsbedingungen in DDR-Fabriken, das damit verbundene Improvisationstalent und den Stolz und die Verbindung / Identifikation mit der Arbeit sowie den bis heute katastrophalen Cut nach der "Wende", der die Vernichtung von millionen Biographien mit sich brachte und so manches Extreme in der ostdeutschen Volksseele erklären dürfte, zwei wirklich gut gemacht Filme, die vor einem Jahr im MDR liefen:

https://www.youtube.com/watch?v=4hIwSSSvcI8

https://www.youtube.com/watch?v=1P0OlHsAGiQ

von Chris_BLN - am 16.03.2018 11:53
Zitat
102.1
Besonders zu deiner letzten Darstellung sei gesagt, dass einige westliche Gesellschaften derzeit regelrecht "auseinanderfallen".


Das betrifft auch Deutschland, dass zunehmend wieder in die beiden Teile zerfällt, die bis 1989 durch Mauer und Stacheldraht getrennt waren. Man sieht diese Unvereinbarkeit in der Statistik rechtsextremer Gewalt, man sieht sie in der Ablehnung demokratischer Strukturen (und seien es auch nur die realen "möchtegern-demokratischen" Strukturen), man sieht es in den Wahlergebnissen rechter bis rechtsextremer Parteien, man sieht es in den Unterschieden bei Xenophobie, man sieht es bei der Schere zwischen materieller Erwartungshaltung und realer Wertschöpfung. Ich kenne in Ostdeutschland etablierte Leute aus der Oberschicht, die Immobilien besitzen, Inhaber eines KMU sind und dann sagen, sie wünschen sich Krieg, "damit die Westdeutschen und die Ostdeutschen wieder gemeinsam bei Null anfangen können." Westdeutsche gelten im Osten häufig als schmierige, widerliche Schleimer, als falsch, verlogen und gefährlich. Da ist eine Trennung drin, die größer ist als jemals zuvor. Und eine große Gefahr, dass es zu gewalttätigen Erhebungen kommen wird. Es fehlt nicht mehr viel, die Extremisten befeuern sich im Osten massiv und sind wirklich in der "Mitte der Gesellschaft".

Zitat
102.1
und sowohl in den USA als auch in UK sehen wir immer mehr politische Entscheidungen die auf "Mehrheiten" von 51% zu 49% basieren.


Das ist in Deutschland nicht mehr wesentlich anders. Ich kenne Regionen in Ostdeutschland, in denen es 50% zu 50% steht, was die Zustimmung zum deutschen Grundgesetz betrifft, also zu ganz elementaren Dingen.

Zitat
102.1
Beide Laender, UK sowie USA bieten ihrer juengeren Generation nichtmehr das was deren Elterngeneration hatten.


Nicht nur diese Länder. Das ist überall im Kapitalismus so. Der braucht Wachstum, damit er funktioniert. Ewiges Wachstum ist aber nicht kompatibel zu den Naturgesetzen (und nicht einmal zu den Gesetzen der formalen Logik). Da wir uns standhaft weigern, die uneingeschränkte Gültigkeit der Naturgesetze anzuerkennen, muss das System "Mensch" in die Katastrophe laufen. Aktuell beobachte ich eher noch eine Extremisierung bei der Leugnung dieser grundlegenden Zusammenhänge: die Leute wollen die Naturgesetze noch mehr ignorieren, als sie es ohnehin schon dauerhaft tun.

Das alles ist nicht neu. Prof. Michael Succow, Biologe, Moor-Experte, 1990 wurde er durch eine geniale Aktion Vater der ostdeutschen Biosphärenreservate, später deswegen Träger des alternativen Nobelpreises und Gründer der nach ihm benannten Stiftung zur Bewahrung der Schöpfung, hat es schon im Jahre 2000 formuliert:

[attachment 10767 profsuccow2000.jpg]

(aus https://web.archive.org/web/20111216032456/http://www.grueneliga.de/liga/10jahre/10jahre.pdf#page=8)

Das sagte ein Hochschulprofessor im Jahre 2000 über die Zukunft der Gesellschaft! Ich habe Succow mal durch Zufall getroffen (wusste damals nicht, wer er war). Wenn ich ihn heute irgendwo auf Video sehe, muss ich oft spontan weinen, soviel Liebe gegenüber der Schöpfung ist einfach eine überwältigende Dosis.

Zitat
102.1
Die DDR dennoch zu gut darzustellen, halte ich allerdings fuer unrichtig. Was viele DDR Buerger heute vergessen, ist dass sie die Option hatten, ihre DDR Mark, quasi 1 : 1 in Westmark umzuwechseln. Dies bedeutet konkret, dass der DDR Buerger nach der Wende, trotz Schliessung von Betrieben und Arbeitslosigket auf gewisse Ersparnisse in Westwaehrung zurueckgreifen konnte. Dadurch entfiel das Gefuehl, sein Berufsleben zu einem Lohn wie in einem Gefaengnis, gelebt zu haben..


Das ist weitgehend korrekt, bis auf die kleine Korrektur, dass 2:1 umgetauscht werden konnte oberhalb eines Sockelbetrages. Aber die Chance, finanziell überhaupt nicht bei Null anfangen zu müssen, die massive Unterstützung der DDR durch Westdeutschland, das ist schon ein international einmaliger Vorgang. Der macht für mich auch den Großteil der DDR-Bürger zu dem, was man heute "Wirtschaftsflüchtlinge" nennt und was man vor allem in Ostdeutschland selbst allen, die aus echter Not (Krieg, Verfolgung, Vernichtung, lebensbedrohlicher Mangel an Nahrung) nach neuen Orten suchen, als Pauschalurteil anhängen will. Ich sehe hier eine massive Wirkung eines sogenannten "Schattens" in der Begrifflichkeit, die die Psychologie und -therapie verwendet: die Leute wissen innerlich, dass sie die "Wirtschaftsflüchtlinge" sind und dass verglichen mit echten Gründen das, was sie in der DDR zu erdulden hatten, für die meisten (nicht für alle!!!) Pillepalle war. Auch das hätte sich aufgrund des wirtschaftlichen Niederganges geändert, aber das war 1989 noch nicht ganz dran, das wäre erst 2 Jahre später gekommen. Da könnte Scham eine Rolle spielen und die will man nicht spüren. Deshalb in den 90ern schon der Spruch "wir kommen aus dem Osten und leben auf eure Kosten" und heute die perfektionierte Verdrängungsmethode: den Status "Wirtschaftsflüchtling" auf andere, tatsächlich Hilfsbedürftige und Notleidende, abzuschieben. Das ist eine kollektive Psychose und die bräuchte eine kollektive Therapie. Doch die wird es nicht geben. Deshalb läuft es im Osten in die Katastrophe.

Zitat
102.1
War jemand, etwa in der CSSR, zur Wende 15 oder 18, lag das Leben quasi noch vor einem, und dieses Problem geringer.


Ich erlebe heute noch, wie die DDR-Sozialisierung auf meine Generation (die zur Wendezeit 15-16 war) wirkt. Mehr als mein halber Jahrgang ist letztlich Physiker oder Mathematiker oder Informatiker. Etliche sind promoviert. Aber die wenigsten sind in Führungsfunktionen, die meisten sind kleine hörige Angestellte und sagen ganz offen, dass ihnen die Struktur dazu fehlt, Führungsaufgaben zu übernehmen. Sie sind dann unsicher und fühlen sich nicht berechtigt, anderen Anweisungen zu geben. Da stehen promovierte Physiker, verheiratet und mit Kindern, dann da und sagen über ihren Job "ich weiß nicht, warum die noch nicht gemerkt haben, dass ich eigentlich nichts kann. Ich weiß nicht, warum man mich noch nicht gefeuert hat." Wir sind "klein" erzogen worden und das wirkt bis heute nach. Ob es auf die Kinder abfärbt, weiß ich nicht, ich selbst habe keine, ich bin Single, ich war nie gut genug für auch nur irgendeine der Frauen, die mir in meinem Leben begegneten, um zu mehr zu taugen als als Computer- und Stereoanlagen-Reparateur, als "Psycho-Mülleimer" oder zur "Kuriosums- und Alien-Beschau" (so fühlte sich Frauenkontakt meist an: ich als Alien). Ich war immer Single, ich war nicht attraktiv genug und nun isses eh zu spät.

von Chris_BLN - am 16.03.2018 12:46
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Chris_BLN
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Besonders zu deiner letzten Darstellung sei gesagt, dass einige westliche Gesellschaften derzeit regelrecht "auseinanderfallen".


Das betrifft auch Deutschland, dass zunehmend wieder in die beiden Teile zerfällt, die bis 1989 durch Mauer und Stacheldraht getrennt waren. Man sieht diese Unvereinbarkeit in der Statistik rechtsextremer Gewalt, man sieht sie in der Ablehnung demokratischer Strukturen (und seien es auch nur die realen "möchtegern-demokratischen" Strukturen), man sieht es in den Wahlergebnissen rechter bis rechtsextremer Parteien, man sieht es in den Unterschieden bei Xenophobie, man sieht es bei der Schere zwischen materieller Erwartungshaltung und realer Wertschöpfung. Ich kenne in Ostdeutschland etablierte Leute aus der Oberschicht, die Immobilien besitzen, Inhaber eines KMU sind und dann sagen, sie wünschen sich Krieg, "damit die Westdeutschen und die Ostdeutschen wieder gemeinsam bei Null anfangen können." Westdeutsche gelten im Osten häufig als schmierige, widerliche Schleimer, als falsch, verlogen und gefährlich. Da ist eine Trennung drin, die größer ist als jemals zuvor. Und eine große Gefahr, dass es zu gewalttätigen Erhebungen kommen wird. Es fehlt nicht mehr viel, die Extremisten befeuern sich im Osten massiv und sind wirklich in der "Mitte der Gesellschaft".

Das deckt sich mit vielen Berichten, die ich aus dem ehemaligen Ostdeutschland hoere. Mir ist auch schon oft in SW-Deutschland davon abgeraten worden in Staedte wie Dresen zu ziehen, auf Grund der Gesellschaft und der DDR Vergangenheit. Wirklich beurteilen kann ich es nicht, ich kenne nur die Medienberichte, und diese sind nicht wirklich positiv.

Was im Ausland allerdings sehr positiv bewertet wird, ist der gesamte Aufbau der neuen Bundeslaender, bensonders hinsichtlich der Infrastruktur. Andere Laender in Europa haetten so etwas nicht so hinbekommen.

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Chris_BLN

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und sowohl in den USA als auch in UK sehen wir immer mehr politische Entscheidungen die auf "Mehrheiten" von 51% zu 49% basieren.


Das ist in Deutschland nicht mehr wesentlich anders. Ich kenne Regionen in Ostdeutschland, in denen es 50% zu 50% steht, was die Zustimmung zum deutschen Grundgesetz betrifft, also zu ganz elementaren Dingen.


Ich habe es mitlw. mitbekommen. Ich denke auch Merkel's Fluechtlingspolitik hat dazu massiv beigetragen. Im Unterschied zu Canada oder Australien kommen leider auch nicht die besten Leute nach Deutschland. Dies muss leider gesagt werden, und wird auch jedem ehemaligen DDR Buerger mitlw. bekannt sein. Es war schon viel zu auffallend, dass die Fluechtlinge gerade in diese Laender gehen, wo sie das meiste Geld bekommen und die Schlepperbanden wissen auch, dass da "einiges geht". Deutschland wirft man rasch die Nazi-Vergangenheit vor, und geltet dies mit "wiedermal zahlen" ab. Das Problem ist, dass dann auch "entsprechendes Publikum" angesprochen wird, und die Verbrechensrate sich deutlich steigend zeigt. Das Tuerken und Kurden in Deutschland heute noch Reibereien haben zeugt fuer mich von "dementsprechendem Publikum".

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Chris_BLN

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Beide Laender, UK sowie USA bieten ihrer juengeren Generation nichtmehr das was deren Elterngeneration hatten.


Nicht nur diese Länder. Das ist überall im Kapitalismus so. Der braucht Wachstum, damit er funktioniert. Ewiges Wachstum ist aber nicht kompatibel zu den Naturgesetzen (und nicht einmal zu den Gesetzen der formalen Logik). Da wir uns standhaft weigern, die uneingeschränkte Gültigkeit der Naturgesetze anzuerkennen, muss das System "Mensch" in die Katastrophe laufen. Aktuell beobachte ich eher noch eine Extremisierung bei der Leugnung dieser grundlegenden Zusammenhänge: die Leute wollen die Naturgesetze noch mehr ignorieren, als sie es ohnehin schon dauerhaft tun.

Das alles ist nicht neu. Prof. Michael Succow, Biologe, Moor-Experte, 1990 wurde er durch eine geniale Aktion Vater der ostdeutschen Biosphärenreservate, später deswegen Träger des alternativen Nobelpreises und Gründer der nach ihm benannten Stiftung zur Bewahrung der Schöpfung, hat es schon im Jahre 2000 formuliert:

[attachment 10767 profsuccow2000.jpg]

(aus https://web.archive.org/web/20111216032456/http://www.grueneliga.de/liga/10jahre/10jahre.pdf#page=8)

Das sagte ein Hochschulprofessor im Jahre 2000 über die Zukunft der Gesellschaft! Ich habe Succow mal durch Zufall getroffen (wusste damals nicht, wer er war). Wenn ich ihn heute irgendwo auf Video sehe, muss ich oft spontan weinen, soviel Liebe gegenüber der Schöpfung ist einfach eine überwältigende Dosis.


Ich sehe das Problem weniger im Kapitalismus selbst sondern in weiteren Umstaenden, etwa die Hochverschuldung fast aller westlicher Laender, die Tatsache wenig oder kaum Zinsen zu bekommen bei welcher jede Privatvorsorge kaum vernuenfigt funktioniert. Aus Anlage-Not greifen halt viele zur Immobilie und treiben die Preise hoch. Gerade in Grosstaedten leidet die Gesellschaft darunter, die Leute kommen und gehen wieder... Nachbarn kennt man dann kaum noch.

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Chris_BLN

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Die DDR dennoch zu gut darzustellen, halte ich allerdings fuer unrichtig. Was viele DDR Buerger heute vergessen, ist dass sie die Option hatten, ihre DDR Mark, quasi 1 : 1 in Westmark umzuwechseln. Dies bedeutet konkret, dass der DDR Buerger nach der Wende, trotz Schliessung von Betrieben und Arbeitslosigket auf gewisse Ersparnisse in Westwaehrung zurueckgreifen konnte. Dadurch entfiel das Gefuehl, sein Berufsleben zu einem Lohn wie in einem Gefaengnis, gelebt zu haben..


Das ist weitgehend korrekt, bis auf die kleine Korrektur, dass 2:1 umgetauscht werden konnte oberhalb eines Sockelbetrages. Aber die Chance, finanziell überhaupt nicht bei Null anfangen zu müssen, die massive Unterstützung der DDR durch Westdeutschland, das ist schon ein international einmaliger Vorgang. Der macht für mich auch den Großteil der DDR-Bürger zu dem, was man heute "Wirtschaftsflüchtlinge" nennt und was man vor allem in Ostdeutschland selbst allen, die aus echter Not (Krieg, Verfolgung, Vernichtung, lebensbedrohlicher Mangel an Nahrung) nach neuen Orten suchen, als Pauschalurteil anhängen will. Ich sehe hier eine massive Wirkung eines sogenannten "Schattens" in der Begrifflichkeit, die die Psychologie und -therapie verwendet: die Leute wissen innerlich, dass sie die "Wirtschaftsflüchtlinge" sind und dass verglichen mit echten Gründen das, was sie in der DDR zu erdulden hatten, für die meisten (nicht für alle!!!) Pillepalle war. Auch das hätte sich aufgrund des wirtschaftlichen Niederganges geändert, aber das war 1989 noch nicht ganz dran, das wäre erst 2 Jahre später gekommen. Da könnte Scham eine Rolle spielen und die will man nicht spüren. Deshalb in den 90ern schon der Spruch "wir kommen aus dem Osten und leben auf eure Kosten" und heute die perfektionierte Verdrängungsmethode: den Status "Wirtschaftsflüchtling" auf andere, tatsächlich Hilfsbedürftige und Notleidende, abzuschieben. Das ist eine kollektive Psychose und die bräuchte eine kollektive Therapie. Doch die wird es nicht geben. Deshalb läuft es im Osten in die Katastrophe.


Auch heute sind viele neue EU Laender, besonders die ehemaligen Satellitenstaaten der Sovjetunion fragile Demokratien und Gesellschaften. Slovakei, Tschechien, Polen und Ungarn, all sie haben ihre Herausforderungen.
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Chris_BLN

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102.1
War jemand, etwa in der CSSR, zur Wende 15 oder 18, lag das Leben quasi noch vor einem, und dieses Problem geringer.


Ich erlebe heute noch, wie die DDR-Sozialisierung auf meine Generation (die zur Wendezeit 15-16 war) wirkt. Mehr als mein halber Jahrgang ist letztlich Physiker oder Mathematiker oder Informatiker. Etliche sind promoviert. Aber die wenigsten sind in Führungsfunktionen, die meisten sind kleine hörige Angestellte und sagen ganz offen, dass ihnen die Struktur dazu fehlt, Führungsaufgaben zu übernehmen. Sie sind dann unsicher und fühlen sich nicht berechtigt, anderen Anweisungen zu geben. Da stehen promovierte Physiker, verheiratet und mit Kindern, dann da und sagen über ihren Job "ich weiß nicht, warum die noch nicht gemerkt haben, dass ich eigentlich nichts kann. Ich weiß nicht, warum man mich noch nicht gefeuert hat." Wir sind "klein" erzogen worden und das wirkt bis heute nach. Ob es auf die Kinder abfärbt, weiß ich nicht, ich selbst habe keine, ich bin Single, ich war nie gut genug für auch nur irgendeine der Frauen, die mir in meinem Leben begegneten, um zu mehr zu taugen als als Computer- und Stereoanlagen-Reparateur, als "Psycho-Mülleimer" oder zur "Kuriosums- und Alien-Beschau" (so fühlte sich Frauenkontakt meist an: ich als Alien). Ich war immer Single, ich war nicht attraktiv genug und nun isses eh zu spät.


Du versaeumst heute nichts, wenn Du Single bist, und bleibst. Die "moderne Frau" besonders in Westdeutschland sieht ihre Welt oft zu anders. Oft will sie zwar einen Partner, einen Mann, legt aber Gleichberechtigung oft mit "weiterer sexueller Freiheit aus" sodass sie dennoch immer wieder fremdgeht und doofe Ausreden dafuer bereit hat. Ich habe dies viel zu oft von Arbeitskollegen mitbekommen, - fuer mich waere das nichts, zumal Du als Ehemann bei Scheidungen meist schlechter ausgeht und Untreue kein Verbrechen darstellt. Von wegen "Gleichberechtigung".... Auch die emotionale Reaktion diverser Frauen im Beruf unter dem heutigen beruflichen Druck und dann die Einforderung von Gleichberechtigung fuer offensichlich ungleiches Verhalten ist fuer mich ein Graus.

Zudem kannst Du reisen, wann Du willst, beruflich umziehen, wenn der richtige Job kommt, keinen Aerger mit Kindern oder der heutigen Jugend, und deren Schulsystem, und keine Gedanken, ob es Deinen Kindern in deren Leben auch besser gehen wird.

von 102.1 - am 16.03.2018 13:23
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102.1
Mir ist auch schon oft in SW-Deutschland davon abgeraten worden in Staedte wie Dresen zu ziehen, auf Grund der Gesellschaft und der DDR Vergangenheit. Wirklich beurteilen kann ich es nicht, ich kenne nur die Medienberichte, und diese sind nicht wirklich positiv.


Ich habe Leute in z.B. Dresden und was ich da wahrnehme ist ganz klar, dass sie das Thema meist nicht so wahrnehmen. Oder es nicht wahrnehmen wollen (auch das kann ich teilweise fühlen). Die Masse schweigt und das ist aufgrund der Tatsache, dass die "Gegenseite" vor Grenzüberschreitungen (bezogen auf das Grundgesetz) nicht zurückschreckt, auch verständlich. Nicht jeder nicht-Rechtsextremist ist "ausgebildeter" Straßenkämpfer und geil auf das Erleiden von Körperverletzung. Sich dagegen zu stellen (dazu noch in einem Land, das seit 1990 rechte Gewalt verharmlost und Opfer als "selbst schuld" betrachtet), erfordert schon gewissen Mut, vor allem, weil es kein gesellschaftlich anerkanntes Bündnis gibt. Im Gegenteil: spätestens hinter vorgehaltener Hand sind "unsere Jungs", die das Land "sauber" halten wollen, doch hochgeachtete Leute. Und die, die das Grundgesetz achten wollen, sind "Volksschädlinge".

Ab und an bekomme ich "es gibt auch ein anderes Dresden" zu hören und das stimmt natürlich auch. Günter "Baby" Sommer, berühmter Jazz-Schlagzeuger (und brillanter Alleinunterhalter am Schlagzeug) aus der DDR, hat es Ende 2017 in einem Interview so formuliert: https://we.tl/wWWcqCk12f

Dennoch: die Vorgänge der vergangenen etwa 3 Jahre haben bei mir einen massiven Schaden hinsichtlich Ostdeutschland und vor allem Sachsen verursacht. Würde da nicht hinziehen wollen und erwische mich auch dabei, selbst im Supermarkt sächsische Produkte zu meiden. Da hat sich ein richtiger Ekel eingestellt. Krass, ist aber so.

Bin ich in der Schweiz, höre ich mir auch ab und an an, ich solle Ostdeutschland verlassen, bevor es zu spät ist. Und das teils von Westdeutschen. Mir sind auch Fälle von "Flucht" aus Ostdeutschland bekannt, wo also Westdeutsche schnellstmöglich wieder zurückgehen, wenn sie merken, dass sie als "Fremde" angefeindet und ausgegrenzt werden, wenn sie mitbekommen, dass in einer relevanten Zahl anderer Elternhäuser im Umfeld ihrer Kinder ganz normal Nationalismus, Rassismus und teils auch Faschismus die gültigen Wertmaßstäbe sind. Wenn Kinder in der Schule aufgrund ihrer humanistischen Selbstverständlichkeiten von den Ost-Mitschülern angefeindet werden. Das betrifft dann aber wohl weniger die großen Städte wie Dresden oder Leipzig, das betrifft eher den ländlichen Raum. Gerade Dresden und Leipzig boomen, sind hoch attraktiv in vielerlei Hinsicht (Chancen auf heutige "hochangesehene" Jobs, kulturelle Szene, ...).

Oder es betrifft spezielle Städte, die hohen Anteil an rassistisch oder faschistisch orientierten Einwohnern haben - solche Zentren gibt es und die gab es schon in den 1990er Jahren. Damals fehlten aber meist die Ausländer, an denen man sich abreagieren konnte ("Steh'n drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln" - Rainald Grebe), also machte man vor allem den bekannten Links-Rechts-Krieg.

Ich war nie in irgendwelchen Szenen, ich war ein unscheinbarer Student der Naturwissenschaften, eher häuslich, man fand mich mit Rasenmäher oder Heckenschere, wenn man mich im Sommer sah. Ich ging abends nie weg, man sah mich nie mit Gleichaltrigen und ich war auch nirgendwo organisiert. Damals (um 1998) herum reparierte ich mal den PC der Nachbarsfamilie. Die hatte 2 Töchter. Eine dürfte damals so 15 gewesen sein und sagte zu mir (damals 24) wörtlich "eigentlich müsste man dich ja umbringen, du bist ja eine Zecke. Aber du bist ja unser Nachbar." Anlass kann eigentlich nur gewesen sein, dass ich mich nicht optisch als Nazi zu erkennen gab. Das war "suspekt" genug.

Wenn man sich die Mühe machte, die lokale Tagespresse in Ostdeutschland aus dieser Zeit durchzugehen, fände man in den Städten wöchentlich, fast täglich kleine Meldungen über rechtsextreme Angriffe - die aber nie so bezeichnet wurden und völlig "normal" waren. Bei mir hatte das dann irgendwann zu einer Angststörung geführt, so dass ich mich jahrelang nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr in den öffentlichen Raum traute, was während des Studiums vor allem im Winterhalbjahr sehr hinderlich war.

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102.1
Was im Ausland allerdings sehr positiv bewertet wird, ist der gesamte Aufbau der neuen Bundeslaender, bensonders hinsichtlich der Infrastruktur. Andere Laender in Europa haetten so etwas nicht so hinbekommen.


Da ist ja auch irre viel Geld geflossen. Und Westdeutschland konnte das offenbar recht schadlos abfedern - außerdem kamen die knapp 17 Millionen neuen Konsumenten, die alle geil auf "Westprodukte" waren, doch auch der Wirtschaft Westdeutschlands sehr gelegen.

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Im Unterschied zu Canada oder Australien kommen leider auch nicht die besten Leute nach Deutschland. Dies muss leider gesagt werden, und wird auch jedem ehemaligen DDR Buerger mitlw. bekannt sein.


Was sind "die besten Leute"? Wenn ich hier durch die Stadt gehe, sind vor allem syrische Flüchtlingsfrauen fast noch die einzigen Menschen, denen man eine gwisse Selbstachtung ansehen kann, die sich nicht so gehen lassen wie die Deutschen. Ich hatte sehr gute Begegnungen mit Flüchtlingsfamilien, in einem Fall sagte mir der Mann, dass sie wieder hier weg wollen, da die Stadt keine Perspektive böte: wenig junge Menschen, kaum progressive Menschen, keine hochwertige Arbeit. Das müssen einem hier die Flüchtlinge sagen!

Und ja: hier haben weder die Ostdeutschen selbst noch die Flüchtlinge eine gute Perspektive. Damit ist Stress vorprogrammiert.

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Ich sehe das Problem weniger im Kapitalismus selbst sondern in weiteren Umstaenden, etwa die Hochverschuldung fast aller westlicher Laender, die Tatsache wenig oder kaum Zinsen zu bekommen bei welcher jede Privatvorsorge kaum vernuenfigt funktioniert. Aus Anlage-Not greifen halt viele zur Immobilie und treiben die Preise hoch. Gerade in Grosstaedten leidet die Gesellschaft darunter, die Leute kommen und gehen wieder... Nachbarn kennt man dann kaum noch.


Das sind alles Symptome des Kapitalismus'. Und der Kapitalismus selbst ist Folge (also auch Symptom) einer kollektiven Angststörung, die letztlich auf einem kranken Bild vom Leben beruht, das wiederum aus der Trennung der Menschen von allem Lebenden entspringt. Ist mir jetzt etwas zu kompliziert zum Erklären, aber ich hatte 2013 die Gelegenheit, es selbst erleben zu dürfen, als ein einstiger UNO-Mitarbeiter eine Gruppe von Menschen aus zig Ländern im Rahmen eines Workshops mit einem kleinen Spiel regelrecht reingelegt hat. Alle in dieser Gruppe stammten aus sogenannten "alternativen" Szenen, waren Ökodorfbewohner, wähnten sich teils sehr spirituell unterwegs etc. Und alle haben die Übung so absolviert, wie es der Dozent erwartet hatte: statt zu kooperieren und dabei beide zu gewinnen, waren sie damit beschäftigt, zu verhindern, dass der andere gewinnt (und verloren dadurch auch selbst massiv). Der Mann meinte nur, ist überall das gleiche, egal wo er diese Übung durchführt.

Diese Szene wirkte monatelang in mir nach, dann wurde klar, was dahintersteckt. Die Menschheit hat ein sehr tiefliegenedes, nahezu als "spirituell" bezeichenbares Problem, aus dem alles erwächst: Gesellschaftsformen wie Feudalismus, Kapitlaismus oder Real-Sozialismus der Marke "DDR". Alles darauf aufbauende (egal ob Mauer und Stacheldraht oder die von Dir genannten Dinge) sind Symptome.

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Du versaeumst heute nichts, wenn Du Single bist, und bleibst.


Das nahm ich auch lange Zeit so wahr. Was ich erlebte im Umfeld und im eigenen Kontakt mit Frauen erinnerte mich eher an Unzurechnungsfähigkeit, gepaart mit Hass, Verachtung, Aggressivität und in Paarbeziehungen wirkte es auf mich oft wie "Tierhaltung". Der Mann als Hündchen, das man mit einem Knüppel prügeln kann, dann wirft man den Knüppel weit weg und das Hündchen schleppt sich auf gebrochenen Hinterbeinen dorthin, holt den Knüppel und legt ihm seinem Peiniger mit wedelndem Schwanz vor die Füße. Ich fand das widerlich. In meinem gleichaltrigen Umfeld gibt es genau eine Paarbeziehung, die ich als beiderseitig auf Achtung beruhende liebevolle Partnerschaft wahrnehmen kann. Eine. Die ex-Kollegen kamen Montag früh auf Arbeit und berichteten je nach Mentalität gebrochen wirkend oder mit komödiantischem Talent über die bizarren Erlebnisse mit ihren "Partnerinnen" am Wochenende. Die meisten hatten sich mit der Auffassung, die Frau sei ohnehin nicht zurechnungsfähig, häuslich eingerichtet, um weiteren psychischen Schaden zu vermeiden. Da wurde teils selbst Gewalt regelrecht "erotisiert" ("das gibt der Beziehung die Würze!")

Aber dann lernte ich eine Frau kennen, bei der ich sofort fühlte, dass es anders ist. Heute weiß ich: wir sind Seelenverwandte. Mit ihr (damals alleinerziehend mit einem kleinen Sohn) hätte ich es sofort wagen wollen. Aber ich hatte keine Chance, da ich als "Techniker" von ihr abgelehnt wurde. Sie hat Angst vor solchen "Zombies", die die Welt in Zahlen verwalten. Sie ist Biologin und am liebsten draußen. Ich wartete 4 Jahre in dem Abstand, den sie brauchte. Dann suchte sie sich einen neuen Partner und bekam mit ihm noch 2 Kinder. Mir bleibt die Erinnerung an eine Zeit, in der "Hoffnung" eine ungeahnte Lebensenergie freisetzte. Mir bleibt der Blick aus der Ferne auf ihren großen Sohn (nun schon ein richtig großer Junge), der mich nach wie vor sehr mag, den ich etwa einmal im Jahr sehe und der - als wäre es "Rache" - ein begnadeter Mathematiker, Naturwissenschaftler und Infromatiker geworden ist.

Seitdem tuts weh. Ich wäre gerne Kindern ein liebevoller Vater gewesen, aber es hat nicht sollen sein. Und jedesmal, wenn ich zum Wege-besorgen in die Stadt muss und die vielen Kinder sehe, die bei martialischen, dumpfen Eltern aufwachsen und schon als Kind "verloren" sind, schmerzt das unerträglich. Kinder sind so was tolles - solange sie nicht "kaputtgemacht" werden, was aber leider in unserer Gesellschaft meist im Alter von 2-3 Jahren bereits weitgehend abgeschlossen ist. Und wieder und wieder wachsen verlorene Generationen heran.

In der Schweiz erlebe ich immer wieder mal Kinder, die auch im höheren Alter Neugier und Natürlichkeit sowie Lebensenergie behalten konnten. Sind teilweise sehr schöne Begegnungen. Der eine Junge (ein Inder ausm Waisenhaus mit deutschschweizer Eltern) machte immer Stress bei der Abreise: ich solle bitte mitkommen...

Mit dem Umziehen ist es so ein Problem: ich bin letztlich ein Gemeinschaftsmensch ohne Gemeinschaft. Habe ich nicht gewusst, bis ich es durch psychosmatische Erkrankung (aber richtig hart) in 3 Jahren Berlin erleben durfte. Habe an einem Institut gearbeitet, war aber im Herzen alleine. Am Ende gingen elementare Lebensfunktionen nicht mehr richtig und ich war bereits zu Diagnostik im Krankenhaus. Erst nach weiterem Umzug zurück an den ort, an dem mein bester Schulfreund wohnt (dessen Frau mich natürlich auch verachtet), gingen die Beschwerden wieder weg. Das war schon eine erstaunliche Erfahrung in dieser Heftigkeit. Und seit 5 Jahren bin ich gerne in der Schweiz, habe da ein paar Leute, die ich so sehr mag, dass es offenbar ausreicht, mehr als nur gesundheitlich unbeschadet dort leben zu können. Leider nichts mit dauerhafter Perspektive.

von Chris_BLN - am 16.03.2018 14:26
Sehr emotional geworden hier das ganze.

Die DDR und das was hier jetzt haben sind nicht miteinander vergleichbar. Die DDR war eine Diktatur, alles wurde von oben her diktiert und vorgegben. Abweichungen null toleriert. Wer aus der Reihe tanzte wurde unterwandert/gemaßregelt/weggesperrt/ausgewiesen. Je nachdem wie es gerade den Maßregendeln passte. Es ist ein Segen der Geschichte das die Leute 1989 gemeinsam den Mut fanden und zu tausenden auf die Straße gingen um den Ganzen ein Ende zu setzen.
DDR: Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht. Das politische System war zum kotzen, einige wenige wurden bevorzugt, alle anderen haben unter dem System gelitten. Mancher hat sich arrangiert, was übersetzt heißt sich damit abzufinden und für sich selbst noch irgendwie das beste daraus zu machen.
Bis 1961 haben dermaßen viele Leute mit den Füßen gegen das System abgestimmt das die Kommunisten die Grenzen endgültig dicht machten und das eigene Volk einsperrten. Wer gnädigerweise mal reisen durfte musste immer einen Pfand zurücklassen (Kinder, Ehemann, Ehefrau...) damit die Leute auch ja wiederkommen.
Wenn man sich in Dokus anschaut welche Massen an Leuten ab Ende '89 (als das wieder möglich wurde) das Land verliessen weil sie einfach die Schnauze voll hatten und keine Perspektive mehr für sich und alles um sich herum sahen - das spricht Bände.

Wenn ich mal von mir ausgehe: Wenn ich die Lebensverhältnisse 1989 mit den heutigen vergleiche geht es mir mit Sicherheit besser als es das gegangen wäre hätte man so weitergemacht. Habs noch gut in Erinnerung wie das damals war, ich selbst war um die 16 Jahre alt.
Schlechte Strassen, kaputte Autobahnen, riunöse Häuser....alles war abgewirtschaftet. Plumpsklo halbe Treppe tiefer, kein Bad in der Wohnung. In welchem Land der Welt muß man anmelden das man ein Auto kaufen möchte und muß dann über 10 Jahre darauf warten ? Auf Telefon konnte man warten bis man schwarz wurde. Und das sind alles nur die Spitzen des Eisbergs. Die unsägliche Umweltverschmutzung wurde auch schon angesprochen. Ganze Ortschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht, Bewohner zwangsumgesiedelt. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen was da für Ungerechtigkeiten stattgefunden haben. Wenn Erwachsene Menschen das System kritisierten wurden denen die Kinder weggenommen, die kamen in Heime - die Eltern in den Stasiknast. Politische Häftlinge....

In der Schule ein Tintenkiller aus dem Westen ? War verboten !
Unterhalb der achten Klasse war uns Schülern das Tragen einer Armbanduhr in der Schule verboten. Wie behämmert ist sowas bitte ?
Meine Schwester (vier Jahre älter) musste diesen ganzen Unsinn noch mitmachen in der zehnten -> vormilitärische Ausbildung, marschieren, Gleichschritt. Blieb mir durch die friedliche Revolution der Menschen und der damit verbunden politischen Änderungen im Alltagsleben glücklichweise erspart.
Passend zum Thread: In der Schule gab es mehrere Fernseher, einer mit Farbbild. Erstes und zweites Programm Ost.

Zurückblickend kann ich folgendes sagen: Habe aus beiden Welten das beste mitgenommen, hatte genau das richtige Alter als sich 89/90 alles änderte. Als Kind hatte man es sicher nicht schlecht, hat man es heute aber auch nicht.

Zum Thema:

Als Kind kannte ich Westfernsehen nur von den Klassenkameraden. Das heißt es muß in unserer Gegend* durchaus empfangbar gewesen sein. Selbst hatte ich keinen Zugang dazu, bzw. kann ich mich nicht erinnern das jemals gesehen zu haben. Zuhause gab es nicht mal das zweite Programm vom Ostfernsehen. Das erste kam vom Umsetzer. Unser (s/w) TV war zuletzt eine Zumutung vom Bild her, man hat kaum noch was erkennen können (Kontrast) und es gab Bildverzerrungen die mit jeder Bildeinstellungen anders aussahen. Die Oma väterlicherseits hat auffem Berg gewohnt und hatte wohl auch eine etwas bessere Antennenanlage. In welche Richtung die Antennen so ausgerichtet waren vermag ich nicht mehr zu sagen. Klar habe ich auch an deren Fernseher am Kanalsteller gedreht und hab geschaut was so reinkommt. Zumal der vom Aufbau her so war das der 'eh nur einen Umschalter zwischen VHF und UHF hatte und keine Programmspeicher. Am TV der Großeltern mütterlicherseits habe ich auch am Kanalwähler gedreht und habe rumgesucht. Der war schon was besseres, Farbe und 6 Programmspeicher. Glaube da hätte ich mich auch nicht erwischen lassen dürfen. Standort Meißen, halb am Berg. Große Antennen auf dem Dach. Nichts empfangen ausser DDR 1 und 2.
Aber im Radio gingen auf UKW SFB, Sender freies Berlin, RIAS Berlin - eine freie Stimme der freien Welt. Kann mich noch sehr gut an die Milkawerbung erinnern die da lief.

Faszinierend fand ich die Tatsache wenn man den Stromstecker vom Verstärker rauszog war der Empfang noch gefühlte ein bis zwei Sekunden gegeben, dann verschwand alles im Rauschen. Steckte man den Stecker wieder rein kam der Empfang sofort wieder. Hab das paarmal hintereinander gemacht, sowas hatten wir zuhause nicht. Dabei hätten die mich auch nicht erwischen dürfen...

Das erste Mal so richtig mit Westfernsehen kam ich in Berührung bei meinem Onkel in Mahlow. Das ist quasi in Spuckweite zu Berlin, eine SBahnstation weiter liegt Lichtenrade. Damals noch nicht, da war es noch Westberlin und es fuhr auch keine SBahn und es lagen auch keine Gleise. Ein roter Schienenbus fuhr in die entgegengesetzte Richtung gen Blankenfelde.
Jedenfalls im TV des Onkels gab es ALLES ! --> RTL, SAT 1, ARD, ZDF, gaaaanz hinten auf dem letzten Programmplatz war erst das Ostfernsehen eigestellt. Das war für mich wie in dem Film "Sonnenallee" wo der eine sagt "gugge mal, Westfernsehen...."

*in unserer Gegend bedeutet: tiefstes Sachsen, Gegend zwischen Meißen und Nossen.

Nachtrag: Überreichweiten wurden auch schon angesprochen: Meine Eltern haben mir erzählt das es mal einen Sommer sehr extreme Überreichweiten gegeben haben muß. Sie erzählten mir von einer Übertragung eines Stierkampfes - sowas hatten sie noch nie zuvor gesehen. Irgendwann 1970 plus/minus 5 Jahre.

von Felix II - am 17.03.2018 11:03
Hegi meint wohl das/die hier, ging ja oft genug in den letzten Tagen durch die Medien Link.
Allerdings mir gefällt dieses "die DDR war so toll" ebenfalls absolut nicht. Denn es gab genug schlechtes. Beispiele? Wohnen war billig, ja. Aber in welche Wohnung man mit seiner Familie zieht konnte man nicht selbst entscheiden. Man bekam eine Wohnung zugewiesen. Das heißt, es musste ein Antrag bei der Stadt gestellt und auch begründet werden warum, wieso und weshalb man eine andere oder größere Wohnung und vor allem auch bessere braucht. Ansonsten konnte man noch über Zeitungsanzeigen auch mit anderen Leuten Wohnungen tauschen oder auch über Betriebe und somit dem Arbeitsplatz an Wohnungen kommen. Alles ganz toll. Nur so lässt es sich auch erklären, warum in so vielen Bruchbuden, denn nichts anderes war der, vor allem zum Ende der DDR, Hauptbestand der existierenden Wohnungen, auch tatsächlich Leute lebten. Ich selbst kenne aus meinen ersten Kindheitstagen auch noch den Zustand mit der Toilette auf einer Zwischenetage außerhalb der Wohnung, bevor wir endlich in einen Neubau nach L-Grünau ziehen konnten. Auch die Arbeitswahl war nicht einfach mal bewerben, dann gehen und fertig. Nein, die Betriebe haben sich untereinander unterhalten ob denn die "sozialistische Produktionskraft" auch wirklich in einen anderen Betrieb gehen kann ohne das Planziel des abgebenden Betriebes nicht zu verfehlen. Alles ziemlich schräg nach heutigen Gesichtspunkten. Und wieviel Prozent wurden denn tatsächlich vom System gegängelt und genötigt sich irgendwie zu verhalten? Das war doch eine weitaus höhere Zahl als 5-10% die hier irgendwie genannt wurde. Nicht umsonst ist die DDR nicht mehr existent. Meine Familie war, und ist es noch heute, jedenfalls ziemlich froh, als wir ein paar Jahre vor Maueröffnung endlich aus diesem "Freiluftgefängnis" raus konnten.
Und wenn manche Leute auf "Eliteschulen" gingen, dann hatte das auch seine Gründe. Normale Leute kamen da definitiv nicht hin. Und mit definitiv, meine ich definitiv. Ist ja auch in gewisserweise verständlich, denn warum sollte ein System Leute ausbilden, die nicht 100% linienkonform sind oder von entsprechender Stelle darauf hingewiesen werden, dass sie es sind? Und wie die entsprechenden Personen noch heute über das System sprechen zeigt mir, dass die Auswahl damals anscheinend berechtigt gewesen ist.
Beide Seiten hatten bereits damals Vor- und Nachteile. Aber das Rad hat sich vor allem in den letzten 20 Jahren massiv weitergedreht. Den heutigen Zustand mit einem Teilzustand, und dann auch noch geschönt, von vor 30 Jahren zu vergleichen ... Was soll man dazu noch sagen. Habakukk hat es genau richtig auf den Punkt getroffen: Der heutige Systemzustand ist nicht mehr der, der es vor 30 Jahren war, das Pendel ist extrem zu einer Seite ausgeschlagen. Das dass ganze, meiner Meinung nach, zu einem ähnlichem Ergebnis wie dem des ehemaligen Ostblocks führen wird, fast schon muss, ist meiner Meinung nach auch logisch. Denn warum ging denn der Ostblock den Bach runter? Weil sich die Elite eben nicht mehr ums Volk gekümmert hat, auch nicht die Leute von den Eliteschulen, so hart das auch für den ein oder anderen Leser jetzt klingen mag. Der Großteil der "Elite" lebte in seiner Blase und wollte dann nichts mehr von den Schlechteregstellten wissen und wenn einer den Mund aufgemacht hat, mit an sich possitiven Zielen, dann war er schnell geächtet. Das wiederum, ja, das ist heute tatsächlich ähnlich, aber eben nur "ähnlich" und bei weitem nicht gleich, denn in der DDR saßen mehrere in Gefängnissen nur weil sie die falschen Ansichten hatten. Sowas kann und will ich mir nicht schönreden. Punkt.

Aber um mal wieder etwas Topic zu werden:
Was ich mich immer wieder gefragt hatte war, warum im nahezu ganzen Ostblock die OIRT-Normen eingeführt wurden aber lediglich in der DDR und meines Wissens nach auch in Jugoslawien die eher westeuropäischen CCIR Normen. Wenn die DDR tatsächlich massiv den Empfang westlicher Sender auf den VHF- und UHF-Bändern hätte wirksam unterbinden wollen, dann hätten sie darauf drängen können sowohl im Radiobereich den OIRT Bereich, also damit dann gar kein Empfang von "West"sendern und im TV Bereich dann, wenn überhaupt, nur mit Bild, das auch nur in S/W, aber vor allem ohne Ton zu ermöglichen. Das hat man aber nicht gemacht. Warum eigentlich nicht? Warum waren außer der Farbnorm die Sendesysteme in West- und Ostdeutschland schon immer gleich? Mit einer alten Zugehörigkeit des deutschen Reiches zu einem Systemverbund kann es meiner Meinung nach kaum gelegen haben, denn die ITU Region 1 schließt ja bereits schon immer weite Teile der ehemaligen West- und Ostblöcke ein.

von Jens1978 - am 17.03.2018 11:33
Zitat
Chief Wiggum
Scientology?


Ich musste auch rätseln. Meine Vermutung (ohne die Zahlen genau zu kennen, Wikipedia deutet auf etwa diese Größenordnung): Islam. Und dann kommt mir schon die Frage, wie man auf so etwas kommt, wenn man an dieser Stelle nicht selbst ein wie-auch-immer-geartetes Problem hat. Das ist in diesem Kontext nämlich oberschräg.

Ich hatte das Glück, in den vergangenen 6 Jahren Menschen aus über 50 Nationen kennenlernen zu können, die waren fast alle im normalen Umgang hochgradig anständige, angenehme Leute und die Religion, der sie eventuell angehören, ist dabei völlig unerheblich. Ich hatte inzwischen etliche male Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Atheisten zur gleichen Zeit am gleichen Ort erlebt und kann nur sagen: das funktioniert hervorragend, man kann gemeinsam arbeiten, leben und auch feiern. Man muss nur das Leben an sich achten und dann ist ohnehin alles eins und miteinander verbunden.

Ich habe übrigens ein "ev." in den Steuerunterlagen stehen und belasse es auch dabei, obwohl ich natürlich auch einer von denen bin, die das nicht selbst entscheiden konnten: getauft im Alter von 6 Monaten.

Soviel dazu.

Ansonsten noch @hegi_ms: meine geschilderten Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich beruhen auf dem, was ich letztlich mein gesamtes bisheriges Leben über erlebt habe. Und "bewusst" bin ich vielleicht seit etwa 40 Jahren dabei. Ich hatte kürzlich ein interessantes Gespräch mit einem Notfallmediziner, der mir das bestätigte: eine weitgehend kaputte, psychotische Gesellschaft. Und vor allem jüngere Leute oft psychosozial völlig kaputt.

Ansonsten arbeitet der "wehleidige Ossi" seit mehr als 5 Jahren, wenn er denn für Extern arbeitet, nur noch für Essen und Zeltplatz, weil er Projekte unterstützt, die er ethisch für unterstützenswert hält. Lebensunterhalt und Krankenversicherung zahlt er aus eigener Tasche vom Ersparten aus vorheriger bezahlter (und damals dennoch ethisch anständiger) Tätigkeit. Das geht zwar nicht ewig (-> Plan B muss her), aber niemandem auf der Tasche zu liegen, ist ein gutes Gefühl. Seit mehr als einem Jahr ist er aber weitgehend durchgängig mit der Pflege seines schwerkranken, inzwischen todkranken Vaters beschäftigt. Da käme man mit Wehleidigkeit nicht wirklich weiter.

Und meine Ablehnung von etwas, das Du offenbar "westliche Werte" nennst, beruht darauf, dass ich Naturwissenschaftler bin und weiß, dass Naturgesetze uneingeschränkt zu achten sind. Naturwissenschaftler zu sein genügt dafür alleine offenbar nicht (sonst müsste eine gewisse A. Merkel für eine völlig andere Politik stehen, als sie real steht), da kommt also offenbar noch ein gewisses "Bewussteins-Erlangen" hinzu. Auch ich war als junger Mensch mir dessen nicht bewusst, aber so, wie wir leben, ruinieren wir uns in allernächster Zukunft den Lebensort: diesen Planeten.

Und nun on-topic: ich versuche nochmal den einen Nachbarn meiner Eltern zu bitten, Fotos der Antennenanlage rauszusuchen, die sein Vater einst auf dem Dach des Einfamilienhauses errichtet hatte. Die krasseste Anlage, die ich je zu sehen bekam. Aller Aufwand half nichts: die 4er-Gruppe, die dann später ca. 100 m höher auf der Antennengemeinschaft errichtet wurde, brachte schlagartig bessere Ergebnisse. Damit fiel die Individual-Anlage bereits Mitte der 80er Jahre, deshalb habe ich keine eigenen Fotos davon.

Bis dahin erstmal noch 2 Fotos aus einem MDR-Bericht von 1992 aus der Sommerbadstraße in Gera:

[attachment 10774 GeraSommerbadstrasse1992-1.jpg]
[attachment 10775 GeraSommerbadstrasse1992-2.jpg]
Die Straße ist an dieser Stelle nach Süd - leicht Südost ausgerichtet: https://goo.gl/maps/vWUFWNBR5Wy - ein Großteil der Antennen geht hier Richtung Ochsenkopf, UKW könnte eine 7-Element zum Hohen Meißner gehen, wovon ich mir aber keinen Erfolg verspreche (Tallage). Nach Norden (Wiederau) zeigt hier offenbar gar nichts (dabei wäre das problemlos gegangen, zumindest auf UKW), auch Geyer ist offenbar nicht dabei. Klare Faktenlage: Ochsenkopf und Waldstein, ARD, ZDF BR und RIAS waren die Richtungen.

von Chris_BLN - am 17.03.2018 11:39
So leicht kommen wir vom off-topic wohl leider doch nicht weg. Ich überlasse als jemand, der bis zum Ende die DR mitgemacht hat, niemand anderem die Deutungshoheit.

Zitat
Jens1978
Aber in welche Wohnung man mit seiner Familie zieht konnte man nicht selbst entscheiden. Man bekam eine Wohnung zugewiesen. Das heißt, es musste ein Antrag bei der Stadt gestellt und auch begründet werden warum, wieso und weshalb man eine andere oder größere Wohnung und vor allem auch bessere braucht.


Ich habe in meinem letzten Job am letzten Ort 5 Jahre wie folgt gehaust: zuerst der Reihe nach in 4 völlig verrotzten befristeten Zimmern in psychotischen Studenten-WGs, danach 3 oder 4 Monate in Geschäftsräumen eines Freundes (22 Uhr rein, früh wieder raus, Privatkram in 2 Umzugskartons im Serverraum auf Arbeit). Dann 4 Jahre in einem Zimmer (Tisch, Schrank, Bett) in einem Apartmenthaus am Rande der Stadt, das zu ca. 50% mit Studenten belegt war, die kein WG-Zimmer in der Stadt gefunden hatten und zu den anderen knapp 50% mit Alkoholikern, Asozialen, Gescheiterten. Wir hatten fast wöchentlich die Polizei auf dem Flur (ich hörte dann nachts ja das Geschrei und Gekeife). Ich habe 5 Jahre nur an den Wochenenden einen akzeptablen Lebensraum gehabt.

Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, mir in der Stadt eine Wohnung zu suchen und komplett dorthin zu ziehen. Da wurde nichts draus, denn was ich via Makler oder Anzeigen oder auch Kontakte anderer Art zu sehen bekam, waren Kellerwohnungen im Hinterhof, Wohnungen in halb baufälligen Häusern an Bundesstraßen, Wohnungen mit Schimmelbefall oder ähnliches.

Und das war 2007 - 2012!

Wir haben damals mehrere hervorragende Fach- und Führungskräfte verloren, weil sich niemand, der gewohnt ist, mehrstellige Millionenbudgets zu verantworten und dutzende bis im vorherigen Job hunderte Mitarbeiter zu führen, dauerhaft mit solchen Zuständen abfindet und seine Familie nur am Wochenende sieht. Die besten Leute sind nach kürzester Zeit wieder gegangen.

Zitat
Jens1978
Das heißt, es musste ein Antrag bei der Stadt gestellt und auch begründet werden warum, wieso und weshalb man eine andere oder größere Wohnung und vor allem auch bessere braucht.


...und ich wurde u.a. von einem Makler gefragt, was ich hier eigentlich wolle, ich solle doch gefälligst wieder in der Stadt arbeiten, in der ich eine Wohnung habe. Geschehen im Jahre 2008. Und bei der "kommunalen" Wohnungsverwaltung gibt man - das ist in dieser Stadt ganz offen so Gesprächsthema gewesen - seine Grundrechte an der Tür ab. Bei einer kleineren Genossenschaft gibt es offenbar Blockwarte, die nachts herumschleichen und durch die Fenster in die Wohnungen schauen (zumindest so mehrfach geschehen bei Bekannten von mir). Und als die Legionellen-Verordnung in Kraft trat, kam diese Stadt in die Medien, weil es zahlreiche Fälle von hoher Kontamination im Warmwasser-Netz der Häuser gab. Klar: wenn auch nach minutenlangem Ablaufenlassen von Warmwasser nur 35 Grad rauskommen, wundert das nicht. Geschehen 2012-2014.

Die Mieten sind dafür an der Obergrenze bzw. über dem, was normale Menschen (keine akademischen Doppelverdiener) zahlen können.

Zitat
Jens1978
Nur so lässt es sich auch erklären, warum in so vielen Bruchbuden, denn nichts anderes war der, vor allem zum Ende der DDR, Hauptbestand der existierenden Wohnungen, auch tatsächlich Leute lebten.


Stünde da nicht "DDR", hätte ich glattweg denken können, Du schreibst über die Zustände, die ich 2007-2008 in einer der besten Städte Ostdeutschlands erlebt habe. Bruchbuden, vergammelt, verschimmelt, dunkel, versifft. Why? Because they can. Der "Markt" treibt ihnen die Leute auch in diese Buden. Ist ja nichts anderes da.

Zitat
Jens1978
Ich selbst kenne aus meinen ersten Kindheitstagen auch noch den Zustand mit der Toilette auf einer Zwischenetage außerhalb der Wohnung


Mir war 2008 (!) von einem Makler (!) eine "Wohnung" angeboten worden, bei der ich zur Toilette mit einem Aufzug (!) in eine andere Etage hätte fahren müssen.

Zitat
Jens1978
Nein, die Betriebe haben sich untereinander unterhalten ob denn die "sozialistische Produktionskraft" auch wirklich in einen anderen Betrieb gehen kann ohne das Planziel des abgebenden Betriebes nicht zu verfehlen.


Die Zustände, die ich nach 2012 im Bereich Personalwesen erlebt habe, sind auch nicht wesentlich erfreulicher. Da ich nicht lügen kann und sage, was ich empfinde, hätte ich dank ständigen "Personaler-Karussels" innerhalb der Stadt meines letzten bezahlten Jobs in etlichen Firmen keine Chance. Aber ich würde dort auch gar nicht mehr arbeiten wollen aufgrund des Arbeitsinhaltes, und damit ist mir das wurscht.

Zitat
Jens1978
Und wieviel Prozent wurden denn tatsächlich vom System gegängelt und genötigt sich irgendwie zu verhalten? Das war doch eine weitaus höhere Zahl als 5-10% die hier irgendwie genannt wurde.


Dazu hätte ich auch gerne mal eine verlässliche Zahl. Nur: wo zieht man die Grenze? Wenn ich mir anschaue, wie dort, wo ich später arbeitete, die teils fähigsten Leute gegängelt und gedemütigt wurden, bis sie von selbst gegangen sind, muss man die Grenze wohl sehr restriktiv fassen, wenn man nicht Dinge mitzählen will, die in ähnlicher Intensität heute auch üblich sind. Dazu gehört auch Behinderung bei der Lebensgestaltung durch z.B. nicht-Ermöglichen höherer Bildungsabschlüsse. Das gibt es heute auch massiv, die Studien dazu sind bekannt, gerade in Deutschland ist es für Heranwachsende sehr schwer, das Milieu ihres Elternhauses zu verlassen. Natürlich ist das alles viel "wohlfeiler" gestrickt, es gibt nämlich niemanden, der es einem auf direktem Wege verbietet. Aber das System als ganzes ist so ausgelegt, dass die unteren Schichten kaum je eine Chance zum "Aufsteigen" haben. Und das hatte die DDR in dieser Form nicht (die verweigerte das Aufsteigen aus dumpfer politischer Borniertheit heraus auf direktem Wege). Ist eines von beiden nun "besser"?

Die Frage sei gestattet: ab welchem Grad der "Gängelung" würden wir heute Menschen aus anderen Ländern Asyl gewähren? Das sähe sehr bitter aus für Ostdeutsche...

Zitat
Jens1978
Und wenn manche Leute auf "Eliteschulen" gingen, dann hatte das auch seine Gründe. Normale Leute kamen da definitiv nicht hin.


Käse. Der Grund für die mathe-naturwissenschafts-Schulen lag darin, dass man DDR-weit in den normalen Schulen scannte, wer die besten in diesen Fächern sind. Man hatte ja auch Stadt-, Kreis-, Bezirks- und DDR-Olympiaden für Mathe, Physik und wohl auch Chemie. Bei Mathe versagte ich immer schon im Stadtausscheid. Bei Physik fiel ich damals halt positiver auf. Es gab ein Fördersystem, die Schüler wurden dann in der 8. Klasse in den Ferien (!) zu entsprechenden Kursen eingeladen. Es gab Aufnahmeklausuren (unsere war vor ziemlich genau 30 Jahren) und dann sind halt 54 Schüler dorthin gekommen.

Die Eltern meiner Mitschüler waren u.a. Baggerfahrer und Büroangestellte eines Industriebetriebes, Laborantin im Klinikum, Grundschullehrerin, Mathe-Professorin und Mathe-Doktor, alleinerziehende Mutter (als Hilfskraft in einer Spülküche arbeitend) mit etlichen Kindern, Polizist, Feinmechaniker in einem Industriebetrieb, freischaffender Künstler / Künstlerin (!!!), ... - also ein bunter Mix völlig "normaler" Leute. Wer das nicht wahrhaben will, will die Realität nicht anerkennen. Von einem Mitschüler bleibt mir die Erinnerung der Anekdote, dass sie in einem abrissreifen Haus wohnten und seine West-Coladosen-Sammlung, die er auf einem Regalbrett an der Wand aufgestellt hatte, wegen Rausreißens der Schrauben/Dübel aus der Lehmwand mit lautem Geschepper heruntergestürzt war. Ein anderer Mitschüler zog damals aus einem Vorort seiner Heimatstadt (ebenfalls abrissreifes Haus) in die Innenstadt in einen "Neubau" (60er Jahre). Dort hatte er mit seiner mehrere Jahre älteren Schwester ein gemeinsames Zimmer von geschätzt 9 qm Größe. Das war der ganz normale Alltag, da war nix für "besonderen Personenkreis". Das war ein sozialer Querschnitt durch das "Volk" an unserer Schule. Nur mit dem Unterschied, dass es halt die Naturwissenschafts-Freaks waren.

Sorry, aber die Märchen, die Du Dir da zurechtgelegt hast, entbehren beweisbar jeder Grundlage. Das sind die Märchen, die man sich dort erzählt, wo man ein Land schlechter machen muss, als es tatsächlich war (als ob das reale Üble der DDR nicht schon ausreichen würde), um sich sein Unbehagen mit diesem Land rechtfertigen zu können.

von Chris_BLN - am 17.03.2018 12:38
Zitat
Jens1978
Was ich mich immer wieder gefragt hatte war, warum im nahezu ganzen Ostblock die OIRT-Normen eingeführt wurden aber lediglich in der DDR und meines Wissens nach auch in Jugoslawien die eher westeuropäischen CCIR Normen. Wenn die DDR tatsächlich massiv den Empfang westlicher Sender auf den VHF- und UHF-Bändern hätte wirksam unterbinden wollen, dann hätten sie darauf drängen können sowohl im Radiobereich den OIRT Bereich, also damit dann gar kein Empfang von "West"sendern und im TV Bereich dann, wenn überhaupt, nur mit Bild, das auch nur in S/W, aber vor allem ohne Ton zu ermöglichen. Das hat man aber nicht gemacht. Warum eigentlich nicht?


Dazu hätte ich auch gerne mal eine Antwort. Ich kanns mir nur so vorstellen: sowohl UKW als auch TV starteten ja lange vor dem Mauerbau. Es gab eine Zeit, in der man sich in der DDR noch ein wiedervereinigtes Deutschland wünschte, natürlich eines nach Vorbild der DDR. Möglicherweise hatte es damit zu tun - und das einzige, was man später noch inkompatibel machen konnte, war die Farbnorm.

Ich versuche mal jemanden zu fragen, der jahrzehntelang an den Entwicklungen beteiligt war.

Nachtrag: Ausgrabung von vor 15 Jahren
http://radioforum.foren.mysnip.de/profile.php?8773,33707,ref_message_id=89589,ref_thread_id=89281

Zitat
Kay B
So, bin wieder fündig geworden:

Walter Bruch:

"(...)

Von den vielen (PAL-Demonstrations-) Reisen war uns die nach Ost-Berlin besonders wichtig, hofften wir doch, mit der DDR zu einem einheitlichen Farbfernsehsystem für West- und Ostdeutschland zu kommen. Schon einmal hatten wir diesbezüglich in den 50er Jahren Erfolg gehabt. Zur gleichen Zeit hatten wir mit dem Schwarz-Weiß-Fernsehen angefangen, beide mit 625 Zeilen. Doch die DDR hatte sich dem Ostblock angeschlossen, der mehr Kanalbreite für die Sender zur Verfügung stellte, als wir im Westen nutzten konnten. Wir konnten mit unseren Westempfängern zwar das Ostbild empfangen, hörten aber nicht den zugehörigen Ton - es sei denn, wir hatten einen speziellen Zweinormenempfänger. Genauso war es im Osten; sie sahen unser Bild, hatten aber keinen Ton.

Man höre! Ein Wunder! Damals gab es noch einen gemeinsamen Fachnormenausschuß Elektrotechnik mit einer Fachgruppe Rundfunk und Fernsehen. Sie wurde geleitet von Prof. Dr. Firedrich Kirschstein. Experten auf der Ostseite waren Prof. Dr. Frühauf von der Technischen Hochschule Dresden und Dr. Neidhard vom Oberspreewerk, die Westseite bestand aus Dr. Johannes Müller vom Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt und mir. Und, was man heute nicht mehr für möglich hält: Wir einigten uns auf eine gemeinsame Schwarz-Weiß-Norm für West und Ost. Obwohl schon um die 100 000 Empfänger im Osten ausgeliefert waren, die umgetrimmt werden mußten, übernahm die DDR die in Westeuropa - außer Frankreich - eingeführte Norm. Und das abweichend von den anderen in der OIRT zusammengeschlossenen Ostländern. Für so wichtig sah man den Empfang ostdeutscher Sendungen im Westen an.
Ein Wunder! Von in internationaler Bedeutung relativ kleinen Ingenieuren bewirkt. Noch einmal konnte sich eine solche "Gesamtdeutsche Vereinheitlichung" nicht mehr durchsetzten, nachdem die Politiker die Dinge in die Hand genommen hatten. Obwohl unsere Demonstrationen so erfolgreich gewesen waren, daß die Ostdeutschen in Moskau sich für PAL eingesetzt hatten, mußten sie sich Jahre später aus politischen Gründen der Sowjetunion anschließen und SECAM nehmen.

(...)" (Hervorhebungen im Nachhinein hinzugefügt.)


Dr. HC Walter Bruch und Heide Riedel: PAL - Das Farbfernsehen, Deutsches Rundfunk-Museum e.V. Berlin, August 1987; S. 75


von Chris_BLN - am 17.03.2018 12:42
Zitat
Jens1978

Allerdings mir gefällt dieses "die DDR war so toll" ebenfalls absolut nicht. Denn es gab genug schlechtes. Beispiele? Wohnen war billig, ja. Aber in welche Wohnung man mit seiner Familie zieht konnte man nicht selbst entscheiden. Man bekam eine Wohnung zugewiesen. Das heißt, es musste ein Antrag bei der Stadt gestellt und auch begründet werden warum, wieso und weshalb man eine andere oder größere Wohnung und vor allem auch bessere braucht. Ansonsten konnte man noch über Zeitungsanzeigen auch mit anderen Leuten Wohnungen tauschen oder auch über Betriebe und somit dem Arbeitsplatz an Wohnungen kommen. Alles ganz toll. Nur so lässt es sich auch erklären, warum in so vielen Bruchbuden, denn nichts anderes war der, vor allem zum Ende der DDR, Hauptbestand der existierenden Wohnungen, auch tatsächlich Leute lebten. Ich selbst kenne aus meinen ersten Kindheitstagen auch noch den Zustand mit der Toilette auf einer Zwischenetage außerhalb der Wohnung, bevor wir endlich in einen Neubau nach L-Grünau ziehen konnten. Auch die Arbeitswahl war nicht einfach mal bewerben, dann gehen und fertig. Nein, die Betriebe haben sich untereinander unterhalten ob denn die "sozialistische Produktionskraft" auch wirklich in einen anderen Betrieb gehen kann ohne das Planziel des abgebenden Betriebes nicht zu verfehlen. Alles ziemlich schräg nach heutigen Gesichtspunkten. Und wieviel Prozent wurden denn tatsächlich vom System gegängelt und genötigt sich irgendwie zu verhalten? Das war doch eine weitaus höhere Zahl als 5-10% die hier irgendwie genannt wurde. Nicht umsonst ist die DDR nicht mehr existent. Meine Familie war, und ist es noch heute, jedenfalls ziemlich froh, als wir ein paar Jahre vor Maueröffnung endlich aus diesem "Freiluftgefängnis" raus konnten.
Und wenn manche Leute auf "Eliteschulen" gingen, dann hatte das auch seine Gründe. Normale Leute kamen da definitiv nicht hin. Und mit definitiv, meine ich definitiv. Ist ja auch in gewisserweise verständlich, denn warum sollte ein System Leute ausbilden, die nicht 100% linienkonform sind oder von entsprechender Stelle darauf hingewiesen werden, dass sie es sind? Und wie die entsprechenden Personen noch heute über das System sprechen zeigt mir, dass die Auswahl damals anscheinend berechtigt gewesen ist.
Beide Seiten hatten bereits damals Vor- und Nachteile. Aber das Rad hat sich vor allem in den letzten 20 Jahren massiv weitergedreht. Den heutigen Zustand mit einem Teilzustand, und dann auch noch geschönt, von vor 30 Jahren zu vergleichen ... Was soll man dazu noch sagen. Habakukk hat es genau richtig auf den Punkt getroffen: Der heutige Systemzustand ist nicht mehr der, der es vor 30 Jahren war, das Pendel ist extrem zu einer Seite ausgeschlagen. Das dass ganze, meiner Meinung nach, zu einem ähnlichem Ergebnis wie dem des ehemaligen Ostblocks führen wird, fast schon muss, ist meiner Meinung nach auch logisch. Denn warum ging denn der Ostblock den Bach runter? Weil sich die Elite eben nicht mehr ums Volk gekümmert hat, auch nicht die Leute von den Eliteschulen, so hart das auch für den ein oder anderen Leser jetzt klingen mag. Der Großteil der "Elite" lebte in seiner Blase und wollte dann nichts mehr von den Schlechteregstellten wissen und wenn einer den Mund aufgemacht hat, mit an sich possitiven Zielen, dann war er schnell geächtet. Das wiederum, ja, das ist heute tatsächlich ähnlich, aber eben nur "ähnlich" und bei weitem nicht gleich, denn in der DDR saßen mehrere in Gefängnissen nur weil sie die falschen Ansichten hatten. Sowas kann und will ich mir nicht schönreden. Punkt.


und
Zitat
Felix II

Die DDR und das was hier jetzt haben sind nicht miteinander vergleichbar. Die DDR war eine Diktatur, alles wurde von oben her diktiert und vorgegben. Abweichungen null toleriert. Wer aus der Reihe tanzte wurde unterwandert/gemaßregelt/weggesperrt/ausgewiesen. Je nachdem wie es gerade den Maßregendeln passte. Es ist ein Segen der Geschichte das die Leute 1989 gemeinsam den Mut fanden und zu tausenden auf die Straße gingen um den Ganzen ein Ende zu setzen.
DDR: Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht. Das politische System war zum kotzen, einige wenige wurden bevorzugt, alle anderen haben unter dem System gelitten. Mancher hat sich arrangiert, was übersetzt heißt sich damit abzufinden und für sich selbst noch irgendwie das beste daraus zu machen.
Bis 1961 haben dermaßen viele Leute mit den Füßen gegen das System abgestimmt das die Kommunisten die Grenzen endgültig dicht machten und das eigene Volk einsperrten. Wer gnädigerweise mal reisen durfte musste immer einen Pfand zurücklassen (Kinder, Ehemann, Ehefrau...) damit die Leute auch ja wiederkommen.
Wenn man sich in Dokus anschaut welche Massen an Leuten ab Ende '89 (als das wieder möglich wurde) das Land verliessen weil sie einfach die Schnauze voll hatten und keine Perspektive mehr für sich und alles um sich herum sahen - das spricht Bände.

Wenn ich mal von mir ausgehe: Wenn ich die Lebensverhältnisse 1989 mit den heutigen vergleiche geht es mir mit Sicherheit besser als es das gegangen wäre hätte man so weitergemacht. Habs noch gut in Erinnerung wie das damals war, ich selbst war um die 16 Jahre alt.
Schlechte Strassen, kaputte Autobahnen, riunöse Häuser....alles war abgewirtschaftet. Plumpsklo halbe Treppe tiefer, kein Bad in der Wohnung. In welchem Land der Welt muß man anmelden das man ein Auto kaufen möchte und muß dann über 10 Jahre darauf warten ? Auf Telefon konnte man warten bis man schwarz wurde. Und das sind alles nur die Spitzen des Eisbergs. Die unsägliche Umweltverschmutzung wurde auch schon angesprochen. Ganze Ortschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht, Bewohner zwangsumgesiedelt. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen was da für Ungerechtigkeiten stattgefunden haben. Wenn Erwachsene Menschen das System kritisierten wurden denen die Kinder weggenommen, die kamen in Heime - die Eltern in den Stasiknast. Politische Häftlinge....

In der Schule ein Tintenkiller aus dem Westen ? War verboten !
Unterhalb der achten Klasse war uns Schülern das Tragen einer Armbanduhr in der Schule verboten. Wie behämmert ist sowas bitte ?
Meine Schwester (vier Jahre älter) musste diesen ganzen Unsinn noch mitmachen in der zehnten -> vormilitärische Ausbildung, marschieren, Gleichschritt. Blieb mir durch die friedliche Revolution der Menschen und der damit verbunden politischen Änderungen im Alltagsleben glücklichweise erspart
.

Ich habe mich in Deutschland bis heute darueber gewundert, warum es offenbar bis heute Menschen gibt, die irgendwas an der DDR gut fanden. In Tschechien und der Slowakei ist jeder zu siemlich froh, dass es die CSSR nichtmehr gibt, niemand trauert diesem System irgendwie hinterher, und wer der CSSR hinterher trauert, war ein Nutzniesser, irgendein Bonze irgendwo im Parteiapparat oder geistig so verduemlicht, dass man sich jedem Unsinn bereitwillig unterordnet und jeden eigenen Willen vergisst. Gelaeufiges Schimpfwort in Tschechien oder der Slowakei von heute ist "Altkommunist". Die CSSR Staatssicherheit, die "StB" war in allen Ostblockstaaten nur einen Schritt hinter der Stasi, die gleichen Methoden, vielleicht nicht ganz die Haerte der Stasi, aber nur einen kleinen Schritt dahinter... Ich hatte die CSSR so kennengelernt, wie sie Felix II und Jens1978 auch ueber die DDR schilderten.

Zudem gehoere ich zu jenem Semester, die das Jahr 1968 und den Prager Fruehling aktiv mitbekommen haben. Da mussten Viele miterleben, wie Menschenrechte und Demokratie-Ansaetze mit den Fuessen getreten wurden und man auch sicherstellte, dass es die naechsten 21 Jahre in Folge auch so bleiben wird. Dies ging natuerlich mit dem fuer diktatorische Systeme quasi "obligatorischem" Koepferollen bzw. einer Art "Nacht der langen Messer" einher. Selbst das offene Sprechen, auch innerhalb der Familie, ueber den Prager Fruehling war nach der Unterdrueckung verboten und wurde von den Sicherheitsbehoerden verfolgt. Die Staatssicherheit der CSSR, die StB, fuhr sogar ein System, in welchem einzelne Familienmitglieder gegenehinander spionierten.

Schlimm und teilweise sogar gefaehrlich-verhetzend fand ich auch den Begriff "Ostalgie" wie es einige Privatsender in Deutschland mal brachten. Da liefen auf div. Privatsendern irgendwelche Ostalgie-Shows um Quoten zu machen. Als ob zum Thema "Ost" ein Wort wie "Nostalgie" geschaffen werden soll. Nostalgisch oder sonstwie romantisch war da an der DDR mit Sicherheit nichts. Oder auch ein "Ostel" als Hotel in Berlin, wo offen Bilder von DDR Leuten aufgehaengt werden. Mit der NS-Zeit geht man ja auch nicht so um? Hein "Nazi-tel" oder "Hitler-tel" findet man ja in Berlin auch nicht.

von 102.1 - am 17.03.2018 13:19
Zitat
Chris_BLN
Ich überlasse als jemand, der bis zum Ende die DR mitgemacht hat, niemand anderem die Deutungshoheit.

Was ist das denn für eine Ausdrucksweise? "Deutungshoheit" ... ich glaub, ich spinne ... geht's noch? Wer bist du um dir eine alleinige "Deutungshoheit" zuzusprechen? Und vor allem: warst du am Ende ganz alleine in der DDR? Mir fällt da nur das Sprichwort ein "Getroffene Hunde bellen". [Sarkasmus an] Entschuldige, dass wir es uns erlaubt haben die von dir heiß und innig geliebte DDR schon ein paar Jahre vor dem Mauerfall verlassen zu haben und damit den Aufbau des Sozialismus massiv gefährdet und Personen wie dich in eurer komfortablen Situation haben sitzen lassen. Damit haben wir natürlich völlig außer Frage stehend sämtliche (Bewertungs-)Rechte hinsichtlich der Zustände abgegeben.[Sarkasmus aus] Durch solche Kommentare und Ansichten kann ich immer mehr verstehen, was meine Familie damals in "der Zone" aufgeregt hat und was sie erwogen hat zu gehen. Deutungshoheit ... ich fasse es immer noch nicht. Als wäre auch ein "bis zum Ende der DDR" erleben ein Umstand, der nur dich zu irgendwas berechtigt. Ja, über die Umstände des Mauerfalls in deiner Situation detaillierter zu sprechen vielleicht, aber über die Zustände in diesem System damals auf keinem Fall, die waren Anfang, Mitte und Ende der 80er gleich, eher Tendenz abwärtsgehend Richtung Ende 80er. Das sind genau die Sichtweisen und auch Art und Weise des Umgangs und vor allem des sprachlichen Ausdrucks der damals anscheinend üblich war. Nur Leute die linientreu waren, hatten tatsächlich Vorteile; wenn man es nicht 100% war oder vorgab zu sein, war es eben nicht so. Sowas abzustreiten, ist in meinen Augen aberwitzig, denn das Volk hat eine Revolution durchgeführt. Es fing schon nach 1945 mit der Bodenreform an. Auch danach zählte vor allem das politisch (korrekte) Engagement. Das hat selbst Gysi in einer 1-stündigen Talksendung im DLF (Sonntagsspaziergang) mal gesagt: Er hatte durch seine Familie, die im Antifaschismus aktiv war, Vorteile gegenüber anderen in seiner Schulzeit, die anderen waren aber die Mehrheit. [Sarkasmus an] Aber das stimmt alles bestimmt nicht, was er da gesagt hat, ist auch schon zu lange her und vermutlich waren sowieso später alle durch Westfernsehen völlig ge- und verblendet. [Sarkasmus aus]
Die "Elite" hat sich ausgeruht und immer wieder ihre "Deutungshoheit" durch Gefängnisstrafen gegenüber Andersdenken versucht durchzusetzen.

Zitat
Chris_BLN
Dazu hätte ich auch gerne mal eine verlässliche Zahl.
Die 5-10% hast du selbst erwähnt ...

Zitat
Chris_BLN
- also ein bunter Mix völlig "normaler" Leute. Wer das nicht wahrhaben will, will die Realität nicht anerkennen.
Aha, jeder konnte natürlich Abitur machen, jeder konnte natürlich studieren, jeder konnte auch mal einen Austausch an eine Uni z.B. nach Moskau usw. machen usw. Klar, war alles möglich ... Jeder konnte frei seine Meinung sagen und sich frei bewegen. Deswegen sind auch so viel "abgehauen", weil die DDR das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war ... Wahnsinn, irgendwo muss gerade in Deutschland Hochsommer sein ... Und übrigens: Normale Leute sind bei mir Personen, die eben nicht andauernd 100% auf Linie getrimmt sind/waren, die auch mal offen sagen, was nicht funktioniert und nicht dauern sich gängeln lassen und sich wegducken. Die ganzen IMs damals, waren das etwa alles Professoren? Wieviele waren das nochmal in etwa? Das waren auch Baggerfahrer oder Kassierer oder eben auch Professoren. Linienkonform konnte man in jeder sozialen Schicht sein. Wenn man es war, hatte man Vorteile. Kannst du gerne bestreiten oder deuten wie du willst, ich lasse mir jedenfalls nicht einen Bären aufbinden; bloß gut das die Zeiten dieses Systems zu Ende sind. Und auch wenn es immer wieder mit heute verglichen wird. Heute ist nicht alles gut, dass sage ich auch nicht. Aber das ist noch lange kein Grund, die Vergangenheit in den Himmel zu loben und sich alles schön zu reden. Wenn wir immer noch auf diesem Stand sind, kommen wir nie weiter. Die heutigen "Eliten" freut es.

Zitat
Chris_BLN
Wir haben damals mehrere hervorragende Fach- und Führungskräfte verloren, weil sich niemand, der gewohnt ist, mehrstellige Millionenbudgets zu verantworten und dutzende bis im vorherigen Job hunderte Mitarbeiter zu führen, dauerhaft mit solchen Zuständen abfindet und seine Familie nur am Wochenende sieht. Die besten Leute sind nach kürzester Zeit wieder gegangen.

Logisch. Aber wo sind sie denn hingegangen? Anscheinend dahin, wo es besser war. Das impliziert natürlich, dass es ein "wo anders besser" gibt. Und genau das gab es in der ganzen DDR eben nirgendwo, deswegen sind die Leute eben gleich vollständig aus dem Land abgehauen. Deine Beschreibung des heutigen bei dir vorherrschenden Zustands unterstreicht nur die damilige Situation vieler, die aus der DDR abgehauen sind.

Zitat
Chris_BLN
Sorry, aber die Märchen, die Du Dir da zurechtgelegt hast, entbehren beweisbar jeder Grundlage.

Dann beweise mal.

von Jens1978 - am 17.03.2018 14:17
Zitat
102.1
Weil der DLF in vorigen Beitraegen mal kurz genannt wurde: Der DLF wurde ja spezifisch dafuer ins Leben gerufen, Hoerer in beiden Deutschland, besonders in der DDR zu erreichen.

Gab es solche Interessen oder Versuche oder Ueberlegunge mal auch fuer das Fernsehen? Damit meine ich Westfernsehen, welches sich spezifisch an die DDR wendete? - mit dementsprechender Leistung um auch jede Ecke, besonders auch Dresden, abzudecken?


Da man als Verlierer des zweiten Weltkrieges eher die schlechteren Frequenzen bekam, die zudem teils starke Einzüge hatten und man auf die Nachbarn Rücksicht nehmen musste, war das fast nicht zu machen.

Man hatte schon genug Probleme, die ursprünglich Zwei, dann sogar Drei Ketten aufzubauen. Die zahlreichen analogen Füllsender dokumentieren, dass viele Grundnetzsender - vor allem für ZDF und die Dritten - nur sub-optimal waren.

Somit ist diese Aufgabe inoffiziell von der ARD übernommen werden, die mit ihren leistungsstarken Anlagen im Band I und III an grenznahen Standorten gut in der DDR kam. Die betroffenen Landesanstalten hatten auch recht bald das Vormittagsprogramm für Schichtarbeiter und - so meine ich - Wiederholungen von ZDF Sendungen ausgestrahlt, speziell für die DDR Zuschauer. Auch die übersichtlichen Programmtafeln vor dem Testbild sendete man sicherlich nicht für die Westzuschauer, welche ausführliche TV-Zeitschriften hatten.

Raum Dresden war ein Problem, dessen man sich bewusst war. Eine terrestrische Ausstrahlung konnte man nicht realisieren, Sat-Empfang war noch nicht massentauglich und als man über eine Ausstrahlung von einem Grundnetzender in Dresden nachdachte, kam auch schon die Wende.

In einer alten Spiegel Ausgabe (eigentlich als Recherche für den Kabelwahn von Kohl/Schwarz-Schilling) las ich, dass ein Programmaustauschabkommen geplant war. DDR1/DDR2 bundesweit in der (so der Traum der Kohl-Regierung) komplett verkabelten BRD, dafür ARD vom einem Grundnetzsender im Dresden. Die Ausgabe ist online zu lesen, vielleicht finde ich sie mal.


Und ja, Ulbrichts Entscheidung, die BRD mit DDR-Propaganda über leistungsstarke Sender in der West-Norm (und dadurch bedingt auch Westempfang geeignete Radios/Fernseher in der DDR) vom real existierenden Sozialismus zu überzeugen schlug ins komplette Gegenteil über.

Dass ich füher vom anderen Deutschland fasziniert war und auch DDR-Rundfunk über AM empfangen habe, schrieb ich schon an anderer Stelle. Fernsehen und FM war hier nicht zu machen. Ein Besuch in Berlin machte das ganze noch "schlimmer", es war aber vielmehr der Wissensdrang und die Frage "Was genau ist da drüben?" als politische Gedanken.

Wolfgang

von Wolfgang R - am 17.03.2018 20:16
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